Bereits ein Monat ist vergangen, seit die Islamische Republik Iran ein Massaker an der eigenen Bevölkerung verübte. Grossen Teilen der internationalen Linken scheint es bisher schwerzufallen, sich zu den Entwicklungen im Iran seit dem 28. Dezember 2025 zu positionieren und sich solidarisch mit der aufständischen Bevölkerung zu zeigen. Das ist teilweise verständlich, da verschiedene Faktoren es erschweren, zu verstehen, was während den landesweiten Aufständen passierte oder auch aktuell noch passiert.
Während der nahezu 20-tägigen kompletten Blockade des Internets gelangten kaum Informationen nach aussen. Auch die seit dem 27. Januar wiederhergestellte Verbindung ist stark gefiltert und instabil. Das Berichten über die Geschehnisse ist für die Bevölkerung, insbesondere für die Protestierenden aufgrund der staatlichen Repression sehr riskant.
Hinzu kommt, dass die Mehrheit der verfügbaren Inhalte auf Farsi verfasst ist. Ein grosser Teil der iranischen Diaspora im Westen, die potenziell Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit leisten könnte, erweist sich aber als politisch nicht vertrauenswürdig. Ihr Interesse gilt oftmals nicht der Freiheit aller Menschen im iranischen Staatsgebiet, sondern der nostalgischen beziehungsweise revisionistischen Ersetzung der aktuellen Regierung durch die Wiedereinsetzung eines zionistischen Monarchen, der höchstens den Interessen einer persischen Elite gerecht werden könnte. Die Befürwortung des monarchistischen Projekts von Reza Pahlavi steht im klaren Gegensatz zu echter internationaler Solidarität. Dies zeigt auch sein Besuch in Israel während des andauernden Genozids; ein klares Bekenntnis zu imperialistischer Machtpolitik.
Während die Schweiz ihre Empathie für die unterdrückte Bevölkerung im Iran kundtut, werden iranischen Geflüchteten kaum Asyl gewährt.
Auch die liberalen westlichen Medien erweisen sich weder als hilfreich, um die Situation im Iran zu verstehen, noch als Verbündete von emanzipatorischen Bewegungen. Im Schweizer Fernsehen darf Reza Pahlavi seine Propaganda im Originalton verbreiten. Am 13. Januar porträtierte ihn das SRF und schrieb unkritisch, er würde selbst betonen, dass er nicht die Wiedereinsetzung der Monarchie anstrebe. Dass er sich bis zum heutigen Tag nicht vom gewaltvollen Regime seines Vaters distanziert hat, lässt Zweifel an der Aufrichtigkeit dieser Aussage aufkommen. In der NZZ wiederum wird in offen geschichtsrevisionistischer Weise der unterdrückerische Charakter des Schahregimes unter Mohammad Reza Pahlavi geleugnet.
Und während der Schweizer Staat zwar immer gerne seine Empathie für die arme, unterdrückte Bevölkerung im Iran kundtut, erachtet er es aber gleichzeitig in den allermeisten Fällen nicht für nötig, iranischen Geflüchteten Asyl zu gewähren.
Westliche Interessen, allen voran der USA und Israels, an einer Destabilisierung der Region sind offensichtlich und kein Geheimnis. Die Bedrohung eines militärischen Angriffs ist allgegenwärtig. Der westliche Imperialismus versucht jegliche Opposition gegen die Islamische Republik für seine Zwecke zu instrumentalisieren und sät damit Verwirrung und Unsicherheit – auch hier. Denn sich unter der steten Gefahr der Vereinnahmung durch imperialistische Interessen zu positionieren, ist eine grosse Herausforderung.
Selbstverständlich kann es verunsichernd sein, das Morden der iranischen Regierung zu kritisieren, während ein amerikanischer Flugzeugträger unter dem Vorwand, die iranische Bevölkerung zu schützen, unterwegs ist. Umso fataler ist es, wenn Linke sich vor diesem Hintergrund von der aufständischen Bevölkerung abwenden.
Vermeintlicher Antiimperialismus
Der Widerstand gegen die Islamische Republik begann bereits während der Revolution in 1979 und ist in den über vier Jahrzehnten der Klerikalherrschaft nie abgerissen. Bereits am 8. März 1979, dem internationalen Frauenkampftag, zeigte er sich in einem mehrtägigen Massenprotest gegen die Einführung des Kopftuchzwangs. Ob über feministische Proteste oder Streiks, ob in Unis, den Fabriken oder in der Ölindustrie, die iranische Bevölkerung hat sich immer gegen ihre Unterdrücker gewehrt.
