Graues Haar und trotzdem da – alte Leute Antifa!

Viele Linke wenden sich im Verlauf ihres Lebens von der poli­ti­schen Arbeit ab. Nicht so die altlinken Mitglieder des Grauen Blocks aus Basel. Das Lamm hat die Antifaschist*innen über Wochen begleitet, um von ihnen zu lernen, wie man ein Leben lang aktiv, mutig und wider­ständig bleibt. 
Wieso jemals aufhören, politisch aktiv zu sein? Die Senior*innen des Grauen Blocks praktizieren ein antifaschistisches Leben. (Bild: Noemi Ehrat)

Auf die Bühne treten vermummte Gestalten. Sie tragen Papp­nasen und Karton­schilder, beschriftet mit staats­kri­ti­schen Parolen. „Macht aus dem Staat Wurst­salat“, steht auf einem. Dann strecken die Gestalten die rechte Faust hoch und rufen inbrün­stig: „S’goht um’d Worscht!“. Die Menge applau­diert. Will­kommen zum ‘Schrum­meli’, der einzigen anti­fa­schi­sti­schen Vorver­an­stal­tung der Basler Fasnacht. Die Haupt­at­trak­tion an diesem Abend: Der „Graue Block“, eine Gruppe grau­haa­riger Antifaschist*innen.

Die vermummten Gestalten verschwinden und zurück bleiben zwei Personen mit kurzem, grauem Schopf in gesichts­be­deckenden Fasnachts­larven. Sie geben sich beide als Karin-Karin Keller-Keller Sutter-Sutter aus. Dann spre­chen sie sati­risch die Neujahrs­rede der FDP-Bundes­rätin nach, die sie zu Beginn des Jahres an die Schweizer Bevöl­ke­rung gerichtet hatte: Aus „Unsere demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Insti­tu­tionen funk­tio­nieren, unser Gemein­sinn ist fest veran­kert“ machen die Aktivist*innen ein „Ich bi eifach verliebt in’d Macht und wott eifach in Rueh d Wält and Wand fahre“. Das Publikum lacht und klatscht, die Stim­mung an diesem Abend ist ausgelassen.

„Es darf nicht sein, dass Menschen, die gegen Rechts­extre­mismus demon­strieren, vom Staat verfolgt werden.“

Rosa vom Grauen Block

Diese Art humo­ri­sti­scher Aktionen macht den Grauen Block aus. Darüber wird Rosa später mehr erzählen – sie heisst wie alle Personen in diesem Beitrag eigent­lich anders. Die Aktivist*innen des Grauen Blocks sind Menschen, die den grössten Teil ihres Lebens poli­tisch aktiv waren und nun zwischen 50 und 75 Jahren alt sind. Das Lamm hat die Gruppe über drei Wochen begleitet, um heraus­zu­finden, wie man einen langen Atem in der poli­ti­schen Arbeit behält und auch über die Jugend hinaus aktiv bleibt.

Lektion 1: Bildet Banden

Der Graue Block entstand vor sechs Jahren als Reak­tion auf die ausufernde Repres­sion gegen die Antifaschist*innen, die sich im Zuge der Basel-Nazifrei-Demo (BNF) gegen den Aufmarsch der rechts­extremen PNOS rich­teten. Die anti­fa­schi­sti­sche Demon­stra­tion wurde gewaltsam von der Polizei attackiert, dutzende Aktivist*innen wurden häus­lich durch­sucht und straf­recht­lich verfolgt. Über fünfzig Straf­ver­fahren waren die Folge – eine Frau wurde wegen blosser Anwe­sen­heit an der Demo zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Der Graue Block performt am Schrum­meli in Basel. (Bild: Alain Yves Höfler)

Viele ältere Antifaschist*innen wurden von diesen Repres­sa­lien verschont, was Diskus­sionen auslöste: Was könne man tun? Soli­da­ri­sieren war die Antwort und so marschierten rund 60 grau­haa­rige Antifaschist*innen, die ein Jahr zuvor eben­falls an der Basel-Nazifrei-Demo waren, bei der Poli­zei­stelle am Clar­apo­sten auf, und liessen ihre Perso­na­lien aufnehmen.

