Dysto­pi­sches Disneyland

Während des WEF wurde das Bündner Städt­chen Davos kurzer­hand in einen neoli­be­ralen Frei­zeit­park für die Welt­elite verwan­delt. Unsere Kolum­ni­stin war vor Ort und fand sich zwischen Scharf­schützen, Robo­tern und faschi­sti­schen YouTubern wieder. 
Unsere Kolumnistin maia arson crimew verbrachte einen Tag in Davos während des Weltwirtschaftsforums. (Bild: Luca Mondgenast)

Nun ist es schon wieder ein Monat her, seit Staats­ober­häupter und Geschäfts­eliten das beschau­liche Davos ein weiteres Jahr über­schwemmt haben. Auch ich war mit zwei Kolleg*innen für einen Tag vor Ort und habe einen Vibe­check gemacht. Hier kommt mein WEF Statusbericht.

Schon die Anreise im Zug fühlt sich surreal an: Der Regio­Ex­press von Land­quart nach Davos ist von einem Mix an Menschen in entweder Winter­sport­klei­dern oder Anzügen gefüllt. Ein älterer Mann in meinem Abteil fragt das Zugper­sonal, wo er denn aussteigen müsse, wenn er «Trömp» sehen wolle. Neben mir sitzt ein Abge­ord­neter von irgend­einem Land, der auf seinem Smart­phone mit verspie­gelter Folie der Frau neben ihm Fotos der Männer zeigt, die sie heute treffen werden. Zwei Abteile weiter tele­fo­niert ein junger Mann, er sieht aus als hätte er soeben ein Studium an der HSG abge­schlossen, um einen Abhol­dienst für sich zu organisieren.

Das Erlebnis gleicht eher einem schlechten Drogen­trip als einem Ausflug ans höchste Wirtschaftstreffen.

In Davos ange­kommen warte ich auf der Terrasse beim grossen Coop auf meine Friends, die einen Zug später ankommen, und esse einen kleinen Snack. Verschie­dene Dele­ga­tionen mit WEF-Badges laufen an mir vorbei. Dann setzen sich ein paar Poli­zi­sten in Anzügen (einfach erkennbar am Fett­ge­druckten «POLICE» auf den Badges) neben mich. Bereits jetzt ist hier mehr los, als während der Ski-Hoch­saison. Während des ganzen Tages kreisen Mili­tär­he­li­ko­pter über dem Bergstädtchen.

Sobald unsere Gruppe voll­ständig und satt ist, machen wir von der Bahn­hofstrasse auf den Weg zur Prome­nade ins Getümmel. Das Erste, was uns da begegnet, sind zwei lokale Geschäfte, die sich fürs WEF in einen Pavillon des Invest­ment-Giganten Black­Rock und das AI-Startup Anthropic verwan­delt haben. Dahinter befindet sich ein Café mit Cloud­flare Bran­ding. Neben uns steht ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug und einem roten Base­ballcap mit der Aufschrift «Make Science Great Again».

Die poli­ti­sche Dimen­sion des Digi­talen ist so gross wie das Netz selbst. Mit einem Mix aus Exper­tise, Spass und sehr viel Wut auf das System schreibt maia arson crimew über Tech­no­logie, Über­wa­chung, Inter­net­kultur und Science Fiction – oder was ihr im digi­talen Raum sonst gerade zwischen die Finger gerät. In ihrer Kolumne cyber_punk nimmt sie uns mit in die Untiefen des Inter­nets und zeigt, wie die physi­sche mit der digi­talen Welt zusammenhängt.

maia arson crimew ist eine Luzerner Hack­ti­vi­stin und inve­sti­ga­tive Jour­na­li­stin. Auf ihrem Blog publi­ziert sie Recher­chen über die verschie­denen Auswüchse des Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lismus und ist nebenbei als DJ unterwegs.

Mitt­ler­weile sind wir uns sicher: Wir sind in einer anderen Welt ange­kommen. Je weiter wir laufen, desto mehr fühlt sich Davos wie ein dysto­pi­scher Frei­zeit­park für den Neoli­be­ra­lismus an. Ganze Fassaden von Häusern wurden für die diversen Pavil­lons umfor­miert: die «LinkedIn-Lounge» reiht sich an das «Pinte­rest-Café», daneben stehen tempo­räre Bauten für Katar, das Wall Street Journal und IBM. Auf unserer Entdeckungs­tour drängen uns zweimal beinahe bipe­dale Roboter vom Gehweg ab. Vor einem Hotel, das nun auch als Pavillon für ein paar EU Staaten fungiert, schicken uns genervte Mili­tär­po­li­zi­sten auf die andere Stras­sen­seite, damit wir einem halben Duzend Limou­sinen mit getönten Fenstern nicht im Weg stehen.

