Im Juli 2026 fahren drei Männer in einem Jeep durch die Wüste Westsaharas. Sie tragen Uniformen der Frente Polisario, der sahrauischen Befreiungsbewegung. Über ihnen fliegt eine Drohne der marokkanischen Armee. Kurz darauf sind alle drei tot.
International sorgt der Drohnenangriff kaum für Schlagzeilen und auch in der Schweiz bleibt er weitgehend unbeachtet. Dabei steht dieser Angriff für einen Konflikt, der jahrzehntelang ungelöst ist.
Die Westsahara ist geteilt: Der grösste Teil des Gebiets steht unter marokkanischer Besatzung, während die Frente Polisario Anspruch auf einen unabhängigen sahrauischen Staat erhebt. Dazwischen verläuft ein rund 2’700 Kilometer langer, schwer befestigter Wall.
2026 jährt sich die Ausrufung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara, kurz DARS, zum 50. Mal. Die Regierung von DARS sitzt heute im Exil in den Flüchtlingslagern bei Tindouf in Algerien.
Eine Kolonie wird zu erkämpftem Gebiet
1884 erhob Spanien während der Berliner Afrika-Konferenz Anspruch auf das Gebiet und etablierte dort seine Kolonialherrschaft. Die Region wurde zur Spanischen Sahara.
Spanien setzte auf Assimilierung, um die Kolonisierten von ihrer eigenen Kultur und Identität zu entfernen und so die koloniale Herrschaft abzusichern. Die nomadisch lebenden Sahrauis wurden zunehmend in die koloniale Wirtschafts- und Verwaltungsordnung gedrängt: Hassaniya, die Sprache der Sahrauis, wurde verboten und Spanisch zur offiziellen Sprache erklärt. Auch die Khaimas – die traditionellen Zelte, in denen die Sahrauis nomadisch lebten – wurden untersagt.
Während Marokko von Norden einmarschiert, greift gleichzeitig Mauretanien von Süden an.
Gegen die spanische Herrschaft formierte sich immer wieder Widerstand. Etwa am 17. Juni 1970, als Mohammed Bassiri, eine zentrale Figur des Befreiungskampfes, zu Demonstrationen gegen die Kolonialherrschaft aufrief. Die spanische Armee antwortete mit brutaler Gewalt: Die Proteste wurden niedergeschossen und zahlreiche Menschen festgenommen. Bassiri selbst verschwand für immer in einem Kolonialgefängnis. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt.
Nach diesem Massaker verlor die Bewegung endgültig die Hoffnung auf eine friedliche Verhandlung mit dem faschistischen Spanien unter Franco.
Drei Jahre später gründeten Überlebende gemeinsam mit sahrauischen Studierenden und Soldaten 1973 die Frente Popular para la Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro – kurz Frente Polisario, benannt nach den beiden historischen Regionen der Westsahara. Ihr Ziel war es zunächst, die spanische Kolonialherrschaft zu beenden – nun jedoch mit den Mitteln des bewaffneten Kampfes.
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Rückzug Spaniens und Massenflucht der Sahrauis
Mitte der 1970er-Jahre geriet die spanische Kolonialherrschaft zunehmend unter Druck. Spanien bereitete seinen Rückzug vor. Gleichzeitig erhoben Marokko und Mauretanien Gebietsansprüche.
Im November 1975 unterzeichneten Spanien, Marokko und Mauretanien das sogenannte Madrider Abkommen. Spanien erklärte sich zum Rückzug bereit; die Verwaltung des Gebietes wurde unter Marokko und Mauretanien aufgeteilt. Die Frente Polisario und ein grosser Teil der sahrauischen Bevölkerung lehnten diese Regelung ab.
Mitten im Krieg rief die Frente Polisario die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus.
Nur Tage später marschierte Marokko mit dem sogenannten Grünen Marsch in das Gebiet ein: Über 300’000 Zivilist*innen – begleitet von militärischen Truppen – zogen in die West-Sahara ein. Die Sahrauis selbst nennen dieses Ereignis bis heute den «Schwarzen Marsch», einer der dunkelsten Tage in der Geschichte der Westsahara. Während Marokko von Norden einmarschiert, greift gleichzeitig Mauretanien von Süden an.
Für viele Sahrauis begann damit die Flucht.
Tausende Menschen flohen vor dem Krieg nach Algerien; heute leben schätzungsweise um die 170’000 Sahrauis im Exil. Algerien stellte ihnen dafür ein Gebiet nahe Tindouf zur Verfügung, auf dem sie eine eigene, autonome Struktur aufbauen können. Es ist ein unwirtliches Gebiet: nichts als Wüste, kaum fruchtbares Land und sengende Hitze im Sommer. Dort, wo das Leben selbst zur täglichen Herausforderung wird, beginnen die Sahrauis, eine Gesellschaft aufzubauen.
