Die Abstimmung über den Kahlschlag des öffentlich-rechtlichen Medienhauses SRG steht kurz bevor, und mittlerweile sieht es so aus, als würde die Stimmbevölkerung die Initiative an der Urne ablehnen. Die Gegner*innen der Halbierungsinitiative haben sich in der Mobilmachung der letzten Monate ins Zeug gelegt: Kulturschaffende, Tourismusverbände und gar Vertreter*innen der Kirche werben für ein «Nein» zur Vorlage. Das Gegenlager nimmt mit 3.9 Millionen Franken mehr als doppelt so viel Geld in die Hand wie die Unterstützer*innen der Initiative, die nur 1.9 Millionen Franken in die Kampagne investieren.
Der Schweizerischer Gewerbeverband ist mit 700’000 Franken grösster Geldgeber der Halbierungsinitiative. Es folgt Meutel 2000 SA mit 300’000 Franken, Herausgeberin der Il Mattino della Domenica, dem Sprachrohr der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi. Das Bauunternehmen Halter Gruppe investierte kürzlich weitere 100’000 Franken in die Kampagne, nachdem das SRF eine Dokumentation über die Wohnkrise veröffentlicht hatte, in der Hauptaktionär und Unternehmer Balz Halter kritisch befragt wurde. Die restlichen Beiträge der Befürworter*innen belaufen sich gemeinsam auf 787’000 Franken.
Die grösste Geldgeberin der Gegner*innen ist mit 820’000 die SP, gefolgt von der SRG-Trägerschaft mit 385’000 Franken. Die Operation Libero trug 251’000 Franken und die Gewerkschaft SSM 250’000 Franken bei. Kulturnahe Institutionen spendeten 1 Million Franken und die übrigen Gegner*innen insgesamt weitere 1.1 Millionen.
Die SVP bildet den Grossteil des Initiativkomitees und hat die meisten Unterschriften gesammelt, steckte aber lediglich 50′ 000 Franken in die Kampagne. Man munkelt, ihr sei der Gewinn der Halbierungsinitiative nicht besonders wichtig und könne gar ihre Chancen auf ein «Ja» zur nationalistischen «10 Millionen Schweiz»-Initiative im Juni verringern, die für die rechte Partei höchste Priorität hat.
Obwohl es bei der ganzen Initiative um Finanzierungsfragen geht, ging es während des Abstimmungskampfs selten um die Frage, wer eigentlich wie viel bezahlt. Die von den Halbierungs-Fans häufig gestellte Frage: «Wieso soll ich für die SRG bezahlen, wenn ich nicht’s davon nutze?», mag dem Nein-Lager kleingeistig vorkommen, schliesslich soll es in einer Demokratie nicht nur um einen selbst, sondern auch um die Gemeinschaft gehen. Aber die Frage hat ihre Berechtigung – denn 335 Franken pro Jahr sind für viele Bürger*innen ein relevanter Kostenfaktor.
Wieso sollte eine Top-Managerin bei Google und eine Kellnerin gleich viel für die SRG zahlen, ob sie deren Angebote nun nutzen oder nicht?
Trotz des grossen Reichtums der Schweiz hat beinahe jede sechste Person Schwierigkeiten, ihre Krankenkassenprämien zu zahlen, etwa jede vierte erwachsene Person muss laut einer repräsentativen Umfrage von Comparis «auf jeden Franken schauen und sich sehr einschränken, um alle Rechnungen begleichen zu können». Jeder zehnte Haushalt kann seine Steuern nicht bewältigen. Kein Wunder also, dass für viele die jährliche Serafe-Rechnung eine zusätzliche Belastung ist.
Wieso sollte eine Top-Managerin bei Google und eine Kellnerin gleich viel für die SRG zahlen, ob sie deren Angebote nun nutzen oder nicht? Für Unternehmen gelten bereits progressive Gebühren: Seit 2019 zahlen sie relativ zu ihren Einnahmen. Dies wäre mit dem entsprechenden politischen Willen auch für Privatpersonen möglich, wenn die Angst vor steuerlich geregelten Medienabgaben und dadurch impliziertem staatlichen Einfluss auf die Medien nicht so gross wäre.
