„Weisse Männer haben ein Monopol vor und hinter der Kamera – andere Sicht­weisen irri­tieren sie”

An den Schweizer Jugend­film­tagen führt die Regis­seurin Lisa Blatter einen Work­shop dazu durch, wie man Frau­en­rollen schreiben und mit Frauen am Set umgehen soll. Das Lamm hat mit der Zürcherin über eindi­men­sio­nale Charak­tere und Scham am Set gespro­chen – und darüber, warum sie sich auch nach Jahren im Busi­ness immer noch behaupten muss. 
[lead] An den Schweizer Jugend­film­tagen führt die Regis­seurin Lisa Blatter einen Work­shop dazu durch, wie man Frau­en­rollen schreiben und mit Frauen am Set umgehen soll. Das Lamm hat mit der Zürcherin über eindi­men­sio­nale Charak­tere und Scham am Set gespro­chen – und darüber, warum sie sich auch nach Jahren im Busi­ness immer noch behaupten muss. [/lead]

das Lamm: Woher kommt dein Inter­esse daran, dich mit Frauen im Film auseinanderzusetzen?

Lisa Blatter: Wenn man gerne und viele Filme schaut, merkt man irgend­wann, dass man fast nur den Geschichten von Männern folgt – ausser das Genre verlangt explizit nach Frauen. Frauen sind in Filmen immer noch zu wenig präsent und wenn, dann nur in zudie­nenden Rollen. Das fällt auf.

Wie wichtig ist denn die Reprä­sen­ta­tion von Frauen im Film?

Es ist wichtig, dass viele Frauen auf der Lein­wand zu sehen sind. Aber noch wich­tiger finde ich es, dass mehr Frauen selbst Filme machen – egal, zu welchen Themen und mit welchen Geschlech­tern als Haupt­rollen. Dazu eine Anek­dote: Ich war letz­tens an einem Work­shop, und da nahm ein Mann teil, der einen Film mit einer Frau in der Haupt­rolle reali­siert. Alle fanden das voll toll und mutig, aber wenn ich einen Film mit einem Mann in der Haupt­rolle schreibe, heisst es schnell: Wieso machst du das? Du müss­test doch als Frau auch einen Film mit einer Frau in der Haupt­rolle umsetzen.

In Holly­wood wurde das Monopol des weissen, starken Mannes etabliert, der dieses Busi­ness sowohl hinter als auch vor der Kamera prägt, und das muss in alle Rich­tungen aufge­bro­chen werden. Dafür braucht es eben nicht nur mehr Frauen vor der Kamera, sondern auch dahinter – in allen Funktionen.

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Dein Work­shop an den Jugend­film­tagen trägt den Titel „Atelier: Wie schreibt man eine Frau­en­figur und wie geht man mit Schau­spie­le­rinnen am Set um?” Warum müssen ange­hende Filme­ma­che­rInnen lernen, wie man Frau­en­fi­guren schreibt?

Es ist mir ein Anliegen, junge Filme­ma­che­rInnen dafür zu sensi­bi­li­sieren, dass man mit nur wenigen Kunst­griffen eine Frau­en­rolle besser charak­te­ri­sieren kann. Ein ganz plaka­tives Beispiel: In Holly­wood­filmen trägt immer noch die Mehr­heit der Frauen High­heels. Das entspricht doch nicht der Wirk­lich­keit. Natür­lich ist das ein Detail, aber solche Details sind ein guter Ausgangs­punkt dafür, etwas daran zu ändern, wie Frauen darge­stellt werden. Es muss den Filme­ma­chenden einfach bewusst sein, dass man sich sehr schnell an Klischees bedient.

Aber mit mehr Turn­schuhen wäre es ja nicht getan.

Frauen werden oft mehr auf das Aussehen hin geschrieben als auf den Charakter. Umfäng­liche, charak­ter­lich tiefe Frau­en­rollen mit gewissen Ambi­va­lenzen und realer Mensch­lich­keit sind im Main­stream­film eine Selten­heit. Wir haben das auch in der Ausbil­dung nie gelernt: wie man sich von gesell­schaft­lich geprägten Klischees lösen kann. Hinzu kommt, dass es oft schnell gehen muss mit dem Plot. Da verlieren Charak­tere – beson­ders weib­liche – an Tiefe und werden zu Schablonen.

Wie kann man diese Scha­blonen durchbrechen? 

Regis­seu­rInnen sollten versu­chen, Charak­tere aus dem Leben zu greifen und ihnen kleine posi­tive und nega­tive Eigen­schaften zu geben. Sie sollten Charak­tere schreiben, die eine mensch­liche Entwick­lung durch­ma­chen, die man auch als Zuschauerin kennen­lernen muss. Das ulti­ma­tive Ziel ist es, dass Frauen- und Männer­cha­rak­tere in Filmen einfach gleich behan­deln werden. Im Moment müssen aber Frau­en­cha­rak­tere oft zuerst etwas Schlimmes erleben, um dann stark zu werden oder als eigen­stän­diger, span­nender Charakter zu gelten.

