Die Zürcher Regierung verkündete Mitte August, dass sie Zürich als kantonalen Wirtschaftsstandort für Waffenunternehmen attraktiver gestalten und aktiv Start-ups im Bereich moderner Kriegstechnologie – namentlich Drohnen – fördern will.
Zudem soll die «Resilienz» in der breiten Bevölkerung gestärkt werden; den Zürcher*innen soll mehr Verständnis für «Sicherheitsthemen» eingetrichtert werden. Kurzum: Zürich wird kriegstüchtig.
Die Innovationskraft der Kriegsindustrie
Das Protokoll des Regierungsratsbeschlusses beginnt mit einem Résumé: Der Wirtschaftsstandort Zürich sei bereits eine der erfolgreichsten Regionen der Welt. Dieser Erfolg beruhe auf der «Anpassungsfähigkeit im Strukturwandel und der Fähigkeit, gestärkt aus Krisen hervorzugehen».
Anschliessend unterstreicht der Regierungsrat den Beschluss mit einem Überblick über die geopolitische Lage: Lieferkettenunsicherheiten, Handelskonflikte und hybride Bedrohungen würden zu einem höheren Bedarf an stabilisierenden Massnahmen führen.
Aufgrund dieser ungewissen geopolitischen Lage möchte der Zürcher Regierungsrat zur Stabilität der Schweiz beitragen: «Der Kanton Zürich verfügt über eine hohe Innovationskraft, eine starke Forschungslandschaft sowie über eine Vielzahl von Unternehmen, die sich mit modernen Schlüsseltechnologien befassen.» Damit könne der Kanton einen «aktiven Beitrag zur Stärkung der technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Resilienz des Standorts im Kontext zunehmender hybrider Bedrohungen leisten.»
Es lohnt sich, den vorausgehenden Absatz nochmals durchzulesen. Was der Regierungsrat in seinem Beschluss im Wirtschaftsjargon formuliert, ist nichts weniger als die Militarisierung des Zürcher Wirtschaftsstandorts.
Der Kanton Zürich verfügt bereits über eine grosse Anzahl von Unternehmen mit einer kriegerischen Produktpalette: Rheinmetall in Oerlikon, Palantir in der Innenstadt, die RUAG in Opfikon und Start-ups, die in den Coworking-Spaces des Kantons entstehen. Obwohl diese sehr gewichtigen Firmen des Kriegssektors im Kanton präsent sind, scheint die ökonomische Potenz des Kriegssektors für den Regierungsrat noch nicht voll ausgeschöpft – noch nicht.
Der Kanton möchte nun aktiv die Zusammenarbeit zwischen den Zürcher Hochschulen und den Kriegsunternehmen fördern.
So will der Regierungsrat beispielsweise gezielt die Produktion von Drohnen fördern. Der Kanton verfüge mit seinen «führenden Hochschulen, innovativen Start-ups und einer leistungsfähigen Hightech-Industrie bereits über wesentliche Voraussetzungen, um die technologische Souveränität und Handlungsfähigkeit im Bereich der Drohnentechnologien sicherstellen zu können».
Neben der Produktion von Drohnen sollen auch weitere Technologien zur «Verteidigungsfähigkeit» weiter vorangetrieben werden. Dazu gehört nicht nur herkömmliches Kriegsmaterial, also Panzer, Gewehre, Bomben und dergleichen, sondern auch sogenannte Dual-Use-Güter. Solche Produkte finden sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich Anwendung: Computerchips, industrielle Einzelteile oder Sicherheitssoftware sind klassische Beispiele dafür. Ein GPS-Modul kann beispielsweise sowohl im Auto als auch in der Drohne zur Navigation eingesetzt werden.
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Dual-Use-Güter sind in marktwirtschaftlicher Ratio durchaus vernünftig – denn warum würde man ein Einzelteil nur im zivilen Sektor verkaufen, wenn es auch im Kriegssektor zahlende Kunden gibt?
Gleichzeitig bringen sie den Vorteil mit sich, dass Unternehmen von den florierenden Kriegskassen profitieren können, ohne sich mit den Regulierungen, die in der Waffenproduktion ansonsten anfallen würden, herumschlagen zu müssen.
