Bevor die Kampf­jets starten, schlagen die Hacker*innen zu

Akti­vi­sti­sche und staat­liche Cyber­an­griffe gewinnen in der geopo­li­ti­schen Kriegs­füh­rung zuneh­mend an Bedeu­tung – und gehen immer häufiger Hand in Hand. Wie die Ukraine und der Iran gemeinsam mit Hacktivist*innen digi­talen Krieg führen. 
Staaten kooperieren mit Hacktivist*innen oder geben sich gleich selbst als solche aus, um ihre militärischen Ziele zu erreichen. (Bild: Luca Mondgenast)

Wenn heute irgendwo ein Krieg beginnt, hat das dezen­trale Kollektiv Anony­mous mit hoher Wahr­schein­lich­keit schon mit einem Cyber­an­griff zuge­schlagen, bevor der erste Kampfjet startet. Cyber­war­fare ist aus modernen Konflikten kaum mehr wegzu­denken: Seien es staat­lich gesteu­erte Hacker­an­griffe, die Veröf­fent­li­chung von Daten­lecks, Attacken um Webseiten lahm zu legen oder Hacktivist*innen, die helfen, staat­liche Inter­net­blockaden zu umgehen.

Bis anhin waren die digi­talen Kriegsakteur*innen entweder staat­lich oder unab­hängig wie beispiels­weise das Hacker­kol­lektiv Anony­mous. Durch die voran­schrei­tende Prevalänz und Aner­ken­nung von Hack­ti­vismus hat sich eine dritte Kate­gorie durch­ge­setzt: staat­liche Akteur*innen, die sich als Hacktivist*innen ausgeben. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Guccifer 2.0, eine Persona, die sich als romä­ni­scher Hacker*in ausgibt, aber höchst­wahr­schein­lich vom russi­schen Geheim­dienst GRU geschaffen wurde, um Daten der US-Demokrat*innen an Wiki­leaks weiterzugeben.

Die poli­ti­sche Dimen­sion des Digi­talen ist so gross wie das Netz selbst. Mit einem Mix aus Exper­tise, Spass und sehr viel Wut auf das System schreibt maia arson crimew über Tech­no­logie, Über­wa­chung, Inter­net­kultur und Science Fiction – oder was ihr im digi­talen Raum sonst gerade zwischen die Finger gerät. In ihrer Kolumne cyber_punk nimmt sie uns mit in die Untiefen des Inter­nets und zeigt, wie die physi­sche mit der digi­talen Welt zusammenhängt.

maia arson crimew ist eine Luzerner Hack­ti­vi­stin und inve­sti­ga­tive Jour­na­li­stin. Auf ihrem Blog publi­ziert sie Recher­chen über die verschie­denen Auswüchse des Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lismus und ist nebenbei auch als DJ unterwegs.

Bis zum russi­schen Angriffs­krieg auf die Ukraine fanden kaum offene Koope­ra­tionen zwischen staat­li­chen und unab­hän­gigen Akteur*innen im Cyber­krieg statt. Aber ab da änderte sich das schnell: Bereits Ende Februar 2022 rief der ukrai­ni­sche Staat Hacker*innen und IT-Arbeiter*innen im Land dazu auf, als Teil der «IT-Armee der Ukraine» russi­sche Ziele anzu­greifen – koor­di­niert via Twitter und öffent­li­cher Tele­gram-Kanäle. Ausserdem unter­stützen sowohl die Ukraine als auch die USA verschie­dene inter­na­tio­nale Gruppen aus dem Milieu von Anony­mous mit Infor­ma­tionen und teils auch finanziell. 

Mehrere Mitglieder der ehema­ligen Gruppe «Netz­werk­ba­tal­lion 65» (NB65), die Hack-und-Leak Opera­tionen durch­führte, haben angeb­lich sogar Orden von den USA und der Ukraine als Dank für ihre kriegs­tüch­tige Mitar­beit erhalten.

