Lass dir den Artikel von Radio LoRa vorlesen:
«Die von der Schweiz verfolgte Politik der Neutralität erfordert es, dass wir nicht-diskriminierende Beziehungen mit allen Ländern unterhalten.» Es muss sich für die Vertreter*innen der afrikanischen Delegation wie eine Ohrfeige angefühlt haben, als der damalige Bundespräsident Nello Celio ihnen mit diesen Worten erklärte, dass die Schweiz nicht beabsichtige, die Kolonialmacht Portugal zu «diskriminieren». Doch von vorne.
Heute vor 54 Jahren, am 18. April 1972, besuchte eine Delegation von afrikanischen Diplomat*innen die Schweiz. Die Vertreter*innen der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) – der Vorgängerorganisation der heutigen Afrikanischen Union – wollten mit der offiziellen Schweiz über ihre Beziehung zu den portugiesischen Kolonien und Südafrika reden. Portugal hielt als letztes Land Europas an «seinem» Kolonialbesitz – darunter Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und Cabo Verde – fest. Die Schweiz stand in der Kritik, die weissen Minderheits-Regime im südlichen Afrika zu unterstützen. Die offizielle Rede von Bundespräsident Nello Celio ist ein Lehrstück in der Geschichte der Schweizer Neutralität – und lässt bis heute tief in ihre koloniale Natur blicken.
Es waren hochrangige Vertreter*innen aus Algerien, Kamerun, Kenia, Mali, Mauretanien und Sambia, die sich 1972 in Bern mit Vertreterinnen aus der Schweizer Politik und Wirtschaft trafen, um über die Investitionen der Schweiz in die portugiesischen Kolonien sowie in die weissen Minderheitsregime in Südafrika und Rhodesien zu reden. Zum Zeitpunkt des Besuchs waren 12 Jahre seit dem sogenannten «Afrika-Jahr» vergangen, als 18 afrikanische Länder unabhängig wurden. Seit 11 Jahren kämpften derweil die Unabhängigkeitsbewegungen in Angola, Mosambik und Guinea-Bissau gegen die portugiesische Herrschaft und in Südafrika sass Nelson Mandela seit 9 Jahren im Gefängnis.
Gut fürs Geschäft
Die Schweiz unterhielt in den 1960er und 1970er Jahren beste wirtschaftliche Beziehungen sowohl zur Diktatur und Kolonialmacht Portugal, als auch zum Apartheid-Südafrika. Zwischen 1961 und 1973 gingen jeweils rund die Hälfte aller fürs südliche Afrika bestimmten Schweizer Exporte nach Südafrika. Mit dem portugiesischen Estado Novo unterhielt die Schweiz nicht nur gute geschäftliche Beziehungen. Die Schweiz vertrat selber während 12 Jahren die diplomatischen Interessen Portugals im Senegal.
Auch wirtschaftlich war man in der Schweiz an guten Beziehungen zu Portugal interessiert, orientierte sich das strukturschwache Land doch zunehmend auf den EFTA-Markt, zu dem auch die Schweiz gehörte. Während die Kolonialmacht Portugal die Unabhängigkeit «seiner» Kolonien bekriegte, intensivierte die Schweiz den Handel mit der Kolonialmacht Portugal in den 1960er Jahren stetig. Die Exporte machten zwar nur einen kleinen Teil der gesamten Schweizer Exporte aus, waren aber deutlich höher als jene in die kämpfenden Kolonien und führten zu einer positiven Handelsbilanz.
Die Schweizer Neutralität gilt an Sitzungen der Vereinten Nationen als Deckmantel für ihre ökonomische Interessen.
Die Historikerin Sabina Widmer stellt sogar die vorsichtige These auf, dass die Unabhängigkeitskriege in den portugiesischen Kolonien für die Schweiz aus wirtschaftlicher Sicht profitabel gewesen sein könnten, da sie Portugal zu Reformen und Investitionen in die Entwicklung der Kolonien zwangen, wovon auch die Schweiz profitieren konnte.
Gleichzeitig wollte es sich die Schweiz mit den afrikanischen Diplomaten nicht verscherzen, war die Unabhängigkeit der verbleibenden Kolonien doch eine Frage der Zeit – was wiederum die Öffnung neuer Märkte für Schweizer Exporte sowie neuen Zugang zu Rohstoffen versprach.
Jeder Artikel bei das Lamm ist kostenlos für alle verfügbar – zahle freiwillig, damit das so bleibt.
Das Prinzip des Liberalismus
Die Schweiz stand in den 1960er und 1970er Jahren national und international unter Druck. Ihr Image als neutraler Staat war seit der Anbiederung an die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg angeschlagen. Die Dekolonisierungsprozesse verstärkten die internationale Kritik am Schweizer Lavieren. An Sitzungen der Vereinten Nationen wurde die Schweizer Neutralität als Deckmantel für ökonomische Interessen kritisiert.
Auch innenpolitisch wuchs die Kritik aus der Zivilgesellschaft an der Schweizer Haltung zu den Dekolonisierungsprozessen. Seit 1957 nahm Portugal als letzte europäische Kolonialmacht jährlich an der Lausanner Konsumgütermesse «Comptoir Suisse» teil, was zu Protesten linker Organisationen führte. Diverse antikoloniale Solidaritätsbewegungen entstanden in Europa und in der Schweiz. Die Berner Arbeitsgruppe Dritte Welt veranstaltete im Mai 1970 die «Angola-Woche» und 1971 gründeten junge Zürcher Aktivist:innen die Organisation «Medic Angola», die später als «kämpfendes afrika» eine überaus aktive maoistisch geprägte Solidaritätsgruppe werden sollte.
