Die Situation in den Schweizer Städten ist angespannt. Während unzählige Bürokomplexe leer stehen, vertreiben Rekordmieten massenhaft Menschen aus ihren angestammten Quartieren. Lokale Cafés weichen austauschbaren Ketten und die Zürcher Langstrasse scheint mittelfristig nur noch aus «Coop to gos» zu bestehen.
In der Bevölkerung stösst die Wohnungsnot und der mangelnde Schutz vor Verdrängung auf Widerstand, wie die für den 30. Mai 2026 angekündete Wohndemo in Zürich zeigt.
Gleichzeitig treiben der Kanton Zürich und die Gemeinden zahlreiche Projekte zur Standortförderung voran. Die Schlagworte lauten Innovation, Wohlstand und – passend zum Zeitgeist – Klima- und Artenschutz.
Ein genauer Blick auf einige aktuelle Prestigeprojekte im Kanton Zürich macht die Bruchlinien dieser Debatte sichtbar. Denn immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Für wen wird eigentlich aufgewertet?
Die Marina Tiefenbrunnen – wir ergreifen Partei für Bootsbesitzer*innen
Wer über Aufwertung im Kanton spricht, beginnt am besten in der Stadt Zürich. Ende März bewilligte der Zürcher Gemeinderat 8.9 Millionen Franken für ein neues Prestigeprojekt: die Marina Tiefenbrunnen am Zürichsee.
Die Marina soll den bisherigen Bootshafen ablösen: Rund fünfzehn Meter breit und einhundertfünfzig Meter lang soll sie Platz für 420 Boote bieten. Zudem sind ein Wassersportzentrum, eine Parkerweiterung und ein Stützpunkt der Wasserpolizei geplant. Wer am Ende des Monats jeden Franken zweimal umdrehen muss, hat wohl kaum das Kapital für einen Sonntagsausflug mit der eigenen Jacht – ein Hafen für Privatboote kommt der arbeitenden Bevölkerung ensprechend kaum zugute. Während sich das rechtsbürgerliche Lager von GLP bis SVP wenig überraschend geschlossen hinter das Projekt stellte, lieferte ausgerechnet die SP die entscheidende Mehrheit.
Ausgerechnet die SP lieferte die entscheidende Mehrheit.
Ob die Parole «Wir ergreifen Partei für Bootsbesitzer*innen» bei den nächsten Wahlen auf den tiefroten Plakaten zu sehen sein wird, bleibt offen – wahrscheinlich ist es nicht. Die SP argumentierte nämlich nicht mit dem Stadtbild (zu welchem die Boote laut der FDP dazugehören) sondern mit dem Gewässerschutz. Der Hafen sei für die Schnecken, Fische und Algen des Zürichsees entlastend, da die Bootsketten und Bojen, welche vom Hafen teilweise abgelöst werden sollen, dem Ökosystem am Seegrund schadeten. Laut einer Mitteilung der Grünen Partei wurde die Chance genau diesen Boden zu entlasten aber verpasst – statt den See grundsätzlich von Bojen zu befreien, ersetze die Marina nur einige Bojenplätze am linken Seeufer.
Der grundsätzlichen Frage, ob es wirklich nötig ist, einigen Superreichen den exklusiven Zugang zum Seeufer zu finanzieren, ging das Parlament trotz linker Mehrheit nicht nach.
Campingplatz Schützenweiher: Aufwertung statt bezahlbarer Erholungsraum
Der Aufwertungsdrang greift bis in die Freizeit der Winterthurer Bevölkerung – sichtbar am Naherholungsgebiet Rosenberg am Schützenweiher. Die Stadt plant dort eine umfassende Sanierung und ökologische Aufwertung des Areals. Dabei soll es auch dem nahegelegenen Wagenplatz Frostschutz an den Kragen gehen.
Die Alternative Liste Winterthur (AL) kritisiert das Projekt. Sie zeigt sich besorgt über die geplante Übernahme durch den Touring Club Schweiz (TCS) und die umfangreichen Investitionen von insgesamt 8.4 Millionen Franken. Statt den bestehenden, einfachen Campingplatz für die breite Bevölkerung zu erhalten, drohe hier die Umsetzung eines «Luxuscampingplatzes» – ein weiteres Puzzleteil einer Stadtentwicklung, die Ästhetik und Prestigewert über die sozialen Bedürfnisse der Einwohner*innen stellt.
Die AL ergriff im letzten Sommer zusammen mit der IG Camping ein Doppelreferendum gegen das städtische Vorhaben. Mit der «Luxussanierung des Campingplatz Rosenberg» würden laut Initiativkomitee circa 60 bis 70 Bewohner*innen vom Camping Rosenberg und dem Wagenplatz Frostschutz ihren Wohnsitz verlieren. Am 14. Juni 2026 wird in Winterthur über die Vorlage abgestimmt.
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SKKG: Stiftung für Kunst, Kultur und Kündigung
Wer in den Quartieren wohnen darf, entscheiden in Winterthur vermehrt grosse Immobilienfirmen wie etwa die Terresta AG, eine Tochterfirma der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG).
