Venezuela ist seit Jahrzehnten eine Projektionsfläche: Die einen sehen darin die grosse linke, antiimperialistische Hoffnung, andere warnen vor verstaubtem Sozialismus und dem Drang zum Autoritarismus.
Im Januar diesen Jahres entführten US-amerikanische Einheiten im Rahmen einer Militärintervention Präsident Nicolás Maduro und seine Frau. Beide wurden in die USA gebracht, wo gegenwärtig ein Strafverfahren gegen sie läuft. In der Folge übernahm Delcy Rodríguez die Präsidentschaft. Seither richtet sich der Fokus erneut auf die Erdölreserven des Landes. Es sind die grössten weltweit. Im Zentrum der amerikanischen Militärintervention stand die politische Neuordnung des Landes. Venezuelas Erdölproduktion ist seit Jahren eingebrochen. Nun soll der gesamte Rohstoffsektor strategisch neu ausgerichtet werden. Zugleich zielte der Eingriff darauf ab, den Einfluss Chinas zurückzudrängen und den der USA in der Region zu stabilisieren.
Die Abhängigkeit vom Öl bremste die Entwicklung von anderen Wirtschaftssektoren.
Die Abhängigkeit vom Öl prägt die Geschichte Venezuelas seit über 100 Jahren. Das gilt für die Wirtschaft ebenso wie für die Politik. Wer das Land verstehen will, muss die Machtbestrebungen der USA in den Blick nehmen und darf dabei die historischen und sozialen Dynamiken innerlands nicht vergessen.
Die Holländische Krankheit
Venezuela gehört zu den lateinamerikanischen Staaten, die einen Grossteil ihrer Einnahmen aus Rohstoffexporten beziehen. Die Erdölabhängigkeit begann bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, obwohl zunächst der Agrarexport – etwa von Kakao und Kaffee – die wirtschaftliche Grundlage bildete. In den 1920er- und 1930er-Jahren wurde Erdöl zum Hauptexportprodukt. Vorerst profitierten vor allem internationale Konzerne.
Erst im Zweiten Weltkrieg erkannte der Staat die strategische Bedeutung des schwarzen Goldes. Er setzte höhere Einnahmen durch und wurde zum zentralen wirtschaftlichen Akteur.
Von nun an hingen die Industrie und andere Bereiche dauerhaft an staatlichen Geldern. Das verhinderte den Aufbau anderer Wirtschaftssektoren. Die Abhängigkeit vom Öl bremste die Entwicklung, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Ökonom:innen nennen das die «Holländische Krankheit».
Der Begriff klingt nach Medizin, beschreibt aber ein wirtschaftliches Paradox. Wenn ein Land plötzlich riesige Mengen an Rohstoffen (wie Öl) entdeckt und exportiert, fliesst ausländisches Geld hinein. Das wertet die eigene Währung auf. Die heimische Industrie und Landwirtschaft können nicht mehr mithalten und gehen pleite. Am Ende hängt das ganze Land nur noch am Tropf der Rohstoffpreise. Im Fall Venezuela zeigte sich: Hohe Rohstoffexporte stärkten die Landeswährung. Das machte Importe billiger und Exporte teurer. Die Landwirtschaft und die Industrie verloren ihre Wettbewerbsfähigkeit, während die Abhängigkeit von Importen immer weiter wuchs.
Demokratie und Krise
1958 führte Venezuela die liberale Demokratie ein. Die höheren Öleinnahmen stärkten den Staat weiter. In den 70er-Jahren verstaatlichte das Land den Erdölsektor und gründete den Staatskonzern PDVSA. Damit dehnten sich die Rolle und die Macht des Staates weiter aus.
Schon vor Chávez verdiente ein enger Kreis politischer Eliten am Öl. Sie sicherten sich Macht und Privilegien durch Korruption. Ein Teil der Einnahmen floss zwar in die Modernisierung, die Industrie blieb jedoch von staatlichen Geldern und damit vom Ölexport abhängig. Diese strukturelle Schwäche wurde nie überwunden. Sie machte das System anfällig für Schwankungen der Weltmarktpreise.
