Cloud-Rapper Daif: „Den wider­li­chen Konser­va­tismus crashen“

Wenn linke Journalist:innen Trap feuil­le­to­ni­sieren, wird Cloud-Rapper Daif unwohl. In seinem neuen Album widmet sich der Frau­en­felder intimen Ängsten und will unter Garage-Heads für Empö­rung sorgen. Andere will er ermutigen. 
Cloud-Rapper Daif (Foto: Jonas Frey)

Daif trägt seinen Schal um den Kopf und tigert in nervösem Stech­schritt durch das Kultur­lokal Coq d’Or in Olten. Es ist kurz vor dem ersten Lock­down 2020, kurz vor seinem Auftritt, kurz nach der Lesung der Autorin Jessica Juras­sica. Als Daif die Bühne betritt, zieht er seinen Schal aus und beginnt über die Beats von DJ Yung Porno Büsi zu singen. In exzes­sivem Auto-Tune gebadet dringen seine Verse über das Mikro durch die Boxen in den Konzertsaal:

„Zünd de Club ah

Zünd die Szene ah

Zünd das Land ah

Zünd das alles ah“

(Zünd de Club ah, Molly und Speed, 2019)

Wie es um poli­ti­sche Inhalte oder Ziele in der Kunst und im Spezi­ellen im Schweizer Cloud-Rap steht, wollte die Kultur­re­dak­tion von Das Lamm ein Jahr später inmitten des zweiten Lock­downs vom Frau­en­felder Rapper wissen und verab­re­dete sich mit ihm in seinem Band­keller in der Ostschweizer Klein­stadt. Doch schnell wird klar, dass der „cloud avant garde love it boy spon­sored by rich secco“ nichts mit solchen Meta­fragen anfangen kann.

Denn Meta ist Hoch­kultur und Hoch­kultur ist bour­geois. Kunst­hoch­schulen sind Yuppie-Dörfer, Daif ist dem Jetzt verpflichtet. Punk gegen die Schweiz. Anti-Anti. Brand­stifter. Sensi­bler cis-Mann.

Daif inter­es­siert sich nicht für abstrakte Fragen zu Kunst und ihrem Zweck. Der exma­tri­ku­lierte Philo­so­phie­stu­dent verschreibt sich statt­dessen der konkreten Gegen­wart und ihrer Unbe­re­chen­bar­keit. In seinem Band­keller, den er sich mit drei anderen Musiker:innen teilt, versucht er auch während der Pandemie den zügel­losen Jetzt-Kult zu zelebrieren.

Zwischen Tüten mit leeren Bier­fla­schen und einem kleb­rigen roten Leder­sofa, über­quel­lenden Aschen­be­chern und Strom­ka­bel­netzen hat sich der Musiker einge­richtet. Als Tontech­niker, Musik­pro­du­zent und Song­writer verbringt er seine Zeit momentan vor allem mit Auftrags­ar­beiten. Daneben – oder dazwi­schen – schleift er an seinem neuen Album.

Daifs Refu­gium liegt unter dem Boden eines thur­gaui­schen Klein­städt­chens, dem Ort, an dem auch alljähr­lich das grösste Hip-Hop-Festival Europas statt­findet. Der Raum strotzt vor Abriss-Ästhetik. Er strahlt Eska­pismus aus, Subver­sion, Isola­tion, ist eine Absage an Anstand und Bürgerlichkeit.

Hier passieren Musik- und Text­pro­duk­tion, „en Figg druf geh“ und „Radikal si“, Trash und Depres­sion. Ein Trieb­werk für Sensi­bi­lität und Kompro­miss­lo­sig­keit. Für low und high.

„Verzell mol no meh vo dere YOLO-Kultur

Stadt­be­amte, Journi-Huso

Verzell mol no meh vo Ironie und so 

Kunst­stu­dent, Vollidiot“

(E Hand­poked-Tattoo und es Adidas-Jäckli, Molly und Speed, 2019)

Bei aller Verwei­ge­rung gegen kultur­wis­sen­schaft­liche Über­ord­nung kommt man bei Daif dennoch nicht um eine Meta­frage herum:

Können Künstler:in und Werk vonein­ander getrennt werden?

