Wer rettet die Schweiz vor voyeu­ri­sti­schen Smart-TVs? #Wiki­Leak #InternetOf(Shitty)Things

Seit den Wiki­leaks-Enthül­lungen geht die Angst um: Können Hacker über Smart-TVs in Wohn­zimmer eindringen oder Autos fern­steuern? Das Lamm hat Schweizer Spit­zen­po­li­ti­ke­rinnen gefragt, ob sie sich bewusst sind, wie gefähr­lich das Internet der Dinge für uns ist – und was sie als Gegen­mass­nahmen planen. Die Antworten waren ernüchternd. 
Für 300€ bekommst du deine Daten zurück. Ein Schnäppchen? (Foto: Christiaan Colen)

Die freund­liche Verkäu­ferin im Media­markt hat dir vorge­schwärmt, wie detail­reich CC by dein neuer Samsung 65 Zoll Smart-TV die Cham­pions League wieder­geben wird. Dass dir die CIA beim Fuss­ball­schauen zuschauen kann, ist zwar merk­würdig, aber nicht gravie­rend. Solange die CIA mit dem Schweizer Nach­rich­ten­dienst zusam­men­ar­beitet und Anschläge verhin­dert, nimmst du das gerne in Kauf.

Schützt mich der Staat vor Cyberkriminellen?

Was aber, wenn sich noch andere Leute Zugang zu deinem Smart-TV oder deinem Computer verschaffen? Ist Vater Staat auch dann zur Stelle, wenn ein Cyber­kri­mi­neller mittels soge­nannter Ransom­ware meine Steu­er­erklä­rung und mein Foto­ar­chiv verschlüs­selt, um ein Löse­geld in Form von Bitcoins zu erpressen?

Leider nein. Denn wie es scheint, sind Feri­en­fotos und Steu­er­erklä­rungen nicht so wichtig. Und so kümmert man sich in Bern leider bloss um kriti­sche Infra­struk­turen (Atom­kraft­werke, Stau­dämme, RUAG etc.) und KMUs – unter anderem mit dem ersten „schweiz­weiten Ransom­ware Aware­ness Tag” und heissen Tipps aus dem „10-Punkte-Programm zur Erhö­hung der IT-Sicher­heit”. Alles koor­di­niert von der Elite­truppe des Finanz­de­par­te­ments und des VBS, der Melde- und Analy­se­stelle Infor­ma­ti­ons­si­che­rung des Bundes (kurz und herzig: MELANI).

Unsere Volks­ver­tre­te­rInnen kümmern sich darum, oder?!

Nicht nur der Staat hat wenig Verständnis für die „Sörgeli” der einfa­chen Bürge­rinnen; auch unsere Reprä­sen­tanten scheinen sie nur mässig zu inter­es­sieren. Auf die Frage von das Lamm, wie er den Schutz der Privat­be­völ­ke­rung vor Cyber­kri­mi­nellen auf die poli­ti­sche Agenda setzen will, lässt der Stän­derat Ruedi Noser (FDP) kurz und knapp verlauten: „In der Schweiz ist Sicher­heit immer zu Oberst [sic] auf der Agenda.” Verge­gen­wär­tigt man sich die Tatsache, dass Noser die parla­men­ta­ri­schen Vorstösse seiner Partei zur Inter­net­si­cher­heit nicht unter­schrieben hat, wird klar: Der Zusam­men­hang zwischen Sicher­heit und Internet ist ihm nicht bewusst – ein verstö­render Befund ange­sichts der Tatsache, dass er Präsi­dent des grössten Infor­ma­tik­bran­chen­ver­bands ist.

Auch die Volks­ver­tre­te­rInnen aus dem linken Lager geben sich zurück­hal­tend. Balthasar Glättli (Grüne) hat zwar eine Anfrage an den Bundesrat gerichtet und eine Inter­pel­la­tion eines Rats­kol­legen mitun­ter­schrieben. Öffent­lich geäus­sert hat er sich aber nicht, um ein „über­par­tei­li­ches und rasches Vorgehen nicht zu gefährden”.

Ledig­lich Edith Graf-Litscher (SP) erklärt sich zu einer längeren Stel­lung­nahme bereit, die sich jedoch nur wenig vom Posi­ti­ons­pa­pier der SP zur Inter­net­po­litik unter­scheidet. Obwohl Graf-Litscher die Frage, wie man die Bevöl­ke­rungen vor den Bedro­hungen durch das Internet der Dinge schützen kann, nicht beant­wortet, ist bei ihr wenig­stens der Wille zur Vertei­di­gung unserer Privat­sphäre erkennbar: „Ich vertrete die Ansicht, dass das Recht auf eine persön­liche Kopie der Daten veran­kert werden soll.”

Da offen­sicht­lich weder der Bund noch unsere Poli­ti­ke­rInnen den Schutz der Bevöl­ke­rung vor Cyber­kri­mi­na­lität als zentrale Aufgabe erachten, wende ich mich an meine letzte Hoff­nung: Die Stif­tung SWITCH wacht über sämt­liche .ch-Adressen und verwaltet alle wissen­schaft­li­chen Netze der Schweiz. Doch auch sie fühlt sich nicht zuständig: „Für Fragen zu IoT sind wir nicht die rich­tige Stelle.” Und das, obwohl sie als Teil der kriti­schen Infra­struktur präde­sti­niert wäre, sich dem Thema anzunehmen.

