Sieh zu, wie du zurechtkommst!

Alle wollen Frei­heit. Nur unsere Kolum­ni­stin nicht. Sie will das gute Leben für alle – und darin hat die Frei­heit keinen Platz. 
Für alles Existenzielle selbst verantwortlich zu sein, ist eine Bürde, kein Gewinn. (Illustration: Lea Knutti)

Neulich ging es in einer Diskus­sion um Frei­heit, die ein Genosse als Schlüssel zu einer besseren Gesell­schaft lobte. Ich wider­sprach, denn in meiner Vorstel­lung einer vernünf­tigen Gesell­schaft hat die Frei­heit nichts zu suchen.

Frei­heit gilt als höch­ster Wert, den sich die hiesige Gesell­schaft gross auf die Fahnen schreibt. Im soge­nannten Westen sind die Bürger*innen heute poli­tisch und ökono­misch frei. Meist braucht es für die Zustim­mung zu dieser Tatsache nicht mehr als den Nega­tiv­ver­gleich zu «früher»: denn «damals» lebte man noch unter der Herr­schaft eines Königs oder Kaisers und war dessen Anord­nungen unter­worfen. Poli­ti­sche Frei­heiten, etwa Meinungs- oder Pres­se­frei­heit, gab es nicht und die poli­ti­schen Rechte waren vom gesell­schaft­li­chen Stand abhängig.

Heute tritt die poli­ti­sche Herr­schaft als die Macht auf, die Frei­heit gewährt. Und das Volk versteht es genau so: Dankbar feiert es seine Frei­heit als Möglich­keit, die eigenen Zwecke zu verwirklichen.

Alle dürfen arbeiten und in den meisten Fällen müssen sie es. Alle dürfen den Beruf wählen, den sie möchten – müssen jedoch die Konse­quenzen tragen, wenn ihre Arbeits­kraft nicht profi­tabel einge­setzt werden kann. Alle dürfen sich aufhalten, wo sie wollen und so oft in den Urlaub fahren, wie sie möchten – voraus­ge­setzt, sie besitzen den rich­tigen Aufent­halts­status, haben sich im Rahmen des staat­li­chen Regel­werks einwand­frei verhalten und verfügen über das nötige Klein­geld dafür – versteht sich.

Alle dürfen ihre Meinung äussern – inner­halb von Schranken, die durch die gesetz­ge­bende Gewalt defi­niert werden. Dabei entscheidet letz­tere laufend, welche Äusse­rungen noch zulässig sind und welche beispiels­weise bereits als volks­ver­het­zend gelten und verboten werden. Und natür­lich muss die Äusse­rung eine blosse Meinung bleiben und darf keinen Anspruch auf Durch­set­zung erheben. Meinungs­frei­heit ist daher nicht nur ein Recht – sie ist vor allem ein Gebot: «Im Grossen und Ganzen darfst du denken, was du möch­test. Daraus folgt aber noch über­haupt nichts, denn es ist ja nur deine Meinung.»

Die meisten Menschen sehen die Frei­heit nicht als Zumu­tung, sondern als freund­li­ches Angebot, ihre eigenen Zwecke zu verwirklichen.

Alle dürfen theo­re­ti­sieren, sagen, publi­zieren und verbreiten, was sie wollen – eben­falls inner­halb der gesetz­ge­benden Schranken und solange sie damit nur ihre Perspek­tive als eine von vielen einbringen, niemals aber Anspruch auf Geltung erhebt.

Und schliess­lich dürfen auch alle frei wählen, was sie wollen – voraus­ge­setzt, die Partei zu ihren Gunsten setzt sich für den Erfolg der demo­kra­tisch-kapi­ta­li­sti­schen Nation ein und hat bereits alle Hürden zur Zulas­sung bei der Wahl gemeistert.

Die meisten Menschen sehen diese Umstände nicht als Zumu­tung, die ihren mate­ri­ellen Zwecken zuwi­der­läuft, sondern als freund­li­ches Angebot, diese zu verwirk­li­chen. Kritik richtet sich nie gegen die Frei­heit selbst, sondern höch­stens gegen ihre angeb­lich unzu­rei­chende Verwirk­li­chung. Oder sie verhan­delt das notwen­dige Mass an Begren­zung, das verhin­dern soll, dass die Frei­heit des Einen die des Anderen untergräbt.