„Für die Psycho­hy­giene wäre das sehr prak­tisch“, sagt Daif und dreht sich inner­halb von zwanzig Sekunden eine Ziga­rette. „Wenn ich Daif und Dave ausein­an­der­halten könnte, wäre Musik ein Job. Dann könnte ich Feier­abend machen. Doch das ist so wenig existent wie im News-Journalismus.“

Der News-Jour­na­lismus war es, der David Nägeli 2018 dazu bewegte, Daif ins Leben zu rufen. Die schlechten Erfah­rungen, die er mit dem Gross­ver­lags­me­dium machte, für das er arbei­tete, musste er irgendwie verar­beiten. „Ich musste etwas tun, weil mich sehr viele Dinge sehr fest frustriert haben. Ich habe ein Ventil gebraucht, also habe ich acht Songs inner­halb von zwei Wochen gemacht.“ Dass er als cis-Mann einem Verlag zudiente, in dem Sexismus, Mackertum und unter­neh­me­ri­scher Karrie­rismus zur Tages­ord­nung gehören, damit konnte er nicht umgehen.

Etwas unbe­hag­lich auf dem roten Sofa im Band­keller sitzend nimmt Daif einen Schluck aus seiner Tell-Bier­fla­sche, bear­beitet seine Finger­nägel und grübelt in sich gekehrt nach Worten. Er erzählt, wie ihm die Musik damals geholfen habe, seine psychi­schen Probleme und Depres­sionen einzu­ordnen und zu verar­beiten. Bis heute handeln seine Songs vor allem davon. Daifs Musik ist der Versuch, Sensi­bi­lität und psychi­sche Fragi­lität in lyri­sche Ästhetik umzu­wan­deln. Er sucht Schön­heit in der Schwermut.

„Schriibe gege s Liide, 

Ziile um Ziile

Nume zum dra zwiifle

Schriibe gege d Truur 

Dergege z verschwiige

Was me Schiss macht als de Tod“

(Wie e Flugi, Molly und Speed, 2019)

Er sei damals gefangen gewesen in einem Umfeld von im „Hippie-Rock hängen­ge­blie­benen Menschen“. Davon habe er sich durch die Musik eman­zi­pieren können. Die Berner Band Jeans for Jesus bestärkte ihn in seiner Liebe zur Popmusik und gab ihm den Mut und die Moti­va­tion, neue musi­ka­li­sche Stile umzu­setzen. Auch Cloud-Rap-Geschichten haben Daif inspi­riert: Yung Lean, Money Boy, Yung Hurn und so weiter. In der Schweiz unter anderem das Rap-Duo Göldin & Bit-Tuner. „Inhalt­lich ist vieles davon schwierig, natür­lich. Aber wichtig, um aufzu­zeigen, dass solche Musik funktioniert.“

Daif tut sich schwer damit, sich mit den Menschen hinter dieser Musik zu iden­ti­fi­zieren. Wahr­schein­lich weil es alle­samt Macker-cis-Männer mit grossem Ego sind und sich Daif gegen toxi­sche Männ­lich­keit zur Wehr setzen will. Einer­seits indem er, der als cis-Mann gelesen wird, sein eigenes Verhalten reflek­tiert, ande­rer­seits indem er keinen Content von homo­so­zial agie­renden cis-Männern verbreitet. „Ich kann keine Songs von Arsch­lö­chern hören“, meint er. Trotz dieses Wider­spruchs habe er von ihrem Stil die Gewiss­heit mitge­nommen, Musik gegen den Strich machen zu wollen. In seinem Fall:

Melan­cho­li­scher Kitsch, Trash, sehr viel Auto-Tune.

Hate, Feuil­leton, Love

Gurgelt Auto-Tune in der Schweiz anders als sonst wo?

