Auf die Bühne treten vermummte Gestalten. Sie tragen Pappnasen und Kartonschilder, beschriftet mit staatskritischen Parolen. „Macht aus dem Staat Wurstsalat“, steht auf einem. Dann strecken die Gestalten die rechte Faust hoch und rufen inbrünstig: „S’goht um’d Worscht!“. Die Menge applaudiert. Willkommen zum ‘Schrummeli’, der einzigen antifaschistischen Vorveranstaltung der Basler Fasnacht. Die Hauptattraktion an diesem Abend: Der „Graue Block“, eine Gruppe grauhaariger Antifaschist*innen.
Die vermummten Gestalten verschwinden und zurück bleiben zwei Personen mit kurzem, grauem Schopf in gesichtsbedeckenden Fasnachtslarven. Sie geben sich beide als Karin-Karin Keller-Keller Sutter-Sutter aus. Dann sprechen sie satirisch die Neujahrsrede der FDP-Bundesrätin nach, die sie zu Beginn des Jahres an die Schweizer Bevölkerung gerichtet hatte: Aus „Unsere demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen funktionieren, unser Gemeinsinn ist fest verankert“ machen die Aktivist*innen ein „Ich bi eifach verliebt in’d Macht und wott eifach in Rueh d Wält and Wand fahre“. Das Publikum lacht und klatscht, die Stimmung an diesem Abend ist ausgelassen.
„Es darf nicht sein, dass Menschen, die gegen Rechtsextremismus demonstrieren, vom Staat verfolgt werden.“
Rosa vom Grauen Block
Diese Art humoristischer Aktionen macht den Grauen Block aus. Darüber wird Rosa später mehr erzählen – sie heisst wie alle Personen in diesem Beitrag eigentlich anders. Die Aktivist*innen des Grauen Blocks sind Menschen, die den grössten Teil ihres Lebens politisch aktiv waren und nun zwischen 50 und 75 Jahren alt sind. Das Lamm hat die Gruppe über drei Wochen begleitet, um herauszufinden, wie man einen langen Atem in der politischen Arbeit behält und auch über die Jugend hinaus aktiv bleibt.
Lektion 1: Bildet Banden
Der Graue Block entstand vor sechs Jahren als Reaktion auf die ausufernde Repression gegen die Antifaschist*innen, die sich im Zuge der Basel-Nazifrei-Demo (BNF) gegen den Aufmarsch der rechtsextremen PNOS richteten. Die antifaschistische Demonstration wurde gewaltsam von der Polizei attackiert, dutzende Aktivist*innen wurden häuslich durchsucht und strafrechtlich verfolgt. Über fünfzig Strafverfahren waren die Folge – eine Frau wurde wegen blosser Anwesenheit an der Demo zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Viele ältere Antifaschist*innen wurden von diesen Repressalien verschont, was Diskussionen auslöste: Was könne man tun? Solidarisieren war die Antwort und so marschierten rund 60 grauhaarige Antifaschist*innen, die ein Jahr zuvor ebenfalls an der Basel-Nazifrei-Demo waren, bei der Polizeistelle am Claraposten auf, und liessen ihre Personalien aufnehmen.
„Mit der Aktion wollten wir einen grossen politischen Prozess provozieren“, erinnert sich Rosa. Ein Strafverfahren eröffnet die Staatsanwalt allerdings nicht gegen die Altlinken. Die Geschehnisse rund um die Basel-Nazifrei-Proteste beschäftigte die Basler Justiz dennoch mehrere Jahre bis ans Bundesgericht.
„Es darf nicht sein, dass Menschen, die gegen Rechtsextremismus demonstrieren, vom Staat verfolgt werden“, sagt Rosa, deren Genoss*innen kurz vorher noch auf der Bühne standen. Sie wuchs in einem religiös-dogmatischen Elternhaus auf und schloss sich schon in ihrer Jugend einer politischen Szene an, die für ein selbstbestimmtes und freies Leben für alle kämpft. Bis heute geht sie regelmässig auf die Strasse, um gegen staatliche Repression zu demonstrieren – immer zusammen mit Mitgliedern des Grauen Blocks.
„In der Gesellschaft läuft so viel falsch, dass wir uns nicht innerhalb unserer Bewegung zerstreiten sollten.“
Léo vom Grauen Block
Mittlerweile zählt der Verein 20 bis 30 aktive und rund 80 passive Mitglieder. Der Graue Block beschäftigt sich auch nach den BNF-Vorkommnissen mit institutioneller Gewalt: Sie mobilisieren zu Demos, organisieren Fotoausstellungen zu Polizeirepression, dokumentieren Gummischroteinsätze der Polizei auf den Sozialen Medien und arbeiten die BNF-Geschichte chronologisch auf.
