Eine Köchin ist eben kein Koch! – Sexismus im Gastrogewerbe

Anzüg­liche Kommen­tare, über­grif­figes Verhalten und unsi­chere Arbeits­ver­hält­nisse – vieles davon ist für Frauen und gender­queere Personen im Gast­ge­werbe zur Norma­lität geworden. Am inter­na­tio­nalen Frauen*Kampftag am 8. März demon­strierten Betrof­fene deshalb für ihre Anliegen. Das Lamm hat vier Personen aus unter­schied­li­chen Gastro­nomie-Betrieben getroffen, um über ihren Arbeits­alltag und geschlechts­spe­zi­fi­sche Diskri­mi­nie­rung zu sprechen. 
Symbolbild (Unsplash)

Es ist Frei­tag­abend und die Tische des kleinen Lokals im Zürcher Seefeld sind bis auf den letzten Platz besetzt. Drei Personen in weissen Ober­teilen und schwarzen Schuhen balan­cieren hastig und gekonnt stapel­weise Geschirr von einem Ende des Raumes zum anderen. Sie lächeln mit vollen Händen den hung­rigen Gesich­tern entgegen, geben Menü­emp­feh­lungen und erwi­dern den Small­talk der Kund­schaft. „Das eine ist die körper­liche Anstren­gung, die allein bereits extrem hart ist, der andere Teil ist die emotio­nale Arbeit, die wir leisten müssen“, erzählt uns Kim* (22). Seit drei Jahren ist Kim Teil des kleinen Fami­li­en­be­triebs mit Bar und Restaurant.

Die Ausfüh­rung dieser emotio­nalen Arbeit wird als selbst­ver­ständ­lich erachtet, ihre Vergü­tung ist jedoch nicht gere­gelt. „Theo­re­tisch werden wir für diese Bemü­hungen mit Trink­geld bezahlt, was aber leider zu hundert Prozent vom subjek­tiven Empfinden sowie den Erwar­tungen und Ansprü­chen der Kund­schaft abhängt”, erzählt Kim und ergänzt: „Von Vorge­setzten wurde mir schon explizit gesagt, dass ich dafür da sei, dass Gäste ihre Sorgen bei mir abladen können.”

Arbeit, die nicht als solche aner­kannt wird

„Das, was wir emotional leisten, wird über­haupt nicht aner­kannt”, findet auch Rahel* (27), die seit neun Jahren in verschie­denen Betrieben als Kell­nerin arbeitet. Dieses Problem fände man nicht nur im Gast­ge­werbe, es sei viel­mehr ein gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Miss­stand. „Ähnliche Zustände sehen wir etwa in Pfle­ge­be­rufen,” Hinzu käme, dass diese Form der Arbeit vor allem von FTIQ* (Frauen, Trans, Inter und gender­queeren) Personen gelei­stet würde: „Sich um andere zu kümmern, wird, sei es auch unbe­wusst, von Frauen, oder Menschen, die als Frauen gelesen werden, erwartet, als läge es in ihrer Natur.”

Diese lang inter­na­li­sierten Erwar­tungen an bestimmte Perso­nen­gruppen und die Vorstel­lungen davon, was Arbeit eigent­lich bedeutet, machen es Frauen und gender­queeren Personen beson­ders schwer, sich zu wehren. Aus diesem Grund ist Kim auch Teil des Gastra-Kollek­tivs, das sich für Anliegen von FTIQ* Personen im Gast­ge­werbe einsetzt. Das Kollektiv hat sich in Zusam­men­hang mit dem femi­ni­sti­schen Streik am 14. Juni 2019 gebildet. Dieser Zusam­men­schluss war beson­ders wichtig, da das Gastro­ge­werbe gewerk­schaft­lich nur schwach vertreten ist und ledig­lich durch den Landes-Gesamt­ar­beits­ver­trag geschützt wird. So wurde endlich eine Platt­form geschaffen, um sich über struk­tu­relle Miss­stände und persön­liche Erleb­nisse im Gast­ge­werbe auszu­tau­schen, sich zu orga­ni­sieren und gemeinsam gegen die bestehende Situa­tion anzukämpfen.

Der Chef im Raum

Das gesell­schaft­liche Empfinden, dass Männer mehr Auto­rität ausstrahlen als Frauen, beein­flusst den Arbeits­alltag im Gastro­ge­werbe mass­geb­lich. „Die verein­zelt männ­li­chen Kellner in unserem Betrieb müssen sich viel weniger von unfreund­li­chen Gästen bieten lassen, weil sie schneller ihre Grenzen aufzeigen dürfen und im über­tra­genen Sinn auf den Tisch hauen“, sagt Kim. Männer können sich dieses Verhalten leisten: Ihnen wird die direkte Vertei­di­gung als posi­tive Eigen­schaft ange­rechnet. „Menschen hingegen, die weib­lich sozia­li­siert wurden, lernen schon früh, dass von ihnen erwartet wird, sich anzu­passen und es stets allen recht zu machen.“ Somit ist es für FTIQ* mit der reinen Nach­ah­mung männ­li­chen Verhal­tens nicht getan. Viel­mehr muss sich die allge­meine Wahr­neh­mung und Erwar­tung an gender­spe­zi­fi­sches Verhalten ändern.