Der Wirtschaftsstandort Zürich im Aufrüstungswettbewerb
Der Kanton möchte nun aktiv die Zusammenarbeit und den Wissenstransfer zwischen den Zürcher Hochschulen und den Kriegsunternehmen fördern. Sogenannte Innovationshubs (glorifizierte Bürogebäude für Wirtschaft und Wissenschaft mit Test- und Pilotumgebungen, beispielsweise zum Testen von Kriegsdrohnen) wie der «Innovationspark Zürich» sollen Brücken zwischen Wissenschaft und Kriegsunternehmen bauen – und idealerweise zur Formierung neuer Start-ups in diesem Bereich beitragen.
Zudem will der Regierungsrat die «Zusammenarbeit zwischen staatlichen und wirtschaftlichen Akteuren intensivieren». Die Entwicklung von «Sicherheitstechnologien» verlaufe nämlich zunehmend dynamisch; es sei wichtig, die «Innovation rasch in die Anwendung zu überführen». Mit der dynamischen Entwicklung meint der Regierungsrat wohl die Tatsache, dass es derzeit im Bereich der Kriegstechnologien einen florierenden Markt mit einer hohen Anzahl von Konkurrenten gibt – Start-ups schiessen weltweit aus dem Boden, entwickeln ihre Technologien ständig weiter, werden immer besser, schneller und zuverlässiger.
Der Regierungsrat will den gesellschaftlichen Dialog über Sicherheit der Schweiz stärken – wobei offen bleibt, ob antimilitaristische Stimmen Gehör finden.
Damit der Wirtschaftsstandort Zürich in diesem Wettbewerb um die beste Waffenproduktion mithalten kann, soll der Staat bei regulatorischen Anforderungen, Beschaffungsprozessen und Sicherheitsstandards den Kriegsunternehmen, insbesondere den Start-ups, unter die Arme greifen.
So soll es dem Standort Zürich und auch der gesamten Schweiz gelingen, im europäischen Kontext zu einem «relevanten Gewicht» zu werden: Die Zürcher Innovationskraft im kriegsindustriellen Bereich soll so ganz Europa zugutekommen. Zusätzlich sichert sich die Schweiz ihre Rolle als verlässliche Partnerin im internationalen Militarisieren.
Die Bevölkerung wird eingebunden
Die Kriegstüchtigkeit in Zürich beschränkt sich aber nicht nur auf die wirtschaftliche Potenz der hiesigen Waffenindustrie. Auch die Bevölkerung Zürichs soll nun zunehmend in die Militarisierung eingebunden werden.
Dazu will der Regierungsrat das «Verständnis der Bevölkerung für die aktuellen Herausforderungen stärken». Vor diesem Hintergrund soll die Bevölkerung zu «Sicherheitsthemen», also wohl Sinn und Unsinn des Krieges und der Rolle der Schweiz, gebildet werden; der «gesellschaftliche Dialog» soll intensiviert werden. Ob der Dialog mit der Bevölkerung auch Platz für antimilitaristische Positionen bietet, wird sich in absehbarer Zeit zeigen – die Repression gegen unliebsame Meinungen im Kontext des Gaza-Genozids lässt daran zumindest Zweifel offen.
Die europäischen Staaten bereiten sich aktiv auf einen möglichen Kontinentalkrieg gegen Russland vor.
Gerade die Zürcher Universitäten, die im Kontext der Waffenproduktion keine unwesentliche Rolle spielen, sind bei den studentischen Protesten gegen die hochschulische Beteiligung am israelischen Genozid nicht gerade mit Dialogbereitschaft aufgefallen – protestierende Student*innen und Mitarbeiter*innen wurden mittels polizeilicher Gewalt geräumt, verhaftet und verzeigt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies bei Protesten gegen die Kriegsindustrie anders ablaufen würde.
Auch Fälle wie die unrechtmässige Festnahme und Ausweisung des palästinasolidarischen Journalisten Ali Abunimah, der in Zürich einen Vortrag halten wollte, sprechen nicht für eine offene Dialogkultur bei staatsschädigenden Meinungen.