Aus den Flüchtlingslagern entwickelte sich eine eigene politische und gesellschaftliche Infrastruktur mit Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungsstrukturen. Eine zentrale Rolle übernahmen dabei sahrauische Frauen.
Ein blockiertes Referendum
Mitten im Krieg – in dem Moment, in dem die letzten spanischen Soldaten abziehen und neue marokkanische kommen – rief die Frente Polisario am 27. Februar 1976, die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus: als politische Vertretung der Sahrauis und Symbol des Widerstands.
Die DARS wird heute von rund 40 Ländern völkerrechtlich anerkannt und ist Mitglied der Afrikanischen Union. Ihr Parlament und der Regierungssitz befinden sich bis heute im Exil, in den Lagern bei Tindouf. Trotz der internationalen Anerkennung kontrolliert Marokko den Grossteil der Westsahara weiterhin.
1979 zog sich Mauretanien aus dem Krieg zurück. Marokko übernahm daraufhin auch den von mauretanischen Gruppen kontrollierten Süden. In den folgenden Jahren errichtete Marokko den sogenannten Berm, einen mehrere tausend Kilometer langen Wall aus Sand, Minenfeldern, Stacheldraht und Militärcheckpoints. Er trennt die von Marokko besetzten Gebiete von den Befestigungsanlagen, die von der Frente Polisario kontrolliert werden.
Mittlerweile rüsten die USA, Frankreich, Israel und Deutschland die marokkanische Armee mit Waffen aus.
1991 endet der Krieg mit einem Waffenstillstand unter Vermittlung der Vereinten Nationen (UN). Vorgesehen war ein Referendum, bei dem die sahrauische Bevölkerung abstimmen sollte, ob sie einen eigenen unabhängigen Staat sein möchten. Dafür wurde die UN-Mission MINURSO eingerichtet.
Doch das Referendum fand nie statt. Über 30 Jahre sind seither vergangen. Frankreich und Spanien unterstützen inzwischen Marokkos Autonomieplan für die Westsahara. Die Westsahara gilt bei den UN offiziell weiterhin als «nicht selbstverwaltetes Gebiet».
Bruch des Waffenstillstands
2020 zerbrach der Waffenstillstand. Im Grenzgebiet von Guerguerat, wo laut Waffenstillstandsabkommen jede militärische Präsenz verboten war, griffen marrokanische Militärs sahrauische Demonstrierende, die eine Strasse im Gebiet blockiert hatten, gewaltsam an.
Die Polisario wertete dies als klaren Bruch der Vereinbarung und erklärte den seit 1991 geltenden Waffenstillstand für nichtig. Seitdem kommt es erneut zu Auseinandersetzungen entlang des Walls.
Marokko kontrolliert das Gebiet der Westsahara nicht nur, sondern betreibt seit Jahrzehnten Siedlerkolonialismus.
Der Widerstand der Sahrauis beschränkt sich aber nicht auf den bewaffneten Kampf. Ein wichtiger Moment war das Protestcamp Gdeim Izik im Oktober 2010. Das Lager lag wenige Kilometer östlich von El Aaiún und wuchs zeitweise auf bis zu 30’000 Teilnehmende an. Es zählt zu den grössten Massenprotesten in der Geschichte der Besatzung. Am 8. November 2010 räumten marokkanische Soldat*innen das Lager gewaltsam: Sie brannte die Zelte nieder, tötete Dutzende und verhaftete Hunderte. Die UN-Mission MINURSO war während der gesamten Zeit vor Ort, sah die Belagerung und blieb untätig.
In den letzten Jahren wächst die politische Rückendeckung Marokkos: Mittlerweile stehen Spanien, Frankreich, die Trump-Regierung und seit Juni 2025 die britische Regierung hinter Rabats Annexionsplänen. Zudem: Marrokanische Streitkräfte werden mit Waffen aus den USA, Frankreich, Israel und Deutschland ausgerüstet.
Demgegenüber stehen die Staaten, überwiegend aus Afrika sowie Mittel- und Südamerika, die das Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis anerkennen.
Marokko kontrolliert das Gebiet der Westsahara nicht nur, sondern fördert seit Jahrzehnten auch die Ansiedlung eigener Staatsbürger*innen, betreibt also Siedlerkolonialismus.
Siedlerkolonialismus bezeichnet eine Form der Kolonisierung, bei der eine Besatzungsmacht gezielt die eigene Bevölkerung in einem besetzten Gebiet ansiedelt. In der Westsahara fördert Marokko seit Jahrzehnten die Ansiedlung etwa durch Steuervergünstigungen, subventionierte Waren sowie einen erleichterten Zugang zu Wohnraum und Arbeit. Dadurch wurden Hunderttausende Marokkaner in der Westsahara angesiedelt, während die Sahrauis in ihrem eigenen Land zunehmend zur Minderheit wurden.
