Das Lamm: Delfina Gonzalez, Sie kamen 1959 in Asturien im Nordwesten Spaniens zur Welt. Damals herrschte in Spanien der faschistische Diktator Francisco Franco, das Land steckte in einer schweren Wirtschaftskrise mit Lebensmittelknappheit. Wovon habt ihr gelebt?
Delfina Gonzalez: Ich bin in einem kleinen Dorf mit ungefähr 90 Bewohner*innen aufgewachsen. Die Region war geprägt vom Kohleabbau. Alle Männer meiner Familie haben im Bergbau gearbeitet: mein Vater, meine Grossväter und später meine Brüder. Davon konnte man aber kaum leben. Deshalb führten die Frauen kleine Bauernbetriebe mit ein paar Kühen, Kaninchen und Hühnern. Im Sommer nahm der Vater Urlaub, um zu heuen.
Wir mussten nie hungern, aber wir lebten von der Hand in den Mund.
Wie hat sich faschistische Regime im Alltag gezeigt?
Wir wurden in der Schule katholisch-nationalsozialistisch erzogen. Vor dem Unterricht mussten wir die Nationalhymne singen und beten. Die Mädchen sassen auf der einen, die Jungen auf der anderen Seite des Klassenzimmers. Während wir stricken und häkeln lernten, wurden die Jungs in Physik und Mathematik unterrichtet. Als Kind wollte ich Fischverkäuferin werden, weil das das die einzigen berufstätigen Frauen waren, die ich kannte. Ansonsten wechselten die Frauen von der Obhut des Vaters direkt in die des Ehemannes und ihre Bestimmung war es, Kinder zu kriegen.
«Ich kam in den 1970er-Jahren in die Schweiz und profitierte vom Kampf der ersten Saisonniers.»
Delfina Gonzalez, ehmalige Saisonarbeiterin
Meine Familie war republikanisch und links gesinnt. Wer Franco nicht unterstützte, stand unter ständiger Beobachtung. Zuhause konnte man frei sprechen, aber sobald man draussen war, musste man extrem aufpassen. Ein falsches Wort hätten den Männern den Job gekostet.
In der Öffentlichkeit durfte man maximal zu dritt zusammenstehen, um sich zu unterhalten, sonst wurde man der Konspiration verdächtigt. Mein Grossvater erhielt regelmässig vermeintlich kommunistische Briefe. Fallen, mit denen das Regime seine Gesinnung prüfen wollte.
Mit 14 wurden Sie für ein paar Monate zu einer Tante in die Schweiz geschickt, um ihr mit ihrem Neugeborenen zu helfen. Wie war der erster Eindruck?
Die Leute um mich herum hatten keine Angst. Das war eine neue Erfahrung für mich. Und die Frauen hier fuhren Auto! Ich habe Frauen gezählt, die am Steuer sassen, so unglaublich fand ich das. Als meine Zeit vorbei war, wusste ich, dass ich zurückkommen will, koste es was es wolle. In Spanien hatte ich keine Zukunftsperspektive.
Mit 16 bin ich dann wieder in die Schweiz gekommen – dieses Mal als Saisonniere. An der Grenze mussten alle Saisonniers eine medizinische Untersuchung durchlaufen. Es war immer ein Riesengedränge. Frauen und Männer wurden getrennt. Wir Frauen mussten uns obenrum frei machen. Viele haben sich geschämt oder verstanden die Anordnungen nicht, weil sie kein Französisch sprachen. Dann wurden unsere Lungen und Herzen getestet. Nur wer gesund war, durfte die Grenze passieren. Kranke und Schwangere wurden abgewiesen. Es herrschte eine grosse Verunsicherung, darf man rein oder nicht. Oft kam es zu dramatischen Szenen, weil Ehepaare, von denen einer nicht einreisen durften, auseinandergerissen wurden.
Nach bestandener Grenzkontrolle ging es für mich nach Davos, wo ich als Büffetmädchen in einem Restaurant für die Wintersaison arbeitete. Die meisten Frauen, die allein in die Schweiz kamen, arbeiteten auch für die Gastronomie. Glücklicherweise konnte ich schon etwas Deutsch, sodass ich manchmal auch an der Kasse helfen durfte.
Die Ausstellung «Wir, Saisonniers…» beleuchtet die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter*innen in der Schweiz. Waren sie einerseits zu Zeiten des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit sehr gefragt, wurden sie durch die strenge Migrationspolitik der stark eingeschränkt und gesellschaftlich ausgegrenzt. Mit historischen Dokumenten und Fotografien und Filmmaterial werden die Lebensrealitäten der Gastarbeiter*innen zugänglich. Die Austellung, erstmals 2019 in Genf gezeigt, läuft bis zum 21. Juni 2026 in der Photobastei in Zürich.
Delfina Gonzalez kam Anfang der 1970er-Jahre als 14-Jährige aus dem faschistischen Spanien in die Schweiz, arbeitete hier mehrere Jahre mit Saisonnierstatut. Heute ist sie pensionierte Sozialpädagogin und weiterhin politisch aktiv. Sie ist Mitglied im Verein TESORO, der sich dafür einsetzt, das Leid illegalisierter migrantischer Familien mit Saisonnier- und Jahresaufenthalterstatut aufzuarbeiten.
