Basierend auf 200 Interviews mit Frauen* zu Themen wie Menstruation, Sexualität, sexualisierte Gewalt sowie Beziehungen und Geburt schrieb die Dramatikerin und feministische Aktivistin Eve Ensler 1996 den ersten Entwurf der Vagina-Monologe. Die Monologe wurden bereits in über 48 Sprachen übersetzt und in mehr als 140 Ländern aufgeführt
Die Aufführungen des Stücks finden jeweils im Rahmen der weltweiten V‑Day-Kampagne statt. Der V‑Day, welcher jeweils am 14. Februar stattfindet, steht für Valentine, Victory und Vagina. Wer Lust hat, kann ein Team auf die Beine stellen, sich bei der V‑Day-Organisation anmelden und bekommt dann für den Monat Februar für drei Mal die Rechte, das Stück selbst zu inszenieren und aufzuführen. Roberta Spano und Justine Burkhalter haben sich der Herausforderung angenommen und die Monologe nach Zürich gebracht. Das Lamm hat mit den beiden Produzentinnen gesprochen.
das Lamm: Das Stück heisst „Die Vagina-Monologe“. Was erzählt denn eine Vagina so?
Spano: Alles. Oder auch nichts. Im Stück gibt es wütende Vaginas, verletzte, traurige, mutige – und befriedigte.
Burkhalter: Eine Vagina erzählt die Dinge eben so, wie sie sind. In den Vagina-Monologen geht es um die verschiedensten Facetten des Frau*-Seins. Das Besondere daran ist, dass die Geschichten, welche erzählt werden, nicht fiktiv, sondern wahr sind. So wird mit dem Stück gezeigt, dass hinter Feminismus und Frauen*kampf-Bewegung eben tatsächliche, reale Momente von Gewalt und Unterdrückung stehen. Der politische Slogan wird so für mich zur nacherzählten Geschichte, an der man teilhaben kann.
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Auf die Beine gestellt haben „Die Vagina-Monologe“ in Zürich die beiden Historikerinnen Roberta Spano und Justine Burkhalter. „Ich war im Produktionsteam der Vagina-Monologe in Basel 2018 dabei“, erzählt Spano. An einer der Aufführungen sass auch Justine Burkhalter im Publikum: „Irgendwann hatten wir dann mal die Schnapsidee, das Stück nach Zürich zu bringen. Aus der Schnapsidee wurde ernst, und so stehen wir heute hier“, sagt Spano. Die Historikerin hatte bisher keinerlei Theatererfahrungen – weder hinter noch vor der Bühne. Auch Burkhalter, ebenfalls Historikerin und Gymnasiallehrerin, hatte bisher –„abgesehen von meiner Rolle als Clown im Schultheater“ – keine Theatererfahrung. Die beiden Frauen nahmen sich dennoch der Herausforderung an. Das Produktionsteam der Zürcher Vagina-Monologe besteht nebst Spano und Burkhalter aus vier weiteren Frauen*: Laura Leupi und Hélène Hüsler für die Regie, Nina Loosli für Grafik und Social Media und Céline Stettler als Fotografin. Als Cast stehen 12 Frauen* auf der Bühne.
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Und warum ist es für die Öffentlichkeit wichtig zu erfahren, was eine spezifische Vagina zu sagen hat? Ist das nicht etwas sehr Privates, Intimes?
Burkhalter: Es ist wichtig, weil dadurch ein Moment geschaffen wird, in dem gezeigt werden kann, wie sich die Realitäten vom Frau*-Sein eben zusammensetzen. So wird das, was wir abstrakt als „patriarchale Strukturen“ bezeichnen, auf eine ganz konkrete, fassbare Art deutlich. Die Vagina-Monologe wollen Einblick gewähren und sind somit auch ein Stück Erklärung, wie eben das Patriarchat auf die Frau* wirkt. Dass dabei in den Monologen Interviews von verschiedensten Frauen* verdichtet wurden, zeigt, dass hinter den einzelnen Statements nicht das Einzelschicksal steht, sondern die Frau* im Allgemeinen.
Spano: Auch wenn das jetzt vielleicht etwas abgedroschen klingt: Das Private ist politisch – und gehört darum auch in die Öffentlichkeit. Wir konzentrieren uns ja vielmehr auf das Moment der Veräusserung, „mir mached s Muul uf“, als auf das Geschlechtsteil per se. Denn vieles, was in den Monologen angesprochen wird, ist immer noch tabuisiert und muss angesprochen und diskutiert werden.
Welche gesellschaftliche oder politische Sprengkraft seht ihr bei der Enttabuisierung der weiblichen Sexualität?
Spano: Eine Enttabuisierung der weiblichen Sexualität ist meiner Meinung nach auch ein erster Schritt in der Los- und Ablösung starrer Geschlechterrollen. Dies ist letztlich nötig, um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen. Im Stück spielt Sexualität und deren Enttabuisierung zwar eine Rolle, jedoch nicht die Hauptrolle. Es geht um einiges mehr. Ich glaube, man tut ihm unrecht, wenn man es nur dahingehend liest.
