«Uns Arbeiter*innen aller Nationen eint der Kampf um Brot und Freiheit»

Avery Wear, Orga­nizer bei der SEIU, erklärt im folgenden Inter­view, warum Infla­tion und poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung neue Dyna­miken in die Arbeits­kämpfe bringen – und weshalb er inter­na­tio­nale Soli­da­rität als zentrale Antwort auf Krise, Krieg und Rechts­ruck sieht. 
Avery Wear organisiert Arbeiter*innen in der SEIU, einer der grössten Gewerkschaften der USA. (Bild: L.W.)

Die Service Employees Inter­na­tional Union (SEIU) gehört zu den grössten Gewerk­schaften der USA und orga­ni­siert Beschäf­tigte im öffent­li­chen Dienst und im Dienst­lei­stungs­sektor. Im County von San Diego vertritt die SEIU Local 221 über 10’000 Beschäf­tigte – in einer Region, die mit stei­genden Lebens­hal­tungs­ko­sten, harter Migra­ti­ons­po­litik und wach­sender sozialer Ungleich­heit zu kämpfen hat.

Das Lamm: Avery Wear, du orga­ni­sierst für die mitglie­der­ge­steu­erte Gewerk­schaft SEIU Local 221. Wie haben Trump und ökono­mi­sche Krise deine Arbeit verändert? 

Avery Wear: Infla­tion und stei­gende Lebens­ko­sten haben die Leute wach­ge­rüt­telt. Zur Tarif­kam­pagne 2022 brachten wir 250 Leute auf die Strasse. Diese Kampagne fand im Rahmen der Tarif­ver­hand­lungen im öffent­li­chen Sektor statt. Die Kampagne konzen­trierte sich vorder­gründig auf Lohn­er­hö­hungen ange­sichts hoher Infla­tion sowie Entla­stung bei Perso­nal­mangel und Arbeits­ver­hält­nisse während und nach der Pandemie. 2025 waren bereits doppelt so viele Menschen auf der Strasse. Im Vergleich zu unseren 11’000 Mitglie­dern wirkt das zwar nach wenig, doch die Wut wächst. Der Genozid in Gaza und Trumps ICE-Razzien schweissen uns zusammen. Das könnte zu Mitglie­der­zu­wachs und mehr Mili­tanz führen. 

«Das Problem ist nicht die Spal­tung durch Kultur­kämpfe, sondern die einge­prägte Gewohn­heit, Probleme alleine lösen zu müssen.»

Avery Wear, Orga­nizer bei der Gewerk­schaft SEIU

Übri­gens: SEIUs Behaup­tung «mitglie­der­ge­steuert» zu sein sollte man nicht zu ernst nehmen. Wie fast bei allen Gewerk­schaften in den USA führen Ange­stellte SEIU, nicht die Arbeiter*innen. Aber wir benutzen SEIUs öffent­li­ches Verspre­chen als Hebel: Wenn die Basis die Initia­tive ergreift, ist die Führung entwaffnet.

Wo verlaufen die Gräben bei euch? Spielen poli­ti­sche Kultur­kämpfe eine grosse Rolle?

Die grössten Span­nungen gibt es zwischen den Gene­ra­tionen. Früher gab es bessere Renten, Berufseinsteiger*innen kriegen heute weniger. Letz­tere fühlten sich mit ihren Anliegen in der Gewerk­schaft nicht gesehen. Inzwi­schen kämpfen wir gegen die Einfüh­rung weiterer Lohn­stufen und versu­chen, die nied­rigste Stufe abzuschaffen.