Diese Begren­zungen sind notwendig. In einer Gesell­schaft, in der alle frei sind, zu tun und zu lassen, was sie wollen, braucht die Frei­heit der Einzelnen Grenzen, damit die Vielen ihre Frei­heit ausüben können. Die Grenzen sind also eine Konse­quenz der Frei­heit – nicht ihre Aufhebung.

Aber gegen Frei­heit an sich stellt sich hier (fast) niemand und schon der blosse Verdacht ruft Entsetzen hervor: «Bist du etwa für Sklaverei?»

Menschen, die die Frei­heit vermissen – wie mein Genosse – tun dies aus einem Ideal heraus: Sie wissen bereits, dass die Lohn­ar­beit kein freund­li­ches, bedürf­nis­ori­en­tiertes Angebot ist, ihnen ein gutes Leben zu ermög­li­chen. Sie wissen auch, dass sie sich nie für diese Gesell­schafts- und Wirt­schafts­ord­nung entschieden haben, sondern hinein­ge­boren wurden und sie ihnen nun täglich mit all ihren Folgen aufge­drückt wird.

Viel­leicht merken sie auch, dass sie hier nicht wirk­lich zurecht­kommen, dass sie ständig auf Grenzen und Schranken stossen, dass sie gerne anders leben würden – aber es ihnen nicht möglich ist. Gleich­zeitig klam­mern sie sich eisern an das Ideal einer Frei­heit, die in seiner Vorstel­lung nicht zu den unan­ge­nehmen Zwängen ihrer Leben passt. Viel­leicht denken sie dabei auch an eine Gesell­schaft, in der es um die Bedürf­nisse der Menschen geht, statt um die Profite von Unternehmen.

Dann stellt sich aber die Frage: Wie passt denn die Frei­heit in die Gesell­schaft, die sich vorge­stellt wird? Oder anders gefragt: Wie passt Frei­heit über­haupt in Gesellschaft?

Frei­heit in Gesell­schaft ist absurd und macht über­haupt nur in einer kapi­ta­li­sti­schen Ordnung Sinn.

Wenn ich von Frei­heit spreche, dann meine ich natür­lich nicht die Frei­heit, sich seine Socken­farbe selber aussu­chen zu dürfen oder zu entscheiden, welchen Film man heute Abend schaut. Ich meine auch nicht die Frei­heit, lieben zu dürfen, wen man eben liebt und sich ausdrücken zu dürfen, wie man sich eben ausdrücken möchte.

Ich meine die Frei­heit des Indi­vi­duums im gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang. Die Frei­heit in Fragen, bei denen es für die Gruppe wirk­lich um etwas geht: Arbeit, Produk­tion, Orga­ni­sa­tion und gemein­same Entschei­dungs­fin­dung. Also: Wie wird produ­ziert, was wird produ­ziert, wie orga­ni­sieren wir uns, wie planen wir? Das ist die Frei­heit, die in der kapi­ta­li­sti­schen und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft hoch­ge­halten wird – und es ist die Frei­heit, die Menschen in Konkur­renz zuein­ander zwingt, statt dass sie in koope­ra­tiver Zusam­men­ar­beit ihre geteilten Anliegen gemeinsam und plan­voll abwickeln.

Ich behaupte also: Frei­heit in Gesell­schaft ist absurd und macht über­haupt nur in einer kapi­ta­li­sti­schen Ordnung Sinn. In sozia­li­sti­schen Gesell­schaften hat Frei­heit nichts zu suchen.

Frei­heit heisst, tun und lassen zu können, was man will. Wer frei sein will, möchte die Erlaubnis, einen unbe­stimmten Willen in die Tat umzu­setzen. Es geht nicht um einen konkreten Willens­in­halt. Es geht ganz abstrakt darum, die Möglich­keit zu haben, den eigenen Willen zu verwirk­li­chen. Das bedeutet: Der Wunsch nach Frei­heit ergibt nur in einer Gesell­schaft Sinn, in der Menschen unter Herr­schaft stehen.

Wenn wir uns vorstellen, alleine auf der Welt zu sein oder als Einsiedler*in im Wald zu leben, wäre dieser Wunsch über­flüssig. Wer ohne andere Menschen lebt – und damit ohne fremde Willen und Zwecke, die den eigenen wider­spre­chen könnten – kommt nicht auf die selt­same Dopp­lung, «frei tun und lassen zu können, was man will». Denn man tut ja schon, was man will – was den eigenen gesetzten Zwecken entspricht.