Burkhalter: Enttabuisierung meint nicht in jedem Fall, dass der Umgang mit Sexualität progressiv wird. Wie heute mit weiblicher Sexualität umgegangen wird, könnte man durchaus als enttabuisiert betrachten, so omnipräsent wie der weibliche Körper sexuell inszeniert ist. Werbung, Medien, Filme, Musikvideos, Instagram – der weibliche Körper ist oversexed. Das heisst aber nicht unbedingt, dass im Rahmen intim vollzogener Sexualität ebenso ein solcher Wandel stattfindet. Nur weil Frauen*körper und deren Sexualität permanent inszeniert und verwertet werden, heisst das nicht, dass weibliche Sexualität dann auch gleichberechtigt und einvernehmlich vollzogen wird.
Die weibliche Sexualität und generell der Umgang mit dem weiblichen Geschlecht gilt also immer noch als ein Tabu und als etwas Schamhaftes. Hattet ihr keine Angst, mit dem Stück anzuecken?
Burkhalter: Mich nervt es sehr, dass ich mir immer zweimal überlegen muss, ob ich jetzt sagen kann oder darf, dass ich ein Theater mache, das „Vagina-Monologe“ heisst, weil die Leute bei „Vagina“ gleich aufhorchen und teilweise negativ reagieren. Von Männern in meinem Umfeld spüre ich teilweise ein Unbehagen: Sie können mein Engagement nicht richtig einordnen.
Abgesehen vom Titel das Stücks, kann Theater denn heute überhaupt noch schockieren und bewegen?
Spano: Ich glaube, ja, das kann es. Ich glaube, Kunst in ihren verschiedenen Facetten kann das. Gewisse Monologe sind schockierend, weil sie so brutal sind. Oder weil sie, obwohl das Stück schon älter ist, immer noch so aktuell sind.
Burkhalter: Das Schockierende an den Vagina-Monologen finde ich, dass man als Zuschauer*in die Distanz verliert. Man erlebt zwangsweise mit. Das finde ich teilweise auch ziemlich anstrengend. Denn die Texte machen betroffen.
Versteht ihr Theater vor diesem Hintergrund als politisches Medium? Welche Wirkung, welche Kraft sprecht ihr dem Theater dabei zu?
Burkhalter: Theater ist nicht per se politisch. Es wird politisch gemacht. Wir verstehen unser Stück nicht einfach als Unterhaltung, sondern auch als politisches Moment, weil wir aufklären, sichtbar machen, anprangern.
Spano: Das Theater regt zum Nachdenken an. Das habe ich auch nach Basel gemerkt. Leute haben gesagt, sie hätten sich gewisse Dinge noch nie überlegt oder ihnen seien gewisse Dinge nicht klar; jetzt hätten sie das Bedürfnis, darüber zu sprechen und die Themen zu diskutieren.
Auf den Werbefotos für euer Stück sind schreiende Frauen zu sehen, auf der Website gibt es geballte Fäuste. Ist euer Theater ein wütendes Stück?
Spano: Nicht nur, aber auch. Ein Monolog hat den Titel „Meine Vagina ist wütend“. Diese Symbolik der Wut haben wir aber vor allem gewählt, weil wir den Fokus auf den Moment der Veräusserung legen wollten. Wir wollten nicht, dass das weibliche Geschlechtsteil quasi Teil des Brandings wird. Im Vordergrund steht stattdessen: Mir mached s Muul uf, wir haben etwas zu sagen, hör uns zu und dafür stehen wir auch mit geballter Faust hin.
Braucht es diese Wut, um gesellschaftlichen Fortschritt im Bereich der Geschlechtergleichstellung zu erreichen?
Spano: Vielleicht. Ich glaube, es geht kaum ohne. Mir passiert es immer wieder, dass ich merke, wie wütend ich werde, wenn ich wieder irgendeine sexistische Scheisse höre oder lese. Ich glaube, die Wut passiert. Aber den ganzen Prozess darauf zu fussen, finde ich falsch. Schliesslich ist Wut eine Emotion – und das macht angreifbar. Wissen und fundierte Argumente sind wichtiger.
Burkhalter: Wut ist die erste Reaktion darauf, dass etwas nicht stimmt. Man darf sie aber nicht mit Aggression gleichsetzen. Wut ist eine Unzufriedenheit, die im besten Fall in Eifer umschlägt – in den Eifer, etwas gegen den Ursprung dieser Wut zu tun.
Die Aufführungen der Vagina-Monologe finden vom 20.02.19 bis am 22.02.19 in der Aktionshalle der Roten Fabrik in Zürich statt. Weitere Informationen unter http://vdayzurich.ch/. Die Einnahmen der Aufführungen in Zürich werden der Frauenberatung sexuelle Gewalt gespendet. Es ist eine der Auflagen für die Rechte am Stück, dass ehrenamtlich gearbeitet wird und die Einnahmen gespendet werden.
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