„Mit der Aktion wollten wir einen grossen poli­ti­schen Prozess provo­zieren“, erin­nert sich Rosa. Ein Straf­ver­fahren eröffnet die Staats­an­walt aller­dings nicht gegen die Altlinken. Die Gescheh­nisse rund um die Basel-Nazifrei-Proteste beschäf­tigte die Basler Justiz dennoch mehrere Jahre bis ans Bundes­ge­richt.

„Es darf nicht sein, dass Menschen, die gegen Rechts­extre­mismus demon­strieren, vom Staat verfolgt werden“, sagt Rosa, deren Genoss*innen kurz vorher noch auf der Bühne standen. Sie wuchs in einem reli­giös-dogma­ti­schen Eltern­haus auf und schloss sich schon in ihrer Jugend einer poli­ti­schen Szene an, die für ein selbst­be­stimmtes und freies Leben für alle kämpft. Bis heute geht sie regel­mässig auf die Strasse, um gegen staat­liche Repres­sion zu demon­strieren – immer zusammen mit Mitglie­dern des Grauen Blocks.

„In der Gesell­schaft läuft so viel falsch, dass wir uns nicht inner­halb unserer Bewe­gung zerstreiten sollten.“

Léo vom Grauen Block

Mitt­ler­weile zählt der Verein 20 bis 30 aktive und rund 80 passive Mitglieder. Der Graue Block beschäf­tigt sich auch nach den BNF-Vorkomm­nissen mit insti­tu­tio­neller Gewalt: Sie mobi­li­sieren zu Demos, orga­ni­sieren Foto­aus­stel­lungen zu Poli­zei­re­pres­sion, doku­men­tieren Gummischrotein­sätze der Polizei auf den Sozialen Medien und arbeiten die BNF-Geschichte chro­no­lo­gisch auf.

Lektion 2: Seid laut, ausdau­ernd und undogmatisch

Wir treffen drei ihrer Mitglieder an einem Sonntag in einem kollektiv geführten Café in Klein­basel. Neben Rosa lernen wir hier Maria kennen, die bereits in ihrer Jugend in den frühen 80er Jahren Häuser besetzt hat. Daneben sitzt Léo, mit bald 75 Jahren der Älteste im Verein. Auf der Jeans­jacke trägt er einen Lenin-Pin. Er war schon immer beken­nender Kommu­nist, erzählt er.

“Man muss sich bewusst machen, wie klein­bür­ger­lich, bieder und eng die kultu­relle Schweiz damals war, auch in den Städten“, erin­nert sich Maria an ihre Anfangs­zeit. Es gab die Poli­zei­stunde, wo späte­stens ab 24 Uhr alle Leute nach Hause geschickt wurden. Und sowieso: Orte ohne Konsum­zwang waren inexi­stent. Ein Frust, der sich im Mai 1980 in Zürich in die Opern­haus-Krawalle entlud, mit denen die Jugend­be­we­gung Frei­räume einforderte.

Damals seien sie vom Grund­ver­ständnis “wenn du etwas willst, musst du es selbst machen – zusammen mit anderen Menschen” geprägt gewesen, erin­nert sich Rosa. Auch sie, die knapp zu jung ist, um tatsäch­lich bei den Unruhen in Zürich invol­viert gewesen zu sein, fand in Basel in der Alten Stadt­gärt­nerei, die bis 1988 besetzt war, Zugang zur auto­nomen Kultur.

Wir sind reali­stisch genug zu wissen, dass wir einen Sturz der bestehenden Verhält­nisse nicht mehr erleben werden, aber mutig genug, jeden Tag einen Schritt in diese Rich­tung zu gehen.

