«Seit sechs Jahren suchen wir Tag und Nacht eine grössere Wohnung», sagt Ibrahima Djitte, als er um 10 Uhr im Kafi Klick steht. «Aber wir finden einfach nichts.» Mehr Platz wäre für die Familie Djitte eine riesige Erleichterung. Djittes Frau und er teilen sich mit ihren sechs Kindern momentan eine 3‑Zimmer-Wohnung für 1640 Franken in Adliswil. Die Kinder seien langsam gross und wünschten sich ein eigenes Zimmer. «Immerhin haben wir diese günstige Wohnung, aber ich bin ehrlich: wir leiden.»
Mit ihrem Problem ist die Familie Djitte nicht allein. Als armutsbetroffene Grossfamilie haben sie es auf dem prekären Zürcher Wohnungsmarkt besonders schwer: Grosse Wohnungen werden immer weniger gebaut, weil sie sich für die Besitzer*innen finanziell nicht lohnen.
Die Wohnkrise in Zürich ist allgegenwärtig. Doch die Debatte darüber – etwa, was überhaupt als «bezahlbare Wohnung» gilt – richtet sich meist an den städtischen, gut gebildeten und gutverdienenden Mittelstand.
Die Artikelserie «Wohnungssuche am Limit» ist eine Kooperation zwischen das Lamm und dem Kafi Klick. Sie stellt jene in den Mittelpunkt, die besonders gefährdet sind: Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus, in prekären Arbeitsverhältnissen oder mit geringem Einkommen – ebenso ältere Menschen, alleinerziehende Personen oder solche mit fehlenden Sprach- und Digitalkenntnissen.
Hartes Pflaster für armutsbetroffene Grossfamilien
Herr Djitte kam erstmals vor zehn Jahren nach Zürich, weil ihn die Aluminiumfabrik in Barcelona, in der er zuvor 25 Jahre lang gearbeitet hatte, entliess. Die Firma stellte auf Importware aus China um und brauchte die Arbeitskraft des mehrfachen Vaters nicht mehr. Also setzte sich dieser ohne seine Familie in einen Car nach Zürich, wo er fast sechs Monate auf der Strasse lebte, bevor ihm ein Kollege eine erste Bleibe vermittelte. Als er dann vor sechs Jahren die Wohnung in Adliswil über Kontakte erhielt, konnte Herr Djitte seine Familie in die Schweiz holen. «Ich dachte, wenn sie dann mal hier sind, kann ich etwas Grösseres finden.» Aber daraus wurde bis heute nichts.
«Manchmal fühlen wir uns wie Gefangene»
Ibrahima Djitte
Herr Djitte erklärt, wie die achtköpfige Familie seit Jahren in den dreieinhalb Räumen lebt: Am Küchentisch könne gerade mal eine Person sitzen – zu zweit wäre es bereits zu eng. Die drei Töchter, 14‑, 18- und 23-jährig, teilten sich eines der Schlafzimmer. Die zwei Jungs, fünfzehn- und zwanzig-jährig, schliefen im Wohnzimmer, und die beiden Eltern mit dem neun Monate alten Baby im zweiten Schlafzimmer. «Immerhin wird unsere älteste Tochter bald ausziehen», das würde ein bisschen Erleichterung bringen, meint der gebürtige Senegalese.
Es sei ein grosses Glück, dass der Vermieter der Grossfamilie wohlgesinnt sei. Mit einem der Nachbaren aber gäbe es Schwierigkeiten: «Er verhält sich rassistisch und macht uns das Leben extra schwer», sagt Herr Djitte niedergeschlagen. Manchmal wisse er nicht mehr weiter. Einmal habe die Familie Gäste zu Besuch gehabt, als sie die Geburt des jüngsten Sohnes feierten. Um mehr Platz in der Wohnung zu haben, wollten sie das Sofa für einige Stunden vom Wohnzimmer in die Waschküche stellen. Das habe den Nachbarn aber dermassen gestört, dass sie das Sofa nach draussen stellen mussten. Während der Feier habe es dann zu regnen begonnen, und das Sofa wurde klitschnass. Auch über das schreiende Baby beschwere sich der Nachbar permanent.
Wenigstens habe der Eigentümer grosses Verständnis für die Familie Djitte und ihnen sogar eine andere Wohnung im benachbarten Block angeboten. Nur leider sei die Raumaufteilung dieser Wohnung sehr ungünstig und deshalb keine Option.