Kurz darauf kommt uns eine kleine Demon­stra­tion entgegen: Mit US- und Isra­el­flaggen umwickelt demon­strieren sie für die mili­tä­ri­sche Inter­ven­tion im Iran. Etwas weiter entlang der Strasse begegnen wir dem berüch­tigten kana­di­schen rechten Akti­vi­sten «Bill­board Chris», der norma­ler­weise durch die USA reist um mit Schil­dern gegen trans Menschen und «Gender Ideo­logie» zu demon­strieren. Direkt neben ihm ist ein grosser Tempo­rärbau, der diesmal von Palantir als Werbe­zelt verwendet wird. Gegen­übern steht eine kleine evan­ge­li­sche Kirche, in der während des WEFs aller­dings keine Gottes­dienste statt­finden. Mit Hilfe grosser AI gene­rier­terten Banner an der Fassade wurde sie statt­dessen kurzer­hand in das «USA House» verwan­delt. Als wir näher kommen, tummelt sich eine grosse Menschen­masse auf der Strasse zwischen dem Palantir-Gebäude und der Kirche für den US Ameri­ka­ni­schen Staat. Umzin­gelt von Polizist*innen aus verschie­denen Kantonen, Militärpolizist*innen, dem Konsu­lats­schutz und vielen Medi­en­schaf­fenden, demon­strieren über hundert Personen gegen die Besat­zung von Rojava und Kurdistan.

Mit dem Ziel, doch noch in das eigent­liche Kongress­ge­lände nahe der Kirche zu gelangen, ziehen wir weiter. Als wir gerade zwischen dem Hilton Hotel und dem Migros Restau­rant runter­laufen, wird die Strasse vor uns abge­sperrt und wir sehen, wie sich Scharf­schützen auf den Dächern um die Kreu­zung bereit machen. Ein Paar Minuten später fährt Trump in der US Eskorte in Beglei­tung von etwa 30 Autos mit mehr­heit­lich ameri­ka­ni­schen Nummern­schil­dern vorbei. Wir versu­chen unser Glück via Hilton Hotel, aber auch dort bleibt uns der Weg ins Kongress­ge­lände verwehrt. Also laufen wir weiter am äusseren Rand des Geländes entlang und erspähen bei der Auto­ein­fahrt und auf offenem Gelände weitere Scharf­schützen und Überwachungskameras.

Während des WEFs verwan­delt sich Davos in einen neoli­be­ralen Albtraum. (Bild: maia arson crimew)

Schliess­lich kommen wir wieder beim USA House an, setzen uns auf einer Hang­strasse hin und beob­achten das skur­rile Geschehen von oben. Wir blicken auf die kurdi­sche Demo unter uns, die inzwi­schen weiter gewachsen ist – die Poli­zei­prä­senz eben­falls. In der Ferne sehen wir noch immer die Silhou­etten der Scharf­schützen auf dem Dach des Kongress­ho­tels. Hungrig machen wir uns auf ins Migros-Restau­rant und wieder setzen sich Cops in Anzügen neben uns und essen ihre Sandwichs.

Langsam reicht es uns und wir machen uns ein letztes Mal auf zum USA House, um von dort aus nach Hause zu gehen. Kurz vor dem Hilton Hotel treffen wir prompt auf Seba­stian Kurz und beim USA House auf verschie­dene liber­täre Journalist*innen von soge­nannten «Alter­na­tiv­me­dien». Ein ameri­ka­ni­scher christo-faschi­sti­scher Youtuber lässt sich von seinem teenie Sohn filmen, der aussieht als wäre er lieber Zuhause geblieben. Der YouTuber schwa­felt etwas von der «New World Order», während er die Politiker*innen filmt, die in das Kongress­ge­län­de­bäude laufen. Jeden neuen Clip startet er mit einem Gebet an Gott in dessen Namen er hier sei, um «die Eliten» zu bekämpfen.

Auf dem Weg an den Bahnhof begegnen wir noch ein paar Robo­tern aber wollen nichts lieber, als aus diesem surrealen Albtraum aufzu­wa­chen und ins Bett zu fallen. Auch jetzt, über ein Monat später, gleicht das Erlebnis eher einem schlechten Drogen­trip als einem Ausflug ans höchste Wirtschaftstreffen.


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