Wer ein Interesse an der Befreiung aller Menschen hat, darf die Geschichte und Gegenwart des lokalen linken Widerstands auf keinen Fall leugnen, und muss stattdessen seine Wut auf die Regierung, genauso wie auf die westlichen Imperialisten richten.
Die Entsolidarisierung einiger Linker mit der iranischen Widerstandsbewegung zeigt sich zurzeit besonders deutlich in den Diskussionen und im offenen Spott über die Opferzahlen. Dass Regierungs- und Täterquellen nicht vertrauenswürdig sind, muss nicht weiter erklärt werden. Gleichzeitig sind viele der im Diaspora-Diskurs zirkulierenden Darstellungen unbrauchbar; viele Diaspora-Medien wie etwa Iran International sind ebenfalls nicht vertrauenswürdig, weil sie Propaganda der Monarchist*innen und der Volksmudschahedin senden und unter dem Verdacht stehen, als imperialistische Propagandainstrumente zu fungieren.
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Unabhängige Dokumentation direkt aus dem Iran ist kaum möglich, da die Regierung die Erfassung von Todesopfern und Verletzten aktiv behindert. Entsprechend wird es vermutlich nie wirklich belastbare Zahlen geben. Zynisch ist daher auch die Forderung, man müsse mit einer Beurteilung warten, bis solche Zahlen vorlägen.
Letztlich spielt die exakte Todeszahl aber auch keine entscheidende Rolle. Es existieren ausreichend Hinweise, etwa aus Krankenhäusern, Leichenhallen oder Aufnahmen von Einzelpersonen, die darauf hindeuten, dass es sich um massive Opferzahlen handelt. Ob nun 6.000 oder 30.000 Menschen getötet wurden, ändert letztendlich nichts an der politischen und moralischen Bewertung der Islamischen Republik.
Die Nennung tiefer Zahlen droht das begangene Unrecht zu schmälern – bei der Nennung hoher Zahlen fürchten manche, dass dies zur Rechtfertigung imperialistischer Angriffe herangezogen werden könnte. Doch liessen sich dafür nicht beide Zahlen instrumentalisieren? Und sollte für Linke nicht das Leid der Menschen im Vordergrund stehen?
Da die Islamische Republik seit Jahren eine Gegenspielerin des westlichen Imperialismus ist, betrachten sie viele in der internationalen Linken als antiimperialistisches Projekt. Eine Darstellung, die der Islamischen Republik seit Jahrzehnten gelingt, obschon sie zum Beispiel während des Iran-Irak-Kriegs israelische und amerikanische Waffen gekauft hat und bis in die 90er-Jahre heimlich, mithilfe des Glencore Gründers Marc Rich, riesige Mengen Öl nach Israel lieferte.
Auch war diese antiimperialistische Opposition oftmals unfreiwillig; die Regierung in Tehran hätte schliesslich immer wieder gerne Deals mit den westlichen imperialistischen Mächten gemacht. Sie scheiterte aber meist an den imperialistischen Aggressoren der USA oder Israel und nicht aufgrund einer klaren antiimperialistischen Linie des Irans.
Antiimperialismus ist für die Islamische Republik reine ideologische Legitimation, keine reale politische Praxis.
Während die Islamische Republik vorgibt, die Befreiung Palästinas sei ihr ein zentrales Anliegen, unterdrückt sie gleichzeitig systematisch die arabische Bevölkerung in Khuzestan. Sobald eine arabische Bevölkerung sich nicht mehr als Projektionsfläche für die Stabilisierung eines Staates eignet, sondern dessen inneren Zusammenhalt bedroht, zeigt die Regierung in Tehran, was sie von der Selbstbestimmung der Völker hält. Dasselbe Regime verfolgt, inhaftiert und exekutiert Frauen, Queers, Arbeiter*innen, ethnische Minderheiten und Geflüchtete aus Afghanistan und hat historisch linke Oppositionelle gezielt und massenhaft ermordet. Auch 2025 noch wurden im Iran über 1000 Menschen hingerichtet. Welche Form von Freiheit soll ein solcher Staat zu bieten haben?
