Es ist eine Szene wie aus einem dystopischen Science-Fiction-Film: Eine Drohne hält auf offener Strasse ein Auto an und fordert den Fahrer mit mechanischer Stimme auf, das Auto durchsuchen zu lassen. Die Drohne scannt das Gesicht des Fahrers und den Innenraum des Autos. Diese Daten übermittelt sie im Bruchteil einer Sekunde an ein Rechenzentrum, wo sie gegen massive Datenbanken abgeglichen werden. Die Identität des Fahrers, seine Bewegungsmuster und Kontakte liegen offen vor dem elektronischen System, welches bei Auffälligkeiten eigenmächtig ein Todesurteil für den Fahrer und alle weiteren Insassen des Autos fällen kann. Das Dröhnen der nächsten Drohne, die mit Maschinengewehren oder Bomben ausgestattet ist, ist schon am Himmel zu hören.
So absurd diese Szene auch wirken mag, ist sie nicht der Fantasie einer Autorin entsprungen: Es ist ein Auszug aus der aktuellen Realität im Libanon. Grosse Landflächen stehen nahezu vollständig unter israelischer Kontrolle – ohne dass sie durch eine Armee eingenommen wurden. Es handelt sich um eine digitale Besatzung.
Der Libanon ist ein sehr kleiner Staat – nur etwa ein Viertel so gross wie die Schweiz – direkt nördlich von israel. Am 8. Oktober 2023 begann die Hezbollah, eine libanesische Partei mit bewaffnetem Flügel, israel mit Raketen zu beschiessen. Wie im Gazastreifen lieferten diese Angriffe der mit Abstand viel besser ausgerüsteten israelischen Armee Vorwände, Flächenbombardements vorzunehmen. Ganze Landstriche wurden mit weissem Phosphor vergiftet, Journalist*innen ermordet und grosse Teile der Bevölkerung vertrieben.
Alle Staaten sind sozio-politische Konstrukte, die Bewegungsfreiheit durch Grenzen einschränken; viele basieren auf Völkermorden. Doch nur bei israel erklären die Herrschenden ein Infragestellen seiner Existenz zu einem derart einschneidenden Akt der Gewalt und Diskriminierung, dass er in manchen Ländern sogar unter Strafe steht. israels «Existenzrecht» ist zum Totschlagargument geworden, das jegliche Debatte über seine Legitimität im Keim ersticken soll. Deswegen schreibe ich den Namen klein – um genau das zu hinterfragen, was nicht hinterfragt werden soll.
«Palestine Laboratory» goes Libanon
israel testet seit langer Zeit neue Waffensysteme an der palästinensischen Bevölkerung. Diese Experimente an echten Menschen geben israel im weltweiten Rüstungsmarkt einen entscheidenden Vorteil; wer die modernsten bestgetesteten Waffensysteme haben will, kommt an der israelischen Kriegsindustrie nicht vorbei. Der jüdisch-australische Journalist Anthony Lowenstein beschreibt dieses Vorgehen in seinem 2023 erschienenen Buch als «The Palestine Laboratory». Nun weitet sich dieses technologische Testgebiet auch auf den Libanon aus.
Regelmässige Aussagen israelischer Politiker lassen an ihrem Ziel keinen Zweifel, zumindest Teile des Libanon zu kolonialisieren und grosse Teile der Bevölkerung auszulöschen. Schon 1948, kurz nach der Gründung des Staates israel, wurden 15 libanesische Dörfer durch zionistische Milizen, aus denen später die israelische Armee hervorging, besetzt und anschliessend massakriert. Seit 1978 gab es sechs Landinvasionen des Libanon durch israel – doch die physische Besatzung konnte durch den Widerstand der Hezbollah und anderer Gruppen bisher nicht erfolgreich durchgehalten werden.
Die 22-jährige israelische Besatzung des Südlibanon zwischen 1978 und 2000, welche in Europa weitestgehend vergessen ist, wurde ähnlich zur Besatzung des Westjordanlands durch Soldaten und militärische Überlegenheit im Luftraum durchgesetzt. Solche physischen Besatzungen sind für Besatzungsmächte mit hohen Kosten und Aufwand verbunden. Technologische Mittel ermöglichen hingegen eine faktische Kontrollübernahme, ohne dass die Besatzungskräfte das Gebiet zuerst militärisch erobern müssen. Für israel bringt das in der aktuellen Lage den Vorteil, die stark erschöpften Armeekapazitäten durch elektronisches Gerät massiv zu polstern und dem Unmut in der eigenen Bevölkerung über den Tod von Soldat*innen entgegenzuwirken – eine Art des Krieges, welche auch für internationale Kunden weltweit, inklusive vermeintlich menschenrechtstreuen Demokratien wie die Schweiz und Deutschland, von grossem Interesse ist.