Klas­si­sche «Kultur­kämpfe» sehe ich kaum. Ein aktiver Kollege in meiner Abtei­lung war Trump-Unter­stützer. Er war offen für Klas­sen­ar­gu­mente also haben wir trotz offen­sicht­li­cher Wider­sprüche zusam­men­ge­ar­beitet. Erst als die Gewerk­schafts­füh­rung Wahl­wer­bung für Kamala Harris machte, trat er aus. Das wäre nicht passiert, hätte man zur Wahl für Bernie Sanders aufge­rufen. Die inten­sive, medial befeu­erte Pola­ri­sie­rung zwischen Republikaner*innen und Demokrat*innen wirkt auf uns nur spal­tend, wenn die Führung Wahlen gegen­über Aktionen prio­ri­siert – beson­ders wenn sie dabei neoli­be­rale Demokrat*innen unterstützt.

Wie wehrt ihr euch im Alltag?

San-Diego-County-Beschäf­tigte haben seit 1994 nicht gemeinsam gestreikt, aber wir lernen es wieder. Unsere Praxis umfasst zurzeit Kund­ge­bungen, Orga­ni­zing-Treffen, oder die Lancie­rung von Peti­tionen. In meiner Abtei­lung forderten Kolleg*innen Satel­li­ten­te­le­fone für Einsätze in Funk­lö­chern, wenn das Auto liegen­bleibt. Wir haben die Forde­rung durch­ge­setzt. Das war ein Moment der kollek­tiven Selbst­er­mäch­ti­gung. Das Problem ist nicht die Spal­tung durch Kultur­kämpfe, sondern die systematisch einge­prägte Gewohn­heit, Probleme alleine lösen zu müssen. Wir drehen diesen Wind gerade. 

Wie verbindet man lokale Forde­rungen – etwa um bessere Arbeits­be­din­gungen – mit den globalen Krisen­dy­na­miken wie Krieg, Spar­po­litik und Rechtsruck?

Aus meiner Perspek­tive ist das derzeit die zentrale Kampf­front. Die wich­tigste Taktik ist gewerk­schafts­über­grei­fende Vernet­zung. Ich habe eine «Labor History Class» gestartet, offen für alle. Zur Veran­stal­tung über den Kampf zur palä­sti­nen­si­schen Frei­heit kamen plötz­lich achtzig Leute aus sieben verschie­denen Gewerkschaften.

«Kapi­ta­lismus und echte Demo­kratie schliessen sich gegen­seitig aus.»

Avery Wear, Orga­nizer bei der Gewerk­schaft SEIU

Daraus entstand die Gruppe «San Diego Labor for Pale­stine», die in verschie­denen Orts­gruppen und im über­ge­ord­neten «San Diego Central Labor Council», der regio­nale Dach­ver­band der Gewerk­schaften, der für Soli­da­rität mit Palä­stina warb. Später wurde daraus das «Labor Soli­da­rity Action Network», das vor allem inner­halb der lokalen Arbeiter*innenbewegung veran­kert ist. Heute orga­ni­sieren wir aus diesem Netz­werk heraus Anti-ICE-Arbeit und halten die Verbin­dung über Grenzen hinweg mit den Arbeiter*innen in Tijuana.

Wie verhin­dert ihr, dass die Bewe­gung zur Wahl­kampf­ma­schine der Demokrat*innen wird?

Unab­hän­gig­keit ist alles. Gewerkschaftsbürokrat*innen verdienen gut. Sie wollen Stabi­lität und wählen deshalb oft das «klei­nere Übel» zula­sten von Arbeiter*innenaktionen, einschliess­lich Streiks. Die Basis muss unbe­dingt unab­hängig handeln. Wir nutzen dafür die Einheits­front: Wir drängen die Führung in Rich­tung Mili­tanz und warten nicht auf ihre Erlaubnis. 

Darunter versteht man eine Stra­tegie in Arbeits­kämpfen: Unter­schied­liche Strö­mungen handeln gemeinsam in konkreten Kämpfen – auch wenn poli­ti­sche Diffe­renzen bestehen.

Wie stehst du dazu, wenn Regie­rungen im Zuge der aktu­ellen geopo­li­ti­schen Umbrüche Aufrü­stung gerne als «Vertei­di­gung der Demo­kratie» rechtfertigen? 