Aus der Charta des Grauen Blocks

Trotz vieler poli­ti­scher Gemein­sam­keiten gäbe es Themen, zu denen Mitglieder des Grauen Blocks verschie­dene Posi­tionen hätten, verrät Rosa. „Wir führen keine poli­ti­schen Grund­satz­dis­kus­sionen über die Details einer gemein­samen Gesell­schafts­utopie“, führt Maria aus. Egal ob man nun überzeugte*r Kommunist*in oder Anarchist*in sei, ob man sich vor allem für Klimathemen oder spezi­fisch für demo­kra­ti­sche Fragen inter­es­siere, man konzen­triere sich auf das Wesent­liche. ”Uns vereint das Miss­trauen gegen­über dem herr­schenden kapi­ta­li­sti­schen System, das wir über­winden wollen”, fügt Rosa schel­misch, aber auch etwas stolz hinzu. Laut Léo läuft in der Gesell­schaft so vieles falsch, dass es keinen Sinn habe, sich inner­halb einer Bewe­gung zu zerstreiten, die für eine soziale Revo­lu­tion kämpft.

Lektion 3: Ohne Humor geht nichts

“Wir sind reali­stisch genug zu wissen, dass wir einen Sturz der bestehenden Verhält­nisse nicht mehr erleben werden, aber mutig genug, jeden Tag einen Schritt in diese Rich­tung zu gehen”, steht in der Charta des Grauen Blocks. Dass das Leben endlich ist, führt die älteren Antifaschist*innen des Grauen Blocks nicht zum Defä­tismus, sondern zur Lust am Aktio­nismus: Sie orga­ni­sieren Demos, nehmen an subver­siven Veran­stal­tungen teil und greifen dabei auch zu skur­rilen Methoden.

Selbst­ge­drehte Videos wie “Wir haben der Polizei ein Trans­pa­rent gebracht, damit sie unsere nicht immer klaut!” halten genau, was der Titel verspricht: Nachdem die Basler Polizei Demon­strie­rende am 8. März 2023 mit Gummi­schrot beschiesst und ihr Trans­pa­rent beschlag­nahmt, bastelt der Graue Block extra eins für die Polizei und bringt es auf den Posten: “Hände hoch weg! Unser Transpi!” steht darauf. Die Aktivist*innen sind als Regen­bo­gen­teufel und gelbe Enten verkleidet. „Man nehme sich im Alter halt auch weniger Ernst“, sagt Rosa und rührt in ihrem Kaffee. “Ich finde es wahn­sinnig toll, von Leuten umgeben zu sein, die noch immer solche Kinds­köpfe sind”.

Anti-AKW-Bewe­gung, Opern­haus­kra­walle, Basel-Nazifrei-Demo: Der 75-jährige Léo war bei vielen poli­ti­schen Ereig­nissen dabei. (Bild: Dominik Asche)

Der Graue Block kann aber auch anders. Diesen humo­ri­sti­schen Aktionen stehen Straf­an­zeigen gegen die Polizei und Staats­an­walt­schaft Basel gegen­über, die während der Basel-Nazifrei-Prozesse eine ausser­kan­to­nale Unter­su­chung gegen Polizei und Justiz auslö­sten. Auch war es mithin ein wesent­li­cher Verdienst des Grauen Blocks, dass zehn Richter*innen am Straf­ge­richt wegen Befan­gen­heit in den Ausstand geschickt und Urteile gegen Antifaschist*innen wider­rufen wurden.

Lektion 4: Soli­da­ri­siert euch mit anderen Bewe­gungen und nehmt Rücksicht

Eine Woche später findet am Barfüs­ser­platz die Demon­stra­tion zum dies­jäh­rigen 8. März statt, dem inter­na­tio­nalen femi­ni­sti­schen Kampftag. Dutzende, vor allem junge Feminist*innen sind gekommen, um an der unbe­wil­ligten Demo teil­zu­nehmen. Die Polizei spricht Warnungen per Megafon aus, doch die Masse, darunter auch Rosa und Léo, igno­rieren dies – auch wenn es in Basel jüngst vermehrt zu starker Repres­sion gegen Aktivist*innen kam.