Ab 1998 sassen plötzlich Offiziere in zivilen Ämtern.
Nach dem Ende des Ölbooms stürzte Venezuela Ende der 1980er-Jahre in eine Wirtschaftskrise. Die Abhängigkeit vom Öl zeigte nun ihre zerstörerischen Folgen. Präsident Carlos Andrés Pérez setzte neoliberale Reformprogramme durch. Sparmassnahmen und Privatisierungen verstärkten die Armut und die prekäre Beschäftigung. Der Industriesektor brach ein, die Kriminalität stieg stark an.
1989 entlud sich die soziale Wut im «Aufstand des Caracazo». Mehrere Hundert bis mehrere Tausend Menschen starben dabei. Die politische Ordnung geriet ins Wanken. 1992 folgten zwei gescheiterte Putschversuche, einer davon unter der Führung des Offiziers Hugo Chávez. Er erlangte damit landesweite Bekanntheit.
«Caracazo» setzt sich aus der Hauptstadt Caracas und der spanischen Endung -azo zusammen, was frei übersetzt «Knall» oder «grosser Schlag» bedeutet. Im Jahr 1989 protestierten tausende präkarisierte und arme Menschen der Arbeiter:innenklasse gegen die plötzlich erhöhten Preise für Essen und Busfahrten. Die Regierung schickte das Militär, das den Aufstand mit grosser Gewalt niederschlug. Dieses Ereignis zerstörte das Vertrauen in die alten Parteien und ebnete den Weg für Politiker wie Hugo Chávez.
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Der Aufstieg des Chavismus
Als Hugo Chávez 1998 die Präsidentschaftswahl gewann, lag das politische System bereits in Scherben. Die Bevölkerung war seit Jahren sichtbar unzufrieden. Kaum im Amt, machte Chávez kurzen Prozess: Er setzte eine verfassungsgebende Versammlung ein. Schon 1999 nahm das Volk die neue Verfassung per Referendum an. Das war das Ende der Vorherrschaft der etablierten Parteien AD und COPEI. 40 Jahre lang hatten sie sich an der Macht abgewechselt – damit war nun Schluss.
AD: Acción Democrática
Der Name bedeutet übersetzt «Demokratische Aktion». Die Partei wurde 1941 gegründet und war lange Zeit die wichtigste Kraft der Mitte-Links-Bewegung in Venezuela. Die AD ist die traditionelle sozialdemokratische Kraft Venezuelas und prägte das Land über Jahrzehnte. Sie setzte sich ursprünglich für soziale Reformen und die Verstaatlichung des Erdöls ein, wurde aber später zum Symbol für ein erstarrtes und korruptes Machtkartell.
COPEI: Comité de Organización Política Electoral Independiente
Die Abkürzung steht für «Komitee für unabhängige politisch-elektoral-Organisation». Ursprünglich war das nur der Name des Wahlkomitees. Die Bezeichnung blieb aber als Parteiname für die christlich-soziale Bewegung haften. Die COPEI ist die christlich-konservative Gegenspielerin der AD und vertritt traditionell eher wirtschaftsliberale und kirchliche Werte. Zusammen mit der AD teilte sie sich im «Pakt von Punto Fijo» ab 1958 die Macht, was viele arme Bevölkerungsschichten politisch ausschloss.
Mit der Verfassung von 1999 begann die systematische Militarisierung der Politik. Chávez kettete die Streitkräfte eng an seine Regierung und weitete ihre Macht auf innere Sicherheit und staatliche Verwaltung aus. Plötzlich sassen Offiziere in zivilen Ämtern. Chávez sah in den Soldaten sein «revolutionäres Instrument». Aus genau diesem Machtblock gingen später auch die neuen Profiteur:innen des Erdölgeschäfts hervor.
