«Ich wollte dazu­ge­hören» – als Frau mit Behin­de­rung in den 70er Jahren

Frau sein in den 70er Jahren – in der Schweiz kein Zucker­schlecken. Als Frau mit einer Behin­de­rung erst recht. Dora Bigler, heute 66, erzählt von Diskri­mi­nie­rung, gesell­schaft­li­chen Barrieren und den Wünschen einer heran­wach­senden Frau. 
Seit einem Velounfall mit 12 Jahren lebt Dora Bigler mit einer Zerebralparese. Ihr Leben ist von dem Wunsch geprägt, sowohl beruflich wie auch als Frau ein erfülltes und in jeder Hinsicht unabhängiges Leben führen zu können. (Bild: zVg)

Im Januar 1972 erwachte ich als 12-jähriges Mädchen nach drei­wö­chiger Bewusst­lo­sig­keit mit verkrampftem Körper in einem Bett im Basler Kinder­spital. Mein Geist funk­tio­nierte, alles andere war weg. Ich konnte nicht mehr spre­chen, fühlte mich hilflos. Meine Eltern, die Ärzte, das Pfle­ge­per­sonal und die Therapeut:innen erklärten mir, was passiert war: Am 13.12.1971 verun­glückte ich auf dem Schulweg mit dem Velo schwer und habe ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Als Folge blieb eine zere­brale Lähmung in der linken Körper­hälfte. Ich müsse nun alles wieder von Neuem lernen. Fest­platte gelöscht – neu forma­tieren. Die Ärzte sagten mir ein Leben im Roll­stuhl voraus, allen­falls würde ich eine Arbeit in einer geschützten Werk­stätte ausüben können.

Ich lernte im Spital dank Physio­the­rapie zwar bald wieder zu gehen und meinen Körper zu gebrau­chen. Mit der Ergo-Thera­peutin übte ich die alltäg­li­chen Verrich­tungen und die Sprach­the­ra­peutin half mir, mich besser zu arti­ku­lieren. Jedoch war die spasti­sche Lähmung offen­sicht­lich, die Koor­di­na­tion der beiden Seiten meines Körpers gestal­tete sich schwierig. 

Die Gleich­alt­rigen hatten nur Verach­tung für ein Mädchen wie mich übrig.

Trotzdem wollte ich so bald als möglich das Spital verlassen, zurück­kommen in mein früheres Leben. Als junges Mädchen sehnte ich mich nach meinen Schul­ka­me­ra­dinnen und meinem heim­li­chen Schul­schatz. In meiner Naivität hoffte ich, mein Leben würde weiter­gehen wie vor meinem Unfall. Nach der Entlas­sung aus dem Spital im April 1972 taten meine Eltern und die Lehrer:innen alles, damit ich meine Schul­bil­dung nahtlos fort­setzen konnte.

Ziel­scheibe des Spotts oder Mitleids

Dank inten­siven ambu­lanten Thera­pien und meinem Durch­hal­te­willen machte ich körper­lich Fort­schritte und in der Schule kam ich gut mit. Meine Eltern und Verwandten standen zum Glück vorbe­haltlos hinter mir. Ich denke zum Beispiel mit Stolz an meinen Vater, der schon mal drän­gelnde Passa­giere zusam­men­stauchte, weil sie mich nicht zuerst über die hohen Stufen in den Zug einsteigen lassen wollten. Meine Mutter bezog mich auch in die allge­meinen Haus­ar­beiten mit ein, wofür ich ihr noch heute sehr dankbar bin.

Der Über­gang vom geschützten Rahmen des Spitals ins Leben hinaus war jedoch in jeder Hinsicht ein Riesenschock.

Im Spital hatten mich alle ermu­tigt und jeden meiner Fort­schritte gefeiert. Draussen war ich nur noch Ziel­scheibe des Spotts oder des Mitleids. Ich fühlte mich überall fremd, auch in meiner bishe­rigen Schul­klasse. Meine Kolle­ginnen sonnten sich in ihren Erfolgen beim andern Geschlecht, schwärmten von ihrem Schatz, ihrem ersten Kuss. Da konnte ich nicht mithalten, die Gleich­alt­rigen hatten nur Verach­tung für ein Mädchen wie mich übrig. Und doch wollte ich dazu­ge­hören, wollte wie meine Kame­ra­dinnen Verliebt­heit und Liebe erleben. Ich war ein Mädchen am Anfang der Pubertät, schwärmte für Peter Maffay oder die Bay City Rollers.