Kapi­ta­lismus und echte Demo­kratie schliessen sich gegen­seitig aus. Im Kapi­ta­lismus wird die Mehr­heit der Menschen zu Ausbeu­tungs­zwecken unter­worfen. Mit Klas­sen­kampf von unten erkämpfen wir uns demo­kra­ti­sche Elemente unter der Herr­schaft des Kapi­tals. Diese Elemente sind völlig unzu­rei­chend und ständig verwundbar. Dennoch sind es kost­bare Ressourcen für unsere Würde, unsere Fähig­keit, uns selbst zu orga­ni­sieren, um letzt­lich eine tatsäch­liche Arbeiter*innendemokratie – Sozia­lismus – zu erreichen.

«Joe Biden blähte den eh schon monströsen Mili­täretat auf und rasierte gleich­zeitig den Sozialstaat.» 

Avery Wear, Orga­nizer bei der Gewerk­schaft SEIU

Im Krieg zwischen kapi­ta­li­sti­schen Staaten ringen nicht Demo­kratie und Auto­ri­ta­rismus mitein­ander, sondern Impe­ria­lismus gegen Selbst­be­stim­mung. Ob in Palä­stina, Vene­zuela oder der Ukraine: Unsere Klasse muss für Selbst­be­stim­mung eintreten. Auch wenn eine impe­ria­li­sti­sche Demo­kratie einen auto­ri­tären Staat angreift – wie Vene­zuela oder den Iran – tut sie dies aus den auto­ri­tär­sten Motiven über­haupt: Unter­wer­fung, Kolo­nia­lismus und Plün­de­rung. Während­dessen nutzen sie die «Vertei­di­gung der Demo­kratie», um hart erkämpfte Rechte im eigenen Land abzubauen.

Die Lage wird kompli­zierter, wenn ein Land ange­griffen wird und Hilfe von einem impe­rialen Rivalen annimmt – wie beispiels­weise die Ukraine von den USA. Hat solche Unter­stüt­zung selbst einen impe­rialen Charakter?

Unter­drückte Nationen haben das Recht, Waffen zu beziehen. Ein Blick zurück: Die USA brauchten fran­zö­si­sche und preus­si­sche Waffen, um sich die Unab­hän­gig­keit von Gross­bri­tan­nien zu erkämpfen. Indem sie die US-Repu­blik errich­teten, ebneten sie den Weg für die erste Fran­zö­si­sche Repu­blik, die den König hinrich­tete. Vietnam schlug wiederum die USA mit mass­geb­li­cher Hilfe aus China.

In beiden Fällen blieben die Nationen eigen­ständig, Vietnam schlug China nach dem Sieg über die USA sogar prompt als näch­sten Aggressor zurück. Die Selbst­be­stim­mung von Nationen ist in gewisser Weise das grund­le­gendste aller demo­kra­ti­schen Rechte.

In Europa und der Schweiz wird im Namen der Demo­kratie aufge­rü­stet, neue sicher­heits­po­li­ti­sche Bindungen forciert und die Repres­sion gegen die eigene Bevöl­ke­rung verschärft. Beob­ach­test du Ähnli­ches in den USA?

Unter dem ehema­ligen US-Präsi­denten Joe Biden lief genau dieses Programm. Er blähte den sowieso schon monströsen Mili­täretat auf und rasierte zeit­gleich den Sozi­al­staat. So förderte er die Armut unserer Klasse und schürte den Reichtum der Rüstungs­kon­zerne und Tech-Olig­ar­chen wie Elon Musk oder Peter Thiel. Er verkaufte uns Protek­tio­nismus als Rettung der Freiheit.

«Es ist genug Reichtum für alle da, wir Arbeiter*innen schaffen ihn jeden Tag.» 