Der «Sozialismus des 21. Jahrhunderts»
Der Chavismus festigte seine Macht und schuf so das Fundament für den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts». Dieses Projekt wurde Taktgeber für einen neuen linken Aufbruch in ganz Lateinamerika. Für die internationale Linke keimte Hoffnung auf: Ein antiimperialistischer Block schien endlich greifbar.
Neben Chávez gelangten auch Rafael Correa in Ecuador und Evo Morales an die Macht. Hinter ihnen standen breite Bevölkerungsschichten, die jahrzehntelang unter Armut, mangelhafter sozialer Infrastruktur und ökonomischer Unsicherheit gelitten hatten. Der wirtschaftliche Kurs dieser Regierungen folgte einem ähnlichen Muster. Sie brachten die zentralen Rohstoffsektoren unter staatliche Kontrolle. Meist geschah das durch Teilnationalisierungen oder Mehrheitsbeteiligungen.
Venezuela waren nie wirklich frei von imperialistischem Einfluss.
In Venezuela und Ecuador drehte sich alles um das Erdöl. In Bolivien stand die Nationalisierung des Erdgases im Zentrum. Trotzdem blieben die Regierungen Teil des Weltmarkts. Über ihre nationalen Energiekonzerne hielten sie an Abkommen mit transnationalen Firmen fest. Die Phase der hohen Rohstoffpreise spülte Geld in die Kassen, was ausgebaute Sozialprogramme ermöglichte. Zunächst sorgte das für politische Stabilität und breite Unterstützung im Volk.
Umweltbewegungen, indigene Gruppen und kritische Akademiker:innen warnten schon früh vor Venezuelas Kurs. Sie kritisierten, dass das Land fast nur auf den Export von Rohstoffen setzte. Doch sie fanden politisch kaum Gehör. Ihre Kritik erwies sich jedoch als zutreffend: Das System war auf Sand gebaut. Als die Einnahmen sanken, verschärften Missmanagement und Korruption die Lage. Der Regierungsstil wurde immer autoritärer und die sozialen Spannungen wuchsen.
Eines wurde dabei klar: Diese Projekte waren nie wirklich frei von imperialistischem Einfluss. Die Abhängigkeit verschwand nicht. Es verschob sich lediglich die geopolitische Windrichtung. Der Blick wanderte weg von den USA und hin zu China und Russland. Das Spannungsfeld zwischen Rohstoffexporten, hohen Sozialausgaben und ökologischen Grenzen liess den Konsens schliesslich zerbrechen. Gleichzeitig krallte sich ein immer engerer Machtzirkel die Kontrolle über das Öl und die Devisen.
Aus dieser Konstellation wuchs eine neue Schicht von Profiteur:innen heran: die «Bolibourgeoisie». Hochrangige Militärs und Beamt:innen füllten sich die Taschen mit den Exporterlösen. Mit dem Wechsel von Chávez zu Nicolás Maduro spitzte sich die Lage noch mehr zu. Die Bolibourgeoisie wurde zum Gesicht für Korruption und autoritäre Macht. Unter Maduro prägten schliesslich Sozialabbau, die Unterdrückung von Gewerkschaften und massive Repression den Alltag.
Dabei handelt es sich um eine Wortkombination, zusammengesetzt aus «Bolivarianisch» (bezogen auf den Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar) und «Bourgeoisie» (Besitzbürgertum). “Bolibourgoisie” beschreibt eine neue Elite, die unter Chávez und Maduro reich wurde. Anders als die alte Elite des 20. Jahrhunderts stammt sie nicht aus alten Unternehmerfamilien, sondern aus dem Staatsapparat und dem Militär. Durch den Zugang zu staatlichen Öl-Devisen, Korruption und dubiosen Importgeschäften häuften diese Funktionär:innen riesige Privatvermögen an. Die Bolibourgeoisie ist Symbol für den verratenen Sozialismus: Während das Volk hungert, feiert die neue rote Elite in Saus und Braus.