Ansätze gibt es, nur will die niemand hören

Da ich mit meinem Latein am Ende bin, erkun­dige ich mich bei Martin Steiger von der Digi­talen Gesell­schaft, einer gemein­nüt­zigen Orga­ni­sa­tion für Grund­rechte im digi­talen Raum. Er teilt meine Einschät­zung, dass vom Internet der Dinge für unbe­schol­tene Bürge­rInnen grosse Gefahren ausgehen. Das liegt, so Steiger, aber auch an den Herstel­lern. Denn das „Internet of SHITTY Things”, wie Steiger das Internet der Dinge scherz­haft nennt, konnte erst zur Spiel­wiese für Cyber­kri­mi­nelle werden, weil viele Produ­zenten nach wie vor unsi­chere Geräte verkaufen. Kosten­druck und hohe Ansprüche an die Benut­zer­freund­lich­keit hätten zu einer Vernach­läs­si­gung der Sicher­heit geführt. Steiger führt als Beleg den CloudPet-Skandal an: Im Februar landeten Fotos und Sprach­auf­nahmen von 820’000 Fami­lien auf dem Internet, weil der digi­tale Plüschbär nicht ausrei­chend geschützt war.

Mit der allge­meinen Sicher­heit im Internet verhält es sich wie mit der Stras­sen­be­leuch­tung. Alle profi­tieren davon, dass Strassen beleuchtet sind. Aber nur die wenig­sten würden für die Beleuch­tung bezahlen, zumal Autos bereits Schein­werfer haben. Und weil sich die meisten (fälsch­li­cher­weise) durch ihre Viren­scanner ausrei­chend geschützt fühlen, gibt es keine Zahlungs­be­reit­schaft für „allge­meine” Sicher­heit im Internet. Deshalb fordert Steiger, der Gesetz­geber müsse drin­gend inter­ve­nieren und eine erwei­terte Produkt­haf­tung sowie Dekla­ra­ti­ons­pflicht einführen. Damit würden Konsu­men­tInnen schon vor dem Kauf wissen, welche Daten sie preis­geben, und bei sicher­heits­re­le­vanten Zwischen­fällen würden die Hersteller zur Kasse gebeten.

Zudem tadelt Steiger die gegen­wär­tigen nach­rich­ten­dienst­li­chen Stra­te­gien. Wie Enthül­lungen von Wiki­Leaks gezeigt haben, nutzen Nach­rich­ten­dienste Sicher­heits­lücken in Smart-TVs aus oder bauen diese sogar absicht­lich ein. Diese Schwach­stellen können anschlies­send zum Abhören genutzt werden. Nur: Sie stehen auch Cyber­kri­mi­nellen offen. Inso­fern verschlech­tere das Vorgehen der Nach­rich­ten­dienste die Sicher­heit enorm und müsse deshalb hinter­fragt werden.

Privat­sphäre oder Sicher­heit? Ein Kategorienfehler

Dass wir davon offen­sicht­lich weit entfernt sind, hat gemäss Steiger einen einfa­chen Grund: „Ich glaube, solche Themen über­for­dern unsere Poli­ti­ke­rInnen. Sie möchten einfache Lösungen und hören viel zu selten auf ExpertInnen.”

Stei­gers Antwort erscheint plau­sibel. Im Abstim­mungs­kampf um das neue Nach­rich­ten­dienst­ge­setz wurde der Bevöl­ke­rung das Bild vermit­telt, dass wir uns zwischen Privat­sphäre und Sicher­heit entscheiden müssen, obwohl es keinerlei wissen­schaft­liche Anhalts­punkte für einen allfäl­ligen Zusam­men­hang gibt. Privat­sphäre und Sicher­heit – dabei handelt es sich um keine Entweder-oder-Frage. Aber einfache Argu­mente wirken. Und ein Blick in die sozialen Medien offen­bart, dass Privat­sphäre der Mehr­heit egal ist. Denn sie hält sich ans Tempo­limit, zahlt brav die Steuern und hat auch sonst nichts zu verbergen. Was dabei vergessen geht: Bloss weil man vor dem Staat nichts zu verbergen hat, ist man noch lange nicht sicher vor Cyberkriminellen.

PS: Alle Auto­be­sit­ze­rInnen, die sich über die smarte Bord­elek­tronik freuen, sollten sich diese Repor­tage zu Gemüte führen.

Edith Litscher-Graf, Balthasar Glättli und Max Klaus (MELANI) haben auf unseren Artikel reagiert und uns detail­lierter geschil­dert, was sie unmit­telbar für unsere Sicher­heit unternehmen.

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Hackerin oder Internetkrimineller?

Im Volks­mund wird nicht zwischen Hackern und Inter­net­kri­mi­nellen unter­schieden. Das ist nicht nur inhalt­lich falsch, sondern auch schlecht für die poli­ti­sche Öffent­lich­keit. Denn auf dem Internet kann man sich nicht nur neue Schuhe kaufen, man kann sich auch über gesell­schaft­liche Probleme austau­schen und damit den poli­ti­schen Kampf orga­ni­sieren. Poli­ti­scher Unge­horsam ist ein wich­tiges Mittel in diesem poli­ti­schen Kampf, welches von Hackern gerne benutzt wird. Paypal verwei­gert Wiki­leaks die Benut­zung ihrer Dienste, Anony­mous greift Paypal an. Die Paypal-Seite ist für eine Stunde offline. Paypal zahlt die Zeche (ca. 5,5 Millionen USD) und rudert schliess­lich zurück.

Dieser poli­ti­sche Kampf, auch Hack­ti­vism genannt, steht den Hand­lungen der Inter­net­kri­mi­nellen diame­tral gegen­über. Allein das schnelle Geld entscheidet dort, die Mittel werden nach prag­ma­ti­schen Gesichts­punkten ausgewählt.

Wer mehr über Hack­ti­vism erfahren will, dem empfehle ich diese Doku über Aaron Swartz:

https://www.youtube.com/watch?v=gpvcc9C8SbM&feature=emb_logo

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