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Digitale Besatzung: Paradebeispiel Libanon
Im Kern beschreibt der Begriff «digitale Besatzung» die Fremdkontrolle eines Gebietes durch den Einsatz technischer Mittel. Im Gegensatz zu klassischer Kriegsinfrastruktur – Checkpoints, Militärbasen, Gefängnissen – wird eine digitale Besatzung vor allem durch Massenüberwachung und psychologische Kriegsführung durchgesetzt.
Die digitale Besatzung findet vor allem im Süden des Libanon statt. Zwischenzeitlich stand seit März 2026 bis zu ein Fünftel des Landes unter israelischer Kontrolle. Der Südlibanon ist vergleichsweise dünn besiedelt, was ihn auch vom dicht gedrängten Gazastreifen unterscheidet und daher für die israelische Waffenindustrie die Möglichkeit bietet, unter anderen Bedingungen ihre Waffensysteme zu testen. Der Grossteil der Bevölkerung musste wegen der israelischen Angriffe fliehen und wird auch nach Schliessung des angeblichen Waffenstillstands unter Androhung tödlicher Gewalt durch israel an der Rückkehr in ihre Häuser gehindert.
Für eine digitale Besatzung ist der Verlust der digitalen Souveränität des besetzten Staates eine notwendige Voraussetzung. Der Libanon ist mit seinem frappierend löchrigen digitalen Sicherheitsnetz ein Paradebeispiel dafür.
Der Libanon als gescheiterter Überwachungsstaat
Infolge der Aufstände im sogenannten Arabischen Frühling 2011 machte sich in der libanesischen Regierung die Angst breit, dass auch ihre Bevölkerung gegen die jahrzehntelangen, tiefgreifenden Probleme – kapitalistische Finanzpolitik, eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, ein durch Sektierertum zum Erstarren gebrachte politische Landschaft, Korruption und politische Repression, um nur einige zu nennen – aufbegehren könnte. Um Aufstände der eigenen Bevölkerung zu verhindern, kaufte der Staat 2015 für knapp 1,5 Millionen Euro Spyware über einen dubiosen Zwischenhändler mit Verbindungen zur deutschen Waffenindustrie.
Ebenfalls wurde, wie in weiten Teilen der Welt, biometrische Identitätserfassung verpflichtend. SIM-Karten mussten mit der Identität verbunden werden, wie es inzwischen auch in vielen europäischen Ländern der Fall ist. Der libanesische Staat begann also, massive Mengen an Daten über die Bewegungsmuster, Netzwerke und Verhalten der eigenen Bürger*innen zu sammeln.
Die massive libanesische Ausspähung seiner eigenen Bürger*innen ermöglicht der israelischen Armee nun eine fast umfassende Überwachung.
Dem Libanon mangelt es bis heute an Fähigkeiten oder dem Interesse, die erfassten Daten der Bevölkerung auch zu schützen. SMEX, eine Organisation für digitale Rechte in Südwestasien und Nordafrika, spricht von «Jahren der Vernachlässigung, fehlender Planung und mangelnder Investition in digitale Infrastruktur». So veröffentlichte das Bildungsministerium versehentlich persönliche Daten von über 27’000 Lehrer*innen, inklusive Bankdaten, um nur ein Beispiel zu nennen.
Weitere Informationen werden durch die vielen Überwachungskameras im öffentlichen Raum gesammelt. Diese unzähligen Daten fliessen über Leaks oder Werbefirmen, die diese Daten bewusst sammeln und verkaufen, in die Hände des israelischen Militärs. Das Militär nutzt die Daten dann als Basis für ihre digitale Kartographierung der libanesischen Bevölkerung.
Im Grunde handelt es sich beim Libanon um einen gescheiterten Überwachungsstaat, dessen massive Ausspähung seiner Bürger*innen nun der israelischen Armee fast umfassende Überwachung ermöglicht und somit die Grundlage für die digitale Besatzung schafft.
Luftraumüberwachung und Informationsbeschaffung
Die konstante Überwachung einer Bevölkerung ist der erste Aspekt der digitalen Besatzung. Doch die israelische Besatzung beschränkt sich dafür nicht auf die Überwachungsinfrastruktur des libanesischen Staates. Die präsenteste Massnahme der digitalen Besatzung sind ihre Drohnen. In Beirut, der Hauptstadt des Libanon, legt sich ihr durchdringendes Summen nur gelegentlich über die Stadt. Im Süden des Landes, dem Fokuspunkt der israelischen Invasion, sind sie hingegen omnipräsent.
Die Drohnen sind mit Kameras ausgestattet, die in Echtzeit Informationen zur Auswertung an die Zentrale des israelischen Militärs überliefern. Die so gesammelten Informationen schaffen durch KI-gestützte Gesichts- und Stimmerkennung, biometrischen Daten, Telekommunikationsdaten und Kennzeichenüberwachung ein nahezu vollständiges Bewegungsprofil aller Libanes*innen.
