Die Neutralität zementieren, wollen die Schöpfer:innen der Initiative. Sie fordern eine «immerwährende und bewaffnete» Neutralität: ohne Militärbündnisse, ohne Sanktionen gegen kriegsführende Staaten und stattdessen mit einer starken eigenen Armee.
Das Umfeld von Pro Schweiz und SVP – einmal mehr unter der Ägide von Christoph Blocher – rief die Initiative im Oktober 2022 ins Leben. Sie lancierten sie kurz nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, also in jenem Moment, in dem der alte Schweizer Balanceakt – Teil des westlichen Blocks bei Wahrung relativer Autonomie – ins Wanken geriet.
Die Initiant:innen sagen: Die Schweiz solle sich raushalten, Frieden stiften und politische Abhängigkeiten vermeiden. Neutralität als Schutzschirm über einem kleinen Land, das doch nur in Ruhe gelassen werden möchte. Etwas provinziell vielleicht, aber im Grunde sympathisch – solange man nicht fragt, welche harten Interessen dahinterstehen. In Wahrheit kämpft die SVP mit der Initiative gegen jene geopolitischen Bindungen, welche ihre Bewegungsfreiheit einschränken könnten. Sanktionen gegen Russland, engere sicherheitspolitische Kooperation mit der EU oder NATO-kompatible Rüstungsprojekte erscheinen ihr problematisch. Nicht jedoch, weil sie Ausdruck imperialer Blockpolitik sind, sondern weil sie den Schweizer Standort in eine bestimmte Richtung verpflichten.
Eine Verteidigung des Geschäftsmodells Schweiz
Die SVP möchte binnenorientiertes Kapital, wie die Landwirtschaft, Baugewerbe KMU-nahe Banken und Importeure vor ausländischer Konkurrenz schützen und schlägt eine Brücke zu den exportorientierten Fraktionen wie Blochers EMS-Chemie. Diese sind zwar auch auf EU-Märkte angewiesen, aber erleben jede Bindung an EU-Recht und ‑Sanktionsregime als Bedrohung ihrer regulatorischen Autonomie.
Im Kern ist die Neutralitätsinitiative die konservative Verteidigung des Geschäftsmodells Schweiz: Mit allen reden, handeln und vermitteln. Gleichzeitig Kapital anziehen, Märkte offenhalten und sich nur dort festlegen, wo es unvermeidbar ist. Freihandel ohne Bomben – oder genauer: Freihandel, während andere die Bomben werfen.
Für die Nein-Fraktion muss die Neutralität mit sicherheitspolitischer Westbindung vereinbar bleiben
Die SVP hat begriffen, dass Neutralität sich lohnt – zumindest historisch. Sie erlaubte ein Lavieren zwischen den Mächten, ohne sich aus deren Ordnung herauszulösen. Neutralität war nie die Aussenpolitik einer unschuldigen Alpenrepublik, sondern die geschickte Strategie eines Kleinstaats, der vom Weltmarkt leben will, ohne die politischen Kosten dieser Ordnung zu tragen.
Der Neutralitätsinitiative entgegen stellen sich Bundesrat, bürgerliche Mitte, die grössten Teile der Exportwirtschaft, die SP – eigentlich alle anderen. Sie wollen die Neutralität flexibler halten. Hinter dem Nein stehen jene Kapitalfraktionen, deren Geschäfte auf offene Märkte, verlässliche Lieferketten, regulatorische Kompatibilität und gesicherte Beziehungen zur EU und den USA angewiesen sind. Organisiert über Verbände wie Economiesuisse, Swissmem oder Interpharma stellen sich die Exportindustrie, Maschinen‑, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Branche), Pharmakonzerne und grosse Teile des Finanzplatzes gegen die Initiative.
Für die Nein-Fraktion muss die Neutralität mit Sanktionen, europäischer Kooperation und sicherheitspolitischer Westbindung vereinbar bleiben – auch hier nicht aus Prinzip, sondern weil sie ökonomisch davon profitieren. Besonders deutlich wird das bei der Rüstungsindustrie. Für Teile der kriselnden MEM-Branche ist die kriegsgetriebene «Zeitenwende» weniger Bedrohung als industriepolitische Chance: Die Aufrüstung mit gelockerten Regeln für Kriegsmaterialexporte und NATO-kompatiblen Standards versprechen Nachfrage, Planungssicherheit und neue Absatzmärkte.
Die SP liefert dieser Standortpolitik die moralische Begleitmusik. Sie nennt die Vorlage eine «Pro-Putin-Initiative». Sie würde «die Schweiz faktisch ins Lager (…) von Putin» rücken und «gleichzeitig gegen unsere wichtigste Partnerin, die EU, positionieren». Das habe «nichts mit echter Neutralität zu tun». Westbindung wird zur Verantwortung umgedeutet, linke Kritik wird zur moralischen Übersetzung eines integrationsorientierten Standortprojekts.
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Das Nein zur Initiative ist nicht automatisch links. Es ist die Position jener, die dem Schweizer Kapitalismus unter veränderten Weltmarktbedingungen und geopolitischen Umbrüchen neue Sicherheiten in Marktzugängen und Rüstungsfähigkeit verschaffen wollen.