Wie Vertreibung konkret aussieht, erlebten die Menschen an der Winterthurer Zypressenstrasse. Dort hat die Terresta drei Wohnhäuser aus den 1950er-Jahren abreissen lassen, um Platz für einen Neubau zu machen. Für die Mieter*innen bedeutete das die Kündigung und den plötzlichen Verlust ihrer Wohnungen.
Wer in den Quartieren wohnen darf, entscheiden in Winterthur vermehrt grosse Immobilienfirmen.
Im Quartier Wülflingen verfolgt das Unternehmen nun eine andere Strategie. In einer riesigen Siedlung saniert die Terresta derzeit 368 Wohnungen auf einmal. Nach aussen wird das Projekt als soziales und ökologisches «Experiment» präsentiert. Die Firma will laut eigenen Angaben auf teuren Luxus verzichten und die kommende Mietzinserhöhungen staffeln, damit die Menschen nicht sofort ausziehen müssen.
Währenddessen müssen die Betroffenen zittern: Noch ist unklar, wie hoch die Mieten nach dem Umbau angesetzt werden, laut Terresta lässt sich das derzeit nicht absehen.
«New Zurich»: Eine bürgerliche Utopie im Glatttal
Die Ambitionen enden nicht an den Stadtgrenzen. Unter dem Titel «New Zurich» streben 14 Gemeinden der Flughafenregion einen Zusammenschluss zur Grossstadt an. So titelte die NZZ am Sonntag Mitte März: «New Zurich – Flughafenregion will zur globalen Metropole werden». Neben Gemeinden wie Dübendorf, die schon heute mit herzlosen Glasfassaden zugestellt werden, sollen auch Dörfer wie Bachenbülach oder Nürensdorf Teil des neuen Zürichs sein.
Derzeit hat das Projekt weder Hand noch Fuss. Es handelt sich lediglich um den Entwurf eines Strategiepapiers – von ihrer angeblichen Teilnahme am Projekt erfuhren einige Gemeinden erst durch die Medien. Im Sommer sollen mehr Informationen zum Projekt folgen.
«New Zurich» ist in erster Linie ein Projekt zur Wirtschaftsförderung
Gründe zur Ablehnung von «New Zurich» gibt es aber schon heute genug. So wird das Projekt aktuell primär von führenden Politikern der SVP öffentlich unterstützt – «New Zurich» soll ein Gegengewicht zur «links-grünen» Stadt Zürich sein. In der NZZ am Sonntag erzählte ein SVP-Funktionär vom «Lebensgefühl» der bürgerlich dominierten Agglomeration: Sie sei ein Ort, an dem man mit dem Auto noch mit 50 Sachen über die Strassen brettern darf und anschliessend sogar ein Parkplätzen dafür findet. Also quasi die Utopie.
Aber: «New Zurich» ist nicht nur ein bürgerlicher Gegenentwurf zum vermeintlich linken Zürich sondern in erster Linie ein Projekt zur Wirtschaftsförderung. Es geht nicht darum, einer von der Stadt Zürich losgelösten Identität und Kultur Platz zu geben – es handelt sich um eine Marketingaktion zur Standortförderung. Eine solche Standortförderung verbunden mit der Schaffung einer neuen schweizerischen Metropole manifestiert sich nicht durch die Vorzüge der Urbanisierung wie etwa öffentlicher Verkehr, Kultureinrichtungen, Nachtleben oder Anonymität, sondern einzig in der Ansiedlung von Unternehmen und kaufkräftigen Einzelpersonen.
So stammt das Konzept aus den Kreisen des Wirtschaftsnetzwerk Flughafenregion Zürich (FRZ) – eine Organisation die die Ansiedlung von Firmen in der Region anstrebt.
Ob die massive Ansiedlung von multinationalen Konzernen und deren gutverdienenden Belegschaft der lokalen Bevölkerung tatsächlich nützt, ist fraglich. Stadtzürcher*innen würden das wohl spätestens nach der Google-Ansiedlung verneinen.
Wer nicht zahlen kann, muss gehen
Die Marina, «New Zurich» oder Luxuscampingplatz – so unterschiedlich die Projekte wirken, so ähnlich ist ihr Motiv: Städtische «Problemzonen» sollen bereinigt, reiches Klientel angelockt und die Wirtschaft gefördert werden – im besten Fall mit grünem Anstrich und sozialen Floskeln.
Wenn Wohnen zum Luxusgut wird und Menschen ihr Zuhause verlieren, tun Behörden und Parteien gerne so, als wäre das ein unaufhaltsames Naturgesetz. Doch das stimmt nicht. Mieten steigen nicht, sie werden erhöht.
Klar ist: Wenn die neuen Häfen, Parks und Promenaden fertiggestellt sind, wird sich an ihren Preisschildern zeigen, wer in diesem Kanton mitgedacht wird – und wer gehen muss.
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