Nun ist es schon wieder ein Monat her, seit Staatsoberhäupter und Geschäftseliten das beschauliche Davos ein weiteres Jahr überschwemmt haben. Auch ich war mit zwei Kolleg*innen für einen Tag vor Ort und habe einen Vibecheck gemacht. Hier kommt mein WEF Statusbericht.
Schon die Anreise im Zug fühlt sich surreal an: Der RegioExpress von Landquart nach Davos ist von einem Mix an Menschen in entweder Wintersportkleidern oder Anzügen gefüllt. Ein älterer Mann in meinem Abteil fragt das Zugpersonal, wo er denn aussteigen müsse, wenn er «Trömp» sehen wolle. Neben mir sitzt ein Abgeordneter von irgendeinem Land, der auf seinem Smartphone mit verspiegelter Folie der Frau neben ihm Fotos der Männer zeigt, die sie heute treffen werden. Zwei Abteile weiter telefoniert ein junger Mann, er sieht aus als hätte er soeben ein Studium an der HSG abgeschlossen, um einen Abholdienst für sich zu organisieren.
Das Erlebnis gleicht eher einem schlechten Drogentrip als einem Ausflug ans höchste Wirtschaftstreffen.
In Davos angekommen warte ich auf der Terrasse beim grossen Coop auf meine Friends, die einen Zug später ankommen, und esse einen kleinen Snack. Verschiedene Delegationen mit WEF-Badges laufen an mir vorbei. Dann setzen sich ein paar Polizisten in Anzügen (einfach erkennbar am Fettgedruckten «POLICE» auf den Badges) neben mich. Bereits jetzt ist hier mehr los, als während der Ski-Hochsaison. Während des ganzen Tages kreisen Militärhelikopter über dem Bergstädtchen.
Sobald unsere Gruppe vollständig und satt ist, machen wir von der Bahnhofstrasse auf den Weg zur Promenade ins Getümmel. Das Erste, was uns da begegnet, sind zwei lokale Geschäfte, die sich fürs WEF in einen Pavillon des Investment-Giganten BlackRock und das AI-Startup Anthropic verwandelt haben. Dahinter befindet sich ein Café mit Cloudflare Branding. Neben uns steht ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug und einem roten Baseballcap mit der Aufschrift «Make Science Great Again».
Die politische Dimension des Digitalen ist so gross wie das Netz selbst. Mit einem Mix aus Expertise, Spass und sehr viel Wut auf das System schreibt maia arson crimew über Technologie, Überwachung, Internetkultur und Science Fiction – oder was ihr im digitalen Raum sonst gerade zwischen die Finger gerät. In ihrer Kolumne cyber_punk nimmt sie uns mit in die Untiefen des Internets und zeigt, wie die physische mit der digitalen Welt zusammenhängt.
maia arson crimew ist eine Luzerner Hacktivistin und investigative Journalistin. Auf ihrem Blog publiziert sie Recherchen über die verschiedenen Auswüchse des Überwachungskapitalismus und ist nebenbei als DJ unterwegs.
Mittlerweile sind wir uns sicher: Wir sind in einer anderen Welt angekommen. Je weiter wir laufen, desto mehr fühlt sich Davos wie ein dystopischer Freizeitpark für den Neoliberalismus an. Ganze Fassaden von Häusern wurden für die diversen Pavillons umformiert: die «LinkedIn-Lounge» reiht sich an das «Pinterest-Café», daneben stehen temporäre Bauten für Katar, das Wall Street Journal und IBM. Auf unserer Entdeckungstour drängen uns zweimal beinahe bipedale Roboter vom Gehweg ab. Vor einem Hotel, das nun auch als Pavillon für ein paar EU Staaten fungiert, schicken uns genervte Militärpolizisten auf die andere Strassenseite, damit wir einem halben Duzend Limousinen mit getönten Fenstern nicht im Weg stehen.
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Kurz darauf kommt uns eine kleine Demonstration entgegen: Mit US- und Israelflaggen umwickelt demonstrieren sie für die militärische Intervention im Iran. Etwas weiter entlang der Strasse begegnen wir dem berüchtigten kanadischen rechten Aktivisten «Billboard Chris», der normalerweise durch die USA reist um mit Schildern gegen trans Menschen und «Gender Ideologie» zu demonstrieren. Direkt neben ihm ist ein grosser Temporärbau, der diesmal von Palantir als Werbezelt verwendet wird. Gegenübern steht eine kleine evangelische Kirche, in der während des WEFs allerdings keine Gottesdienste stattfinden. Mit Hilfe grosser AI generierterten Banner an der Fassade wurde sie stattdessen kurzerhand in das «USA House» verwandelt. Als wir näher kommen, tummelt sich eine grosse Menschenmasse auf der Strasse zwischen dem Palantir-Gebäude und der Kirche für den US Amerikanischen Staat. Umzingelt von Polizist*innen aus verschiedenen Kantonen, Militärpolizist*innen, dem Konsulatsschutz und vielen Medienschaffenden, demonstrieren über hundert Personen gegen die Besatzung von Rojava und Kurdistan.
Mit dem Ziel, doch noch in das eigentliche Kongressgelände nahe der Kirche zu gelangen, ziehen wir weiter. Als wir gerade zwischen dem Hilton Hotel und dem Migros Restaurant runterlaufen, wird die Strasse vor uns abgesperrt und wir sehen, wie sich Scharfschützen auf den Dächern um die Kreuzung bereit machen. Ein Paar Minuten später fährt Trump in der US Eskorte in Begleitung von etwa 30 Autos mit mehrheitlich amerikanischen Nummernschildern vorbei. Wir versuchen unser Glück via Hilton Hotel, aber auch dort bleibt uns der Weg ins Kongressgelände verwehrt. Also laufen wir weiter am äusseren Rand des Geländes entlang und erspähen bei der Autoeinfahrt und auf offenem Gelände weitere Scharfschützen und Überwachungskameras.

Schliesslich kommen wir wieder beim USA House an, setzen uns auf einer Hangstrasse hin und beobachten das skurrile Geschehen von oben. Wir blicken auf die kurdische Demo unter uns, die inzwischen weiter gewachsen ist – die Polizeipräsenz ebenfalls. In der Ferne sehen wir noch immer die Silhouetten der Scharfschützen auf dem Dach des Kongresshotels. Hungrig machen wir uns auf ins Migros-Restaurant und wieder setzen sich Cops in Anzügen neben uns und essen ihre Sandwichs.
Langsam reicht es uns und wir machen uns ein letztes Mal auf zum USA House, um von dort aus nach Hause zu gehen. Kurz vor dem Hilton Hotel treffen wir prompt auf Sebastian Kurz und beim USA House auf verschiedene libertäre Journalist*innen von sogenannten «Alternativmedien». Ein amerikanischer christo-faschistischer Youtuber lässt sich von seinem teenie Sohn filmen, der aussieht als wäre er lieber Zuhause geblieben. Der YouTuber schwafelt etwas von der «New World Order», während er die Politiker*innen filmt, die in das Kongressgeländebäude laufen. Jeden neuen Clip startet er mit einem Gebet an Gott in dessen Namen er hier sei, um «die Eliten» zu bekämpfen.
Auf dem Weg an den Bahnhof begegnen wir noch ein paar Robotern aber wollen nichts lieber, als aus diesem surrealen Albtraum aufzuwachen und ins Bett zu fallen. Auch jetzt, über ein Monat später, gleicht das Erlebnis eher einem schlechten Drogentrip als einem Ausflug ans höchste Wirtschaftstreffen.
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