Auf den Social-Media-Kanälen der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) läuft derzeit ein aufwendig produziertes Video. Eine Bankangestellte und eine Journalistin des hauseigenen «NZZ Story Labs» erklären dem Publikum die finanzielle Schlechterstellung der Frau. In optisch ansprechenden Grafiken werden Lohnungleichheit, unbezahlte Sorgearbeit und die darauffolgende verstärkte Altersarmut von Frauen aufbereitet und ganz nebenbei verschiedene Vorsorgepakete und Investmentmöglichkeiten der Bank beworben. Unter dem Beitrag sammeln sich fast ausschliesslich lobende Kommentare: Man dankt der NZZ dafür, dass dieses wichtige Thema endlich Raum erhalte.
Doch hinter dem informativen, sachlich anmutenden «Service-Post» verbirgt sich die zynische Verwandlung struktureller Diskriminierung in ein kommerzielles Werbeprodukt, denn: Das Video ist bezahlte Werbung für die PostFinance. Die NZZ und ihre Werbepartnerin instrumentalisieren die wirtschaftliche Notlage von Frauen und reduzieren strukturelle gesellschaftliche Diskriminierung auf individuelle Anlagestrategien.
Die Vorsorgepakete der Bank sind eine individualisierte Form der Selbsthilfe und systemisch vermutlich kein unvernünftiger Weg, der eigenen Altersarmut vorzubeugen – nur sollte der Schluss aus einer so tristen Erkenntnis nicht sein, sich mit dieser verkehrten Rationalität abzufinden. Vielmehr sollte es Anlass bieten, die vorgefundene strube Wirtschaftsweise mit ihren Rationalitäten grundlegend zu hinterfragen.
Wenig überraschend bietet die NZZ keine solche Perspektive: So wird im Video propagiert, man müsse nur 300 Franken monatlich auf ein Konto packen und habe später im Alter dann 94’000 Franken. Wenn man dabei ein Risiko eingehe und das Geld investiere, sei der Betrag nach oben offen – ohne Gewinngarantie natürlich. Dass viele Frauen ausschliesslich unbezahlte Sorgearbeit leisten, also etwa Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, und dabei gar keine 300 Franken verdienen, wird nicht mehr aufgegriffen.
Die selbstbeschworene Unabhängigkeit und Wahrheitspflicht der NZZ trägt ein Preisschild.
Und überhaupt: Dass der Begriff der unbezahlten Sorgearbeit im Hinblick auf den kommenden Care-Streik eine neue Brisanz gewinnt, entspringt der jahrzehntelangen Arbeit der feministischen Bewegung. Es ist heuchlerisch, diese historische Leistung nun einzuspannen, um Fondsprodukte an die Frau zu bringen.
Wenn man mit dem Schlagwort «Feminismus» die NZZ-Artikel der letzten Monate betrachtet, ergibt sich ein Bild: Gerne werden einzelne provokante, feministische Ikonen von heute und gestern mit Porträts hervorgehoben. Die transfeindliche Alice Schwarzer, die vor allem als Gesicht der zweiten Welle der Frauenbewegung bekannt ist, und Me-Too-Kritikerin Svenja Flaßpöhler bekamen dieses Jahr sogar je zwei Beiträge.
Wenn die NZZ sich mit feministischen Diskursen beschäftigt, was weiss Gott nicht oft passiert, stachelt sie gerne auf mit Schlagzeilen wie «Stillst du noch? Oder bereust du es schon? Wie der Feminismus am schlechten Image von Mutterschaft mitgewirkt hat». Und nur zu gerne wird der Fokus auf den Hijab gelegt; der Feminismus scheide sich am Kopftuch, so schreit die Programmatik.
Nicht zuletzt drängt sich die Frage auf, inwiefern diese Werbe-Kollaboration medienethisch aufgeht. In seiner «Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten» legt der Schweizer Presserat unter der Ziffer 10 unmissverständlich fest: «Sie vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit als Journalistinnen und Journalisten jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen vonseiten der Inserentinnen und Inserenten.»
Aber was genau ist denn nun das NZZ Story Lab? Auf der Website heisst es: «Unser Multimedia-Spezialist für journalistisches Storytelling nach NZZ-Standards produziert relevante Inhalte für sämtliche Dimensionen in allen Skalierungsformen – von Print und Digital über Video und Visuals bis hin zu Social und Events.» Oder übersetzt: Personen mit dem Titel «Journalist*in» produzieren im Auftrag von Grosskonzernen PR-Inhalte, die sich optisch und rhetorisch kaum mehr von der scheinbar unabhängigen Redaktion unterscheiden. Weiter heisst es: «Im Zentrum unseres konzeptionellen und kreativen Ansatzes steht weiterhin Qualitätsjournalismus.»
Wenn Medienschaffende dafür bezahlt werden, im Gewand von «Qualitätsjournalismus» Produkte von Banken zu bewerben, ist das eine Täuschung des Publikums. Die in den publizistischen Leitlinien der NZZ beschworene Unabhängigkeit und Wahrheitspflicht trägt – wenn auch wenig erstaunlich – ein Preisschild.
Journalismus kostet
Die Produktion dieses Artikels nahm 10 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 780 einnehmen.
Als Leser*in von das Lamm konsumierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demokratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produktion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rechnung sieht so aus:
Wir haben einen Lohndeckel bei CHF 22. Die gewerkschaftliche Empfehlung wäre CHF 35 pro Stunde.
CHF 350 → 35 CHF/h für Lohn der Schreibenden, Redigat, Korrektorat (Produktion)
CHF 170 → 17 CHF/h für Fixkosten (Raum- & Servermiete, Programme usw.)
CHF 260 pro Artikel → Backoffice, Kommunikation, IT, Bildredaktion, Marketing usw.
Weitere Informationen zu unseren Finanzen findest du hier.
Solidarisches Abo
Nur durch Abos erhalten wir finanzielle Sicherheit. Mit deinem Soli-Abo ab 80 CHF im Jahr oder 8 CHF im Monat unterstützt du uns nachhaltig und machst Journalismus demokratisch zugänglich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.
Ihr unterstützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorgfältig recherchierte Informationen, kritisch aufbereitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unabhängig von ihren finanziellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Journalismus abseits von schnellen News und Clickbait erhalten.
In der kriselnden Medienwelt ist es ohnehin fast unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkommerziell ausgerichtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugänglich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure solidarischen Abos angewiesen. Unser Lohn ist unmittelbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kritischen Journalismus für alle.
Einzelspende
Ihr wollt uns lieber einmalig unterstützen?