«Manchmal würden meine Kinder gerne Kolleg*innen und Schulfreund*innen zu uns nach Hause einladen». Aber das gehe einfach nicht. Der Platz reiche einfach nicht aus und es gäbe keine Rückzugsmöglichkeiten. «Manchmal fühlen wir uns wie Gefangene», sagt Djitte und wirft seine Hände in die Luft.
Grosswohnungen lohnen sich nicht für Immobilienbesitzer*innen.
Angesichts der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt ist die seit Jahren vergebliche Wohnungssuche von Herrn Djitte wenig überraschend: Im Jahr 2025 gab es unter den 235 Leerwohnungen in der Stadt Zürich gerade mal neun 5‑Zimmerwohnungen und fünf 6‑Zimmerwohnungen. Gemäss Statistik waren diese Zahlen in den 2010er-Jahren immerhin doppelt bis dreifach so hoch.
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«Trendsetter ist die Immobilienwirtschaft, die sich am Massengeschäft orientiert», sagt Walter Angst vom Mieterinnen- und Mieterverband Zürich über die extrem geringe Anzahl an Grosswohnungen in der Stadt. Ihr Ziel sei es, Vermietungsrisiken zu minimieren. «In einem sehr angespannten Markt gibt es keinen Anreiz, Angebote für Armutsbetroffene und kinderreiche Familien zu realisieren.» Wenn Verwaltungen grössere Wohnungen vermieteten, würden diese an WGs – weil dann eine höhere Gesamtmiete möglich ist – oder sehr solvente Personen vermietet. «Ein Angebot an bezahlbaren Wohnungen für grosse Familien zu vernünftigen Preisen bietet nur die Stiftung für kinderreiche Familien an.»
Es seien zwar auch innovative Genossenschaften wie das Zollhaus, das Kraftwerk und die Kalkbreite, die Grosswohnungen realisieren, sagt Angst. Diese würden aber wenn dann nicht für kinderreiche Familien mit kleinem Einkommen, sondern für Gross-WGs gebaut.
Die Familie Djitte steht natürlich sowohl auf der Warteliste der Stiftung für kinderreiche Familien als auch auf der einer Genossenschaft. «500 Franken Mitgliederbeitrag habe ich bezahlt», sagt Ibrahima Djitte. Aber seit fünf Jahren habe er kein Angebot bekommen. Auch auf der Gemeinde Adliswil erkundigt sich der 66-jährige regelmässig. Doch dort heisse es jedes Mal, dass viele Leute auf eine der raren Grosswohnungen warteten und sie nichts für den sechsfachen Vater tun könnten.
Im Jahr 2025 gab es unter den 235
Leerwohnungen in Zürich gerade mal neun 5‑Zimmerwohnungen und fünf 6-
Zimmerwohnungen.
Aufgrund seiner Arbeitszeiten als Tellerwäscher kann Herr Djitte Besichtigungstermine oft nicht wahrnehmen und auch der Umstand, dass er nicht lesen kann, erschwert die Sucherei. Deshalb packen seine Frau, sein ältester Sohn oder Arbeitskolleg*innen mit an. Doch oft haben Angebote nur ein Zeitfenster von 24-Stunden, um eine Bewerbung einzureichen. Bis Herr Djitte Hilfe organisiert hat, ist die Frist häufig bereits abgelaufen.
Das Kafi Klick unterstützt seit über 15 Jahren bei der Arbeits- oder Wohnungssuche und bei administrativen Angelegenheiten jeglicher Art: Etwa bei Einsprachen gegen Entscheide der Sozialdienste oder bei Taggeldkürzungen der Arbeitslosenkasse. Das Kafi bietet niederschwellige Beratungen in mindestens fünf Sprachen an, öffnet jeden Nachmittag seine Türen und bietet neben dem Gratiszugang zu Computern, Kopierern und Internet auch einen Treffpunkt für Austausch, Vernetzung und nicht zuletzt einen geheizten Aufenthaltsraum und Kaffee.
Ob in Schlieren, Affoltern oder Schwerzenbach, für die Familie sei bloss wichtig, dass die 5.5- Zimmerwohnung in der Nähe seiner Arbeitsstelle sei, betont Djitte. Ihnen blieb nichts anderes übrig als weiter zu suchen und jede Möglichkeit beim Schopf zu packen. So wie dieses Interview hier: Wer von einer möglichen Wohnung wisse, solle sich doch bitte beim Kafi Klick melden, damit wäre der Grossfamilie sehr geholfen.
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