«Die angespannte Situation besteht bereits seit mehreren Jahren», sagt Micha Amstad, VPOD-Zentralsekretär für Nahverkehr und Jugend über den jüngsten Streik des Personals von Stadtbus Winterthur (SBW). Am 3. März 2026 war Amstad direkt als Streikführer eingebunden. Der langanhaltende Konflikt gipfelte am gestrigen Morgen in einem organisierten Arbeitskampf.
Bereits 2024 übergab der VPOD, die Gewerkschaft des Service Public, der SBW-Geschäftsleitung eine Petition, die von rund 200 der insgesamt 260 Mitarbeitenden im Fahrdienst unterzeichnet wurde. Die Petition umfasste folgende zentrale Forderungen: die Gewährung von Nachtzulagen, eine faire Regelung der Pikettdienste sowie Verbesserungen in der Dienstplanung, um die Entstehung von Minusstunden zu verhindern. Zwar kam es in der Folge zu einigen Gesprächen, die jedoch versandeten. Laut Amstad wies man die Zuständigen bereits seit Ende 2024 auf die unzumutbaren Arbeitsbedingungen hin. Bisher seien jedoch weder die Geschäftsleitung der SBW noch der Winterthurer Stadtrat auf die Anliegen der Arbeitenden eingegangen.
Die Liste der Missstände, welche die Belegschaft anführt, ist umfangreich und betrifft verschiedene Bereiche des Arbeitsalltags.
1. Massive Minusstunden
Ohne dass eine gesetzlich vorgeschriebene Vereinbarung vorliegt, wird dem Fahrpersonal monatlich eine Reihe von «Platzhalter-Schichten» zugeteilt. Wird dem betroffenen Personal bis um 17:00 Uhr am Vortag kein konkreter Dienst zugeteilt, werden diese Zeiten in einen sogenannten Ausgleichstag umgewandelt. Das hat zur Folge, dass die Mitarbeitenden Arbeitszeit verlieren und auf ihren Zeitkonti unverschuldet Minussaldi entstehen. Aus Sicht der Arbeitenden ist dies rechtlich untragbar, da die Vorschriften des Arbeitszeitgesetzes nicht eingehalten werden. Zudem wird kritisiert, dass es sich bei diesen Minuszeiten um einen Annahmeverzug des Arbeitgebers handelt. Faktisch wird damit das gesamte Betriebsrisiko auf die Mitarbeitenden übertragen.
2. Ungleiche Entschädigung für Nachtarbeit
Ein weiterer Punkt betrifft die Nacht- und Sonntagszulagen. Während gemäss dem Personalstatut der Stadt Winterthur den städtischen Angestellten bereits ab 20:00 Uhr Nachtzuschläge in der Höhe von 25 Prozent gewährt werden, erhält das Fahrdienstpersonal diese Zuschläge erst ab 22:00 Uhr. Diese Ungleichbehandlung sorgt für Unmut.
3. Mangelhafte Dienstplanung und Schadensbeteiligung
Das Stadtbuspersonal beschreibt die Dienstplanung als mangelhaft. Pausen seien teilweise viel zu kurz. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Forderung nach Schadensbeteiligungen bei Unfällen durch die Mitarbeitenden, für die es nach Ansicht der Betroffenen keine rechtliche Grundlage gibt. Dabei komme es immer wieder vor, dass auch die Kosten für kleine Kratzer am Fahrzeug auf die Fahrer*innen abgewälzt werden.
Das Personal stellt klar: «Wir können unter diesen Bedingungen nicht weiterarbeiten und die Sicherheit aller Fahrgäste im öffentlichen Verkehr garantieren.» In Gesprächen mit den Arbeitenden von SBW mit dem VPOD wurde zudem Enttäuschung über mangelnde Wertschätzung laut. Es fielen Sätze wie: «Die Arbeitgeber juckt das alles nicht, weil 90 Prozent von uns Ausländer sind.»
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Von Streikbrecher*innen, die keine waren
Nachdem die Verhandlungen stagnierten, fand am Sonntag, dem 1. März 2026, eine Personalversammlung statt. Von den 260 Angestellten waren 100 anwesend. Diese beschlossen einstimmig, am 3. März von 04:00 bis 08:30 Uhr zu streiken. Sie kündigten den Streik umgehend öffentlich an.
Die Geschäftsleitung der SBW nutzte die verbleibenden zwei Tage laut Amstad dazu, am Montagabend so viele Fahrer*innen wie möglich telefonisch zu erreichen, um sie vom Streiken abzuhalten. Amstad kritisiert dies deutlich: «Laut Bundesverfassung Artikel 28 haben die Arbeitenden das Recht zu streiken. Die Vorgehensweise der Stadtbus-Geschäftsleitung setzte die Arbeitenden im Vornherein unter Druck und beschnitt deren Recht zu streiken.»