Dass es für Männer ein Vorteil ist, auto­ri­tärer wahr­ge­nommen zu werden, ist auch die Erfah­rung von Jannik* (26), der seit einigen Jahren neben dem Biologie-Studium in verschie­denen Bars in Zürich arbeitet: „Ich erlebe oft, wie mir als Mann mehr Respekt entge­gen­ge­bracht wird. Es kam schon vor, dass sich Gäste unmög­lich gegen­über Mitar­bei­te­rinnen benahmen, durch meine blosse Präsenz aber plötz­lich koope­rativ wurden.” Aller­dings würden seine weib­li­chen Kolle­ginnen oft mehr Trink­geld erhalten als er, was auch einem sexi­sti­schen Grund­ge­danken geschuldet sei. Dazu sei mehr Trink­geld ein geringer Vorteil, da Jannik auch schon oft erlebt habe, dass männ­liche Mitar­beiter wie selbst­ver­ständ­lich beför­dert wurden, obwohl sie bloss „einen Bruch­teil der Arbeits­er­fah­rung” ihrer Kolle­ginnen hatten.

So sei es auch Gang und Gäbe, dass „die männ­liche Person im Raum auto­ma­tisch für den Chef gehalten wird“, sagt Mara* (24) und erzählt uns ein Erlebnis, das illu­striert, wie die Fähig­keiten von Frauen herun­ter­ge­spielt werden: „Meine Lieb­lings­ge­schichte zu dem Thema ist die einer befreun­deten Köchin und Sous-Chefin eines ange­se­henen Restau­rants in Zürich“, beginnt die Vier­und­zwan­zig­jäh­rige, die neben ihrem Studium als Umwelt­in­ge­nieurin in der Gastro­nomie gear­beitet hatte, ihre Geschichte. „Sie erzählte mir einmal, wie sie auf dem Gemü­se­markt war, um einzu­kaufen, als einer der Verkäufer anfing, mit ihr über Nahrungs­mittel zu fach­sim­peln. Sie erwähnte, dass sie Köchin sei und der Verkäufer erwi­derte, dass auch er Koch sei und insi­stierte: „aber ein rich­tiger“. Darauf entgeg­nete die Köchin, dass auch sie eine „rich­tige“ Köchin sei. Der Verkäufer jedoch versuchte vehe­ment den Unter­schied zwischen ihnen beiden zu zemen­tieren und ergänzte, dass er aller­dings eine Ausbil­dung gemacht und in diversen Restau­rants gear­beitet habe. So endet die Geschichte, denn die gelernte Köchin war zu baff, um zu antworten. Eine nach­voll­zieh­bare Reak­tion und eine gefähr­liche Situa­tion. Denn die Über­heb­lich­keit gewisser Menschen versetzt andere in eine mund­tote Schock­starre, sodass man verführt sein könnte, zu denken, sie hätten nichts zu sagen. Was wollte der Mann der Köchin gerade weis­ma­chen? Dass eine Köchin eben kein Koch ist! Denn immerhin sind alle Frauen zuhause Köchinnen. Wobei diese Arbeit nicht nur selbst­ver­ständ­lich ist, sondern auch weniger Wert hat, als ausser Haus fremde Leute zu bekochen.

Über­griffe haben viele Gesichter

Neben diesen sprach­li­chen Abwer­tungen kommen Diskri­mi­nie­rungen im Gast­ge­werbe viel­schichtig daher: „Über­griffe jegli­cher Art, inner­halb der Abhän­gig­keiten von Arbeit­neh­menden, sind ein grosses Thema”, meint Kim. Sie kämen beispiels­weise in Form von Chef*innen, die die Arbeits­rechte miss­ach­teten, indem sie keine Pausen erlaubten oder das Trink­geld nicht auszahlten, weil es ein zu grosser zeit­li­cher Aufwand wäre, es genau zu berechnen. Was eben­falls immer wieder vorkommt, sind sexi­sti­sche Sprüche: Vom Klas­siker „Lächle doch mal ein biss­chen mehr!“ bis hin zu „Der Wein ist zu kalt, möch­test du ihn nicht zwischen deinen Schen­keln wärmen?“, sei alles dabei.