„Auto-Tune ist Punk. Mit Auto-Tune und Hall geht alles sehr einfach. Du brauchst kaum Skills, kein Talent, sondern kannst einfach machen“, sagt er und ist sich dabei bewusst, dass über­trie­bener Einsatz von Auto-Tune einen Song auch unzu­gäng­lich machen kann. „Aber es ist dermassen fest Teil meiner Musik, weil ich es viel zu geil finde. Ich finde es auch geil, wenn es jemanden stört. Ich denke dann: Das ist jetzt nicht das Neuste. Lass dich doch drauf ein.“

Auto-Tune spaltet heute noch die Geister der Schweizer Musik­szene. Das verwun­dert, schliess­lich ist er in der inter­na­tio­nalen Musik­in­du­strie zur Norm geworden. „Die Schweiz hinkt dem popkul­tu­rellen Trend hinterher“, sagt Daif.

So stosse er auch im Rap oft auf Stimmen, die gegen „neue“ Stil­formen ihre kriti­sche Stimme erheben: „Nega­tives Feed­back kommt meistens von einem klas­si­scheren Hip-Hop-Publikum, das sich am Auto-Tune stört. Real­keeper-Arsch­lö­cher kamen ab und zu und meinten zu mir: Du machst Hip-Hop kaputt!“

“Din Musik­kon­ser­va­tismus isch de chlini Brüeder vom Nationalsozialismus”

(Zünd de Club ah, Molly und Speed, 2019)

In Daifs Wahr­neh­mung ist ein Gross­teil der Hip-Hop-Szene immer noch reak­tionär einge­stellt. „Die schreiben dann beim Openair-Frau­en­feld-Face­book-Post unters Lineup, dass der viele Trap das ganze Hip-Hop-Ding zerstört.“ Doch der Wert­kon­ser­va­tismus höre nicht auf der musi­ka­li­schen Ebene auf, sondern ziehe sich bis ins Poli­ti­sche weiter. Dies sei der Haupt­grund, weshalb er sich auf keinen Fall als Teil dieser Szene betrachten würde.

Gleich­zeitig findet Daif komisch, wenn die offenbar immer noch aus der Konfor­mität fallenden Trap- und Cloud-Genres Anlass für linke Journalist:innen sind, diese in den Feuil­le­tons in eine kultur­hi­sto­ri­sche Deutung einfliessen zu lassen oder gar zu revo­lu­tio­närem Anti-Pop zu stili­sieren. Wird Musik aus der Nische über­in­ter­pre­tiert, fühle er sich unwohl.

Meint er dies etwa als subtile Warnung an die Kultur­re­dak­tion von Das Lamm? Oder dringt darin doch bloss eine reflex­ar­tige Verach­tung gegen­über Hoch­kultur und elitärem Denken durch?

Man kann sich nicht immer sicher sein bei Daif. Wahr­schein­lich hat er ein wenig Angst davor, in einen akade­mi­schen Diskurs gedrängt zu werden und bürger­li­chen Mustern zu entspre­chen. Oder gar einer dieser toxi­schen cis-Männer-Künstler zu sein, die er kriti­siert. Wahr­schein­lich ist er sehr darauf bedacht, sich als Künstler vor allem darüber zu insze­nieren, was er ablehnt. Doch so klar ist das nicht.

Klar ist: Im Spät­sommer kommt sein neues Album. Es trägt den Titel Alles was mir hend wölle isch alles (und alles was mir becho hend isch chalt).

Um was es darin gehen wird? „Ängste und so.“ Ange­staute intime Sorgen um ihm nahe­ste­hende Menschen, die ihm vor dem Zubett­gehen durch den Kopf schiessen würden.

Sein Vorhaben mit dem Album: „Den wider­li­chen Konser­va­tismus crashen.“

Und da er sich nicht an die Regeln, Normen und musi­ka­li­schen Leit­li­nien einer bestimmten Szene gebunden fühlt, verlässt er für einmal die Cloud-Rap-Schiene und kehrt zurück zu seinen musi­ka­li­schen Wurzeln, dem Punk. Damit das nicht konser­vativ wird, dürfen die feinen Verzer­rungen der Tonhö­hen­kor­rektur natür­lich nicht fehlen. „Auto-Tune setze ich jetzt halt mehr über Gitar­ren­ele­mente ein.“

Altglas und Abfall sind ehrli­cher als Puder und Schmuck. (Foto: Jonas Frey)

In einem Ruck steht Daif vom kleb­rigen roten Sofa im Band­keller auf, schreitet zu seinem an ein Misch­pult ange­schlos­senen Laptop und spielt einige seiner neuen Songs ab. Die Vorfreude ist ihm anzumerken.