Wie neutral die Schweiz tatsächlich war, wurde von verschiedenen Seiten hinterfragt und war in den 1970er Jahren umstritten. In diesem Kontext traf sich die OAU-Delegation mit den Schweizer Vertreter*innen zum Abendessen. Die Art und Weise, wie der damalige Tessiner FDP-Bundespräsident Nello Celio die «neutrale» Haltung der Schweiz darlegte, ist deshalb umso bemerkenswerter.
In kaum einem anderen Land ist die Neutralitätsideologie so wirkmächtig wie in der Schweiz.
In seiner Rede betonte Celio als erstes die Freundschaftlichkeit dieses Treffens: Man sei froh um einen «grossen Gedankenaustausch» und habe die Absicht, «unsere Politik, ihre Motive und ihre Ziele» zu erklären. Man wolle jedoch auch zuhören, denn – ganz unbescheiden – schliesslich sei man man sei ja «nicht «unfehlbar».
Dann kommt der Ex-Bundesrat zur Sache: Die Schweizer Haltung im südlichen Afrika sei von zwei Prinzipien geleitet. Das erste sei die durch die Neutralität gebotene Politik der Nicht-Einmischung. Dies bedeute «keineswegs eine moralische Neutralität», sondern eine staatliche, damit man «weiterhin die Guten Dienste der Diplomatie» anbieten könne. Das zweite Prinzip wiederum sei die Gleichheit aller Menschen, die Wahrung der Menschenrechte und der menschlichen Würde. Es existiere jedoch noch ein drittes Prinzip, zu dem sich die Schweiz im Laufe der Zeit verpflichtet habe: Der Liberalismus.
«Es ist das Prinzip des Liberalismus, welches es erlaubt hat die Unabhängigkeit und Freiheit seines Volkes zu bewahren. Das trifft auch in der wirtschaftlichen Sphäre zu: Der Staat kann aufgrund dieses Prinzips nicht nach eigenem Gutdünken in den wirtschaftlichen Sektor eingreifen. Ausserdem erfordert es die von der Schweiz verfolgte Politik der Neutralität, dass wir nicht-diskriminierende Beziehungen mit allen Ländern unterhalten.»
Dass mit «allen Ländern» insbesondere die Kolonialmacht Portugal und der Apartheidsstaat Südafrika gemeint waren, lässt sich unschwer zwischen Celios Zeilen herauslesen.
Versöhnlich kommt der Bundespräsident zum Schluss, dass sowohl Afrika als auch Europa «dem andern etwas mitzubringen» hätten, das zeige nur schon die Anwesenheit der Repräsentanten der Schweizer Industrie und Banken an diesem Tisch. Schlussendlich unterstütze man «die noblen Bemühungen» für eine «glückliche Zukunft» auf dem afrikanischen Kontinent.
Die Rede von Nello Celio irritiert auch heute. Es ist purer Zynismus, die wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem portugiesischen Estado Novo und Südafrika als Akt gegen Diskriminierung darzustellen. Im Kontext der antikolonialen Befreiungskämpfe wirkt die Rede umso mehr wie ein Brennglas der Schweizerischen Neutralitätsideologie: Einer Ideologie, die vermutlich nur in einem Land der Erde so unkritisch rezipiert und gleichzeitig politisch so wirkmächtig ist. Wenn man dem Schweizer Bürgertum einen historischen Verdienst anrechnen kann, dann ist es die Verwandlung von «Freiheit, Gleichheit und Solidarität» in «Freiheit, Neutralität und Liberalismus». Gut fürs Geschäft war und ist das allemal.
Journalismus kostet
Die Produktion dieses Artikels nahm 12 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 884 einnehmen.
Als Leser*in von das Lamm konsumierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demokratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produktion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rechnung sieht so aus:
Wir haben einen Lohndeckel bei CHF 22. Die gewerkschaftliche Empfehlung wäre CHF 35 pro Stunde.
CHF 420 → 35 CHF/h für Lohn der Schreibenden, Redigat, Korrektorat (Produktion)
CHF 204 → 17 CHF/h für Fixkosten (Raum- & Servermiete, Programme usw.)
CHF 260 pro Artikel → Backoffice, Kommunikation, IT, Bildredaktion, Marketing usw.
Weitere Informationen zu unseren Finanzen findest du hier.
Solidarisches Abo
Nur durch Abos erhalten wir finanzielle Sicherheit. Mit deinem Soli-Abo ab 80 CHF im Jahr oder 8 CHF im Monat unterstützt du uns nachhaltig und machst Journalismus demokratisch zugänglich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.
Ihr unterstützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorgfältig recherchierte Informationen, kritisch aufbereitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unabhängig von ihren finanziellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Journalismus abseits von schnellen News und Clickbait erhalten.
In der kriselnden Medienwelt ist es ohnehin fast unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkommerziell ausgerichtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugänglich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure solidarischen Abos angewiesen. Unser Lohn ist unmittelbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kritischen Journalismus für alle.
Einzelspende
Ihr wollt uns lieber einmalig unterstützen?