Wie sah der Alltag aus?
Die Arbeitstage waren unheimlich streng und lang, insbesondere wenn das Wetter gut war. Mittags hatten wir eine Stunde Pause, in der wir was essen konnten. Einen Tag pro Woche bekamen wir frei. Wir wohnten im Betrieb, in Personalzimmer, die wir uns zu fünft oder sechst geteilt haben. Kost und Logie wurden uns vom Lohn abgezogen. Aber ich konnte etwas Geld zur Seite legen und meine Familie in Asturien unterstützen.
Hatten wir frei, gab es nicht viel zu erleben. Wir waren schliesslich hoch oben in den Bergen. Wir haben Karten gespielt oder gelesen. Und uns über die Heimat unterhalten. Es ging viel um Sehnsucht.
«Viele Spanier*innen konnten kaum lesen und schreiben. So habe ich Briefe verfasst für Frauen, die selbst nicht schreiben konnten.»
Delfina Gonzalez, ehemalige Saisonarbeiterin
Viele Saisonniers haben unter unmenschlichen Bedingungen in der Schweiz gelebt. In Baracken mit unzureichenden sanitären Anlagen. Ich kam in den 1970er-Jahren in die Schweiz und profitierte vom Kampf der ersten Saisonniers. Damals hatten sich die Bedingungen schon gebessert: Der Lohn war okay und es gab ausreichend sanitäre Anlagen, einen freien Tag pro Woche und eine anständige Behandlung.
Und nicht zu vergessen: Von der faschistischen Diktatur in Spanien war ich Schlimmes gewöhnt. Verglichen damit hat die Schweiz mich gut behandelt.
Die meisten Saisonniers kamen aus Italien, Spanien und Ex-Jugoslawien. Manche sprachen gar kein Deutsch. Wie habt ihr euch verständigt?
Die Schweizer Patrons sprachen Italienisch mit uns, das verstanden die meisten. Wir Saisonniers bildeten Gruppen mit unseren Landsleuten. Der älteste Saisonnier erklärte dann dem Rest, was zu tun war. Obwohl die einzelnen Nationalitäten unter sich blieben, herrschte eine grosse Solidarität. Wir haben uns gegenseitig unterstützt.
Es war sehr unterschiedlich, wer mit der Zeit Deutsch sprechen konnte und wer nicht. Viele Spanier*innen konnten kaum lesen und schreiben. So habe ich Briefe verfasst für Frauen, die selbst nicht schreiben konnten. Wir waren Armut, Repression und Ignoranz gewohnt. Es war nicht unsere Schuld, dass wir so ungebildet waren. Aber wenn du deine eigene Muttersprache kaum kannst, dann lernst du auch kein Deutsch.
Das war bei den Ex-Jugoslaw*innen anders: Die waren alle gebildet und wussten, wie man eine neue Sprache lernt. Die hatten auch alle einen Beruf erlernt, nur gab es in ihrer Heimat keine Jobs.
Wie stellten sich die Saisonniers ihre Zukunft in der Schweiz vor?
Längst nicht alle wollten in der Schweiz bleiben. Viele Saisonniers aus Südspanien wollten zum Beispiel einfach nur Geld verdienen, um neue Maschinen für ihre Olivenhaine in der Heimat zu kaufen. Sie haben einige Saisons in der Schweiz gearbeitet und sind danach für den Rest ihres Lebens in Südspanien geblieben.
Langfristig in der Schweiz bleiben wollten vor allem Menschen, die in der Heimat keinerlei Perspektive hatten.
Rechte Parteien prägten die damalige politische Debatte mit dem Thema der sogenannten Überfremdung. Haben Sie selbst Ressentiments aus der Bevölkerung erfahren?
Ausländerfeindlichkeit habe ich persönlich kaum erlebt, wahrscheinlich auch, weil wir in einer Art Parallelwelt lebten, fast nur unter Ausländer*innen. Ich habe immer darauf geachtet, nicht negativ aufzufallen und niemandem zur Last zu fallen. Das war vielleicht auch eine Art Selbstschutz. Indem ich extra leise sprach und nicht laut lachte, wie ich es eigentlich gewohnt war, passte ich mich den Schweizer Gegebenheiten an.
«Inzwischen fühle ich mich nicht mehr richtig wie eine Spanierin, aber richtig Schweizerin bin ich auch nicht.»
Delfina Gonzalez, ehemalige Saisonarbeiterin
Der Familiennachzug für Saisonarbeiter war verboten, Zehntausende Familien wurden auseinandergerissen. Manche Kinder wuchsen gar im Versteckten auf, weil die Eltern sie trotz Verbot mit in die Schweiz nahmen. Was haben Sie davon mitbekommen?
Meistens blieben die Frauen zurück, erzogen die Kinder und schmissen das Leben in der Heimat, während die Männer in der Schweiz schufteten. Die Kinder meiner älteren Kolleg*innen wuchsen bei den Grosseltern oder in Heimen auf. Manche Kinder erkannten ihre Eltern nicht mehr, wenn sie nach einer Saison zurückkamen. Paare mussten sich neu kennenlernen, nach neun Monaten Trennung. Manche haben das so schlecht verkraftet, dass sie psychisch krank wurden.