Kontinuitäten nach Maduro
Die Festnahme von Nicolás Maduro brach nicht mit den alten Strukturen. Der Westen behauptet zwar, die US-Intervention befreie das Volk von einer Diktatur. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die politisch-militärischen Eliten des Chavismus sind zum Grossteil noch da. Die aktuelle Führung verfolgt dieselbe Politik wie zuvor: autoritär und fixiert auf Rohstoffe.
Auch die derzeitige Regierung unter Delcy Rodríguez passt sich strategisch an die neuen geopolitischen Machtverhältnisse an. Das einzige, das sie weglässt, ist die antiimperialistische Rhetorik. Der «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» ist als Projekt zwar zerfallen, die Machtverhältnisse stützen sich aber weiter auf das alte Fundament. Das bedeutet: Erdölabhängigkeit und eine enge Verflechtung von Militär, Staatsapparat und ökonomischen Eliten.
Rodríguez ist ein Kind dieses Systems. Sie stammt aus dem innersten Zirkel des Chavismus. Ihr Bruder Jorge zählt bis heute zu den einflussreichsten Akteur:innen des politischen Machtapparats. Auch ihre familiäre Biografie ist eng mit der Geschichte der venezolanischen Linken verbunden: Ihr Vater war ein marxistischer Guerillakämpfer, der im Zusammenhang mit einem politisch motivierten Entführungsfall 1976 verhaftet wurde und in staatlicher Haft starb, als Delcy Rodríguez noch ein Kind war. Doch die Geschwister sind keine ideologischen Überzeugungstäter:innen. Sie wirken eher wie Opportunist:innen mit bestem Draht zur venezolanischen Bourgeoisie.
Delcy Rodríguez’ riskantes Doppelspiel
Berichte deuten darauf hin, dass Rodríguez schon vor Maduros Sturz geheime Gespräche mit den USA führte. Sie signalisierte Washington ihre Kooperationsbereitschaft für die Zeit nach Maduro. Bei ihrer Vereidigung bot sie eine bizarre Show, als sie Maduro und seine Frau noch als «Helden» würdigte, aber bereits offen mit Trump verhandelte. Wenig später unterzeichnete sie ein neues Erdölabkommen, das eine weitergehende Öffnung des Sektors für private Akteur:innen und westliche Partner vorsieht.
Repression, politische Verfolgung und Flucht haben viele Versuche kollektiver Organisation eingeschränkt oder zerstört.
Dieser Deal stabilisiert die Macht der zivil-militärischen Führung. Ein riesiger Teil der Bevölkerung lebt weiterhin in bitterer Armut und massiver Ungleichheit. Aus linker Perspektive gibt es derzeit keine gesellschaftlich tragfähige Kraft, die eine postchavistische, emanzipatorische Perspektive für Venezuela eröffnen könnte. Repression, politische Verfolgung und die massenhafte Flucht aus dem Land haben viele Versuche kollektiver Organisation zerstört oder marginalisiert.
Dennoch existieren weiterhin solidarische Projekte wie der Kooperativenverbund Cecosesola. Dieser versorgt seit Ende der 1960er-Jahre zehntausende Menschen mit Lebensmitteln und Gesundheitsleistungen. Solche Initiativen sind gesellschaftlich wichtig, haben aber bislang keine politische Macht, um sich landesweit durchzusetzen.
Die rechte, wirtschaftsliberale Opposition formiert sich langsam neu, obschon sich ein Grossteil der Führung ins Ausland zurückgezogen hatte. Es bleibt offen, ob sie genug Unterstützung mobilisieren kann. Schliesslich steht sie vor einer fast unüberwindbaren Hürde: Die aktuelle Regierung kann sich weiterhin auf die Loyalität des Militärs verlassen und geniesst zudem die faktische Zustimmung der USA.
Klar bleibt wohl nur eines: Venezuelas Rolle als Rohstoffexporteur. Diese Struktur überdauert seit einem Jahrhundert jede Regierung.
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