Alle wollen zur Mitte gehören. Das ist in Deutschland so, aber auch in der Schweiz identifizieren sich grosse Teile der Bevölkerung mit dem Begriff der Mittelschicht. Spätestens seitdem der Soziologe Helmut Schelsky in den 1950er-Jahren das Konzept der «nivellierten Mittelstandsgesellschaft» geprägt hat, war das Fantasma der Mitte geboren.
«Vom Topmanager bis zur prekär beschäftigten Reinigungskraft – alle halten sich weder für arm noch für reich, mag die Schere zwischen Einkommen und Vermögen auch noch so weit auseinander gehen», schreibt die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja in ihrem Buch «Klassengesellschaft akut» und fügt hinzu: «Vielleicht auch deshalb gilt bis heute nicht etwa die Rede von ‹der Mitte›», sondern der Verweis auf das Fortbestehen der Klassengesellschaft als begründungsbedürftig.» Es fehle, so Mayer-Ahuja, an Daten, die Veränderungen in der Klassenstruktur überhaupt kartografieren würden.
Politisch schützt die «Mitte» vor staatlicher Repression.
Was bleibt, ist das moralische Bollwerk der Mitte, aus dem heraus skeptisch auf die Ränder geschaut wird. Denn da, wo es eine Mitte gibt, da gibt es auch ein Oben zu dem man aufschaut und ein Unten auf das heruntergeblickt wird.
In ihrem Buch «Die Sprache des Kapitalismus» argumentieren Daniel Stähr und Simon Sahner, dass bereits die Konstruktion einer Mitte Werturteile transportiert. «Wenn wir von der Mittelschicht sprechen und dabei hart arbeitende Menschen besonders hervorheben, dann funktionieren diese Bilder aber nur, weil wir implizit eine Unterschicht und ihre angeblich faulen Mitglieder mit aufrufen.» Wer Mitte sagt, der sagt also womöglich auch faule Arme und fleissige Reiche.
Im vermeintlichen Schutz der «Mitte»
Auch über ökonomische Kategorien hinaus benötigen viele Menschen den Schutz, den die Konstruktion der Mitte verspricht. So heisst es in einem Lied des Sängers Philipp Dittberner über die Liebe:
«Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen
Weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen
Ich war da schon einmal und bin zu tief gefall′n
Lieber Wolke vier mit dir, als unten wieder ganz allein.»
In der Liebe schützt uns das gesunde Mittelmass vor Enttäuschungen, Dittberner findet neue Bilder für die immer gleiche affektive Mässigung, die da heisst: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Bleib bei dem, was du kannst!
Politisch verspricht die «Mitte» Schutz vor staatlicher Repression – vor der autoritären Hand bürgerlicher Politik. Wer von den Positionen der sogenannten Mitte abweicht, wird als gefährlich, deviant oder irrational markiert.
Das neoliberale Aufstiegsversprechen imaginiert die «Mitte» als Sehnsuchtsort.
Solange es nur «die Palästinenser» sind, die in den Strassen Berlins und Zürichs weggeknüppelt werden, solange sich die Austeritätspolitik gegen «faule Erwerbslose» richtet – so lange gibt der Begriff der Mitte Menschen Schutz.
Wichtig hierbei: Es handelt sich um vermeintlichen Schutz, nicht um tatsächlichen! Denn die so Angesprochenen werden über den Begriff «Mittelschicht» in Komplizenschaft für eine Politik genommen, unter der sie weit mehr verlieren, als dass sie durch ihn gewinnen können. Die Semantik der Mitte konstruiert einen Raum der Imagination, nicht der Wirklichkeit.
Schliesslich werden hier Menschen ohne jeglichen Besitz, deren Einkommen kaum mehr als hundert Euro über dem Armutssatz liegt mit Menschen zusammengebracht, die in mittleren Managementpositionen der Kapitalistenklassen dabei mithelfen, weite Teile der Bevölkerung auszupressen. Anders gesagt: «Mitte» ist sowohl die Verkäuferin, die zum Mindestlohn Vollzeit im Supermarkt arbeitet, als auch der Airbus-Ingenieur mit Eigentumswohnung, der privat für die Rente zurücklegt.
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Autoritäre Sicherheitspolitik statt Umverteilung
Der Begriff der Mitte verdeckt dabei nicht nur den Interessengegensatz von besitzlosen Arbeiter*innen und Produktionsmittel besitzenden Kapitalist*innen, er wird auch zur Projektionsfläche von Mobilität. Das (neo)liberale Aufstiegsversprechen imaginiert die «Mitte» als Sehnsuchtsort, in den Armutsbetroffene aufsteigen wollen.
Dass der «Aufstieg», für den, der ihn bewältigt, bloss unsichere Arbeitsverhältnisse, Reallohnverluste und ein immer höheres Risiko für eine Armutsrente bereithält: geschenkt. Der, dem zum Aufstieg gratuliert wird, ist ob der Trophäe, die das Wort in sich birgt, so verzückt, dass er übersieht, wie sich die Trophäe bei genauerer Betrachtung in Luft auflöst.
