Pumpen gegen die poli­ti­sche Ohnmacht

Wer im Beruf oder Studium nicht besteht, sucht sich neue Felder der Bewäh­rung. Das Fitness­studio wird zur Ausweich­arena, in der Diszi­plin den Mangel an echter Macht ersetzen soll. 
Obwohl das System Verlierer*innen braucht, begreifen viele den Zwang zur Konkurrenz als persönliche Chance. Bleiben die eigenen Träume auf der Strecke, suchen wir die Schuld selten beim Wettbewerb selbst. (Bild: Alain Scherzmann)


Man kann heute kaum etwas tun, ohne sich mit anderen zu messen. 

In der Schule sind es die Noten, im Job die Karriere und das Einkommen. Sogar das Privat­leben bleibt nicht verschont: Der eigene Körper, der Bezie­hungs­status und die Selbst­dar­stel­lung auf Social Media sind zum Dauer­ver­gleich geworden. Dass uns das bela­stet, ist kein Geheimnis.

Dennoch gilt diese perma­nente Messerei als normal. Wir stellen die Mass­stäbe selten infrage, sondern richten uns nach ihnen. Wir versu­chen mitzu­halten, bloss nicht abzu­fallen und vor allem: zu bestehen. So wird das Leben Schritt für Schritt zur Bewährungsprobe.

Nicht alle können gewinnen

Wir wollen uns ständig beweisen, was daran liegt, wie Erfolg in unserer Gesell­schaft orga­ni­siert ist. Menschen stehen nicht einfach neben­ein­ander; das System setzt sie in direkte Konkur­renz zuein­ander. Dieser Wett­be­werb entscheidet darüber, wer oben landet – und wer leer ausgeht. Damit ist der Mangel bereits einge­baut: Ausbil­dungs­plätze, gut bezahlte Jobs und Aufstiegs­chancen sind knapp. Dass nicht alle sie bekommen können, ist gewollt.

Entgegen der verbrei­teten Vorstel­lung steht die eigene Leistung oft in keinem direkten Verhältnis zum Erreichten. Leistung spielt dort eine Rolle, wo sie in Rankings einfliesst, auf die wir keinen Einfluss haben. Das Perfide dabei: Die Gesell­schaft stellt den Vergleich mit uns an; wir wählen ihn nicht selbst. 

Ob man als Gewinner*in hervor­geht, entscheidet sich allein im Verhältnis zu anderen.

Obwohl das System Verlierer*innen braucht, begreifen viele den Zwang zur Konkur­renz als persön­liche Chance.

Dabei werden massen­haft Verlierer*innen produ­ziert, die später die harten, schlecht bezahlten Arbeiten erle­digen. Das ist kein indi­vi­du­elles Versagen. Es ist die logi­sche Folge eines Systems, das nicht die Bedürf­nisse aller befrie­digt, sondern alles dem Wachstum und der Vermeh­rung von Geld unterwirft.

Obwohl das System Verlierer*innen braucht, begreifen viele den Zwang zur Konkur­renz als persön­liche Chance. Bleiben die eigenen Träume auf der Strecke, suchen wir die Schuld selten beim Wett­be­werb selbst. Wir halten an der Vorstel­lung fest, wir hätten einen Anspruch auf Erfolg, den wir nur noch einlösen müssten. Der Fokus verschiebt sich – weg von gesell­schaft­li­chen Zwängen, hin zur eigenen Person. Wir machen uns plötz­lich selbst für unser Fort­kommen verant­wort­lich. Diese vermeint­liche Eigen­ver­ant­wor­tung verklären wir zum Kern unserer Identität.

Miss­erfolg führt dann zu einer Verzweif­lung, die das gesamte Selbst­bild erschüt­tert. Um dieses Bild zu retten, wird die Frei­zeit zur Ausweich­arena. Der Ausgleich wird zum Ort, an dem wir das ange­knackste Verhältnis zu Erfolg und Nieder­lage repa­rieren wollen. Der eigene Körper oder Social Media werden zu neuen Schlacht­fel­dern der Bewährung.

Wir schaffen also eigent­lich keine wirk­li­chen Rück­zugs­orte, sondern versu­chen nur, das Urteil der Konkur­renz an anderer Stelle zu korrigieren.