Avery Wear, Orga­nizer bei der Gewerk­schaft SEIU

Bidens Politik war zutiefst demo­kra­tie­feind­lich. Sie vergrös­sert Einkom­mens- und Vermö­gens­un­gleich­heiten und fördert Chau­vi­nismus und Angst vor realer Kriegs­ge­fahr. Am Ende hat genau dieser Kurs den Teppich für Donald Trumps Rück­kehr ausge­rollt. Trump wiederum bewun­dert Auto­kraten offen und eifert ihnen nach. 

Beide Seiten höhlen die Demo­kratie aus, während die sie im Namen des Krieges beschwören.

Dies ist eine Wirt­schafts­po­litik, die Schutz der eigenen Wirt­schaft vor auslän­di­scher Konkur­renz prio­ri­siert. Im heutigen Kontext bedeutet dies: Ende des Frei­han­dels, Zölle in erster Linie, Import­be­schrän­kungen für bestimmte Güter, Subven­tionen heimi­scher Industrien.

Welche Fragen sollten sich Beschäf­tigte stellen, wenn man sie in einen Krieg «für die Demo­kratie» ziehen will?

Unsere Klasse sollte sich daran erin­nern, dass die bestehenden demo­kra­ti­schen Elemente Errun­gen­schaften des Klas­sen­kampfes sind. Wir haben sie Kapital und Staat abge­trotzt. Die Regie­rungen, die heute vorgeben, die Frei­heit im Ausland zu vertei­digen, sind im Inland die uner­bitt­li­chen Vertei­diger der Ungleich­heit. Wir haben mit den Arbeiter*innen in den soge­nannten Feind­staaten mehr gemeinsam als mit den Kapitalist*innen im eigenen Land. Uns Arbeiter*innen aller Nationen eint der Kampf um Brot und Freiheit.

Die Krisen seit 2008 und der schwin­dende Einfluss der USA zeigen, wie wackelig der Kapi­ta­lismus geworden ist. Wir hängen global immer stärker vonein­ander ab. Da passt ein System, das vor allem auf Konkur­renz setzt, immer weniger.

Für unsere Kinder gibt es in diesem System nichts zu gewinnen, die kapi­ta­li­sti­sche Zukunft bringt nur Arbeits­lo­sig­keit, Krieg und Klima­kol­laps. Es ist genug Reichtum für alle da, wir Arbeiter*innen schaffen ihn jeden Tag. Es steht uns zu, selbst darüber zu verfügen.


Jour­na­lismus kostet

Die Produk­tion dieses Arti­kels nahm 39 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 2288 einnehmen.

Als Leser*in von das Lamm konsu­mierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demo­kratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produk­tion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rech­nung sieht so aus:

Soli­da­ri­sches Abo

Nur durch Abos erhalten wir finan­zi­elle Sicher­heit. Mit deinem Soli-Abo ab 60 CHF im Jahr oder 5 CHF im Monat unter­stützt du uns nach­haltig und machst Jour­na­lismus demo­kra­tisch zugäng­lich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.

Ihr unter­stützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorg­fältig recher­chierte Infor­ma­tionen, kritisch aufbe­reitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unab­hängig von ihren finan­zi­ellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Jour­na­lismus abseits von schnellen News und Click­bait erhalten.

In der kriselnden Medi­en­welt ist es ohnehin fast unmög­lich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkom­mer­ziell ausge­richtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugäng­lich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure soli­da­ri­schen Abos ange­wiesen. Unser Lohn ist unmit­telbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kriti­schen Jour­na­lismus für alle.

Ähnliche Artikel

Streik beim Stadtbus Winterthur

Bis zu 150 Fahrer*innen des Stadtbus Winterthur legten am 3. März 2026 ihre Arbeit nieder. Sie beklagen ungerechte Minusstunden, fehlende Nachtzulagen und mangelhafte Dienstplanung. Die Verhandlungen laufen und ein weiterer Streik droht.