Lektion 2: Seid laut, ausdauernd und undogmatisch
Wir treffen drei ihrer Mitglieder an einem Sonntag in einem kollektiv geführten Café in Kleinbasel. Neben Rosa lernen wir hier Maria kennen, die bereits in ihrer Jugend in den frühen 80er Jahren Häuser besetzt hat. Daneben sitzt Léo, mit bald 75 Jahren der Älteste im Verein. Auf der Jeansjacke trägt er einen Lenin-Pin. Er war schon immer bekennender Kommunist, erzählt er.
“Man muss sich bewusst machen, wie kleinbürgerlich, bieder und eng die kulturelle Schweiz damals war, auch in den Städten“, erinnert sich Maria an ihre Anfangszeit. Es gab die Polizeistunde, wo spätestens ab 24 Uhr alle Leute nach Hause geschickt wurden. Und sowieso: Orte ohne Konsumzwang waren inexistent. Ein Frust, der sich im Mai 1980 in Zürich in die Opernhaus-Krawalle entlud, mit denen die Jugendbewegung Freiräume einforderte.
Damals seien sie vom Grundverständnis “wenn du etwas willst, musst du es selbst machen – zusammen mit anderen Menschen” geprägt gewesen, erinnert sich Rosa. Auch sie, die knapp zu jung ist, um tatsächlich bei den Unruhen in Zürich involviert gewesen zu sein, fand in Basel in der Alten Stadtgärtnerei, die bis 1988 besetzt war, Zugang zur autonomen Kultur.
Wir sind realistisch genug zu wissen, dass wir einen Sturz der bestehenden Verhältnisse nicht mehr erleben werden, aber mutig genug, jeden Tag einen Schritt in diese Richtung zu gehen.
Aus der Charta des Grauen Blocks
Trotz vieler politischer Gemeinsamkeiten gäbe es Themen, zu denen Mitglieder des Grauen Blocks verschiedene Positionen hätten, verrät Rosa. „Wir führen keine politischen Grundsatzdiskussionen über die Details einer gemeinsamen Gesellschaftsutopie“, führt Maria aus. Egal ob man nun überzeugte*r Kommunist*in oder Anarchist*in sei, ob man sich vor allem für Klimathemen oder spezifisch für demokratische Fragen interessiere, man konzentriere sich auf das Wesentliche. ”Uns vereint das Misstrauen gegenüber dem herrschenden kapitalistischen System, das wir überwinden wollen”, fügt Rosa schelmisch, aber auch etwas stolz hinzu. Laut Léo läuft in der Gesellschaft so vieles falsch, dass es keinen Sinn habe, sich innerhalb einer Bewegung zu zerstreiten, die für eine soziale Revolution kämpft.
Lektion 3: Ohne Humor geht nichts
“Wir sind realistisch genug zu wissen, dass wir einen Sturz der bestehenden Verhältnisse nicht mehr erleben werden, aber mutig genug, jeden Tag einen Schritt in diese Richtung zu gehen”, steht in der Charta des Grauen Blocks. Dass das Leben endlich ist, führt die älteren Antifaschist*innen des Grauen Blocks nicht zum Defätismus, sondern zur Lust am Aktionismus: Sie organisieren Demos, nehmen an subversiven Veranstaltungen teil und greifen dabei auch zu skurrilen Methoden.
Selbstgedrehte Videos wie “Wir haben der Polizei ein Transparent gebracht, damit sie unsere nicht immer klaut!” halten genau, was der Titel verspricht: Nachdem die Basler Polizei Demonstrierende am 8. März 2023 mit Gummischrot beschiesst und ihr Transparent beschlagnahmt, bastelt der Graue Block extra eins für die Polizei und bringt es auf den Posten: “Hände hoch weg! Unser Transpi!” steht darauf. Die Aktivist*innen sind als Regenbogenteufel und gelbe Enten verkleidet. „Man nehme sich im Alter halt auch weniger Ernst“, sagt Rosa und rührt in ihrem Kaffee. “Ich finde es wahnsinnig toll, von Leuten umgeben zu sein, die noch immer solche Kindsköpfe sind”.