Um meine Ausgangs­lage aus heutiger Sicht besser zu verstehen, muss man sich die Stel­lung der Frau in den Sieb­zi­ger­jahren vor Augen halten. Sie defi­nierte sich zu jener Zeit ausschliess­lich über ihren Mann. Erst wenn eine Frau ihre «bessere Hälfte» gefunden hatte, fühlte sie sich voll­ständig. Unver­hei­ratet mit einem Mann zusam­men­zu­leben, also in «wilder Ehe», kam in der dama­ligen Zeit über­haupt nicht in Frage.

Behin­de­rungen verstecken und negieren

Schon von klein auf spürte ich deut­lich, dass in der Gesell­schaft nur die verhei­ra­teten Frauen (und Mütter) als rich­tige Frauen betrachtet wurden. Man sah auf die ledigen «Fräu­leins» herab, die sich ihren Lebens­un­ter­halt selber verdienen mussten und dabei doch auf keinen grünen Zweig kamen. Geschie­dene Frauen, vor allem die Mütter, standen erst recht auf verlo­renem Posten.

Der Kampf für die Rechte der Frauen und ihre beruf­li­chen Chancen steckte damals noch in den Kinder­schuhen, das Frau­en­stimm­recht war in der Schweiz ja erst 1971 einge­führt worden. 

Es galt auch, sich von anderen Behin­derten abzu­grenzen und seinen Platz in der Welt der «Normalos» zu verteidigen.

Was waren also meine beruf­li­chen und persön­li­chen Perspek­tiven als Frau mit körper­li­cher Behinderung?

1972 glich die Einglie­de­rung von Behin­derten einem Kraftakt, von gesell­schaft­li­cher Seite war kein Entge­gen­kommen zu erwarten. Fami­lien mit einem behin­derten Kind wurden in dieser Situa­tion allein gelassen, meistens kamen die Geschwi­ster zu kurz. Das Wort «Inklu­sion» kannte man damals gar nicht, das Wort «Behin­derte» wurde als gängiges Schimpf­wort verwendet. Betrof­fene mussten zuerst beweisen, dass sie sich in der soge­nannt normalen Welt zurecht­finden – und dafür mussten sie die Behin­de­rung negieren und verstecken. Es galt aber auch, sich von anderen Behin­derten abzu­grenzen und seinen Platz in der Welt der «Normalos» zu vertei­digen. Auf dieser «Hier­ar­chie» standen beispiels­weise die Menschen mit Trisomie21 (damals noch diskri­mi­nie­rend als «Mongo­lo­iden» bezeichnet) ganz weit unten.

Jegliche Bedürf­nisse abgesprochen

Die zahl­rei­chen archi­tek­to­ni­schen Hinder­nisse würden wohl im Jahr 2026 Riesen­pro­teste auslösen, damals galt eine solche Bauweise als normal: Um in Trams, Busse oder Züge zu gelangen, musste man hohe Stufen über­winden, der Zugang zu Bahn­höfen und auf Bahn­steige führte über endlos lange Treppen. Die öffent­li­chen Toiletten mit ihren schmalen und schweren Türen befanden sich oft im Unter­ge­schoss und waren nur über steile Treppen zu errei­chen. Hilfs­be­reit­schaft erlebte ich damals als seltene Tugend. Übri­gens im Gegen­satz zu heute: Beson­ders junge Leute bieten mir in über­füllten öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln ganz selbst­ver­ständ­lich ihren Platz an oder helfen mir mit dem Einkaufs­wagen über eine steile Stufe.

Die bauli­chen Hürden waren aber nur ein Teil des Problems. Viel mehr ins Gewicht fiel die Tatsache, dass Behin­derte als anspruchs­lose und asexu­elle Wesen ange­sehen wurden. Niemand konnte sich vorstellen, dass eine behin­derte Person nicht nur dazu­ge­hören wollte, sondern auch das Bedürfnis nach Liebe, intime Bezie­hung und Sex hatte.

Meine Eltern spürten natür­lich, wie isoliert ich war. Sie meinten, ich solle mich lieber auf meine Ausbil­dung und vor allem auf meine intel­lek­tu­ellen Fähig­keiten konzen­trieren. Insge­heim dachten sie wohl auch, dass ich einmal ein «lediges Fräu­lein» bleiben würde.

Aber ich wollte nicht in eine Ecke abge­schoben werden. Die Zeit der Sieb­zi­ger­jahre bis zum Ende meiner Mittel­schul­aus­bil­dung war für mich vor allem von einem Wunsch geprägt: Ich wollte sowohl beruf­lich wie auch als Frau ein erfülltes und in jeder Hinsicht unab­hän­giges Leben führen können.

Dieses Ziel habe ich auch später nie aus den Augen verloren.

Dieser Artikel erschien zuvor bei Reporter:innen ohne Barrieren

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