Auch ohne staatliche Medienfinanzierung gibt’s politische Einflussnahme
Vor vier Jahren hat die Stimmbevölkerung die Initiative zur Medienförderung abgelehnt. Damals war die Angst vor strukturellem staatlichen Einfluss auf die Medien gross. Aber auch jetzt ist die Medienlandschaft nicht vor politischer Einflussnahme gefeit, denn diese geschieht nicht nur, wenn das Parlament die Hoheit über das Budget hat.
Klar wird das in Fällen wie jenem im letzten November, als Bundesrat Albert Rösti per Verordnung eine schrittweise Senkung der SRG-Haushaltsabgabe auf 300 Franken bis 2029 durchsetzte, was eine Streichung von 900 Vollzeitstellen bis 2029 zur Folge hat. Aber auch der Umstand, dass die Angestellten der SRG dazu angehalten werden, keine öffentliche Abstimmungsempfehlung gegen ihre drohende Annullierung auszusprechen, ist ein politischer Entscheid –, wenn auch auf firmeninterner Ebene. Er bedeutet, dass sie ihre Rolle als vermeintlich neutrale Medienangestellte höher gewichten müssen als die existenzielle Bedrohung eines möglichen Jobverlustes.
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Im Kapitalismus ist es nicht nötig, Budgetentscheidungen offiziellen politischen Organen in die Hände zu legen, um politisch Einfluss zu nehmen. Da die allermeisten Medien als gewinnorientierte Unternehmen in Privatbesitz aufgebaut sind, geschieht politische Einflussnahme auf ökonomischem Weg: Die Redaktionen produzieren Medien aus der Sicht ihrer Besitzer*innen, deren übergeordnetes Ziel es ist, ihre Profite zu steigern. Gleichzeitig können sich extrem reiche Personen Medien kaufen, um so ihre ideologischen und politischen Interessen zu verbreiten.
Nicht umsonst hat sich der reichste Mensch der Welt, Elon Musk, die einflussreiche Plattform Twitter, heute X, unter den Nagel gerissen und nach seiner rechtsextremen Ideologie umgebaut. Mark Zuckerberg, dem zweitreichsten Mann der Welt, gehören Instagram, Facebook und WhatsApp. Der Trump-nahe Multimilliardär David Ellison ist gerade dabei, Warner Bros. und somit auch CNN zu übernehmen. Christoph Blocher, ebenfalls Multimilliardär und einer der reichsten Schweizer, gehören mittlerweile über 25 Gratiszeitungen im ganzen Land. Rechte Multimilliardäre greifen weltweit nach der Medienmacht.
Die Furcht vor politischer Einflussnahme des Staates auf die Medien bezieht sich bei staatlicher Finanzierung vor allem auf strukturelle Fragen wie die Verteilung der Gelder. Angesichts der bereits existierenden politischen – auch inhaltlichen – Einflussnahme durch die Medienbesitzenden ist diese Furcht geradezu lächerlich.
Wer möchte, dass journalistische Medien die Demokratie wirklich stärken, muss bei den Medien selbst anfangen.
Diese Abstimmung – egal mit welchem Ergebnis – sollte die Schweiz daher zum Anlass nehmen, neu über die Finanzierung und das Eigentumsverhältnis des Journalismus nachzudenken. Neben staatlicher Medienfinanzierung könnten Bürger*innen beispielsweise durch partizipatives Budgeting Medienschecks erhalten, die sie bei nichtkommerziellen Internet- und Medienprojekten einlösen. So gäbe es gemeinschaftlich finanzierte, vielfältige Medien, die von der Bevölkerung für die Bevölkerung gemacht würden und auch derselben gehörten.
Wer möchte, dass journalistische Medien die Demokratie – im Sinne von Gleichberechtigung und Mitbestimmung – wirklich stärken, muss bei den Medien selbst anfangen: Sie aus den Händen weniger Eigentümer*innen nehmen, kollektivieren und von einer Ware in ein öffentliches Gut verwandeln.
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