Intui­tion ist politisch

Wissen kommt nicht aus dem Nichts, und ist nie neutral. Donna Haraway und Audre Lorde fordern seit den 1980ern, Intui­tion und Körper­er­fah­rung als wider­stän­dige Wissens­formen ernst zu nehmen – mitsamt ihrer Vorurteile. 
In der feministischen Theorie kann ein Bauchgefühl Teil eines Wissensprozesses sein. (Bild: Unsplash)

Das Bauch­ge­fühl war immer ein ominöses Konzept für mich. Du triffst jemanden zum ersten Mal und weisst: Irgend­etwas stimmt hier nicht. Oder umge­kehrt: Diese Person fühlt sich vertraut an, obwohl du sie kaum kennst. Ohne klar benennen zu können, warum, beschleu­nigst du den Schritt in einer dunklen Gasse. Von Bezie­hungen ganz zu schweigen – kein Regel­werk, keine Formel, nur das Bauch­ge­fühl als einziger Kompass, der dort funk­tio­niert. Für verkopfte Menschen ein einziges Fragezeichen.

Das Bauch­ge­fühl ist eine körper­lich spür­bare Form von Wissen – ein Ziehen im Magen, ein Enge­ge­fühl in der Brust, ein inneres Ja oder Nein, das sich plötz­lich heraus­kri­stal­li­siert, bevor wir über etwas wirk­lich nach­ge­dacht haben. Lange Zeit galt Wissen als etwas, das sich in Büchern, Theo­rien und Daten fassen lässt – objektiv, nach­voll­ziehbar, allge­mein. Doch Intui­tion kommt ohne diese Instru­mente aus. Sie basiert auf Erfah­rung und Wahr­neh­mung – ein verkör­pertes Verständnis von der Welt, das in den letzten Jahren zuneh­mend ins Zentrum der Aufmerk­sam­keit geraten ist.

Intui­tion als subver­sives Wissen

Schon seit den 1980ern betonen Denke­rinnen wie Donna Haraway oder Audre Lorde, dass verkör­pertes Wissen eine zentrale Stra­tegie ist, um sich gegen patri­ar­chale, kolo­niale und norma­tive Wissens­re­gime zu behaupten: In ihrem Essay­band „Sister Outsider” (1984) macht Lorde deut­lich, dass Intui­tion kein irra­tio­nales Gefühl, sondern eine kraft­volle Quelle für Wissen von margi­na­li­sierten Menschen ist.

Die afro­ame­ri­ka­ni­sche Dich­terin, Akti­vi­stin und femi­ni­sti­sche Theo­re­ti­kerin – in ihrer bekannten Selbst­be­zeich­nung „Black, lesbian, mother, warrior, poet“ („Schwarz, Lesbe, Mutter, Krie­gerin, Dich­terin”) – beschreibt beispiels­weise den Moment, als sie erfährt, dass sie mögli­cher­weise an Brust­krebs erkrankt ist. Noch bevor die Diagnose sicher ist, spürt sie in dieser Zeit des Bangens intuitiv, dass ihr Schweigen über Angst, Schmerz und Unter­drückung sie letzt­lich mehr gefährdet als das Verba­li­sieren dieser Erfah­rungen. „Your silence will not protect you” („Dein Schweigen wird dich nicht schützen”), schreibt sie – ein Satz, der zur femi­ni­sti­schen Parole geworden ist.

Dieses intui­tive Wissen – ein inneres Drängen, nicht länger stumm zu bleiben – wird für sie zum Ausgangs­punkt eines radi­kalen Verständ­nisses von Sprache, Hand­lung und Selbst­er­mäch­ti­gung. Für Lorde stammt diese Einsicht nicht aus logi­schen Über­le­gungen, sondern aus einem verkör­perten Wissen. Es tritt für sie aus einem Moment der existen­zi­ellen Bedro­hung heraus und wird zur Sprache.

Vieles, was wir als intuitiv empfinden, ist beein­flusst von gesell­schaft­li­cher Sozialisierung

Donna Haraway setzte diesen Gedanken in den 1980er und 1990er-Jahren fort. In ihrem berühmten Essay „Situated Know­ledges” (1988) hebt sie die Bedeu­tung des verkör­perten, situ­ierten Wissens hervor: Intui­tion wird hier nicht als unscharfe Gefühls­sache abgetan, sondern als poli­ti­sches Wissen verstanden. Eines, das margi­na­li­sierte Perspek­tiven, Erfah­rungen und Körper sichtbar macht, die in domi­nanten Struk­turen oft unsichtbar bleiben.

Haraway, die US-ameri­ka­ni­sche Wissen­schafts­phi­lo­so­phin, Biologin und femi­ni­sti­sche Theo­re­ti­kerin, kriti­siert die Vorstel­lung eines „gott­glei­chen Blicks von nirgendwo“ – die weiss-männ­lich-west­liche Perspek­tive, die sich lange als neutral-univer­sell getarnt hat. Gleich­zeitig fordert sie ein „Wissen von irgendwo“: ein bewusst situ­iertes, verant­wort­li­ches Wissen, das die eigene Posi­tion und Verkör­pe­rung nicht verleugnet, sondern einbezieht.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen das Wissen der Welt zwischen zwei Buch­deckel passen musste. Gut so, denn statt in verstaubten Enzy­klo­pä­dien im unter­sten Regal­fach kann Wissen in ganz unter­schied­li­chen Formen kommen. 