Um Mitternacht vor dem Streik sei dann bemerkt worden, dass Busse aus den Depots gefahren würden, führt der Gewerkschaftssekretär weiter aus. Die Geschäftsleitung wollte den Streik verhindern. Die Arbeitenden versammelten sich daraufhin beim Depot. Es stellte sich heraus, dass die Geschäftsleitung vor allem Personal aus der Leitstelle oder Pensionierte organisiert hatte. Viele dieser Fahrer*innen wussten gar nichts von einem Streik. Nach Gesprächen vor Ort solidarisierten sich einige von ihnen und streikten mit.
Am Streik nahmen laut Amstad bis zu 150 Personen teil. «Es war ein bewegender Moment, vor allem für die Busfahrer*innen, als uns allen klar wurde, wie viele wir sind, die an diesem Tag geeint auf der Strasse waren», so Amstad.
«Die systematischen Angriffe auf unsere Lebensbedingungen durch die Arbeitgeber*innen erfordern kollektive Antworten von uns Arbeiter*innen»
Noah von «Arbeiter:innen Solidarisch»
Unterstützend am Streik dabei war «Arbeiter:innen Solidarisch», eine branchen- und gewerkschaftsübergreifende Basisinitiative, die sich nach eigenen Angaben aus diversen Arbeiter*innen zusammensetzt – ob Bau, Pflege, Gastronomie oder Nahverkehr. «Die systematischen Angriffe auf unsere Lebensbedingungen durch die Arbeitgeber*innen erfordern kollektive Antworten von uns Arbeiter*innen», meint Noah von «Arbeiter:innen Solidarisch». Sie würden nicht von der Seite der Kolleg*innen der Winterthurer Busbetriebe weichen.
«Man merkt, dass die Busfahrer*innen ihren Job gerne machen und ein gesellschaftliches Bedürfnis erfüllen – aber nicht zu diesen Bedingungen.» Mit mutiger Entschlossenheit haben sie den Streik durchgesetzt. Auch wenn es zu einzelnen Streikbrüchen gekommen sei, wurde von der SBW-Belegschaft beschlossen, weiterzukämpfen und zusammenzuhalten, falls erneut nicht auf die Forderungen der Arbeitenden eingegangen würde.
Stadtrat Fritschi vermutet Wahlkampfmanöver
Um 07:00 Uhr erschien schliesslich der zuständige Winterthurer FDP-Stadtrat Stefan Fritschi beim Busdepot. Zuvor war mehrfach vergeblich versucht worden, Fritschi zu einem Dialog zu bewegen. Amstad beschreibt das Gespräch als hitzig. Zunächst machte Fritschi keine Zugeständnisse, willigte dann aber doch in Verhandlungen mit Personal und VPOD ein.
Fritschi zeigte sich dem SRF gegenüber überrascht über das Vorgehen der Gewerkschaft. Er sei viel im Austausch mit dem Fahrpersonal. «Die Unzufriedenheit, wie sie der VPOD beschreibt, wurde mir in persönlichen Gesprächen so nie kommuniziert», sagt Fritschi. Im Telezüri-Interview vermutet der Stadtpräsidiumskandidat sogar ein Wahlkampfmanöver hinter dem Streik.
«150 Arbeitende legen nicht innerhalb einer Woche ohne Vorgeschichte ihre Arbeit nieder. Der Streik war das einzige Mittel, endlich Gehör zu finden»
Christian Reisacher, beteiligte sich als SBW-Mitarbeiter am Streik
Christian Reisacher ist schon lange Busfahrer in Winterthur. Er hat ebenfalls gestreikt. Im Gespräch mit das Lamm zeigt sich Reisacher enttäuscht: «Ich habe gerade gesehen, dass Stadtrat Fritschi Medien gegenüber meint, dass er nichts von unserer Unzufriedenheit wusste.» Reisacher verweist auf die Petition aus 2024, die bereits vor zwei Jahren übergeben wurde. Die Forderungen haben sich bis heute nicht geändert.
Fritschis Unwissenheit sei einmal mehr Beweis, dass ihn die Anliegen der Busfahrer*innen nicht interessiere. «150 Arbeitende legen nicht ohne Vorgeschichte innerhalb einer Woche ihre Arbeit nieder. Der Streik war das einzige Mittel, endlich Gehör zu finden.»
Reisacher richtet einen Appell an die SBW-Geschäftsleitung und die Politik: «Eure Busse werden von Leuten gefahren, die vernünftige Arbeitsbedingungen und faire Behandlung verdient haben. Falls ihr nach all der Zeit noch immer nicht einlenkt, streiken wir das nächste Mal einen ganzen Tag.»
Die Verhandlungen sollen bis am 11. März 2026 andauern. Ziel ist es, am Donnerstag in einer Woche eine Lösung vorzulegen. Sollte dieses Ergebnis nicht den Forderungen der Angestellten der SBW entsprechen, sei laut dem VPOD der nächste Streik bereits geplant. Dieser soll dann jedoch ohne Vorankündigung als nächste Stufe im Arbeitskampf durchgeführt werden.
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