Europa rüstet für den Krieg
Diese Entwicklungen finden nicht im luftleeren Raum statt. Nahezu alle Staaten Europas sind derzeit intensiv massiv am Militarisieren, Hunderte Milliarden werden aus den Haushalten der europäischen Staatengemeinschaft direkt in die Kassen des Kriegssektors umverteilt – der Europäische Rat schätzt die Kriegsausgaben der Mitgliedstaaten auf etwa 454 Milliarden Euro für das Jahr 2026, Tendenz steigend.
Gleichzeitig verändern sich die Mittel der Kriegsführung rasant; modernste Technologien sind sehr gefragt, neue Start-ups kriechen aus den Löchern wie die Ratten während der Pest; der Markt boomt. Getreu der «Fähigkeit, gestärkt aus Krisen hervorzugehen», wie der Regierungsrat schreibt, will sich der Wirtschaftsstandort Zürich dieses lukrative Geschäft mit dem Krieg nicht entgehen lassen.
Doch die Militarisierung Zürichs erfolgt nicht einzig aus marktwirtschaftlicher Rationalität: Die europäischen Staaten, allen voran die Bundesrepublik Deutschland, bereiten sich aktiv auf einen möglichen Kontinentalkrieg gegen Russland vor.
Die Schweiz steht dabei, Neutralität hin oder her, klar im europäischen Block. Die versuchte Ausweitung der russischen Einflusssphäre auf dem europäischen Kontinent, mittelfristig durch einen möglichen Angriff im Baltikum, wird von den Staaten Europas mit allen Mitteln bekämpft. Das europäische Motto lautet dabei, ganz im Sinne der Abschreckung: «Verteidigungsfähig sein, damit man sich nicht verteidigen muss.»
Verteidigt wird dabei nicht die europäische Bevölkerung; diese wird schliesslich im Zweifelsfall unter Zwang in den Schützengraben geschickt.
Selbst wenn dieses Motto der Realität entsprechen würde – Aussagen des deutschen Kanzlers lassen daran zumindest berechtigte Zweifel offen –, gibt es keine Garantie, dass diese abschreckende Wirkung ihren Zweck erfüllt.
Wenn die Strategie nicht aufgeht, wenn Russland trotz der Abschreckung einen Krieg gegen die NATO lanciert, dann ist es selbstverständlich, dass die europäischen Staaten einen Verteidigungskrieg führen würden – und daran würde sich die Schweiz höchstwahrscheinlich beteiligen, möglicherweise auch mit Truppenentsendung an die Ostfront. Das geht aus der Sicherheitspolitischen Strategie 2026 des Bundesrates beziehungsweise des Staatssekretariats für Sicherheitspolitik hervor.
Verteidigt werden dabei nicht die Interessen der europäischen Bevölkerung; diese wird schliesslich im Zweifelsfall unter Zwang in den Schützengraben geschickt. Verteidigt wird auch nicht das Völkerrecht; das ist den europäischen Staaten, wie sich zuletzt in der tatkräftigen Unterstützung der israelischen Vernichtungspolitik in Gaza gezeigt hat, herzlich egal. Und verteidigt werden auch nicht die Bürgerrechte der liberalen Demokratie: Ein Blick auf den Zustand der Meinungsfreiheit in der Ukraine zeigt, dass diese im Kriegsfall als erste Massnahme abgebaut werden. Es geht um die wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen des europäischen Blocks, der seinem Anspruch, auch in Osteuropa unangefochtener Hegemon zu sein, alle Ehre erweist.
Zu diesem Zweck wird hierzulande militarisiert. Die Bürger*innen der Schweiz sind dabei keine ausführenden Subjekte, sondern freie Verfügungsmasse beziehungsweise Menschenmaterial. Material, das sich in den modernen Waffenschmieden, Forschungseinrichtungen und im Zweifelsfall an der Front dienlich zu machen hat.
Die Militarisierung Zürichs ist dabei ein erster Schritt: Wer denkt, dass die Kriegstüchtigkeit sich in Zukunft auf Universitäten und Coworking-Spaces beschränkt, ist auf dem Holzweg. Wer sich nicht mittelfristig im Namen fremder Interessen an der Ostfront wiederfinden möchte, sollte jetzt Massnahmen ergreifen. Die konstruktiven Mittel der Demokratie – seien es Petitionen, Volksinitiativen oder Demonstrationen – werden dafür wohl kaum ausreichen.
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