In Gesell­schaft hingegen, wenn Menschen als Teile eines Ganzen mitein­ander verbunden sind, ist Frei­heit ein irrwit­ziges Konzept. Zusam­men­leben bedeutet, Arbeit zu orga­ni­sieren, um sich zu versorgen. Es bedeutet, gesell­schaft­li­chen Reichtum zu produ­zieren und zu verteilen, Aufgaben zu koor­di­nieren und Verant­wor­tung zu teilen. In einem solchen Gefüge ist Frei­heit weder im Inter­esse der Gruppe noch der Einzelnen.

In einer vernünftig orga­ni­sierten Gesell­schaft hat niemand ein Inter­esse an Freiheit.

Das sehen alle, die schon einmal versucht haben, ein belie­biges Projekt gemeinsam umzu­setzen: Menschen in Zusam­men­ar­beit einfach ihrer Frei­heit zu über­lassen – ‚macht mal, was ihr wollt‘ – statt die Arbeit in Teil­ar­beiten zu zerlegen, sinn­voll aufzu­teilen und zu planen, ist Unsinn. Und das möchte auch keine Person, die Inter­esse am Gelingen des gemein­samen Vorha­bens hat.

Nebenbei bemerkt: Dass Arbeits­tei­lung Planung erfor­dert, wissen natür­lich auch und gerade die grössten Kapitalist*innen. In jedem Unter­nehmen ist alles bis ins Detail durch­or­ga­ni­siert, jeder Arbeits­schritt fest­ge­legt – niemand macht dort einfach, «was sie wollen». Das wäre auch unzweckmässig.

Frei­heit in Gesell­schaft ist nicht nur unver­nünftig, wenn eine bedürf­nis­ori­en­tierte Versor­gung aller das Ziel ist. Durch Frei­heit hebt sich auch nicht einfach die gegen­sei­tige Abhän­gig­keit auf. Menschen, die mitein­ander produ­zieren oder ihr Zusam­men­leben orga­ni­sieren, beein­flussen sich zwangs­läufig gegen­seitig. Die Frage ist nur, ob die Menschen in einer Gesell­schaft ihre gegen­sei­tige Bedingt­heit im Voraus aner­kennen und dann gemeinsam planen – oder ob sich die Abhän­gig­keit erst im Nach­hinein als Sach­zwang durchsetzt.

Etwa wenn Auto­mo­bil­kon­zerne wieder Werke schliessen und tausende Beschäf­tigte in die Arbeits­lo­sig­keit entlassen, weil die Profite nicht wie erwartet steigen und sich die Arbeiter*innen in Polen oder Tsche­chien günstiger ausbeuten lassen als ihre Kolleg*innen hier­zu­lande. Immerhin konnten die Beschäf­tigten sich vorher frei­willig in die Dienste der Firma begeben (danke Berufs- und Arbeits­platz­frei­heit!) – das Risiko, das damit einher­geht, müssen sie jetzt natür­lich selbst tragen.

Ganz ähnlich ergeht es dem kleinen Super­markt an der Ecke, der schliessen muss, weil er bei den Preisen der Discounter einfach nicht mithalten kann. Heute insol­vent, freute sich der Besitzer vor wenigen Jahren noch, dass er endlich einen Kredit von der Bank bekam und damit seinen Traum eines eigenen Ladens im Viertel Wirk­lich­keit werden lassen konnte. Die Lizenz dazu hatte er ja: Danke Gewerbefreiheit!

Menschen in Gesell­schaft Frei­heit zu verordnen bedeutet, sie zu zwingen, so zu handeln, als wären sie allein.

Frei­heit ist also nicht nur eine Erlaubnis. In erster Linie ist sie eine staat­liche Verord­nung: «Sieh zu, wie du zurecht­kommst! Die Erlaubnis (und die Verpflich­tung!) alleine für dein Zurecht­kommen zu sorgen, hast du. Inner­halb gewisser Schranken, damit du die Frei­heit der anderen freien Einzelkämpfer*innen nicht verletzt, versteht sich. Aber inner­halb dieser Schranken darfst du mit deinem Eigentum – das ich dir gerne vor den Eingriffen der anderen freien Bürger*innen schütze – tun und lassen was du willst. Good luck!»

Das ist Frei­heit: Sich in Gesell­schaft so aufzu­führen (und es zu müssen!) als wäre man allein.

Dem Genossen habe ich dann übri­gens noch einen Vortrag von Peter Decker über die Frei­heit empfohlen (nach­zu­hören im Marxi­sti­schen Vortrags­ar­chiv, bei Spotify oder YouTube). Ich freue mich schon auf eine neue Diskus­sion – viel­leicht dann in der näch­sten Kolumne.


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