Dicht gedrängt stehen am Dienstagmittag rund 400 Demonstrant*innen in Zürich vor dem Hauptsitz von Tamedia, dem Medienunternehmen hinter dem Tages-Anzeiger, 20 Minuten und diversen Lokalzeitungen. Auf einem grossen Banner steht: «Journalismus statt KI – Entlassungen stoppen». Die Kundgebung findet während der Mittagspause der Tamedia-Angestellten statt.
Die Chefetage von Tamedia verkündete Anfang Oktober, dass über 40 Angestellte auf die Strasse gesetzt werden sollen – die meisten davon in der Publizistik. Bei Tamedia ist das bereits die siebte grosse Kündigungswelle in den letzten sechs Jahren. Doch auch andere Branchengiganten sind auf Sparkurs: Vor zwei Jahren baute CH Media 150 Stellen ab, Ringier strich im September fast 20 Prozent aller Stellen in der Romandie und SRF will bis 2029 900 Vollzeitstellen abbauen. In den letzten zehn Jahren ist so allein die Anzahl Journalist*innen in der Schweiz um 25 Prozent geschrumpft.
Der erneute Stellenabbau bei Tamedia löst bei den Mitarbeiter*innen des Medienunternehmens grossen Unmut aus. Weder informierte die Geschäftsleitung die Angestellten im Vorhinein über die geplante Kündigungswelle, noch zeigte sie sich dialogbereit. «Die Belegschaft kann und will das nicht akzeptieren», heisst es in einem gemeinsamen Statement der Tamedia-Redaktionen aus Bern, Basel, Zürich, Lausanne und Genf. Sie wenden sich mit Forderungen an die Geschäftsleitung sowie die Öffentlichkeit und rufen zur Kundgebung auf.
In ihrem Communiqué stellen die Tamedia-Redaktionen drei Forderungen auf:
1. Konsequenzen statt Abwälzung
Bislang musste stets die Belegschaft den Kopf hinhalten für falsche Strategieentscheide. Wir fordern, dass nun auch die Geschäftsleitung Verantwortung übernimmt und personelle Konsequenzen zieht. Die Fehlentscheide dürfen nicht immer auf die Redaktion abgewälzt werden. Unser Vertrauen in diese Führung ist tief erschüttert. Wir haben alle Strategiewechsel und Veränderungen stets mitgetragen. Dafür wurde die Belegschaft immer wieder gelobt – und am Ende gab es doch Entlassungen. Wir möchten, dass Tamedia für qualitativ hochstehenden und innovativen Journalismus steht und nicht für ein Unternehmen, das hauptsächlich Kosten spart und Gewinne maximiert.
2. Kündigungsstopp, Konsultationsverfahren und Freiwilligenprogramm
Wir fordern einen sofortigen Kündigungsstopp und ein Konsultationsverfahren auch in der Deutschschweiz. Freiwillige Abgänge müssen berücksichtigt werden.
3. Investition in menschengemachten Journalismus
Wir alle wollen technologisch am Ball bleiben. Aber die Leserinnen und Leser sind nicht bereit, für KI-generierten Journalismus zu bezahlen. Im Gegenteil: Sie misstrauen ihm mehrheitlich. Wir fordern, dass die Geschäftsleitung in Journalismus investiert, der von Menschen gemacht wird. Wir sind überzeugt: Nur so hat Qualitätsjournalismus eine Zukunft.
Diesen Forderungen schliessen sich die Redaktionen in der Romandie an. Sie prangern die fehlende Dialogbereitschaft der Geschäftsleitung an. Diese lehnt jegliche Verhandlungen ab, insbesondere in Bezug auf soziale Belange und die freiwilligen Abgänge. Wir wollen unseren Forderungen Nachdruck verleihen, uns solidarisch mit den Betroffenen zeigen und ein klares Zeichen für die Zukunft des Qualitätsjournalismus setzen.
«Ein Streik wäre jetzt wohl vernünftig»
Am Dienstagmorgen reisen neben den Tamedia-Angestellten auch solidarische Kolleg*innen aus fast allen grossen Medienhäusern, besorgte Leser*innen und einige bekannte Gesichter aus der parlamentarischen Politik an.