Der Graue Block kann aber auch anders. Diesen humoristischen Aktionen stehen Strafanzeigen gegen die Polizei und Staatsanwaltschaft Basel gegenüber, die während der Basel-Nazifrei-Prozesse eine ausserkantonale Untersuchung gegen Polizei und Justiz auslösten. Auch war es mithin ein wesentlicher Verdienst des Grauen Blocks, dass zehn Richter*innen am Strafgericht wegen Befangenheit in den Ausstand geschickt und Urteile gegen Antifaschist*innen widerrufen wurden.
Lektion 4: Solidarisiert euch mit anderen Bewegungen und nehmt Rücksicht
Eine Woche später findet am Barfüsserplatz die Demonstration zum diesjährigen 8. März statt, dem internationalen feministischen Kampftag. Dutzende, vor allem junge Feminist*innen sind gekommen, um an der unbewilligten Demo teilzunehmen. Die Polizei spricht Warnungen per Megafon aus, doch die Masse, darunter auch Rosa und Léo, ignorieren dies – auch wenn es in Basel jüngst vermehrt zu starker Repression gegen Aktivist*innen kam.
„Warum sollte man je damit aufhören, aktiv zu sein?“
Rosa, Maria und Léo vom Grauen Block
„Du bist aktiv, weil du glaubst, dass etwas veränderbar ist – dass eine andere Gesellschaft möglich ist“, sagt Léo, während sich hinter ihm die feministische Demo langsam in Gang setzt. „Diese Gesellschaft müssen wir mit allen teilen. Das heisst auch, dass es sehr viel um den Austausch mit anderen Menschen geht.” Es gäbe eine Tendenz, dass sich Gruppierungen in der heutigen Linken immer stärker voneinander abtrennen würden, anstatt gemeinsame Anliegen voranzutreiben. Auch aus diesem Grund würden sie immer wieder mal sogenannte “Friendly Meetings” mit anderen ausserparlamentarischen Gruppen veranstalten. Oftmals seien das auch jüngere Gruppen, Ni Una Menos- Basel beispielsweise, die sich gegen Femizide einsetzen .
Während der Demo verteilt Rosa mit einer weiteren Vereinskollegin des Grauen Blocks ununterbrochen Flyer an Passant*innen, die unbeteiligt die Demo betrachten. Selbst dem klischeehaften Typen in schwarzer Lederjacke und Bürstenschnitt drückt sie einen Zettel in die Hand – von Äusserlichkeiten lässt sich Rosa nicht beeinflussen. Das Tempo des Umzugs wird zwischendurch schneller, und immer, wenn der Demozug vorwegsprintet, spaziert der Graue Block hinterher. „Bei uns gibt es ein paar, die etwas gebrechlicher unterwegs sind“, erklärt uns Rosa, „da nehmen wir Rücksicht”. Und wenn jemand gar nicht mehr gut zu Fuss sei, würden sie einen Rollstuhl für die Person organisieren, damit diese mitdemonstrieren kann.

Lektion 5: Wenn nicht wir, wer dann?
“Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust”, sagt Léo während der Demo. Er sei seit über 50 Jahren aktiv und wenn er etwas gelernt habe, dann, „dass man Menschen braucht, die ein Anliegen teilen.“ Wie damals, 1975, als 15’000 Menschen in Kaiseraugst gegen ein geplantes Atomkraftwerk demonstrierten. „Da redete man nicht mehr nur über AKWs und Radioaktivität – sondern über den Kapitalismus“. Auch 1986, als sich 10’000 Menschen anlässlich der Brandkatastrophe des Pharmariesen Sandoz (“Schweizerhalle”) versammelten, sei dies ein „signifikanter Moment“ gewesen. Man wisse halt nie, woher der nächste Funken komme, und warum er bei anderen Ereignissen ausgeblieben ist. „Aber wenn es wieder abgeht, will ich dabei sein”, sagt Léo voller Überzeugung.
Für Rosa, Maria und Léo stellte sich die Frage gar nicht erst, wie man auch im Alter aktiv bleibt. Sie stellen sofort die Gegenfrage: „Warum sollte man je damit aufhören?“ Ein Unterschied zu früher könnte sein, dass heutige Generationen in einer Welt ohne Vorstellung von einer Alternative zum Kapitalismus aufgewachsen seien, gibt Rosa zu Bedenken. Das könne die Vision für andere Gesellschaften eindämmen. „Es gibt ganz unterschiedliche Arten, ein antifaschistisches Leben zu führen“, findet Maria. „Antifaschismus ist eine Lebenshaltung, die überall zum Einsatz kommt: Im Beruf, im Ausgang, während der Fasnacht oder mitten auf der Strasse.“
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