Besser spät als nie?

Zwei Jahre nach Beginn des Geno­zids in Gaza und wohl hundert­tau­sende Todes­opfer später, äussern sich nun auch einige öffent­liche Akteur*innen, die zuvor durch ihr Schweigen auffielen. Ihre Stel­lung­nahmen sind erfreu­lich, wirken oft aber weniger über­zeu­gend als opportun. 
Jetzt, wo sich der gesellschaftliche Wind nach zwei Jahren des Genozids langsam dreht, äussern sich auch diejenigen, die bis anhin stillschwiegen. (Illustration: Luca Mondgenast / Gestaltung: Lea Knutti)

Am 9. Oktober 2023 sprach Israels Vertei­di­gungs­mi­ni­ster Yoav Gallant davon, den Gaza­streifen voll­ständig abzu­rie­geln – «kein Strom, kein Wasser, kein Gas» – und bezeich­nete Palästinenser*innen als «mensch­liche Tiere». Nur wenige Wochen später zeich­nete sich bereits eine unver­hält­nis­mässig hohe Zahl ziviler Todes­opfer für einen «ganz normalen» Krieg ab. Seitdem können wir täglich live mitver­folgen, wie Israel die ethni­sche Säube­rung des Gaza­strei­fens voran­treibt – in Wort und in Tat. Der viel­leicht best­do­ku­men­tier­teste Genozid jemals.

Während Teile der euro­päi­schen Linken schon früh von einem Völker­mord spra­chen, laut gegen die vom Westen unter­stützte Vernich­tung der Palästinenser*innen prote­stierten und damit nicht selten ihre körper­liche und seeli­sche Gesund­heit sowie ihre finan­zi­elle und soziale Existenz aufs Spiel setzten, blieben andere, die sich sonst laut­stark gegen Rassismus, Faschismus und Krieg sowie für die soge­nannte «Gerech­tig­keit» und die Menschen­rechte enga­gieren, auffal­lend still – im besten Fall. In der Regel nicht einmal das: Viel­mehr trieben diese Leute, Parteien und Orga­ni­sa­tionen im Namen des Kampfes gegen «Anti­se­mi­tismus» aktiv die Legi­ti­mie­rung des Völker­mordes in Gaza und gleich­zeitig die Krimi­na­li­sie­rung der Palä­stina-Soli­da­rität hier­zu­lande voran.

Genau diese Akteur*innen sind es nun auch, die zu merken scheinen, dass sich der sprich­wört­liche Wind in der heimi­schen Gesell­schaft dreht. Während sich die Bruta­lität des israe­li­schen Krieges gegen die Bevöl­ke­rung Gazas nur inso­fern verän­dert hat, dass mit andau­erndem Bombar­de­ment, Boden­of­fen­siven und Aushun­gern die Zahl der toten Palästinenser*innen immer weiter steigt, kann keine Rede davon sein, dass sich Zweck und Ausfüh­rung des israe­li­schen Einsatzes in Gaza mit zuneh­mender Kriegs­dauer ganz grund­sätz­lich gewan­delt hätten.

Zwei Jahre Genozid lassen die Unter­stüt­zung Israels längst nicht mehr auto­ma­tisch als mora­lisch oder wirt­schaft­lich vorteil­haft erscheinen.

Was sich in den zwei Jahren aber gewan­delt hat: die (Zu-)Stimmung zu «Israels Mili­tär­ein­satz» in Gaza. Die Zahl der Menschen, die Israels Einsatz im Gaza­streifen kritisch sehen und sich dagegen ausspre­chen, wächst. In Genf fand Ende September die grösste propa­lä­sti­nen­si­sche Demon­stra­tion seit 2023 statt, und sowohl in Wien als auch in Berlin versam­melten sich in den letzten Wochen landes­weit die mit Abstand meisten Menschen seit dem 7. Oktober 2023, um gegen das Schlachten in Gaza zu demon­strieren. Und Italien macht eh ernst: Nach der Kape­rung der Global Sumud Flot­illa durch das israe­li­sche Militär letzte Woche erlebte das Land tage­lang beispiel­lose Proteste, die am Samstag in einer landes­weiten Gross­de­mon­stra­tion in Rom mit bis zu einer Million Teil­neh­menden kulminierten.

Ange­sichts der wach­senden Anzahl grau­samer Rekorde, die dieser Genozid aufstellt, der andau­ernden Flut entsetz­lich­ster Bilder und nicht zuletzt der regel­mäs­sigen Veröf­fent­li­chung neuer Studien, Gutachten und Analysen, die Israel einen Völker­mord vorwerfen, lässt sich wohl immer schwie­riger wegsehen – und noch von einer «ange­mes­senen Reak­tion» auf den Angriff der Hamas im Herbst 2023 sprechen.

Dass sich der Wind langsam dreht, merken auch jene Akteur*innen, die Israel zuvor als «einzigen sicheren Ort für Juden und Jüdinnen welt­weit» ohne Wenn und Aber bei der Vernich­tung ihrer Feinde unter­stützt sehen wollten – und die im Namen eines radikal-philo­se­mi­ti­schen Anti-Anti­se­mi­tismus jede Muslima und erst recht jeden Palä­sti­nenser mit Argwohn betrach­teten, stets auf der Suche nach der sagen­um­wo­benen «Hamas-Fahne» im Jackett.

Genau so verhalten sich Menschen, die den Genozid weniger als Grau­sam­keit an Unzäh­ligen begreifen, denn viel­mehr als Mate­rial für ihre persön­liche PR-Show. 