Daran ändert auch das jüngste Manöver des Nein-Lagers nichts. In der WOZ lancierten unter anderem GSoA und SP-Spitze einen gemeinsamen Aufruf, der dem Nein einen pazifistischen Anstrich verpassen sollte — offenbar wollte man die Friedensposition nicht allein der SVP überlassen und so noch ein paar Nato-kritische Stimmen von links einsammeln. An der Position der SP zu Sanktionen, EU-Kooperation und Aufrüstung hat sich damit materiell nichts verändert. Wie sehr beide Lager es auch beteuern: Weder der SVP noch der SP geht es um den Frieden.
Neutralität war schon immer opportunistisch
Dass heute um die «richtige» Schweizer Neutralität gestritten wird, ist nichts Neues. Wiederholt und gerade in Umbruchphasen wird neu ausgehandelt, wem die Neutralität dienen soll. Ihre Wandelbarkeit ist kein Widerspruch, sondern der Kern ihres Erfolgs. Pointierter gesagt: Die Neutralität war immer schon opportunistisch. Bereits in ihrer Entstehungsgeschichte verbindet sie sich mit Krieg, Kapital und Weltmarkt. Die Schweiz verzichtete auf Grossmachtpolitik, aber lieferte Söldner:innen. Sie handelte, vermittelte und profitierte. Die Schweiz wurde Finanzplatz, Rohstoffdrehscheibe, Steueroase und diskrete Dienstleisterin einer globalen Ordnung, deren Gewalt meistens anderswo spürbar wurde. Das schweizerische Erfolgsmodell bestand nie im Abseitsstehen, sondern im stillen Dabeisein.
Neutralität ist kein Wert, sie ist Staatsräson. Jean Ziegler hat diese Rolle als «sekundären Imperialismus» beschrieben: Die Schweiz übernimmt Funktionen innerhalb der imperialen Weltordnung. Sie verwaltet Kapital, schützt Vermögen, stellt Infrastruktur bereit, bietet Diskretion, organisiert Handel und vermittelt Konflikte. Die Grossmächte dulden diese Rolle nicht trotz, sondern wegen ihres Nutzens. Doch sobald die Weltordnung, von der sie lebt, instabil wird, gerät auch diese Rolle unter Druck.
So wie heute. Sanktionsregimes, Blockbildung und Aufrüstung verkleinern die Zwischenräume, in denen das Schweizer Modell gedeihen konnte. Die einen wollen diese Zwischenräume konservieren. Die anderen wollen die Integration in den westlichen Block vertiefen.
Das rechte Lager möchte das Schweizer Modell zementieren und erhält dabei Unterstützung linker Minderheiten. Statt einer nationalkonservative Freihandelsstrategie mit humanitärem Anstrich, sehen sie in der Neutralitätsinitiative eine antiimperialistische Friedenspolitik.
Linke auf Irrwegen
Mitunterzeichnende aus dem Umfeld der Partei der Arbeit (PdA) und Friedensbewegung berufen sich auf die angeblich ursprünglich pazifistische Funktion der Schweizer Neutralität – eine ebenso erfundene Tradition wie das «neutral seit Marignano» der SVP, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Sie erklären das NATO-Fernbleiben zum «wichtigsten Beitrag zum Weltfrieden». Anders als der SVP geht es ihnen tatsächlich um den Frieden – nur beruht ihre Position auf einer falschen Vorstellung vom Wesen des bürgerlichen Staates und der Funktion der Neutralität. Der fehlende Klassenstandpunkt wird durch Identifikation mit dem eigenen, möglichst neutralen Staat ersetzt.
Jenseits der beiden Abstimmungslager ist ein weiterer Standpunkt zu finden: Eine dritte Position verlangt nicht, die Schweiz müsse neutraler werden – auch nicht, sie müsse sich an die Seite des imperialen Europas stellen. Diese Position wurzelt in der Einsicht, dass es über die Aussenpolitik des bürgerlichen Nationalstaats nichts zu gewinnen gibt.
Die Neutralität macht die Schweiz moralisch grösser und ökonomisch kleiner, als sie ist.
Der Staat ist kein neutrales Instrument, das wahlweise für Frieden, Menschenrechte oder internationale Solidarität eingesetzt werden kann. Er organisiert die Bedingungen kapitalistischer Geschäfte auf seinem Territorium. Er schützt Eigentum, Standort, Währung, Unternehmen, Handelswege, Finanzplatz, Rohstoffgeschäfte, Exportindustrien und diplomatische Spielräume.
Neutralität ist eine besonders erfolgreiche Form dieser Politik – und liefert die Ideologie gleich mit, indem sie Interessen hinter Zurückhaltung, Wunsch nach Frieden oder moralischer Verantwortung versteckt. Sie verwandelt Opportunismus in Weisheit, Taktieren in Friedensliebe, Geschäft in Vermittlung. Sie macht die Schweiz moralisch grösser und ökonomisch kleiner, als sie ist.
Wer Antiimperialismus will, sollte nicht der SVP hinterherlaufen. Wer Frieden will, sollte sich nicht an die Neutralität klammern. Am 27. September wird darüber abgestimmt, welchen Weg der Schweizer Kapitalismus in der kommenden Weltordnung gehen soll: nationalkonservative Blockfreiheit oder flexible Westbindung. Frieden und Sicherheit stehen nicht zur Wahl, sie stehen nur auf den Plakaten. Die dritte Position ist jenseits des Stimmzettels zu suchen.
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