Regie­rungs­fä­hig­keits­eig­nungs­test

Politiker*innen müssen die «Feind- und Freund»-Bilder der Nation teilen und dem eigenen Staat die Treue beweisen – sonst haben sie es schwer. Das zeigt der Fall von Luigi Pantisano, der für den Partei­vor­sitz der Linken kandidiert. 
Wer regieren will, muss spuren. (Bild: Luca Mondgenast)

Parteien sind Konkur­renten im Wett­kampf ums Regieren. Sie wollen den Staat führen; die Nation auf Basis von Grund­ord­nung und Staats­räson gestalten und verbes­sern. Darum bewerben sie sich.

Ihre Eignung dazu wird perma­nent durch Medien und Öffent­lich­keit über­prüft. Insbe­son­dere Parteien an den Rändern des Spek­trums – und ihre Kandidat*innen – werden einer dauer­haften Prüfung ihrer «Regie­rungs­fä­hig­keit» unter­zogen. Dazu gehört auch, heraus­zu­stellen, ob diese Parteien die aktu­ellen «Feind- und Freund»-Bilder der Nation teilen und ihre Treue wirk­lich nur dem eigenen Staat und seiner Staats­räson gilt.

Ein Beispiel: Luigi Pantisano ist Bundes­tags­ab­ge­ord­neter aus Stutt­gart und nach Jan van Akens ange­kün­digtem Rückzug neuer Kandidat für den Partei­vor­sitz der Links­partei – gemeinsam mit Ines Schwerdtner, die damit zum zweiten Mal antritt. Und jetzt kommt’s: Anders als sein Vorgänger Jan van Aken spricht Pantisano von einem durch Israel verübten Genozid an den Palästinenser*innen und fordert von der Bundes­re­gie­rung die Aner­ken­nung eines palä­sti­nen­si­chen Staates. Zugleich aber betont er das «Selbst­be­stim­mungs­recht Israels» sowie die Notwen­dig­keit, «gegen jeden Anti­se­mi­tismus» zu kämpfen.

Dass diese Posi­tionen beim besten Willen nicht mitein­ander in Einklang zu bringen sind, zeigt auch, in welches Fahr­wasser sich Pantisano mit seiner Genozid-Kritik begibt: Wer dem israe­li­schen Staat einen Völker­mord vorwirft, dem nimmt man schwer­lich ab, zugleich dessen Selbst­be­stim­mungs­recht auf Völker­mord ernst zu nehmen und israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus – die Waffe, um Protest gegen den Völker­mord zu dele­gi­ti­mieren – zu bekämpfen. Das geht halt nicht zusammen.

In Deutsch­land gehört die Loya­lität zu Israel bekannt­lich zur Staats­räson und hat es in Sachsen-Anhalt und Bran­den­burg bereits so weit gebracht, dass man mit Blut und Spucke darauf schwören muss, wenn man deutsche*r Staatsbürger*in werden will. Weitere Bundes­länder werden folgen.

Parteien, die der Staats­räson nicht folgen, werden aus dem demo­kra­ti­schen Konsens ausgeschlossen. 

Die Zeit fragt, ob nun «die Aktiv­sten die Partei über­nehmen», und sorgt sich um jene ominösen «anderen» oder «manchen» in der Links­partei, die mit seinen Posi­tionen frem­deln würden. Pantisano erscheint dabei als schwer greif­bare Figur. Gleich mehr­fach fragt der Text: «Wer ist der Mann?» – als sässe «der Mann» nicht seit einem Jahr im Bundestag und stünde damit unter hinrei­chender öffent­li­cher Beob­ach­tung. Die Antwort offen­bart der Text dann ein paar Sätze weiter: Er ist einer, der «für einen harten Pro-Gaza-Kurs steht».

Die NZZ legt nach und diagno­sti­ziert der Links­partei einen wach­senden Zulauf aus einem «isra­el­feind­li­chen Milieu» – eine These, die sie gleich mit drama­ti­scher Evidenz unter­füt­tert: der Bran­den­burger Anti­se­mi­tismus-Beauf­tragte, Andreas Büttner, hatte seinen Austritt aus der Links­partei mit «struk­tu­rellem Anti­se­mi­tismus» in der Partei begründet.

Der Tropfen, der das Fass für Büttner zum Über­laufen brachte: Ein Landes­ver­band der Links­partei hatte für einen Antrag votiert, der den poli­ti­schen Zionismus als einen wesent­li­chen Hinde­rungs­grund für eine fried­liche Zukunft für alle Menschen in der Region bezeichnet. Ganz klar: judenfeindlich!!!

Aber genug mit den Pimper­litz­chen deut­scher Rechts­ra­dika– ähh Partei­po­li­tiker. Was man aus der Causa Pantisano lernen sollte: Mit ihrer Bericht­erstat­tung sorgt die publi­zi­sti­sche Öffent­lich­keit faktisch dafür, dass nur jene Parteien als ernst­haft regie­rungs­fähig gelten, die sich zwei­fels­frei im Rahmen der poli­ti­schen Grund­ord­nung und der jeweils geltenden Staats­räson bewegen. Alle anderen werden entspre­chend trak­tiert – oder einfach direkt aus dem demo­kra­ti­schen Konsens ausgeschlossen. 

Und wenn nur dieje­nigen regieren dürfen, die homo­gene Posi­tionen inner­halb eines demo­kra­ti­schen Konsens hervor­bringen, dann wird jemand, der regieren will, eben auch genau diese homo­genen Posi­tionen inner­halb eines demo­kra­ti­schen Konsens hervor­bringen. Auch wenn das Sank­tionen in Form von Partei­aus­schluss­ver­fahren gegen «Abweichler» bedeutet – oder einfach die komplette Umkeh­rung der ursprüng­li­chen Partei­linie.

Es bleibt abzu­warten, ob Pantisano sich am Ende den Partei­vor­sitz oder seinen «harten Pro-Gaza-Kurs» abschminken muss. Eins von beidem sicherlich.

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