Jour­na­lismus für ein gutes Leben für alle

Die Welt ist aus den Fugen – und der Jour­na­lismus hält nicht Stand. Wer eine andere Gesell­schaft möchte, muss dezi­diert linke und nicht profit­ori­en­tierte Medien fördern. 
Nicht nur die Tasten glühen bei der journalistischen Arbeit – die ganze Branche steht in Flammen. (Bild: Luca Mondgenast)

Der Spät­ka­pi­ta­lismus setzt uns allen zu: Der globale Reichtum konzen­triert sich bei immer weniger Milliardär*innen, die Zahl der Kriege verviel­facht sich, der Alltag vieler Menschen ist von der Angst vom sozialen Abstieg geprägt. Und die Medien? Sie hätten die Verpflich­tung, die Massen über die Miss­stände zu infor­mieren, den Mäch­tigen mit scharfen Worten und gründ­li­chen Recher­chen auf die Finger zu schauen und ihnen die Stirn zu bieten. Nur leider gehören sie meist denselben.

Wer die Zeitungen, die Medi­en­häuser, die Platt­formen besitzt, hat unge­heure Macht. Das wissen Blocher, Zucker­berg oder Musk schon längst. 

Die Eigen­tums­ver­hält­nisse der Schweizer Medi­en­branche offen­baren, wie weit rechts sie steht.

Was in den Medien steht, erzählt die Geschichte unserer Welt. Und es gibt nichts Gefähr­li­cheres als ehrliche Geschichtenerzähler*innen. So werden Journalist*innen welt­weit einge­schüch­tert, über­wacht, diffa­miert, inhaf­tiert und sogar getötet. Israel hat im Gaza­streifen über 240 Journalist*innen hinge­richtet, in Vene­zuela, im Iranauf den Phil­ip­pinenden USA oder in Russ­land werden Journalist*innen aufgrund ihrer Bericht­erstat­tung über regie­rungs­kri­ti­sche Proteste fest­ge­nommen und teils gefoltert.

Die Eigen­tums­ver­hält­nisse der Schweizer Medien offen­baren, wie weit rechts die Medi­en­branche steht: Alleine Chri­stoph Blocher gehören 25 verschie­dene Gratis­zei­tungen, Roger Köppel verfügt über die Welt­woche, Eric Gujer leitet seit über 10 Jahren die NZZ und Markus Somm führt mit dem Nebel­spalter das älteste Sati­re­ma­gazin der Welt. Auch die Köpfe hinter den Giganten TX Group oder Ringier sind alles andere als links. Obwohl die meisten Medien in den Händen von Liberal-Konser­va­tiven bis Rechts­extremen sind, hält sich der Mythos vom vermeint­lich von Linken geprägten Jour­na­lismus. Er wird genutzt, um kriti­sche Bericht­erstat­tung als ideo­lo­gisch gefärbt abzuwerten.

Die Medi­en­land­schaft steht unter ökono­mi­schem Druck. Medi­en­er­zeug­nisse werden schon lange als Konsum­pro­dukte, nicht als Gemeingut verstanden. Und dieses Prinzip funk­tio­nierte, wenig­stens für die Branche selbst, lange Zeit recht gut. Jahr­zehn­te­lang finan­zierten sich Print­me­dien über Werbung, Inse­rate und Abos. Aber dann kam die Digi­ta­li­sie­rung, die den Werbe­markt radikal verän­derte und somit auch das Erfolgs­ge­schäft der Medien. Nun sacken Platt­formen wie Google oder Meta die Gelder ein, die früher direkt in Redak­tionen und Verlage flossen.

Die Zahl der Schweizer Journalist*innen ist in 10 Jahren auf etwa 10’000 geschrumpft.

Das Land mit Infor­ma­tionen zu versorgen, wurde also zu teuer. Und wenn das Geld nicht mehr reicht, heisst das: Entlas­sungen, Entlas­sungen, Entlassungen. 

Alleine 2024 entliess Tamedia rund 300 Mitar­bei­tenden – es war die grösste Massen­ent­las­sung der Schweizer Medi­en­ge­schichte. 2025 stellte 20 Minuten seine Print­aus­gabe ein – die bis dahin grösste und erfolg­reichste Gratis­zei­tung der Schweiz – und strich weitere 80 Stellen. Die SRG kündigte kürz­lich Spar­pläne in Höhe von 270 Millionen Franken an: Bis 2029 will sie 900 Voll­zeit­stellen abbauen.

So ist die Zahl der Journalist*innen in der Schweiz in den letzten zehn Jahren um 25 Prozent auf etwa 10’000 geschrumpft. Mitt­ler­weile kontrol­lieren die drei grössten Medi­en­häuser – TX Group, CH-Media und Ringier – 70 bis 90 Prozent des Marktes. Mit echter Pres­se­viel­falt hat das natür­lich nichts mehr zu tun.

Seit 2009 hat sich die Gesamt­auf­lage der Schweizer Zeitungen halbiert. Redak­tionen wurden zusam­men­ge­legt oder verschwanden gänz­lich, Tausende Journalist*innen verloren ihre Jobs, Kultur‑, Wissenschafts‑, Auslands­res­sorts wurden abge­baut und auch für Lokal­jour­na­lismus reichte das Geld nicht mehr.

Im selben Jahr aber erschien ein heller Stern am dunklen Schweizer Medi­en­himmel: Das Online­ma­gazin das Lamm. Der Name trügt, aber es hatte damals wie heute wirk­lich nichts mit dem Chri­stentum zu tun. Das junge Medium beschäf­tigte sich avant­gar­di­stisch mit Nach­hal­tig­keits­themen, lange bevor die Schweizer Gesell­schaft deren Dring­lich­keit erkannte. 

Und heute, über 15 Jahre später, verpflichtet es sich noch immer den bren­nenden Themen der Zeit – und mag dieser auch noch immer voraus sein. Der beis­sende Spät­ka­pi­ta­lismus, der Rechts­ruck, die wach­sende Macht der Milli­ar­däre: Das ist, was die Journalist*innen beim kollektiv geführten Online­ma­gazin das Lamm täglich umtreibt. 

Seit über einein­halb Dekaden funk­tio­niert das Online­ma­gazin ohne Verlag, ohne grosse Geldgeber*innen im Rücken, ohne Chef­etage oder Profit­logik. Und natür­lich geht es dem radikal linken und idea­li­sti­schen Medium alles andere als blen­dend: Wer auf Werbe­ein­nahmen, Paywall, KI-News und Click-Bait verzichtet, hat ökono­misch wenig Stich. Dafür hält das Lamm, was der Jour­na­lismus eigent­lich verspricht: Es schreibt, was ist. Ohne Scheu vor der Obrig­keit, ohne Hemmungen, den Mäch­tigen Paroli zu bieten, und ohne heim­lich mit denje­nigen verban­delt zu sein, denen wir eigent­lich kritisch gegen­über­stehen sollten – dafür immer mit dem Auftrag, für das gute Leben für alle zu schreiben.

Dieser Artikel erschien zuvor in der 1.-Mai-Zeitung 2026.

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