Mit dem Einmarsch von Russland in die Ukraine rief der damalige SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz eine «Zeitenwende» aus. Seither werden europaweit Budgets für Militär und Nachrichtendienste aufgestockt, während im Sozialbereich gekürzt wird. Zu den grössten Profiteurinnen dieser Entwicklung zählt der Waffenhersteller Rheinmetall AG.
Oliver Dürr, ehemaliger CEO der Schweizer Rheinmetall Air Defence, meinte zu Beginn des Krieges im SRF: «Ja, für das Geschäft ist es eine glückliche Lage.»
Ein Blick in die Geschäftsbücher des Konzerns bestätigt dies: Wer kurz vor dem russischen Angriff 2022 Rheinmetall-Aktien kaufte, konnte diese zeitweise um rund das Sechzehnfache des anfänglichen Werts veräussern. Die vertraglich zugesicherten Aufträge stiegen von 24,5 Milliarden Euro Ende 2021 auf 80,5 Milliarden Mitte 2026. Rheinmetall-CEO Armin Papperger erwartet dieses Jahr einen weiteren Anstieg auf über 100 Milliarden Euro.
Für die Rüstungsindustrie bedeuten anhaltende Kriege vor allem eines: steigende Umsätze und Renditen für Aktionär*innen.
Vom NS-Rüstungskonzern zum globalen Waffenexporteur
Die Rolle von Rheinmetall als milliardenschwerer Rüstungskonzern hat eine blutige Vorgeschichte. Während des Zweiten Weltkriegs verwaltete die damalige Rheinmetall-Borsig AG mehrere KZ-Aussenlager, in denen KZ-Häftlinge sowie Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten mussten. Zudem übernahm der Waffenhersteller die Trägerschaft einer «Ausländerkinder-Pflegestätte» – Einrichtungen, in denen Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen durch Mangelernährung und Vernachlässigung gezielt ermordet wurden.
Der historische Rückblick auf der Website von Rheinmetall thematisiert primär bürokratische Hürden bei der Rüstungsproduktion, die es dem Konzern erschwerten, effizienter Waffen an die Nazis zu liefern. Damit verdeutlicht der Waffenhersteller exemplarisch den Umgang der deutschen Grossindustrie mit dem dunkelsten Kapitel der eigenen Geschichte. Die Zwangsarbeit wird mit der Geschichte eines Häftlings verharmlost, der scheinbar nebenbei seiner Passion folgte und Bilder von französischen Mitgefangenen, deutschen Arbeitern und ihren Kindern malte. Die systematische Gewalt und Unterernährung, die den Alltag der Zwangsarbeiter*innen prägten, bleiben unerwähnt.
Heute beliefert Rheinmetall dank eines Netzwerks von Tochtergesellschaften im Ausland auch Staaten, deren Belieferung direkt aus Deutschland rechtlich eingeschränkt ist. So gelangten Kriegsmaterialien der Rheinmetall AG unter anderem in den Jemen, wo Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate damit einen langjährigen Krieg mit schweren Menschenrechtsverletzungen führen.
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Schweizer Verflechtungen
Auch in der Schweiz ist der Konzern fest verankert. In Zürich-Oerlikon befindet sich der Sitz der Rheinmetall Air Defence AG. Trotz internationaler Schlagzeilen – wie dem Eintrag der indischen Tochtergesellschaft auf einer schwarzen Liste wegen mutmasslicher Bestechung im Jahr 2012 – wächst der Standort. Aktuell schafft Rheinmetall nur in Oerlikon bis zu 60 neue Stellen im Monat, vor allem für die Entwicklung von Drohnenabwehrsystemen.
Die mediale Präsenz nutzt die Konzernspitze gezielt: Regelmässig pochte der ehemalige CEO der Rheinmetall Air Defence Oliver Dürr auf die Lockerung des Schweizer Kriegsmaterialgesetzes. Die angestrebte Gesetzesänderung soll den Export von Kriegsmaterial an NATO- und NATO-nahe Staaten auch im Kriegsfall ermöglichen. Sollte die vom Parlament beschlossene Lockerung vom Volk abgelehnt werden, droht Dürr mit der Abwanderung des Unternehmens.
Doch nicht nur in der Politik mischt Rheinmetall mit. Die Pensionskasse für die Angestellten von Rheinmetall gehört zu den zehn grössten Playern auf dem Zürcher Wohnungsmarkt und besitzt 90’000 Quadratmeter Zürcher Wohnungsfläche, wie eine Grundbuchrecherche von tsüri.ch aufdeckte.
Widerstand gegen die Kriegsindustrie
Als Reaktion auf den Einsatz deutscher Panzer bei der türkischen Offensive 2018 im kurdischen Afrin gründete sich das Bündnis Rheinmetall Entwaffnen, das breite Teile der Friedensbewegung und der radikalen Linken in Deutschland vereint. Regelmässig organisiert das Bündnis Camps, Demonstrationen und Aktionen gegen Rheinmetall, die Bundeswehr und weitere Treiber der Militarisierung. Auch dieses Jahr trafen sich Anfang September am Fusse des Fernsehturms in der Kölner Innenstadt rund tausend Menschen zu einem einwöchigen Widerstandscamp.
Von Kundgebungen bis hin zu Blockaden und Farbanschlägen: Immer wieder fanden aus dem Camp heraus Aktionen statt. Parallel gab es Workshops und Diskussionsrunden zu Strategien und Perspektiven einer antikapitalistischen Bewegung.
«Wir sind bereit für eine andere Welt zu kämpfen. Gegen Krieg und für den Frieden.»
Aktivistin von Rheinmetall Entwaffnen
Am letzten Tag des Camps versammelten sich 2’000 Menschen vor dem Kölner Dom zu einer Abschlussdemonstration, begleitet von einem repressiven Polizeieinsatz. Bereits auf der Anreise zur Demonstration kesselte die Polizei rund 80 Menschen ein, um sie nach Vermummungsmaterial zu durchsuchen.
Der Demonstrationszug wurde eng von Polizeikräften in Vollmontur begleitet; immer wieder schlugen diese mit Fäusten auf die Menschenmenge und Zuschauende ein. Schliesslich kesselte die Polizei einen Teil der Demonstrierenden für mehr als sechs Stunden ein. Das Sanitätsteam berichtete später von 227 Einsatzbehandlungen – 22 Personen mussten zur weiteren Versorgung an Spitäler oder Ärzt*innen verwiesen werden.
Trotz langsam erstarkender Friedensbewegung bleiben die Profitraten von Rheinmetall unangetastet. Das Geschäft mit dem Tod floriert. Eine Aktivistin vor Ort meint: «Die antimilitaristische Bewegung geht gestärkt und geeint aus dieser Aktionswoche hervor. Wir sind bereit, für eine andere Welt zu kämpfen – gegen Krieg und für den Frieden.»
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