Unabhängige Berichterstattung ist unmöglich
Obwohl die Besatzung schon seit 50 Jahren andauert, bleibt die politische Empörung aus. Das liegt auch daran, dass wenig über die Westsahara berichtet wird, wie auch der Fall der drei getöteten Polisario-Soldaten zeigt. Ausserdem ist unabhängige Berichterstattung aus den besetzten Gebieten ist kaum möglich.
Am 1. Mai 2026 sprach der sahrauische Aktivist und Journalist Mohamed Mayara auf dem Zürcher Kasernenareal über die Situation in der Westsahara. Mayara lebt in El Aaiún – der Hauptstadt der von Marokko besetzten Westsahara. Seine Familiengeschichte ist geprägt von Verschleppung, Verschwindenlassen und Geheimgefängnissen.
2023 exportierte Marokko Phosphatgestein im Wert von rund 400 Millionen US-Dollar aus der besetzten Westsahara.
«Wir nennen sie Märtyrer, weil sie entführt und in furchtbaren Geheimgefängnissen getötet wurden», sagt er. Unter ihnen sei auch sein Vater gewesen, der zusammen mit der Familie verschleppt wurde – ebenso seine damals 22-jährige Cousine.
Mayara arbeitet für Equipe Média, ein sahrauisches Medienkollektiv, das aus den besetzten Gebieten berichtet. Unabhängige Berichterstattung wird dort massiv unterdrückt; es herrscht eine Informationsblockade. Sahrauische Aktivist*innen berichten immer wieder von Überwachung, Festnahmen und Repression. Journalist*innen haben es schwer, in die besetzten Gebiete einzureisen und vor Ort zu berichten.
Phosphat für den Weltmarkt
Warum aber ist die Westsahara überhaupt so umkämpft?
Die Westsahara verfügt über grosse Phosphatvorkommen und ertragreiche Fischgründe vor der Atlantikküste. Dazu kommen das Potenzial für Wind- und Solarenergie und marrokanische Pläne für Meerwasserentsalzung, Wasserstoff- und Ammoniakproduktion.
Auch als Handelsstandort ist die Westsahara wichtig, da der einzige Transportweg via Land nach Sub-Sahara-Afrika über die West-Sahara führt. Und: Marokko baut die Infrastruktur entlang der Atlantikküste aus und plant in Dakhla einen grossen Hafen, der die Region stärker mit Westafrika verbinden soll.
Die Schweiz ist wirtschaftlich und politisch an der marokkanischen Besatzung beteiligt.
Die Wüste ist damit mehr als eine scheinbar unwirtschaftliche Fläche: Sie ist Rohstofflager, Energiepotenzial und strategischer Korridor.
Besonders deutlich zeigt sich das am Phosphatabbau in der Mine Bou Craa. Das Gestein wird über ein rund 100 Kilometer langes Förderband – das längste der Welt – zum Hafen von El Aaiún transportiert und von dort weltweit weiterexportiert – unter anderem für die Produktion von Dünger, die etwa auch in der Schweiz verwendet werden.
Western Sahara Resource Watch (WSRW) dokumentiert diesen Handel seit über einem Jahrzehnt akribisch: 2023 verliessen 29 Schiffe mit rund 1.6 Millionen Tonnen Phosphatgestein das besetzte Gebiet. Den Wert der Exporte schätzt WSRW auf rund 400 Millionen US-Dollar und argumentiert, dass die Einnahmen Marroko zugutekommen.
Zukunft der Westsahara ungewiss
Auch die Schweiz ist am Phosphathandel aus der Westsahara beteiligt. WSRW nennt mehrere Unternehmen, die Phosphate aus der besetzten Westsahara beziehen. Dokumentiert sind etwa das Genfer Büro Saftco, das Zuger Unternehmen EuroChem und Cargill International SA mit Sitz in Genf.
Die Schweiz ist allerdings nicht nur wirtschaftlich an der marokkanischen Besatzung beteiligt, sondern auch politisch: Bis heute erkennt sie die Westsahara nicht als eigenständigen Staat an.
50 Jahre nach der Ausrufung der DARS ist die Zukunft der Westsahara weiterhin ungeklärt. Während Marokko den grössten Teil des Gebiets kontrolliert und wirtschaftlich von der Besatzung profitiert, bekräftigt die Frente Polisario ihren Anspruch auf die Unabhängigkeit der Westsahara: «Sahara libre. Polisario vencerá.»
In den Flüchtlingslagern bei Tindouf sind inzwischen mehrere Generationen aufgewachsen. Viele haben die Westsahara nie selbst erlebt.
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