Die Zusam­men­ar­beit mit unab­hän­gige Grup­pie­rungen sind für Staaten attraktiv: Im Gegen­satz zu geheim­dienst­li­chen Akteur*innen haben sie den Vorteil, flexibel und frei agieren zu können. Durch die Koope­ra­tion mit den Geheim­dien­sten können sie zudem schneller reagieren und mehrere Opera­tionen gleich­zeitig durch­führen. Ausserdem haben Unab­hän­gige oft auch weniger «Ansprüche», das heisst: Meistens erhalten sie keinen Lohn und keinen Schutz für ihre Arbeit. Was die Hacker*innen moti­viert, sind oft ideo­lo­gi­sche Gründe.

Die aktu­ellste – und meiner Meinung nach inter­es­san­teste – Entwick­lung im hack­ti­vi­sti­schen Cyberwar ist das Handala Hack Team. Eine Gruppe, die höchst­wahr­schein­lich eine Front des irani­schen Geheim­dien­stes ist. 

Handala ist 2023 kurz nach dem Beginn des israe­li­schen Angriffs­krieges und Geno­zids in Gaza aufge­taucht. Die staat­liche Hacker­gruppe hat offen­sicht­lich von ihren Vorgän­ge­rinnen gelernt und steht als eine sehr agile und reak­tive Akteurin da, die trotz ihrer opera­tiven Frei­heit direkt von allen Privi­le­gien einer geheim­dienst­li­cher Orga­ni­sa­tion profi­tiert. Die Gruppe hat sich zwar ursprüng­lich als Anhängsel der Hamas ausge­geben, geht aber inzwi­schen auf ihrem Blog ziem­lich offen damit um, Teil vom irani­schen Geheim­dienst zu sein.

Regel­mässig gibt die Hacker­gruppe damit an, dass ihre Daten direkt zu Rake­ten­an­griffen führen. Seit 2024 macht Handala regel­mässig Schlag­zeilen mit massiven Hack- und Leak-Attacken gegen Israel. So haben sie beispiels­weise private E‑Mail-Accounts von Ehud Barak (Ex-Premier von Israel), Ayelet Shaked (Ex-Justiz­mi­ni­ster von Israel) und Kash Patel (FBI Direktor) veröf­fent­licht, sowie Tausende interne Doku­mente der israe­li­schen Polizei. Für den Iran ist Handala ein wich­tiges Einschüch­te­rungs­mittel: Viele ihrer Hacks sind kaum nennens­wert, doch genau so wie nicht-staat­liche Hacktivist*innen, bauschen sie ihr Schaffen gerne auf, um zu imponieren.

Bevor Israel und die USA den Iran dieses Jahr ange­griffen haben, lag Hand­alas Angriffs­fokus fast exklusiv auf Israel. Doch seither wird jeder Staat, der sich mit dem Iran anlegt, schnell auch selbst zum Ziel. So hat Handala Mitte März eine komplette US-Firma für Medi­zin­tech­no­logie lahm­ge­legt. Das war einer der bisher grössten Cyber­an­griffe auf die USA zu Kriegs­zeiten. Das FBI wurde auch nur deshalb zum direkten Ziel von Handala, weil das FBI wieder­holt die Webseiten der Hacker­gruppe still­ge­legt hat. Inzwi­schen hat das FBI ein Kopf­geld in der Höhe von 10 Millionen US Dollars pro Mitglied von Handala ausge­stellt – worauf die Gruppe mit einem 50 Millionen US Dollar Kopf­geld auf Trump und Netan­yahu reagiert hat. Um den eigenen Einfluss zu stärken, suchen die irani­schen Hacker*innen explizit nach Kolla­bo­ra­tionen mit unab­hän­gigen Hacktivist*innen, um die USA und Israel anzugreifen.

Die digi­tale Kriegs­füh­rung ist in heutigen mili­tä­ri­schen Konflikten nicht mehr wegzu­denken. Sowohl staat­liche als auch unab­hän­gige Akteure sind fleissig dabei, sich weiter­zu­ent­wickeln – und die Verwick­lung der beiden Sphären ist garan­tiert noch lange nicht am Ende.


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