Doch was zählt über­haupt als Wissen? Wer bestimmt darüber und wer hat Zugang dazu? In der Annzy­klo­pädie widmet sich Ann Mbuti den Wissens­formen unserer Zeit. Mit kriti­schem Blick und einer gesunden Skepsis nimmt sie unsere indi­vi­du­ellen Perspek­tiven und Erfah­rungen unter die Lupe, die die Art und Weise prägen, wie Wissen gesam­melt und inter­pre­tiert wird.

Ann Mbuti ist unab­hän­gige Autorin mit Schwer­punkt auf zeit­ge­nös­si­scher Kunst und Popkultur. Ihre Arbeit konzen­triert sich auf künst­le­ri­sche Projekte, die das Poten­zial für soziale, poli­ti­sche oder ökolo­gi­sche Verän­de­rungen haben. Derzeit beschäf­tigt sie sich mit Mytho­lo­gien, münd­li­cher Geschichte, Science Fiction und der Verschmel­zung von Fakten und Fiktion. Seit 2024 ist sie Profes­sorin für Prozess­ge­stal­tung am Hyper­Werk der Hoch­schule für Gestal­tung und Kunst in Basel.

Verkör­pertes Wissen als Praxis

So kraft­voll Intui­tion als Form verkör­perten Wissens sein kann – sie entzieht sich oft der Über­prüf­bar­keit. Nur schwer lässt sie sich in klaren Begriffen ausdrücken, noch seltener beweisen. Der Vorteil stan­dar­di­sierter Wissens­formen – klar kommu­ni­zierbar, repro­du­zierbar, scheinbar objektiv – fehlt ihr. 

Lange wurde Intui­tion zudem als vermeint­lich „natür­liche“ Eigen­schaft darge­stellt. Ein Zuschrei­bungs­mu­ster, das vor allem Frauen und margi­na­li­sierten Gruppen galt – und dadurch neue Formen des Ausschlusses erzeugte. Statt sie also roman­tisch zu verklären, gilt es, Intui­tion als poli­tisch und sozial einge­bet­tete Wissens­form ernst zu nehmen – mit all ihren Möglich­keiten und Grenzen.

Vieles, was wir als intuitiv empfinden, ist beein­flusst von Sozia­li­sie­rung: Wer in einer Gesell­schaft aufwächst, die bestimmte Körper als gefähr­lich, fremd oder minder­wertig markiert, wird solche Zuschrei­bungen mit hoher Wahr­schein­lich­keit unbe­wusst verin­ner­li­chen. Man reagiert aufgrund bestimmter Muster, hat eine intui­tive Reak­tion, die sozial erlernt ist und sich genau als solch ein diffuses Bauch­ge­fühl äussert. Intui­tion ist also keines­wegs auto­ma­tisch richtig oder wahr, sondern kann genauso gut Ausdruck verin­ner­lichter Vorur­teile sein. 

Umso wich­tiger ist es, dieses Geflecht von intui­tivem Wissen nicht nur zuzu­lassen, sondern auch zu hinter­fragen: Woher stammt ein Gefühl? Wessen Erfah­rungen prägen es? Was erscheint vertraut und warum? Es wäre zu einfach, Intui­tion als reine Gegen­kraft zu ratio­nalem Denken zu sehen – sie als Wissens­form kritisch ernst zu nehmen bedeutet auch, sich der eigenen Verstrickungen bewusst zu werden. 

Intui­tion ernst zu nehmen heisst nicht, sich von Beweisen zu verabschieden. 

Die Theorie nimmt sie als Anfang, als Korrektiv oder ihre Erwei­te­rung. Bei Donna Haraway lernen wir beispiels­weise, die eigene Posi­tion sichtbar zu machen: Sich zu fragen, welche Erfah­rungen, Iden­ti­täten und Macht­ver­hält­nisse ein Gefühl formen. Das Ziel ist, die eigene Perspek­tive nicht als Hindernis zu sehen, sondern als Ausgangs­punkt: Man selbst ist Teil des Wissensprozesses. 

Bei Audre Lorde und bell hooks lernen wir, dass Intui­tion erst in Verbin­dung mit Sprache, Austausch und Bezie­hung lebendig wird. Intui­tive Einsichten sind nicht abge­schlossen, kein gege­bener Fakt, sondern müssen in den Dialog mit anderen Perspek­tiven treten.

Bei Sara Ahmed oder Paulo Freire lernen wir von der zentralen Rolle der Körper­wahr­neh­mung, die eine Acht­sam­keit für die Signale des Körpers bedeutet. Welche Gefühls­re­ak­tion und körper­liche Reso­nanz kommt in bestimmten Situa­tionen auf? Wo zieht sich der Bauch zusammen? Wo wird die Brust weit? Verkör­pertes Wissen braucht Zeit und Aufmerk­sam­keit, um verstanden zu werden.

Intui­tion ist eng verbunden mit dem Vertrauen in den eigenen Körper, in emotio­nale und sinn­liche Wahr­neh­mungen, die oft jenseits jener Ratio­na­li­täts­mass­stäbe liegen, die in west­lich geprägten Wissens­sy­stemen histo­risch domi­niert haben. Sie fordert eine Erwei­te­rung dessen, was als „gültiges Wissen“ gilt: Intui­tion ernst zu nehmen heisst nicht, sich von Beweisen zu verab­schieden. Es heisst, andere Formen von Wissen anzu­er­kennen – auch dann, wenn sie subtil, unge­ordnet oder unbe­quem sind. Es heisst dann auch das Bauch­ge­fühl – dieses vormals ominöse, kaum greif­bare Empfinden – als Werk­zeug zu sehen, das nicht nur die Navi­ga­tion durch dunkle Gassen, sondern auch durch komplexe soziale Reali­täten erleich­tert. Und viel­leicht liegt genau darin sein Poten­zial für Veränderung.


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