11. Oktober 2025: Tausende Demonstrant*innen protestierten in Bern gegen den Genozid, den Israel seit nunmehr drei Jahren mit tatkräftiger Unterstützung aus Europa und den USA an der palästinensischen Bevölkerung verübt. Die Aktivist*innen brachten ihr Anliegen mit einer angemessenen Militanz zur Geltung: Sie zerlegten Bankgebäude wie die UBS, setzten ein Restaurant in Flammen und liessen sich von Polizeisperren nicht beirren. Die Polizei litt unter akutem Kontrollverlust und reagierte – nicht weiter verwunderlich – mit massloser Gewalt.
Das Narrativ des «Tag der Schande» war schnell gebildet. Presse und Politik schrien im Chor nach Konsequenzen für die Demonstrant*innen. Die Polizei jagte die Aktivist*innen mittels Öffentlichkeitsfahndung in für Schweizer Verhältnisse epischem Ausmass – das Lamm berichtete.
Im Nachgang der Demonstration verkam der 11. Oktober zu einem verbalen Knüppel. Er wurde für jede erdenkliche Rechtfertigung der Verschärfung staatlicher Repression hervorgeholt: ob nun bei der Verschärfung des Nachrichtendienstgesetzes, der angestrebten Polizeikostenüberwälzung auf Bundesebene oder einem vom Berner Kantonsparlament geforderten Verbot der «Antifa».
Am vergangenen Sonntag jährte sich die Demo zum ersten Mal und wieder wurde in Bern demonstriert. Dieses Mal ohne grossen Demonstrationszug und ohne Gewalt: Kleingruppen verteilten sich in der Stadt, färbten Brunnen, malten mit Kreide und kleisterten vereinzelt Plakate. Im Communiqué bezeichneten die Organisator*innen den Protest als eine «Anti-Kessel-Demo», doch noch ein anderer Name wurde für die Demonstration verwendet: Die Demo ohne Inhalt.
Die Formulierung geht auf ein Zitat des Berner Sicherheitsvorstehers Alec von Graffenried (Grüne) zurück. Dieser hatte die Demonstrant*innen vom Vorjahr nicht nur als «Souhuufä» (Sauhaufen auf Berndeutsch) bezeichnet, sondern ihnen eben auch Inhaltslosigkeit unterstellt. Dieser Vorwurf wurde von den Aktivist*innen in den sozialen Medien ab und an aufgegriffen und berechtigterweise als völlig lachhaft zurückgewiesen.
Doch anstatt es dabei zu belassen, wurde der Spruch zu einer Selbstbezeichnung mit Augenzwinkern. Auf Instagram hiess es selbstironisch «Die Demo ohne Inhalt meldet sich zu Wort», auf dem ersten Flyer wurde von Graffenrieds «Souhuufä»-Formulierung aufgegriffen. Doch mit der Zeit wirkte es fast so, als würde aus der Schmähung eines grünen Sicherheitspolitikers bittere Realität: Denn nach Inhalten musste man am letzten Sonntag lange suchen.
Während der Demonstration trugen einige Aktivist*innen Transparente mit Botschaften wie «Die Demo ohne Inhalt (for real)» oder «Lorem Ipsum Dolor Sit Amet, Consectetur Adipisicing Elit, Sed Diam Mod Tempo» – dem Platzhaltertext auf Pseudo-Latein, der vorrangig im Grafikdesign verwendet wird, um ein Layout zu testen.
Der Sonntag zeugt von einer Bewegung, die sich den ästhetischen Mitteln vergangener Massenbewegungen bedient – sich der inhaltlichen Debatten‑, Analyse- und Basisarbeit aber nicht widmen möchte.
Der akute Mangel an Inhalt zeigte sich auch im Communiqué der Veranstalter*innen: Die «Anti-Kessel-Demo» sei ein Erfolg gewesen, da die Polizei die Demonstration nicht kesseln konnte. Was stimmt: Es gab keinen Kessel. Da der Protesttag aber durchwegs friedlich war, gab es für die Staatsgewalt schlicht auch keinen Grund, einzugreifen. Weiter wird kritisiert, dass die Polizei am Sonntag Steuergelder verschwendet habe – eine haushaltspolitische Kritik, die aus dem Munde selbsterklärter Revolutionär*innen doch etwas peinlich daherkommt. Abschliessend wenden sich die Organisator*innen direkt an Alec von Graffenried: «Die Frage, lieber Alec, lautet: Wer genau ist der unkoordinierte Sauhaufen?»
All diese Dinge mögen lustig sein. Aber man muss sich dennoch fragen: Was ist das strategische Ziel einer solchen Kommunikation? Wen will man damit erreichen? Böse Zungen würden behaupten, dass der Sonntag reine Selbstbeschäftigung für die Szene war – viel mehr aber auch nicht. Klar, im Communiqué fanden sich grobschlächtige Kritikschnipsel. Diese wurden jedoch nie tatsächlich argumentiert und vom Hohn über von Graffenried überlagert.
Die Argumentationskette im Communiqué liest sich banal: In grossen Teilen der Erde herrscht Krieg, Schweizer Unternehmen profitieren davon, die Regierung tut nichts dagegen. Doch mit dieser Feststellung ist keine Revolution zu machen. Es handelt sich um den absoluten Normalzustand in dieser verrückten Welt. Um diesen Normalzustand zu bekämpfen, muss man ihn zuerst einmal verstehen: Warum herrscht überhaupt Krieg? Warum sanktioniert die Schweizer Regierung Russland, aber nicht Israel? Wie profitieren Schweizer Unternehmen vom Krieg? Welche Rolle spielen dabei die Banken?
All diese Fragen bleiben am Sonntag unbeantwortet. Bei der inhaltslosen Demonstration in Bern scheint es fast so, als wolle man die eigenen Argumente der Bevölkerung gar nicht näherbringen. Und das zeugt von einer Bewegung, die sich den ästhetischen Mitteln vergangener Massenbewegungen in Form grosser Aktionen bedient – sich der inhaltlichen Debatten‑, Analyse- und Basisarbeit, die für die Schlagkraft vergangener Bewegungen essenziell waren, aber nicht widmen möchte.
Und doch wurde das Ziel der Organisator*innen im eigentlichen Sinn sogar erreicht: Man konnte hinter vorgehaltener Hand über einen schlussendlich zufriedengestellten Sicherheitsdirektor kichern und sich einreden, dass dessen Repressionstaktik an einem abgeprallt sei. Die bittere Pille, dass von Graffenried am Ende der einzige Gewinner der Geschichte ist, gilt es nun aber zu schlucken.
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