NATO-Gipfel in Ankara: Neue Strassen für die Staats­gäste, harte Repres­sion für die Bevölkerung

Für den ersten NATO-Gipfel in der Türkei seit 22 Jahren verwan­delt die Regie­rung Erdogan die Haupt­stadt Ankara in ein offenes Gefängnis. 
Entlang der blockierten Hauptverkehrsachsen wird die Stadt für die Bevölkerung unpassierbar, während meterhohe Zäune und Sichtschutzwände dafür sorgen, dass auch die alten Häuser dahinter für die mächtigen Gäste unsichtbar bleiben. (Bild: Özkan Öztaş / Haber Sol)

Neu asphal­tierte Strassen, grosse Bauzäune und seit Jahren defekte Spring­brunnen, die pünkt­lich für Emma­nuel Macrons morgend­liche Lauf­runde repa­riert sind: Beim NATO-Gipfel in Ankara dreht sich vieles um das Bild nach aussen. Während NATO-Gene­ral­se­kretär Mark Rutte in der gemein­samen Abschluss­erklä­rung des Gipfels die Stärke der Zusam­men­ar­beit beschwört, lässt sich kaum behaupten, dass die USA oder die euro­päi­schen Mitglied­staaten die NATO noch in ihrer früheren stra­te­gi­schen Bedeu­tung verstehen.

Die Risse im Bündnis treten bei den Auftritten der Staa­ten­lenker offen zutage: Donald Trump meldet zum wieder­holten Mal einen Anspruch der USA auf Grön­land an und erteilt Handels­be­zie­hungen mit Spanien eine Absage. Der grie­chi­sche Mini­ster­prä­si­dent Mitso­takis warnt vor Span­nungen durch die Liefe­rung stra­te­gi­scher Waffen an die Türkei. Andere euro­päi­sche Staats- und Regierungschef*innen betonen derweil die Notwen­dig­keit, die Sicher­heits­po­litik inner­halb der EU auszu­bauen. Während sich die globale Ordnung verän­dert, treten flexible, themen­spe­zi­fi­sche Koope­ra­tionen an die Stelle stabiler Allianzen.

Für die türki­sche Regie­rung unter Präsi­dent Erdogan ist der erste Gipfel im Land seit 22 Jahren primär eine Bühne, um sich mili­tä­risch leistungs­fähig und wirt­schaft­lich stabil zu präsen­tieren. Um dieses Bild zu wahren wird auch die Armut in der Stadt wegzen­siert: Entlang der Haupt­ver­kehrs­achsen verdecken grosse Bauzäune und Sicht­schutz­wände die Fassaden alter Häuser vor den Augen der NATO-Gäste.

Im Zuge mona­te­langer Vorbe­rei­tungen wird Ankara zu einem offenen Gefängnis. Im Rahmen der Sicher­heits­mass­nahmen kontrol­lierte die Polizei seit April rund 1,5 Millionen Menschen; mehr als 4’000 von ihnen wurden fest­ge­nommen. Zwischen dem 28. Juni und dem 10. Juli sind alle Demon­stra­tionen verboten, zudem wurden über 10’000 Staats­an­ge­stellte für eine Woche beur­laubt, um ihren Aufent­halt in der Stadt zu verhin­dern. Parallel dazu trifft eine grosse Verhaf­tungs­welle die NATO-kriti­sche Oppo­si­tion: Allein am 26. Juni werden 103 Personen inhaf­tiert, darunter Journalist*innen, Anwält*innen und Akademiker*innen. In den Folge­tagen nimmt die Polizei bei Prote­sten Hunderte weitere Menschen fest.

Was bleibt von diesem Gipfel, der mona­te­lange Vorbe­rei­tungen, verschärfte Repres­sionen und Kosten in Millio­nen­höhe verur­sachte? Die Aussicht auf noch mehr Krieg, noch mehr Armut und noch mehr Ausbeu­tung. Doch nicht für die Staats- und Regierungschef*innen, die sich in Ankara trafen – sondern für die Unter­drückten dieser Welt, deren Häuser hinter Sicht­schutz­wänden verschwinden mussten.

Ähnliche Artikel