Nach der Wintersaison mussten Sie ausreisen und für die Sommersaison, die Sie auf der Göschenen Alp verbrachten, wieder neu einreisen.
Ja, das war anstrengend, man musste jedes Mal wieder das gleiche Prozedere durchlaufen. Aber die Schweizer Betriebe, die mit Saisonniers gearbeitet haben, hatten kein Interesse an Jahresaufenthalter*innen. Ihre Hotels und Restaurants waren entweder über den Sommer oder den Winter geöffnet.
Nach fünf Jahren als Saisonnier konnte man den B‑Ausweis beantragen. Damit musste man nicht mehr ausreisen und der Familiennachzug war erlaubt.
Den B‑Ausweis bekam nur, wer auf den Tag genau 5 mal 9 Monate gearbeitet hatte. Die Fremdenpolizei war extrem streng. Es gab allerdings noch einen anderen Weg, um an den B‑Ausweis zu kommen: Für neue Betriebe oder Bauvorhaben stellte die Fremdenpolizei Kontingente aus. Das waren dann zum Beispiel 50 Stellen, die alle direkt die B‑Bewilligung erhielten.
Auch ich habe eine solche Kontingenzstelle bekommen. In Zollikon im Kanton Zürich wurde ein Altenheim eröffnet und ich wurde als Hilfspflegerin eingestellt. Das hat mein Leben sehr erleichtert. Endlich musste ich nicht mehr ständig ein- und ausreisen. Endlich konnte ich ankommen.
Wann haben Sie beschlossen, langfristig in der Schweiz zu bleiben?
Der Entscheid ist nicht von heute auf morgen gefallen, sondern hat sich mit der Zeit entwickelt. Mir wurde immer klarer, dass nicht mehr auf die Freiheiten verzichten, die ich in der Schweiz genoss – gerade als Frau. Hier hatte ich die Möglichkeit, mich weiterzubilden und mein eigenes Geld verdienen. In meinem spanischen Heimatdorf war ich mit meinem Lebensstil in gewisser Weise zur Exotin geworden. Das war nicht immer einfach.
Aber meine Eltern standen immer hinter mir. Sie waren so stolz auf mich. Das hat mir viel Kraft gegeben, meinen eigenen Weg weiterzugehen.
Die Strukturen der Ausbeutung, des Lebens im Schatten wiederholen sich heute – nur unter anderen Vorzeichen.
Delfina Gonzalez, ehemalige Saisonarbeiterin
Und dann haben Sie sich in einen Schweizer verliebt.
In Zollikon habe ich meinen Mann kennengelernt. Durch die Heirat bekam ich automatisch den Schweizer Pass. Das hat mein Leben deutlich erleichtert. Am spanischen Konsulat in Zürich habe ich die Matura nachgeholt und danach habe ich eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin absolviert. Inzwischen fühle ich mich nicht mehr richtig wie eine Spanierin, aber richtig Schweizerin bin ich auch nicht. Dieses Dazwischen ist manchmal nicht einfach, doch wirklich darunter leiden, tue ich nicht.
Wo liegen heute Parallelen zum Saisonnierstatus?
Es gibt nach wie vor Leute, die unsichtbar sind. Wer pflückt unser Gemüse, das wir im Supermarkt kaufen? Wer pflegt unsere Grosseltern? Wer baut unsere Infrastruktur? Die Erntehelfer in Südspanien und Süditalien, die aus Ländern südlich der Sahara kommen, die Männer aus dem Magreb oder die Frauen aus Osteuropa – sie machen das gleiche durch wie die ersten Saisoniers. Es sind die gleichen Schicksale. Sie haben oft keine geregelten Arbeitsverträge, niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten – manche davon leben ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Wer kümmert sich um ihre Kinder? Die Strukturen der Ausbeutung, des Lebens im Schatten wiederholen sich, nur unter anderen Vorzeichen.
Das Saisonnier-Statut galt bis 2002. Was wünschen Sie sich für den öffentlichen Diskurs darüber?
Ich wünsche mir, dass anerkannt wird, welches Leid durch dieses Gesetz verursacht worden ist und dass die Bedingungen für Saisonniers, zumindest teilweise, unmenschlich waren.
Wie viel Verlust, wie viel Verzicht manche Menschen auf sich genommen haben, um hier zu arbeiten. Und ich wünsche mir, dass die Schweizer*innen sehen, welchen Beitrag wir geleistet haben. Allein die Bauleistungen von Saisonniers sind enorm, so viele Gebäude, Strassen und Tunnel! Der Flughafen Zürich zum Beispiel wurde von Saisonniers der Nachkriegszeit gebaut. Bauunternehmen brachten viele von ihnen aus dem Wallis nach Zürich, nachdem im Mattmark 1965 beim Bau eines Staudamms eine Gletscherlawine 88 Menschen – darunter viele Sasonniers – unter sich begraben hatte. Sie haben nach diesem Trauma nahtlos weitergearbeitet.
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