Zwar ist es richtig, dass unter den umfassenden Sanktionen der USA, mit denen der Iran konfrontiert ist, kein allgemeiner Wohlstand entstehen kann und der westliche Imperialismus einen grossen Teil der Verantwortung für das Leid der Menschen im Iran trägt. Doch es ist keineswegs so, als würde die iranische Regierung die vorhandenen Ressourcen heute gleichmässig verteilen. Warum sollte sich das unter besseren ökonomischen Bedingungen plötzlich ändern? Die soziale Ungleichheit ist auch hier ein grundlegendes Merkmal des kapitalistischen Staates.
Von Unterdrückern ist keine Freiheit zu erwarten
In der «linken» Solidarität mit der Islamischen Republik zeigt sich eine zutiefst eurozentristische Perspektive. Wer Staaten nur danach bewertet, ob sie für oder gegen den westlichen Imperialismus stehen, verschleiert ihre regionalen imperialistischen und kolonialen Bestrebungen. Die Unterdrückten in diesen Herrschaftssystemen werden dabei zu Kollateralschäden degradiert. Betrachtet man die Politik der Islamischen Republik aber aus einer nicht-westlichen Perspektive, löst sich diese Vorstellung eines antiimperialistischen Bollwerks schnell in Luft auf.
Campismus, die Identifikation mit einem von zwei verkürzt gefassten politischen Lagern, ist ideologisch inkohärent. Nur schon deshalb, weil sich die Camps nicht an die Grundsätze halten, die man in sie hineinprojiziert. Gerade dann nicht, wenn es um Handelsbeziehungen geht: Iran liefert Öl nach China und in die Vereinigten Arabischen Emirate, bis zur kürzlichen Verschärfung der Sanktionen auch nach Sri Lanka oder Indien.
Klare, abgegrenzte Camps existieren nicht. Antiimperialismus ist für die Islamische Republik reine ideologische Legitimation, keine reale politische Praxis. Insbesondere ethnische Minderheiten im iranischen Staatsgebiet, wie beispielsweise Kurd*innen oder Belutsch*innen sind mit dem kolonialen Charakter dieses Staates alltäglich konfrontiert und nicht erst bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste.
Auch 2025 noch wurden im Iran über 1000 Menschen hingerichtet. Welche Form von Freiheit soll ein solcher Staat zu bieten haben?
Ob beim Widerstand in Palästina, Kurdistan, im Iran oder anderswo, alle widerständigen Gruppen, mit denen wir uns als Linke heute solidarisieren, kooperieren vermutlich mit Akteur*innen, die selbst an der Unterdrückung anderer beteiligt sind. Doch damit unterstützt man nicht unbedingt diese Bündnisse als solche. Vielmehr geht es darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen nicht länger auf solche Bündnisse angewiesen sind.
Ziel muss der Aufbau einer linken Bewegung sein, die tatsächlich eine emanzipatorische Alternative bieten kann. Die entscheidende Frage sollte daher nicht lauten, mit wem diese Bewegungen im Bündnis sind – und erst recht nicht, welche Akteur*innen ihre Ziele teilen oder von ihrem Erfolg profitieren. Die entscheidende Frage lautet: Was treibt Menschen überhaupt in Bündnisse mit Akteur*innen, die andere Bevölkerungsgruppen unterdrücken?
Widerstandsgruppen pauschal als «Proxys», also Stellvertreter derjenigen Mächte zu delegitimieren, die ihren Widerstand unterstützen, spricht diesen Gruppen ihre eigene politische Agenda ab. Wo Menschen jedoch aus materiellen und existenziellen Zwängen handeln, gfreift diese Zuschreibung zu kurz, verkennt ihre Handlungsmacht und ihr revolutionäres, emanzipatorisches Potenzial.
Auch Pragmatismus ist hier fehl am Platz: Zwar scheint für viele aktuell nur die Wahl zwischen der Islamischen Republik und US-amerikanischen Bomben realistisch, weil jede organisierte Opposition von unten sogleich unterdrückt wird. In einer solchen Situation mag das Festhalten an linken Grundsätzen naiv und aussichtslos wirken. Natürlich will man keine Diskurse vorantreiben, die eine militärische Intervention der USA oder Israels im Iran rechtfertigen, doch darf dies auf keinen Fall auf Kosten der protestierenden Bevölkerung gehen und deren Anliegen delegitimieren.
Vor dem Hintergrund der letzten imperialistischen Angriffe auf den Iran zu glauben, taktisches Schweigen oder gar Parteinahme für einen repressiven Staat würde solche Angriffe verhindern, scheint seinerseits naiv. Allemal vielversprechender ist es, an Bewegungen mitzuwirken, die eine glaubhafte Perspektive auf Freiheit eröffnen.
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