Wenn heute irgendwo ein Krieg beginnt, hat das dezentrale Kollektiv Anonymous mit hoher Wahrscheinlichkeit schon mit einem Cyberangriff zugeschlagen, bevor der erste Kampfjet startet. Cyberwarfare ist aus modernen Konflikten kaum mehr wegzudenken: Seien es staatlich gesteuerte Hackerangriffe, die Veröffentlichung von Datenlecks, Attacken um Webseiten lahm zu legen oder Hacktivist*innen, die helfen, staatliche Internetblockaden zu umgehen.
Bis anhin waren die digitalen Kriegsakteur*innen entweder staatlich oder unabhängig wie beispielsweise das Hackerkollektiv Anonymous. Durch die voranschreitende Prevalänz und Anerkennung von Hacktivismus hat sich eine dritte Kategorie durchgesetzt: staatliche Akteur*innen, die sich als Hacktivist*innen ausgeben. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Guccifer 2.0, eine Persona, die sich als romänischer Hacker*in ausgibt, aber höchstwahrscheinlich vom russischen Geheimdienst GRU geschaffen wurde, um Daten der US-Demokrat*innen an Wikileaks weiterzugeben.
Die politische Dimension des Digitalen ist so gross wie das Netz selbst. Mit einem Mix aus Expertise, Spass und sehr viel Wut auf das System schreibt maia arson crimew über Technologie, Überwachung, Internetkultur und Science Fiction – oder was ihr im digitalen Raum sonst gerade zwischen die Finger gerät. In ihrer Kolumne cyber_punk nimmt sie uns mit in die Untiefen des Internets und zeigt, wie die physische mit der digitalen Welt zusammenhängt.
maia arson crimew ist eine Luzerner Hacktivistin und investigative Journalistin. Auf ihrem Blog publiziert sie Recherchen über die verschiedenen Auswüchse des Überwachungskapitalismus und ist nebenbei auch als DJ unterwegs.
Bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine fanden kaum offene Kooperationen zwischen staatlichen und unabhängigen Akteur*innen im Cyberkrieg statt. Aber ab da änderte sich das schnell: Bereits Ende Februar 2022 rief der ukrainische Staat Hacker*innen und IT-Arbeiter*innen im Land dazu auf, als Teil der «IT-Armee der Ukraine» russische Ziele anzugreifen – koordiniert via Twitter und öffentlicher Telegram-Kanäle. Ausserdem unterstützen sowohl die Ukraine als auch die USA verschiedene internationale Gruppen aus dem Milieu von Anonymous mit Informationen und teils auch finanziell.
Mehrere Mitglieder der ehemaligen Gruppe «Netzwerkbatallion 65» (NB65), die Hack-und-Leak Operationen durchführte, haben angeblich sogar Orden von den USA und der Ukraine als Dank für ihre kriegstüchtige Mitarbeit erhalten.
Die Zusammenarbeit mit unabhängige Gruppierungen sind für Staaten attraktiv: Im Gegensatz zu geheimdienstlichen Akteur*innen haben sie den Vorteil, flexibel und frei agieren zu können. Durch die Kooperation mit den Geheimdiensten können sie zudem schneller reagieren und mehrere Operationen gleichzeitig durchführen. Ausserdem haben Unabhängige oft auch weniger «Ansprüche», das heisst: Meistens erhalten sie keinen Lohn und keinen Schutz für ihre Arbeit. Was die Hacker*innen motiviert, sind oft ideologische Gründe.
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Die aktuellste – und meiner Meinung nach interessanteste – Entwicklung im hacktivistischen Cyberwar ist das Handala Hack Team. Eine Gruppe, die höchstwahrscheinlich eine Front des iranischen Geheimdienstes ist.
Handala ist 2023 kurz nach dem Beginn des israelischen Angriffskrieges und Genozids in Gaza aufgetaucht. Die staatliche Hackergruppe hat offensichtlich von ihren Vorgängerinnen gelernt und steht als eine sehr agile und reaktive Akteurin da, die trotz ihrer operativen Freiheit direkt von allen Privilegien einer geheimdienstlicher Organisation profitiert. Die Gruppe hat sich zwar ursprünglich als Anhängsel der Hamas ausgegeben, geht aber inzwischen auf ihrem Blog ziemlich offen damit um, Teil vom iranischen Geheimdienst zu sein.
Regelmässig gibt die Hackergruppe damit an, dass ihre Daten direkt zu Raketenangriffen führen. Seit 2024 macht Handala regelmässig Schlagzeilen mit massiven Hack- und Leak-Attacken gegen Israel. So haben sie beispielsweise private E‑Mail-Accounts von Ehud Barak (Ex-Premier von Israel), Ayelet Shaked (Ex-Justizminister von Israel) und Kash Patel (FBI Direktor) veröffentlicht, sowie Tausende interne Dokumente der israelischen Polizei. Für den Iran ist Handala ein wichtiges Einschüchterungsmittel: Viele ihrer Hacks sind kaum nennenswert, doch genau so wie nicht-staatliche Hacktivist*innen, bauschen sie ihr Schaffen gerne auf, um zu imponieren.
Bevor Israel und die USA den Iran dieses Jahr angegriffen haben, lag Handalas Angriffsfokus fast exklusiv auf Israel. Doch seither wird jeder Staat, der sich mit dem Iran anlegt, schnell auch selbst zum Ziel. So hat Handala Mitte März eine komplette US-Firma für Medizintechnologie lahmgelegt. Das war einer der bisher grössten Cyberangriffe auf die USA zu Kriegszeiten. Das FBI wurde auch nur deshalb zum direkten Ziel von Handala, weil das FBI wiederholt die Webseiten der Hackergruppe stillgelegt hat. Inzwischen hat das FBI ein Kopfgeld in der Höhe von 10 Millionen US Dollars pro Mitglied von Handala ausgestellt – worauf die Gruppe mit einem 50 Millionen US Dollar Kopfgeld auf Trump und Netanyahu reagiert hat. Um den eigenen Einfluss zu stärken, suchen die iranischen Hacker*innen explizit nach Kollaborationen mit unabhängigen Hacktivist*innen, um die USA und Israel anzugreifen.
Die digitale Kriegsführung ist in heutigen militärischen Konflikten nicht mehr wegzudenken. Sowohl staatliche als auch unabhängige Akteure sind fleissig dabei, sich weiterzuentwickeln – und die Verwicklung der beiden Sphären ist garantiert noch lange nicht am Ende.
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