Jahr für Jahr Kamele und «Brownfacing» am Zürcher Sechseläuten

Am kommenden Montag findet in Zürich das Sech­se­läuten statt. Obwohl das Fest vermehrt für rassi­sti­sche und sexi­sti­sche Prak­tiken kriti­siert wird, lehnen die Zünfte Mass­nahmen wie einen Leit­faden gegen Diskri­mi­nie­rung weiterhin ab. 
Seit 1905 bis heute – hier der Kinderumzug von 1980: Die «Zunft zum Kämbel» zieht mit Kamelen und als rassistisch kritisierten Kostümen durch die Zürcher Innenstadt. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Die soge­nannte Bonzen­fas­nacht steht vor der Tür: das Sech­se­läuten. Zum Früh­lings­be­ginn ziehen Zünftler in histo­ri­schen Trachten zu Fuss, auf Pferden, in fest­li­chen Wagen oder sogar mit Kamelen am Zügel durch die Altstadt. Der Höhe­punkt des Tages: Pünkt­lich um 18:00 Uhr wird der Böögg verbrannt, um den Winter zu vertreiben.

Die Tradi­tion des bürger­li­chen Festes geht in die Neuzeit zurück: Nach der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion 1789 verloren die Zünfte in Zürich an poli­ti­scher Macht, blieben aber eng mit den städ­ti­schen Eliten verbunden. Um ihre Bedeu­tung weiterhin zu demon­strieren, machten sie in den 1810er-Jahren Umzüge, aus denen sich später das Sech­se­läuten entwickelte. Die histo­ri­sche Macht und der Reichtum der Zünfte lassen sich auch auf kolo­niale Verflech­tungen zurückführen.

Seit den ersten Umzügen hat sich das Fest sehr gewan­delt. Heute sitzen in den Zünften keine Hand­werks­mei­ster mehr. Statt­dessen zahlen die Zünftler teils mehrere hundert Franken für Mitglie­der­bei­träge, teure Eintritts­ge­schenke und kost­spie­lige Kostüme. 

Der Histo­riker Valentin Groebner beschreibt das Sech­se­läuten als «Reenact­ment einer Vergan­gen­heit, die es auf diese Weise nie gegeben hat» und verweist damit auf die insze­nierte Tradi­ti­ons­pflege des Anlasses. 

Seit 2024 ist soge­nanntes Brownfacing bei der «Zunft zum Kämbel» nicht mehr obli­ga­to­risch, sondern freiwillig.

Bis 1798 war es üblich, dass die ganze Familie, inklu­sive Ehefrauen und Töchter, Mitglied einer Zunft war. Obwohl es in der Vergan­gen­heit tatsäch­lich Zünft­le­rinnen gab, durften sie seit den 1950er-Jahren nicht mehr mitlaufen. Heute gestatten drei von 26 Zünften offi­ziell die Mitglied­schaft für Frauen – sofern sie die Tochter eines Zünft­lers sind. 

Immer wieder werden die Zünfte wegen rassi­sti­scher Prak­tiken kriti­siert. Die «Zunft zum Kämbel» die seit 1905 bis heute mit Kamelen am Umzug teil­nimmt, stand vermehrt wegen «Brownfacing» und kultu­reller Aneig­nung in der Kritik. Seit 2024 stellt die Zunft, zu der auch Roger Köppel gehört, ihren Mitglie­dern frei, ob sie sich schminken wollen oder nicht. Laut Zunft­mei­ster Chri­stian Bret­scher hängt diese Locke­rung der Vorschriften aber nicht mit der Rassismus-Kritik zusammen und habe keine «mora­li­schen Gründe».

Die Zünfte sehen indes keinen Hand­lungs­be­darf. Victor Rosser, Spre­cher des Zentral­ko­mi­tees der Zünfte Zürichs, sagt dazu: «Einen Leit­faden gegen Diskri­mi­nie­rung gibt es nicht, weil es nicht nötig ist. Dass wir Rassismus und Anti­se­mi­tismus ablehnen, ist selbstverständlich.»

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