„I wött mit dir Moldy-Peaches-Songs spiele

Sone Szene-Band haa

Wött mit dir im Horst Klub spiele

Und denn schri­ibemr üsi Näme im Back­stage ad Wand“

(Moldy Peaches, Alles was mir hend wölle isch alles, 2021)

Er spricht davon, wie er das neue Album in seinen lieb­sten Klubs spielen wird, zum Beispiel im Horst Klub in Kreuz­lingen. „Ich hoffe, dass ich einige Garage-Heads ange­pisst machen kann, da ich sie mit meinem expe­ri­men­tellen Punk irri­tiere.“ Wenn gleich­zeitig andere von seiner Provo­ka­tion ermu­tigt würden, sich ebenso wie er den fest­ge­fah­renen Struk­turen entge­gen­zu­setzen, dann wäre das für ihn ein Erfolg: „Das wäre schön.“

Schön findet Daif übri­gens auch, Love­songs zu schreiben. Im roman­ti­schen Metier fühle er sich berech­tigt, poli­tisch zu werden. „Wenn ich poli­ti­sches Zeug mache, dann, wenn ich über Bezie­hungen schreibe. Über egali­täre zwischen­mensch­liche Bezie­hungen, Herr­schafts­lo­sig­keit, die Über­win­dung toxi­scher Männ­lich­keit und so weiter.“ Dies sei die legi­timste Form, wie er als cis-Mann femi­ni­sti­sche Arbeit leisten könne.

Von Daifs Neigung zu roman­ti­schem Kitsch erzählt auch die Appen­zeller Autorin Jessica Juras­sica in ihrem eben erschie­nenen Debüt­roman Das Ideal des Kaputten. Die Ich-Erzäh­lerin beschreibt darin, wie sie erst per Zufall gemerkt hätte, dass der schüch­terne Musiker „D.“ in sie verliebt sei. Nämlich dann, als sie unter einem Geschenk von ihm (Songs und Drogen) ein Zettel­chen mit einer kurzen und knappen Liebes­er­klä­rung findet.

„Baby nu für di.

D.“

(Das Ideal des Kaputten, Jessica Juras­sica, Roman, 2021)

Ange­nommen, dass die im Roman vorkom­mende Figur „D.“ mit Daif und Daif mit David über­ein­stimmt, verfe­stigt sich der Eindruck, dass Daifs Schüch­tern­heit sein bewusst gewähltes Marken­zei­chen ist. Eine Eigen­schaft, die ihn schwer zugäng­lich und somit span­nend macht. Als Künstler wie als Mensch.

Für Daif selbst jedoch wären das bloss nicht-rele­vante Metafragen.

Ob das neue Album ein „Stage­dive straight usem lowlife ines Bett us Rose“ wird, wie es in seinem 2019 erschie­nenen Song Wie e Flugi heisst, ist zu bezwei­feln. Eher hat sich Daif dem gnaden­losen Hinfallen und rauschenden Wieder-auf-die-Beine-Kommen verschrieben. Denn statt sich auf die Hippie-Tour ein harmo­ni­sches Mitein­ander zu erträumen, sucht er unab­lässig die Konfron­ta­tion mit den Reali­täten der bürger­li­chen Gesell­schaft. Mit dem Jetzt, dem es ein neues Jetzt entge­gen­zu­halten gilt. Ohne Meta. Dafür mit Mikro und sehr viel Auto-Tune.

Als Daif vom Duo Blay erfuhr, musste er weinen und schrieb in einer Nacht mehrere Songs. Einige davon werden auf seinem neuen Album Alles was mir hend wölle isch alles (und alles was mir becho hend isch chalt) zu hören sein. Diesen Freitag (23.April) erscheint die neue Single 7/10 mit neil.9. 


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