Ein Journalist des SRF bezeichnet im Gespräch während der Kundgebung den Stellenabbau als eine «Sauerei». Den Spardruck in der Medienbranche spüre er ebenfalls. «Die Geschäftsleitungen schiessen sich damit ins eigene Bein», sagt der Journalist. Die Medienkonsument*innen würden sich abwenden, wenn die Qualität des Journalismus weiter abnehme. «Die Chefetage presst die Zitrone so lange aus, wie es geht, doch irgendwann ist damit Schluss.»
«Die Angestellten haben grössere Hebel als offene Briefe und Kundgebungen.»
Eine Demonstrantin vor dem Tamedia-Haupsitz
Damit greift der SRF-Journalist auch eine der Hauptforderungen aus der Tamedia-Belegschaft auf. Das Unternehmen setzt als Sparmassnahme nämlich vermehrt auf KI, was der Qualität schadet. Im Communiqué der Tamedia-Redaktionen heisst es dazu, die Leser*innen seien nicht bereit, für KI-generierten Journalismus zu bezahlen. Im Gegenteil: Sie misstrauen ihm mehrheitlich. «Wir fordern, dass die Geschäftsleitung in Journalismus investiert, der von Menschen gemacht wird.» Die Tamedia-Belegschaft ist überzeugt, dass nur so der Qualitätsjournalismus eine Zukunft habe.
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Ein Redner bestätigt an der Kundgebung, was die Redaktionen bereits festgestellt haben: Seit der Ankündigung der neuen Kündigungswelle hätten Dutzende Leser*innen ihr Abo gekündigt. Die Geschäftsleitung hingegen behaupte, die Leser*innen würden aufgrund der Proteste abspringen.
Ein selbstständiger Journalist, der anonym bleiben will, mutmasst gegenüber das Lamm, dass der Stellenabbau auch eine politische Komponente habe: «Ich bin heute hier, weil ich Angst habe, dass die wenigen Linken bei Tamedia jetzt auch noch rausgeschmissen werden.» Das sei nicht der Grund für die Entlassungen, aber aus Sicht der Verantwortlichen wohl ein netter Nebeneffekt, spekuliert der Freischaffende.

Eine Leserin, die heute aus Solidaität mit den Medienschaffenden anwesend ist, findet den Stellenabbau gefährlich: «Gerade in Zeiten des Rechtsrucks ist es wichtig, dass wir uns auf objektive Realitäten einigen können.» Dafür brauche es Journalismus mit professionellen Standards und eine gewisse Medienvielfalt. Zwar habe sie an den Publikationen von Tamedia viel Kritik, aber jetzt sei es trotzdem wichtig, dass die Belegschaft nicht nachlasse und weiter gegen den Stellenabbau ankämpfe.
Eine andere Demonstrantin geht noch einen Schritt weiter: «Die Angestellten haben grössere Hebel als offene Briefe und Kundgebungen.» Wenn die Belegschaft ihre Arbeit niederlege, könne die Geschäftsleitung gar nicht anders, als Konzessionen zu machen. «Ein Streik wäre jetzt wohl vernünftig.»
«Weitermachen!»
Schon wenige Stunden nach der Protestaktion in Zürich wurden die ersten Kündigungen per Telefon ausgesprochen, wie eine Mitarbeiterin von Tamedia das Lamm erzählt. «Dass die Geschäftsleitung als Reaktion auf den Protest und die breite Medienberichterstattung die ersten Kündigungstelefonate führt, zeigt, dass keine Bereitschaft für Zugeständnissen vorhanden ist.»
Die Belegschaft sei extrem frustriert und wütend – gleichzeitig sei die Solidarität als Reaktion auf den Protesttag sehr bestärkend. Auch wenn die ersten Kündigungen bereits ausgesprochen worden seien, würden die Angestellten nicht klein beigeben: «Es wird weitere Versammlungen geben. Die Stimmung ist klar: jetzt darf man nicht aufgeben, sondern muss weitermachen!»
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