Man kann heute kaum etwas tun, ohne sich mit anderen zu messen.
In der Schule sind es die Noten, im Job die Karriere und das Einkommen. Sogar das Privatleben bleibt nicht verschont: Der eigene Körper, der Beziehungsstatus und die Selbstdarstellung auf Social Media sind zum Dauervergleich geworden. Dass uns das belastet, ist kein Geheimnis.
Dennoch gilt diese permanente Messerei als normal. Wir stellen die Massstäbe selten infrage, sondern richten uns nach ihnen. Wir versuchen mitzuhalten, bloss nicht abzufallen und vor allem: zu bestehen. So wird das Leben Schritt für Schritt zur Bewährungsprobe.
Nicht alle können gewinnen
Wir wollen uns ständig beweisen, was daran liegt, wie Erfolg in unserer Gesellschaft organisiert ist. Menschen stehen nicht einfach nebeneinander; das System setzt sie in direkte Konkurrenz zueinander. Dieser Wettbewerb entscheidet darüber, wer oben landet – und wer leer ausgeht. Damit ist der Mangel bereits eingebaut: Ausbildungsplätze, gut bezahlte Jobs und Aufstiegschancen sind knapp. Dass nicht alle sie bekommen können, ist gewollt.
Entgegen der verbreiteten Vorstellung steht die eigene Leistung oft in keinem direkten Verhältnis zum Erreichten. Leistung spielt dort eine Rolle, wo sie in Rankings einfliesst, auf die wir keinen Einfluss haben. Das Perfide dabei: Die Gesellschaft stellt den Vergleich mit uns an; wir wählen ihn nicht selbst.
Ob man als Gewinner*in hervorgeht, entscheidet sich allein im Verhältnis zu anderen.
Obwohl das System Verlierer*innen braucht, begreifen viele den Zwang zur Konkurrenz als persönliche Chance.
Dabei werden massenhaft Verlierer*innen produziert, die später die harten, schlecht bezahlten Arbeiten erledigen. Das ist kein individuelles Versagen. Es ist die logische Folge eines Systems, das nicht die Bedürfnisse aller befriedigt, sondern alles dem Wachstum und der Vermehrung von Geld unterwirft.
Obwohl das System Verlierer*innen braucht, begreifen viele den Zwang zur Konkurrenz als persönliche Chance. Bleiben die eigenen Träume auf der Strecke, suchen wir die Schuld selten beim Wettbewerb selbst. Wir halten an der Vorstellung fest, wir hätten einen Anspruch auf Erfolg, den wir nur noch einlösen müssten. Der Fokus verschiebt sich – weg von gesellschaftlichen Zwängen, hin zur eigenen Person. Wir machen uns plötzlich selbst für unser Fortkommen verantwortlich. Diese vermeintliche Eigenverantwortung verklären wir zum Kern unserer Identität.
Globaler Rechtsruck, beissender Spätkapitalismus und die wachsende Macht der Milliardäre: Wir widmen uns den brennenden Themen unserer Zeit.
Aber nur mit deiner Hilfe.
Misserfolg führt dann zu einer Verzweiflung, die das gesamte Selbstbild erschüttert. Um dieses Bild zu retten, wird die Freizeit zur Ausweicharena. Der Ausgleich wird zum Ort, an dem wir das angeknackste Verhältnis zu Erfolg und Niederlage reparieren wollen. Der eigene Körper oder Social Media werden zu neuen Schlachtfeldern der Bewährung.
Wir schaffen also eigentlich keine wirklichen Rückzugsorte, sondern versuchen nur, das Urteil der Konkurrenz an anderer Stelle zu korrigieren.
Einmal Alpha sein
Eine dieser Ausweicharenen ist das Gym, also das Fitnessstudio. Hier lässt sich der eigene Körper bearbeiten, vermessen und schliesslich präsentieren. Wer den gesellschaftlich Stempel «Verlierer*in» aufgedrückt bekommt, kann hier aufatmen. Denn nun geht es nicht mehr um den lückenlosen perfekten Lebenslauf, sondern darum, den eigenen Körper sichtbar zu formen und die dafür aufgebrachte Anstrengung anerkennen zu lassen.
Gepaart mit der Kultur der «Gym Bros» wird der Gang ins Fitnessstudio zur Polierung der Persönlichkeit. Wer viel Gewicht stemmt und Disziplin zeigt, gilt als jemand, der «durchzieht». Wer im Job nur noch herumgeschubst wird, holt sich im Gym das Gefühl zurück, wenigstens über den eigenen Körper Chef zu sein. Die Zeiten, in denen ein einziges Einkommen reichte, um eine Familie sicher zu versorgen, sind für viele vorbei. Die klassische Rolle des männlichen Allein-Versorgers wankt.
So reizvoll diese Selbstoptimierung auch wirken mag, gut tut sie den wenigsten.
Diese Verunsicherung wird im Gym kompensiert – es wird zur modernen Identitätskrücke. Stärke und Disziplin sind hier eine Währung, die den Mangel an echter gesellschaftlicher Macht ersetzt. In dieser Arena unterliegt scheinbar noch alles der eigenen Kontrolle.
Ähnlich funktioniert die Selbstdarstellung im Netz. Auf Instagram oder TikTok wird das Leben so gefiltert, dass es möglichst beneidenswert wirkt. Likes und Follower liefern oft schnellere Bestätigung als eine Gehaltserhöhung. Es ist der digitale Beweis, dass man «etwas ist».
So reizvoll diese Formen der Bewährung auch wirken mögen, gut tun sie den wenigsten. Im Kern handelt es sich um Anpassungsleistungen, die Individuen in dieser Gesellschaft deshalb erbringen, weil sie mit ihrer eigenen ausweglosen Ohnmacht konfrontiert sind. Die Ersatzarenen dienen vor allem dazu, sich mental so zu trimmen, dass man am nächsten Morgen wieder im Büro oder im Hörsaal funktioniert. Zudem sind sie tückisch: Ersatzarenen spenden dann Trost, wenn man in ihnen Erfolg hat.
Wer im Gym stagniert oder online keine Likes bekommt, erlebt, wie sich auch diese Räume gegen einen wenden. Die dringend benötigte Bestätigung im kapitalistischen Konkurrenzsystem kippt in Selbstzweifel. Was als Ausgleich gedacht war, frisst sich ins Selbstbild hinein – bis hin zu Depressionen, wenn das Urteil der Leistungshierarchie schliesslich das gesamte Sein erfasst.
Gegen das Diktat von Wachstum
Der Konkurrenz können wir uns im Alltag kaum entziehen. Sie ist eine praktische Notwendigkeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ihre Massstäbe auch theoretisch übernehmen müssen. Nur weil wir gezwungen sind, uns zu behaupten, definieren Erfolg oder Misserfolg nicht unseren Wert als Mensch.
Wer aufhört, sich selbst über diese Massstäbe zu definieren, gewinnt Einsicht darin, was hier eigentlich passiert. Statt uns permanent zu fragen, ob wir «genug» sind, sollten wir uns fragen, warum wir uns mit einer Gesellschaft abfinden, die Menschen in Gewinner*innen und Verlierer*innen sortiert und alles dem Diktat von Geld und Wachstum unterwirft.
Gerade diejenigen, die in dieser Hierarchie unten stehen – die Arbeiter*innen –, produzieren den gesamten gesellschaftlichen Reichtum. Sie hätten die Macht, den Nutzniesser*innen der Konkurrenz einen Strich durch die Rechnung zu machen. Indem sie die Arbeit kollektiv niederlegen und das System infrage stellen.
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