Die gesammelten Informationen werden auf zweierlei Weise genutzt. Erstens für die Erstellung von Zieldatenbanken: Wie im Gazastreifen nutzt israel auch im Libanon KI-gestützte und von westlichen Megafirmen wie Google, Microsoft oder OpenAI, ermöglichte Programme, die in kürzester Zeit aus der Datenmasse lange Listen von angeblich legitimen Zielen extrahieren.
Zwischen Oktober 2023 und Ende 2025 wurden 850’000 «Ziele» «in allen Kriegsarenen» identifiziert, brüstete sich Elbit Systems, israels grösster Waffenproduzent, auf einer Konferenz im Juni 2026. Das sind bis zu 1’000 Ziele am Tag, ein Volumen, das laut Experteneinschätzung unmöglich durch Menschen überprüft werden könne. Auf spätere Nachfrage dementierte Elbit die genannte Zahl, so The Guardian.
Der europäische Hauptsitz von Google liegt in Zürich. Wegen der Verstrickung in die israelische Militärmaschinerie musste sich der Tech-Riese Ermittlungen des Aussendepartements stellen.
Psychologische Kriegsführung
Die zweite Nutzung der abgegriffenen Informationen gilt der psychologischen Manipulation und Einschüchterung. israel verschickt über Whatsapp, Festnetz, Radiosignale und SMS automatisierte falsche Evakuierungsbefehle. Diese dienen dazu, innerhalb der Bevölkerung massive Panik auszulösen, die mit den Pager-Angriffen 2024 eine reale Grundlage besitzt. Allein am ersten Tag des Krieges 2024 wurden über 60’000 solche Nachrichten verschickt.
Diese Eingriffe erstrecken sich bis ins alltägliche Leben: Werbungen für Mossad, den israelischen Auslandsgeheimdienst, waren auf Instagram zu sehen. Diese Werbungen tarnen sich als legitime, gut bezahlte Stellenangebote, in Wirklichkeit zielen sie aber darauf ab, Menschen für Spionage zu gewinnen. Profile israelischer Soldaten tauchten im libanesischen Tinder auf. Eine Drohne forderte Bewohner*innen dazu auf, nicht mit einem Architekten beim Wiederaufbau ihrer zerstörten Dörfer zusammenzuarbeiten, da dieser angeblich Verbindungen zur Hezbollah habe.
Das Ziel ist die breit angelegte Terrorisierung der Bevölkerung.
Obwohl die Hezbollah im Südlibanon als die De-facto-Regierung fungiert und neben militärischer Verteidigung gegen israel auch Sozialsysteme und Raumplanung organisiert, verneint der Architekt die Vorwürfe. Trotzdem musste er durch die Einschüchterungen israels seine Anstrengungen zum Wiederaufbau beenden.
Der vorrangige Zweck dieser psychologischen Taktiken scheint nicht die Erreichung von behaupteten militärischen Zielen zu sein. Viel eher wirkt die breit angelegte Einschüchterung, das Sähen von Misstrauen innerhalb der libanesischen Bevölkerung sowie die Forcierung des Glaubens, dass kein Ort – noch nicht einmal ein Swipe auf Tinder – vor israelischen Übergriffen sicher ist.
Exportware Kriegstechnologie
In Anlehnung an das Prinzip des «Palestine Laboratory» lässt sich ableiten, dass der Libanon nun für eine digitale Form der Überwachung und Kontrolle als Testlabor herhalten muss. Im Zuge der europaweiten Militarisierung werden für europäische Regierungen sowie die EU Methoden zur ferngesteuerten Überwachung ihrer Grenzen und ihrer eigenen Bevölkerung zunehmend interessanter. Neben der deutschen Bundeswehr nutzt beispielsweise auch die europäische Grenzagentur Frontex seit 2021 Heron-Drohnen für die Überwachung des Mittelmeers – hergestellt von Israeli Aerospace Industries. Dieselben Drohnen kommen auch im Libanon zum Einsatz. So wird aus Besatzung das Massengrab Mittelmeer.
Auch im Arsenal der Schweizer Armee finden sich Waffensysteme aus israel, beispielsweise die Aufklärungsdrohne Hermes 900 von Elbit Systems, die auch im Libanon verwendet wird. Dass diese Waffen in brutalster Weise entwickelt und getestet werden, wird dabei noch als Marktvorteil präsentiert.
Durch das grosse Interesse an Technologien, die auch in Europa für politische Repression gegen die Bevölkerung eingesetzt werden können, belohnen Staaten wie die Schweiz, die USA oder Deutschland israels Verbrechen im Libanon. Hier, ebenso wie in Gaza, offenbaren sich also die Prioritäten der sogenannten europäischen Wertegemeinschaft: Waffen über Menschenrechte.
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