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Viele soge­nannte Kult­filme drehen sich um Gewalt an Frauen. Und Gewalt an Frauen, etwa sexu­elle Gewalt, wird im Main­stream­film oft als Plot-Element verwendet. Haben wir uns einfach daran gewöhnt?

Ich glaube nicht, dass es im Film stati­stisch mehr Gewalt an Frauen als zwischen Männern gibt, und ich bin auch der Meinung, dass Gewalt an Frauen, ein reales Problem unserer Gesell­schaft, kritisch reflek­tiert und filmisch thema­ti­siert werden sollte. Aber auch hier muss auf Klischees geachtet werden. Ein Beispiel: Oft trägt die Frau, die im Film verge­waltig wird, einen kurzen Rock – eine abso­lute Absur­dität. Hier braucht es Gegen­steuer. Auch dass diese Gewalt immer graphisch gezeigt werden muss und somit zu einem Kunst­ele­ment wird, ist proble­ma­tisch. Gewalt wird ausge­schlachtet – egal, ob sie für den Film zentral ist oder nicht. Dahinter steckt, zumin­dest im Main­stream­film, wohl der Wunsch nach Verein­fa­chung: Gewalt hilft, das Gesche­hene und die Figuren in Gut und Böse zu unter­teilen. Zudem ist etwa Rache ein trei­bendes Gefühl, das wir als sehr mensch­lich empfinden und uns dazu bringt mitzueifern.

In deinem Work­shop wird es auch darum gehen, wie mit Schau­spie­le­rinnen am Set umge­gangen werden soll.

Eine Schau­spie­lerin bietet dir für jede Szene verschie­dene Facetten an. Ich will den Teil­neh­menden zeigen, dass die darge­stellte Rolle nicht nur davon abhängt, wie sie geschrieben wurde, sondern auch von der Insze­nie­rung. Zum anderen sind da sensible Themen wie Nackt­heit. Es ist wichtig für die heran­ge­henden Regis­seu­rinnen zu erkennen, wo und wie Nackt­heit einge­setzt werden kann, weil es die Szene erfor­dert. Und wo Nackt­heit nur ein sexua­li­sie­rendes, herab­wür­di­gendes Element ist. Ein sensi­blerer Umgang mit solchen Themen ist wichtig, dass sich die Darstel­le­rinnen wohlfühlen.

Die ganze Film­in­du­strie ist männer­do­mi­niert. Als Schau­spie­lerin bist du umzin­gelt von Männern. Gerade bei feinen, intimen Szenen können viele Blicke irritieren.

Die Film­in­du­strie ist weit­ge­hend eine Männer­do­mäne. (Symbol­bild, © Wikicommons)

Wirst du denn selber als Frau weniger ernst genommen in der Filmbranche?

Ja. Das hat schon im Studium begonnen. Ich machte meine Kurz­filme immer zusammen mit einem Kollegen. Nach zwei Jahren hiess es, er solle ins Master-Programm wech­seln, aber ich solle noch bleiben und meinen eigenen Stil entwickeln. Unsere ganze Zusam­men­ar­beit: Alles wurde ihm ange­rechnet. Ich bekam dafür faktisch keine Aner­ken­nung. Die gemein­same Hand­schrift wurde als seine gelesen. Als ich meinen Abschluss­film zeigte, kamen dann die Dozen­tinnen zu mir und sagten: Ah, das war ja doch deine Hand­schrift. Das ist ärgerlich.

Auch heute ist es für viele noch so, dass Menschen bei einer Koope­ra­tion sofort annehmen, dass der Mann eher den Lead innehat. Auf der anderen Seite habe ich auch schon oft Sprüche gehört wie: „Ah, das ist jetzt die weib­liche Sicht?” oder „Ist das jetzt ein weib­li­cher Film?”

Ich glaube, viele Männer in der Branche haben Angst vor der weib­li­chen Perspek­tive. Denn dadurch wird ihnen die Deutungs- und Darstel­lungs­ho­heit langsam entzogen. Ich glaube aber auch, dass dieser Abwehr­re­flex nicht notwendig ist. Um ihn zu über­winden, braucht es aber Anstren­gung und den Willen, ausser­halb der Box zu denken – und Gespräche und Sensi­bi­lität. Gene­rell braucht die Branche primär einen Abbau von Klischees und Stereo­typen. Und die funda­men­tale Einsicht, dass es Frauen minde­stens genauso gut machen können.

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