Na endlich, könnte man – mit einer Mischung aus Erleich­te­rung und Zynismus – ausrufen! Endlich sehen diese Leute hin, endlich hören sie auf, die offen­sicht­li­chen Tatsa­chen zu ignorieren.

Genau so empfinden es auch viele palä­sti­na­so­li­da­ri­sche Menschen: Sie sind froh, dass bei immer mehr Menschen über­haupt ein Umdenken einsetzt – und zugleich ein biss­chen genervt von jenen, die nicht aufhören den Spätzünder*innen der Erkenntnis unab­lässig vorzu­halten, dieses Umdenken sei längst über­fällig gewesen. Verständ­lich – schliess­lich ist ein grosses und breites pro-palä­sti­nen­si­sches Bündnis seit zwei Jahren das hehre Ziel vieler Aktivist*innen!

Jemandem eine (späte) Meinungs­än­de­rung vorzu­halten, ist ohnehin billig und meist selbst­ge­fällig. Ist doch super, wenn immer mehr Leute die wahre Realität israe­li­scher Souve­rä­nität erkennen – genau das wollten wir doch errei­chen! Darüber zu meckern entspringt oft einem eigenen Geltungs­drang – «ich habe es schon viel früher gewusst als ihr» – und ist als unsach­liche Ablen­kung schlicht zurück­zu­weisen. Egal wie spät, egal wie schmerz­haft – anfangen, selbst zu denken und nicht mehr bloss west­li­cher Propa­ganda den Mund zu reden, das ist erfreu­lich. Punkt.

Nur: Die meisten Akteur*innen, die jetzt plötz­lich laut werden, sind keine Privat­per­sonen, die (zum Glück!) ihre Meinung geän­dert haben. Nein. In aller Regel handelt es sich um poli­ti­sche Personen und Gruppen, die in der Öffent­lich­keit statt­finden – und nach zwei Jahren aktiver oder still­schwei­gender Schüt­zen­hilfe für einen Genozid nun plötz­lich in die Gegen­rich­tung blinken – weil sie spüren, dass sich das gesell­schaft­liche Klima langsam wandelt und sie sich folg­lich einen Vorteil aus einer anderen (oder zumin­dest: erwei­terten) Posi­tio­nie­rung versprechen.

Nicht, weil sie plötz­lich zur Erkenntnis gelangt wären, sondern weil sie spüren, dass die Stim­mung kippt und ein Völker­mord durch Israel gar nicht mehr soooooo unwahr­schein­lich ist. Weil es dann nämlich nicht mehr gut ankommt, bedin­gungslos hinter ethni­scher Säube­rung zu stehen. Weil zwei Jahre Genozid die Unter­stüt­zung Israels längst nicht mehr auto­ma­tisch als mora­lisch oder wirt­schaft­lich vorteil­haft erscheinen lassen.

Weil sie Selbst­dar­stel­lende sind, für die Gaza nur Kulisse ist – die eigent­liche Bühne aber ihre eigene Karriere oder der Vorteil, den sie aus ihrer Insze­nie­rung ziehen. In Wahr­heit geht es ihnen nämlich um sich selbst. Wenn linke Influencer*innen endlich von einem Genozid spre­chen, steht dabei dann folge­richtig auch weniger das Grauen in Gaza und die Frage nach Verant­wor­tung im Zentrum – sondern vor allem eigene Befind­lich­keiten (und das kleine Wört­chen «Ich»).


Was nützt einer Sache eine Gefolg­schaft aus Schafen, die flieht, sobald sie nicht mehr direkt von ihr profitiert?

Während viele Journalist*innen weiterhin Vertei­di­gungen des israe­li­schen Staats­pro­jekts und seiner Durch­set­zung publi­zieren, beginnen manche von ihnen bereits vorsichtig, auch in die andere Rich­tung zu blinken – für den Fall, dass sich bald heraus­stellen sollte, dass «am Ende ohnehin alle immer schon dagegen waren». So hat man die eigene Posi­ti­ons­kor­rektur wenig­stens recht­zeitig medi­en­ver­träg­lich einge­leitet. Genau so verhalten sich Menschen, die den Genozid weniger als Grau­sam­keit an Unzäh­ligen begreifen, denn viel­mehr als Mate­rial für ihre persön­liche PR-Show. 

Damit auch sie in einigen Jahren werden sagen können: Ich war gegen diesen Genozid. Folg­lich bin ich ein guter Mensch (oder eine mora­li­sche integre, linke Partei, die zur Herr­schaft ermäch­tigt werden will) und verdiene eure Aner­ken­nung und Achtung. 

Wenn es schon wieder und weiterhin nicht um die Opfer und Täter des Völker­mords gehen wird, nicht um die Ursa­chen in der Verfasst­heit des israe­li­schen Staats­pro­jekts und die Dinge, die man daraus lernen könnte – sondern statt­dessen um gefühlte Betrof­fen­heiten und eine möglichst bequeme Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung leidender, weisser Westler.

Übri­gens: Ich habe keine Ahnung, wie man mit diesen Menschenrechts-Karrierist*innen umgeht. Es ist mir auch egal; ich gehe schliess­lich gar nicht mit ihnen um. Ich schreibe diesen Text auch nicht, um Spal­tungen zu säen – im Gegen­teil: Ich freue mich über alle, die für Palä­stina aufstehen. 

Doch man kann man schon mal fragen, was dieses Aufstehen bedeutet, wenn es erst dann geschieht, sobald der mora­li­sche Mut karrie­re­ver­träg­lich geworden ist. Was nützt einer Sache eine Gefolg­schaft aus Schafen, die flieht, sobald sie nicht mehr direkt von ihr profitiert?


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