NZZ: Banken­wer­bung verpackt als Journalismus

Wie NZZ und Post­fi­nance Frau­en­armut vermarkten und warum das medi­en­ethisch bedenk­lich ist. Ein Kommentar. 
Die NZZ ist käuflich, findet unsere Redaktorin Lilli Wiesmann. (Illustration: Gian Lusti)

Auf den Social-Media-Kanälen der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) läuft derzeit ein aufwendig produ­ziertes Video. Eine Bank­an­ge­stellte und eine Jour­na­li­stin des haus­ei­genen «NZZ Story Labs» erklären dem Publikum die finan­zi­elle Schlech­ter­stel­lung der Frau. In optisch anspre­chenden Grafiken werden Lohn­un­gleich­heit, unbe­zahlte Sorge­ar­beit und die darauf­fol­gende verstärkte Alters­armut von Frauen aufbe­reitet und ganz nebenbei verschie­dene Vorsor­ge­pa­kete und Invest­ment­mög­lich­keiten der Bank beworben. Unter dem Beitrag sammeln sich fast ausschliess­lich lobende Kommen­tare: Man dankt der NZZ dafür, dass dieses wich­tige Thema endlich Raum erhalte. 

Doch hinter dem infor­ma­tiven, sach­lich anmu­tenden «Service-Post» verbirgt sich die zyni­sche Verwand­lung struk­tu­reller Diskri­mi­nie­rung in ein kommer­zi­elles Werbe­pro­dukt, denn: Das Video ist bezahlte Werbung für die Post­Fi­nance. Die NZZ und ihre Werbe­part­nerin instru­men­ta­li­sieren die wirt­schaft­liche Notlage von Frauen und redu­zieren struk­tu­relle gesell­schaft­liche Diskri­mi­nie­rung auf indi­vi­du­elle Anlagestrategien.

Die Vorsor­ge­pa­kete der Bank sind eine indi­vi­dua­li­sierte Form der Selbst­hilfe und syste­misch vermut­lich kein unver­nünf­tiger Weg, der eigenen Alters­armut vorzu­beugen – nur sollte der Schluss aus einer so tristen Erkenntnis nicht sein, sich mit dieser verkehrten Ratio­na­lität abzu­finden. Viel­mehr sollte es Anlass bieten, die vorge­fun­dene strube Wirt­schafts­weise mit ihren Ratio­na­li­täten grund­le­gend zu hinterfragen.

Wenig über­ra­schend bietet die NZZ keine solche Perspek­tive: So wird im Video propa­giert, man müsse nur 300 Franken monat­lich auf ein Konto packen und habe später im Alter dann 94’000 Franken. Wenn man dabei ein Risiko eingehe und das Geld inve­stiere, sei der Betrag nach oben offen – ohne Gewinn­ga­rantie natür­lich. Dass viele Frauen ausschliess­lich unbe­zahlte Sorge­ar­beit leisten, also etwa Kinder erziehen oder Ange­hö­rige pflegen, und dabei gar keine 300 Franken verdienen, wird nicht mehr aufgegriffen.

Die selbst­be­schwo­rene Unab­hän­gig­keit und Wahr­heits­pflicht der NZZ trägt ein Preisschild.

Und über­haupt: Dass der Begriff der unbe­zahlten Sorge­ar­beit im Hinblick auf den kommenden Care-Streik eine neue Brisanz gewinnt, entspringt der jahr­zehn­te­langen Arbeit der femi­ni­sti­schen Bewe­gung. Es ist heuch­le­risch, diese histo­ri­sche Leistung nun einzu­spannen, um Fonds­pro­dukte an die Frau zu bringen.

Wenn man mit dem Schlag­wort «Femi­nismus» die NZZ-Artikel der letzten Monate betrachtet, ergibt sich ein Bild: Gerne werden einzelne provo­kante, femi­ni­sti­sche Ikonen von heute und gestern mit Porträts hervor­ge­hoben. Die trans­feind­liche Alice Schwarzer, die vor allem als Gesicht der zweiten Welle der Frau­en­be­we­gung bekannt ist, und Me-Too-Kriti­kerin Svenja Flaß­pöhler bekamen dieses Jahr sogar je zwei Beiträge.

Wenn die NZZ sich mit femi­ni­sti­schen Diskursen beschäf­tigt, was weiss Gott nicht oft passiert, stachelt sie gerne auf mit Schlag­zeilen wie «Stillst du noch? Oder bereust du es schon? Wie der Femi­nismus am schlechten Image von Mutter­schaft mitge­wirkt hat». Und nur zu gerne wird der Fokus auf den Hijab gelegt; der Femi­nismus scheide sich am Kopf­tuch, so schreit die Programmatik.

Nicht zuletzt drängt sich die Frage auf, inwie­fern diese Werbe-Kolla­bo­ra­tion medi­en­ethisch aufgeht. In seiner «Erklä­rung der Pflichten der Jour­na­li­stinnen und Jour­na­li­sten» legt der Schweizer Pres­serat unter der Ziffer 10 unmiss­ver­ständ­lich fest: «Sie vermeiden in ihrer beruf­li­chen Tätig­keit als Jour­na­li­stinnen und Jour­na­li­sten jede Form von kommer­zi­eller Werbung und akzep­tieren keinerlei Bedin­gungen vonseiten der Inse­ren­tinnen und Inserenten.»

Aber was genau ist denn nun das NZZ Story Lab? Auf der Website heisst es: «Unser Multi­media-Spezia­list für jour­na­li­sti­sches Story­tel­ling nach NZZ-Stan­dards produ­ziert rele­vante Inhalte für sämt­liche Dimen­sionen in allen Skalie­rungs­formen – von Print und Digital über Video und Visuals bis hin zu Social und Events.» Oder über­setzt: Personen mit dem Titel «Journalist*in» produ­zieren im Auftrag von Gross­kon­zernen PR-Inhalte, die sich optisch und rheto­risch kaum mehr von der scheinbar unab­hän­gigen Redak­tion unter­scheiden. Weiter heisst es: «Im Zentrum unseres konzep­tio­nellen und krea­tiven Ansatzes steht weiterhin Qualitätsjournalismus.» 

Wenn Medi­en­schaf­fende dafür bezahlt werden, im Gewand von «Quali­täts­jour­na­lismus» Produkte von Banken zu bewerben, ist das eine Täuschung des Publi­kums. Die in den publi­zi­sti­schen Leit­li­nien der NZZ beschwo­rene Unab­hän­gig­keit und Wahr­heits­pflicht trägt – wenn auch wenig erstaun­lich – ein Preisschild.


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