„Warum sollte man je damit aufhören, aktiv zu sein?“

Rosa, Maria und Léo vom Grauen Block


„Du bist aktiv, weil du glaubst, dass etwas verän­derbar ist – dass eine andere Gesell­schaft möglich ist“, sagt Léo, während sich hinter ihm die femi­ni­sti­sche Demo langsam in Gang setzt. „Diese Gesell­schaft müssen wir mit allen teilen. Das heisst auch, dass es sehr viel um den Austausch mit anderen Menschen geht.” Es gäbe eine Tendenz, dass sich Grup­pie­rungen in der heutigen Linken immer stärker vonein­ander abtrennen würden, anstatt gemein­same Anliegen voran­zu­treiben. Auch aus diesem Grund würden sie immer wieder mal soge­nannte “Friendly Meetings” mit anderen ausser­par­la­men­ta­ri­schen Gruppen veran­stalten. Oftmals seien das auch jüngere Gruppen, Ni Una Menos- Basel beispiels­weise, die sich gegen Femi­zide einsetzen .

Während der Demo verteilt Rosa mit einer weiteren Vereins­kol­legin des Grauen Blocks unun­ter­bro­chen Flyer an Passant*innen, die unbe­tei­ligt die Demo betrachten. Selbst dem klischee­haften Typen in schwarzer Leder­jacke und Bürsten­schnitt drückt sie einen Zettel in die Hand – von Äusser­lich­keiten lässt sich Rosa nicht beein­flussen. Das Tempo des Umzugs wird zwischen­durch schneller, und immer, wenn der Demozug vorweg­s­printet, spaziert der Graue Block hinterher. „Bei uns gibt es ein paar, die etwas gebrech­li­cher unter­wegs sind“, erklärt uns Rosa, „da nehmen wir Rück­sicht”. Und wenn jemand gar nicht mehr gut zu Fuss sei, würden sie einen Roll­stuhl für die Person orga­ni­sieren, damit diese mitde­mon­strieren kann.

Maria ist seit ihrer Jugend in der links­au­to­nomen Szene aktiv. (Bild: Dominik Asche)

Lektion 5: Wenn nicht wir, wer dann?

“Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust”, sagt Léo während der Demo. Er sei seit über 50 Jahren aktiv und wenn er etwas gelernt habe, dann, „dass man Menschen braucht, die ein Anliegen teilen.“ Wie damals, 1975, als 15’000 Menschen in Kaiser­augst gegen ein geplantes Atom­kraft­werk demon­strierten. „Da redete man nicht mehr nur über AKWs und Radio­ak­ti­vität – sondern über den Kapi­ta­lismus“. Auch 1986, als sich 10’000 Menschen anläss­lich der Brand­ka­ta­strophe des Phar­ma­riesen Sandoz (“Schwei­zer­halle”) versam­melten, sei dies ein „signi­fi­kanter Moment“ gewesen. Man wisse halt nie, woher der nächste Funken komme, und warum er bei anderen Ereig­nissen ausge­blieben ist. „Aber wenn es wieder abgeht, will ich dabei sein”, sagt Léo voller Überzeugung.

Für Rosa, Maria und Léo stellte sich die Frage gar nicht erst, wie man auch im Alter aktiv bleibt. Sie stellen sofort die Gegen­frage: „Warum sollte man je damit aufhören?“ Ein Unter­schied zu früher könnte sein, dass heutige Gene­ra­tionen in einer Welt ohne Vorstel­lung von einer Alter­na­tive zum Kapi­ta­lismus aufge­wachsen seien, gibt Rosa zu Bedenken. Das könne die Vision für andere Gesell­schaften eindämmen. „Es gibt ganz unter­schied­liche Arten, ein anti­fa­schi­sti­sches Leben zu führen“, findet Maria. „Anti­fa­schismus ist eine Lebens­hal­tung, die überall zum Einsatz kommt: Im Beruf, im Ausgang, während der Fasnacht oder mitten auf der Strasse.“


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