Widersprüche, wie sie in Klassengesellschaften zutage treten, werden durch diese verschleiernde Grammatik in individuelle Auf- und Abstiegsnarrative übersetzt, die systemstabilisierend wirken. Wer Worte wie Aufstiegsmobilität und Chancengerechtigkeit im Mund trägt, der bedient das Bild eines Systems, das will, aber nicht kann und trägt so zur Verharmlosung von sozialer Gewalt bei. Begriffe wie «Mitte» oder «Mittelschicht» verhindern die Entstehung von Solidarität und Klassenbewusstsein verschiedener Teile der Arbeiterklasse, die eigentlich jede Menge Gemeinsamkeiten haben.
Wo es Klassen gibt, wird gekämpft; wo es eine Mittelschicht gibt, da werden Konflikte erzeugt, die den tatsächlichen Grundkonflikt verschleiern.
Laut einer Befragung des NDR empfinden 86 Prozent der Menschen in Norddeutschland die Verteilung des Wohlstands als ungerecht. Gleichzeitig sorgt die Identifikation mit der Mittelschicht verlässlich dafür, dass Fragen ökonomischer Unsicherheit in autoritäre Sicherheitspolitik übersetzt werden. Die Abstiegsängste, die kapitalistische Gesellschaften produzieren, werden nicht in Umverteilungspolitik übersetzt, sondern in rassistisch konnotierte Kulturkämpfe. In denen die Arbeiter*innen nicht mehr über materielle Interessen, sondern über Zugehörigkeit, Lebensweisen und moralische Ordnung streiten.
Eine Kritik der «Mitte» darf deshalb nicht bei Sprache oder Selbstbildern stehen bleiben, sondern muss sich an die Gesellschaftsordnung richten, die solche Illusionen überhaupt nötig macht. Um mit Karl Marx zu sprechen: «Die Forderung, die Illusion über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.»
Was ist das für eine Gesellschaftsordnung, in der sich die Politik einseitig an den Bedürfnissen von Reichen orientiert – und für die sie weite Teile der Bevölkerung ideologisch und kulturell anspricht – um daraus eine Politik abzuleiten, die sich Wiederum gegen weite Teile der Bevölkerung richtet? Wohl doch eine, in der das Dogma des Eigentums weit höher bewertet wird als das Bedürfnis nach gutem und günstigem Essen und nach Wohnraum und Gesundheitsversorgung für alle.
Wenn wir uns die Frage nach Sicherheiten in und Abhängigkeiten von diesem System stellen und beides so beantworten, als dass wir bei Krankheit oder Arbeitsplatzverlust sofortige Gefahr laufen zu verarmen, dann sollte uns klar werden: Die «Mitte» ist ein Mythos, eine Konstruktion der Herrschenden, die allein ideologische, aber niemals reale Sicherheit verspricht.
Warum wir von Klasse sprechen sollten
Bleiben die Fragen: Wie können wir über Soziallage sprechen, ohne liberalen Mythen auf den Leim zu gehen? Wie können wir der Wirklichkeit näherkommen und uns eine Sprache schaffen, die Realitäten nicht verdeckt, sondern sie schonungslos aufzeigt?
Hier hilft uns der Begriff der Klasse weiter. Anders als der Begriff der Schichten, zeigt die Begrifflichkeit der Klasse nicht einen sozial feststehenden Raum an, sondern beschreibt soziale Verhältnisse. Einen Klassenstandpunkt zu beziehen, das beutetet, Partei zu ergreifen im Kampf der Klassen. Einem Kampf, der von Natur aus antagonistisch und unversöhnlich, weil sich die Prämisse des guten Lebens für alle mit den Zielen der Kapitalist*innenklasse – die immer weiter radikalisierte Akkumulation von Kapital – widerspricht.
Es gibt keinen Frieden zwischen den Klassen, es wird ihn nicht geben und es hat ihn noch nie gegeben. Jedes wir, dass von neoliberalen Ideolog*innen aufgerufen wird – egal ob es ein nationales wir oder ein wir der Mitte ist, verdeckt diese natürliche Gegnerschaft zwischen der Arbeiter*innenklasse und der Klasse der Kapitalist*innen. Jedes wir, dass sich nicht im Kampf befindet, verdeckt Klassenverhältnisse und entpolitisiert politisch geformte Realität. Da, wo es Klassen gibt, da wird gekämpft, da wo es eine Mittelschicht gibt, da werden Konflikte erzeugt, die den tatsächlichen Grundkonflikt zwischen Oben und Unten ersetzen.
Der Raum der Sprache ist dafür geeignet, ein klassenbewusstes Wir zu formulieren. Die Aufgabe der allermeisten Menschen ist es, sich über die Sprache eine tatsächliche Zugehörigkeit zur eigenen Klasse zu erschliessen. Eine daran anknüpfende Aufgabe ist es, diesem Gefühl der Verbundenheit mit der eigenen Lage Taten folgen zu lassen, die der eigenen Klasse mehr Freiheiten verschaffen, indem sie der anderen Klasse die Freiheit nehmen, weiter Raubbau an der Natur und weiter Raubbau an unseren Körpern und Köpfen zu betreiben.
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