Einmal Alpha sein

Eine dieser Ausweich­arenen ist das Gym, also das Fitness­studio. Hier lässt sich der eigene Körper bear­beiten, vermessen und schliess­lich präsen­tieren. Wer den gesell­schaft­lich Stempel «Verlierer*in» aufge­drückt bekommt, kann hier aufatmen. Denn nun geht es nicht mehr um den lücken­losen perfekten Lebens­lauf, sondern darum, den eigenen Körper sichtbar zu formen und die dafür aufge­brachte Anstren­gung aner­kennen zu lassen.

Gepaart mit der Kultur der «Gym Bros» wird der Gang ins Fitness­studio zur Polie­rung der Persön­lich­keit. Wer viel Gewicht stemmt und Diszi­plin zeigt, gilt als jemand, der «durch­zieht». Wer im Job nur noch herum­ge­schubst wird, holt sich im Gym das Gefühl zurück, wenig­stens über den eigenen Körper Chef zu sein. Die Zeiten, in denen ein einziges Einkommen reichte, um eine Familie sicher zu versorgen, sind für viele vorbei. Die klas­si­sche Rolle des männ­li­chen Allein-Versor­gers wankt.

So reiz­voll diese Selbst­op­ti­mie­rung auch wirken mag, gut tut sie den wenigsten.

Diese Verun­si­che­rung wird im Gym kompen­siert – es wird zur modernen Iden­ti­täts­krücke. Stärke und Diszi­plin sind hier eine Währung, die den Mangel an echter gesell­schaft­li­cher Macht ersetzt. In dieser Arena unter­liegt scheinbar noch alles der eigenen Kontrolle.

Ähnlich funk­tio­niert die Selbst­dar­stel­lung im Netz. Auf Insta­gram oder TikTok wird das Leben so gefil­tert, dass es möglichst benei­dens­wert wirkt. Likes und Follower liefern oft schnel­lere Bestä­ti­gung als eine Gehalts­er­hö­hung. Es ist der digi­tale Beweis, dass man «etwas ist».

So reiz­voll diese Formen der Bewäh­rung auch wirken mögen, gut tun sie den wenig­sten. Im Kern handelt es sich um Anpas­sungs­lei­stungen, die Indi­vi­duen in dieser Gesell­schaft deshalb erbringen, weil sie mit ihrer eigenen ausweg­losen Ohnmacht konfron­tiert sind. Die Ersatz­arenen dienen vor allem dazu, sich mental so zu trimmen, dass man am näch­sten Morgen wieder im Büro oder im Hörsaal funk­tio­niert. Zudem sind sie tückisch: Ersatz­arenen spenden dann Trost, wenn man in ihnen Erfolg hat.

Wer im Gym stagniert oder online keine Likes bekommt, erlebt, wie sich auch diese Räume gegen einen wenden. Die drin­gend benö­tigte Bestä­ti­gung im kapi­ta­li­sti­schen Konkur­renz­sy­stem kippt in Selbst­zweifel. Was als Ausgleich gedacht war, frisst sich ins Selbst­bild hinein – bis hin zu Depres­sionen, wenn das Urteil der Leistungs­hier­ar­chie schliess­lich das gesamte Sein erfasst.

Gegen das Diktat von Wachstum

Der Konkur­renz können wir uns im Alltag kaum entziehen. Sie ist eine prak­ti­sche Notwen­dig­keit. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ihre Mass­stäbe auch theo­re­tisch über­nehmen müssen. Nur weil wir gezwungen sind, uns zu behaupten, defi­nieren Erfolg oder Miss­erfolg nicht unseren Wert als Mensch.

Wer aufhört, sich selbst über diese Mass­stäbe zu defi­nieren, gewinnt Einsicht darin, was hier eigent­lich passiert. Statt uns perma­nent zu fragen, ob wir «genug» sind, sollten wir uns fragen, warum wir uns mit einer Gesell­schaft abfinden, die Menschen in Gewinner*innen und Verlierer*innen sortiert und alles dem Diktat von Geld und Wachstum unterwirft. 

Gerade dieje­nigen, die in dieser Hier­ar­chie unten stehen – die Arbeiter*innen –, produ­zieren den gesamten gesell­schaft­li­chen Reichtum. Sie hätten die Macht, den Nutzniesser*innen der Konkur­renz einen Strich durch die Rech­nung zu machen. Indem sie die Arbeit kollektiv nieder­legen und das System infrage stellen.


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