„Viele Leute scheinen auch zu denken, dass die Menschen, die im Gastro­ge­werbe arbeiten, nicht sehr intel­li­gent sind”, meint Jannik. „Ich glaube, das verstärkt, dass uns gewisse Leute von oben herab behan­deln und so ihre Rolle als Kund*innen ausnutzen. Meiner Erfah­rung nach sind das vorwie­gend Männer.” Ähnlich sieht das auch Kim und führt aus: „Einige Menschen benehmen sich so, als stünden sie über uns, weil es unsere Aufgabe ist, sie zu bedienen.” Natür­lich gäbe es auch immer tolle Gäste, dieses Muster lasse sich aber trotzdem fest­stellen. Arbeit­neh­mende, gerade in Tief­lohn­sek­toren, befinden sich durch ihre ökono­mi­schen Situa­tion in einer für sie ungün­stigen Macht­dy­namik, die ausge­nutzt werden könnte. „Die Menschen wissen ja, dass wir uns während der Arbeit nicht so benehmen und wehren können, wie wir es viel­leicht privat tun würden.”

Die Schwie­rig­keit, sich ange­messen zu verhalten, illu­striert Kim an einem Beispiel, das vor einigen Monaten statt­fand: „Es gab eine Situa­tion, in der ein paar Stamm­gäste an der Bar standen, während ich und eine weitere Person hinter der Bar arbeiten mussten, als ein Gast mit Sehbe­ein­träch­ti­gung dazu kam.” Daraufhin hätten drei der männ­li­chen Stamm­gäste begonnen, dem Blinden zu beschreiben, wie Kim und die andere Mitar­bei­tende aussahen: wie gross sie waren, welche Farbe ihre Haare hatten oder ob sie geschminkt waren. „Das war total unan­ge­nehm! Woher nahmen sie sich das Recht, das zu machen?Zu ihrem Glück schal­tete sich daraufhin ihre Chefin ein und gab zu verstehen, dass dieses Verhalten inak­zep­tabel sei.

Das Wich­tigste ist auch das Schwie­rigste: sich zu wehren

Wenn man sich wehrt, wird riskiert, dass einem noch mehr Gewalt angetan wird – sei es von Gästen, Mitar­bei­tenden oder Chef*innen – ausserdem kostet es sehr viel Energie, sich solch unan­ge­nehmen Situa­tionen direkt zu stellen. Die Befürch­tungen, dass man aufgrund eines solchen Verhal­tens, das der Aufgabe als bedie­nende Person diame­tral entge­gen­ge­setzt ist, kein Trink­geld erhalten könnte, sich über einen beschwert würde, die Gäste nicht wieder­kämen oder man gar den Job verlieren könnte, seien omni­prä­sent. „Das sind furcht­bare Situa­tionen”, sagt Kim, „weil wir wissen, dass der einzig rich­tige Weg wäre, einfach auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Nein! So geht es nicht!’ ”

Meistens lasse man den Gästen ihr schlechtes Benehmen jedoch durch­gehen. Das sei eine schwie­rige, aber stetige Grat­wan­de­rung: „Dadurch, dass wir im Betrieb unter­ein­ander mehr reden und auch unsere Chefin hinter uns steht, habe ich aller­dings mehr Selbst­ver­trauen, mich künftig zu wehren”, sagt Kim bestimmt, aber ergänzt sofort: „Auch wenn ich dies als einzige Möglich­keit sehe, um dieses über­grif­fige Verhalten zu beenden, verstehe ich jede Person, die nicht auf diese Weise reagieren kann.” Kims Arbeits­kol­legin zum Beispiel habe auf die Frage, ob und wie sie Diskri­mi­nie­rung in ihrem Arbeits­alltag wahr­nehme, bloss geant­wortet, dass sie nicht auch noch über den Sexismus reden wolle, den sie täglich erleben müsse.

Sich zusam­men­zu­schliessen und zu orga­ni­sieren ist das wirk­samste Mittel gegen die Miss­stände. „Ich habe auch ange­fangen, Menschen, die im Gastro arbeiten, direkt anzu­spre­chen und ihnen die Kontakte zu unserem Gastra-Kollektiv zukommen zu lassen”, erzählt Kim. Leider sei die Hürde, sich mit mehr oder minder fremden Menschen zu vernetzen, immer noch relativ gross. Ausserdem fehle es vielen Menschen an zeit­li­chen Ressourcen sowie an Kraft. „Doch es gibt verschie­dene Wege sich poli­tisch zu enga­gieren – und alle sind wichtig!”, versi­chert Kim zum Schluss. Sich im eigenen Betrieb über die Verhält­nisse auszu­tau­schen und Themen wie Lohn trans­pa­rent zu bespre­chen etwa, wäre ein Anfang.

*Namen von der Redak­tion geändert


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