Schreck­lich konstruktiv

Wenn es nach dem deut­schen Bundes­kanzler Fried­rich Merz geht, sollen Arbeiter:innen trotz Krank­heit zur Arbeit erscheinen. In der Debatte darum kann sich keine Seite auf sie verlassen, sagt unsere Kolumnistin. 
In der Diskussion über Krankheitstage stimmen auch Linke in den Leistungstenor ein. (Bild: Luca Mondgenast)

Bundes­kanzler Fried­rich Merz findet, dass sich die Deut­schen zu oft krank­melden. Man müsse darüber spre­chen, wie man Anreize schaffe, dass die Menschen trotz Krank­heit zur Arbeit gehen, sagte der CDU-Chef. Mit Verweis auf eine schwä­chelnde Wirt­schaft erhob Merz in seiner Amts­zeit schon mehr­fach den Vorwurf, in Deutsch­land werde zu wenig gear­beitet. So stellte er bereits den Acht-Stunden-Tag in Frage und plädierte für eine wöchent­liche statt einer tägli­chen Höchstarbeitszeit.

Wie erwartet werden nun auch diese neuen Äusse­rungen des Kanz­lers von links kriti­siert. Präsen­tismus – also das Arbeiten trotz Krank­heit, oft sogar gegen ausdrück­li­chen ärzt­li­chen Rat – führe in Wirk­lich­keit zu «mehr Krank­heit und vermehrtem Krank­heits­aus­fall». Durch erhöhte Unfall­ri­siken, mehr Fehler und sinkende Produk­ti­vität entstünden sogar deut­lich grös­sere volks­wirt­schaft­liche Schäden als durch krank­heits­be­dingte Ausfälle, argu­men­tieren linke Kritiker:innen – und demon­strieren damit in zyni­scher Manier ihre konstruk­tive Logik: Das elemen­tare Inter­esse an Ruhe im Krank­heits­fall soll ausge­rechnet dadurch zur Geltung kommen, dass es sich funk­tional dem entge­gen­ge­setzten Kapi­tal­in­ter­esse an maxi­maler Verwer­tung der Arbeits­kraft unterordnet.

Anders gesagt: Ein grund­le­gendes Bedürfnis von Menschen erhält nur dadurch seine Berech­ti­gung, dass es für die Wirt­schaft profi­ta­bler ist, seine Befrie­di­gung zuzu­lassen. Was im Umkehr­schluss ansteht, wenn das Bedürfnis der Arbei­tenden dem Kapi­tal­in­ter­esse entge­gen­läuft (der Regel­fall), ergibt sich von selbst.

Anstatt sich im Inter­esse der Gesund­heit als Gegner:in der rück­sichts­losen, kapi­ta­li­sti­schen Ausbeu­tung von Körper und Geist des Menschen aufzu­stellen, über­nehmen linke Kritiker:innen so einfach die kapi­ta­li­sti­sche Ziel­set­zung, so viel Arbeit wie möglich aus den Arbei­tenden herauszuquetschen.

Das basale Inter­esse von Menschen, sich bei Krank­heit zu erholen, kommt in der Diskus­sion gar nicht mehr vor.

Linke Kritiker:innen teilen die Sorge um die Volks­wirt­schaft und wider­spre­chen nicht, dass für deren Erfolg mehr gear­beitet werden müsse – bestreiten ledig­lich, dass Merz’ Vorschläge dafür taugen. Sie stellen nicht in Frage, dass für eine stei­gende Wirt­schafts­lei­stung auch eine zuneh­mende Ausbeu­tung von Arbeits­kraft erfor­der­lich sei – verneinen nur, dass sie sich auf diese Weise reali­sieren liesse.

Kranke seien «weniger produktiv, arbeiten fehler­an­fäl­liger und stecken ihre Mitar­bei­tenden an». Krank zur Arbeit zu gehen sei deshalb auch volks­wirt­schaft­lich unver­nünftig. So argu­men­tiert etwa Maurice Höfgen im Surplus Magazin.

In der taz darf man lesen, dass es Unter­nehmen teuer zu stehen kommt, wenn ihre Leute krank zur Arbeit gehen, denn dann steige das Risiko für Unfälle und Fehl­ent­schei­dungen. Erho­lung sei «ein wesent­li­cher Faktor einer funk­tio­nie­renden Wirt­schaft, kein ärger­li­cher, unnö­tiger Kostenfaktor».

Diese Argu­men­ta­ti­ons­weise ist im Fall einzelner Arbeiter:innen, die versu­chen, ihre Vorge­setzten mit dem Argu­ment höherer Produk­ti­vität vom Home­of­fice zu über­zeugen, durchaus plau­sibel. Arbeiter:innen sind schliess­lich zu Recht in erster Linie an ihrem eigenen Fort- und Auskommen inter­es­siert. Von einer poli­ti­schen Kritik, die für sich in Anspruch nimmt, im Inter­esse der arbei­tenden Klasse zu argu­men­tieren, erwarte ich jedoch, dass sie den grund­le­genden Wider­spruch zwischen Arbeit und Kapital offen­legt, anstatt die bedürf­nis­feind­liche Profit­logik einfach zu reproduzieren.

Das basale Inter­esse von Menschen, sich bei Krank­heit zu erholen, kommt in der Diskus­sion dann nämlich einfach gar nicht mehr vor. Krank­heit wird zum Produk­ti­vi­täts­pro­blem für Unter­nehmen, bei dessen Lösung sich zwei Manage­ment­kon­zepte gegen­über­stehen: Trotz Krank­heit weiter­ar­beiten und dabei mögli­cher­weise Fehler machen sowie andere anstecken – oder Pause machen, in der Zeit keine Leistung erbringen, dafür aber auch keine weiteren nega­tiven Effekte produzieren.

Für die beste Lösung des Arbeit­ge­ber­pro­blems «Krank­heit» strenge ich jeden­falls meinen Grips nicht an. Wer krank ist, will sich erholen – und nicht arbeiten. Wenn der Ausfall von Arbeiter:innen für das Kapital (und für Fried­rich Merz als perso­ni­fi­zierten Gesamt­ka­pi­ta­li­sten) ein Problem darstellt, dann liegt da offen­sicht­lich ein Inter­es­sen­kon­flikt vor. Es steht uns besser, den mal ernst zu nehmen.


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