Unsere Biografie beginnt nicht mit der Adoption

Anfang 2025 wollte der Bundesrat trans­na­tio­nale Adop­tionen stoppen – doch der Natio­nalrat blockierte den Entscheid. Hier kriti­sieren trans­na­tional Adop­tierte die Praxis als Ausdruck kolo­nialer Macht­ver­hält­nisse und verwei­gern sich, als Beweis für ein vermeint­lich funk­tio­nie­rendes System zu dienen. 
In transnationalen Adoptionen werden überwiegend Kinder of Color von weissen Eltern adoptiert. Diese Konstellation ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Machtverhältnisse. (Illustration: Anna Egli)

Wir sitzen in einem Garten, ein sanfter Wind streicht durch die Äste, löst Blüten, trägt sie auf den Tisch, wo in unseren Kaffee­tassen je ein Zweig Wein­raute treibt. Die Pflanze trägt eine Bitter­keit in sich, die unver­kennbar ist. Wie die Erin­ne­rungen, die in unseren Körpern nicht verblassen. Sie wirkt heilend, wie ein stiller Trost, der die Wunden aner­kennt, ohne sie zu beschö­nigen. Und sie ist erin­nernd, wie ein leiser, bestän­diger Zeuge unserer Geschichten – von Verlust, Zuge­hö­rig­keit und Wider­stand. In der Drei­sam­keit von Bitter­keit, Erin­ne­rung und unserer Heilung schöpfen wir die Kraft, uns zu sammeln und Worte für unsere Geschichten zu finden.

«Adop­tierte Kinder sind gewollte Kinder», heisst es oft. Ein Satz, der Adop­tion als liebe­volle und sinn­stif­tende Entschei­dung darstellt. Er sugge­riert jedoch, dass wir Adop­tees dankbar für unsere Adop­tion sein müssen, und blendet dabei sowohl die Komple­xität unserer Erfah­rungen als auch die Reali­täten der Herkunfts­fa­mi­lien aus. Denn beson­ders die trans­na­tio­nale Adop­tion bedeutet aus der Perspek­tive der Betrof­fenen immer auch Verlust, Tren­nung und Entwur­ze­lung – nicht selten begleitet von Trauma und Gewalt. 

Trans­na­tio­nale Adop­tionen sind nicht nur einzelner Fami­li­en­ge­schichten, sondern Teil globaler Machtverhältnisse.

Diese Erfah­rungen stehen im starken Kontrast zur verbrei­teten Vorstel­lung, trans­na­tio­nale Adop­tion sei vor allem ein Akt der Rettung und Fürsorge. Eine Erzäh­lung, die ausblendet, dass Armut, soziale Ungleich­heit und fehlende Unter­stüt­zung für Fami­lien zentrale Gründe sind, weshalb Kinder über­haupt zur Adop­tion frei­ge­geben wurden. Solche Fürsor­ge­fan­ta­sien erschweren es, offen über Verlust, Trauma und struk­tu­relle Gewalt zu sprechen.

Trans­na­tio­nale Adop­tionen sind nicht nur einzelne Fami­li­en­ge­schichten, sondern Teil globaler Macht­ver­hält­nisse. Für uns sind sie nicht nur abstrakte Systeme, sondern eine gelebte Realität in unseren Körpern, Biogra­fien und Beziehungen. 

Seit einem Jahr inten­si­viert sich auch in der Schweiz die Debatte um «inter­na­tio­nale Adop­tionen». Während mehrere euro­päi­sche Länder die gewalt­volle Geschichte aufzu­räumen beginnen, zögert die Schweiz.

Wir sind eine Gruppe von trans­na­tional und trans­ra­cial adop­tierten Personen aus der Schweiz, die sich für eine anti­ras­si­sti­sche und deko­lo­niale Ausein­an­der­set­zung rund um die Praxis der trans­na­tio­nalen und trans­ra­cial Adop­tion einsetzen. 

Wir bezeichnen uns als Trans­ra­cial Adop­tees. Der Begriff beschreibt die Adop­tion eines Kindes durch Eltern mit anderer rassi­fi­zierten Zuge­hö­rig­keit – meist den Über­gang eines nicht-weissen Kindes in eine weisse Familie. Das Präfix «trans-» verweist auf diesen Über­gang und auf die einsei­tige Anpas­sung: Nur das Kind muss sich den rassi­fi­zierten Normen und Struk­turen der Adop­tiv­fa­milie anpassen.

Der Begriff «Adoptee» beschreibt eine geteilte Iden­tität und Erfah­rungs­welt adop­tierter erwach­sener Personen. Er wendet sich gegen diskur­sive Prak­tiken, die adop­tierte Personen auf den Status «ewiger Kinder» redu­zieren. Adop­tion ist kein abge­schlos­senes recht­li­ches Ereignis ist, sondern stösst lebens­lange soziale, emotio­nale und kultu­relle Prozesse an. Wir nutzen den Begriff bewusst als poli­ti­sche und gesell­schaft­liche Posi­tio­nie­rung, um unsere Perspek­tiven und Anliegen selbst­be­stimmt zu artikulieren.

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Histo­ri­sche Aufar­bei­tung ist umkämpft

Ende Januar 2025 kündigte der Schweizer Bundesrat an, die Praxis der «inter­na­tio­nalen Adop­tion» grund­sätz­lich zu beenden. Damit reagiert die Schweiz auf die wach­sende Kritik an einem System, das seit Jahr­zehnten Kinder – über­wie­gend aus dem Globalen Süden – aus ihren Herkunfts­fa­mi­lien und kultu­rellen Kontexten heraus­reisst und in privi­le­gierte Fami­lien im Globalen Norden transferiert. 

Doch der Austritt ist poli­tisch nicht gesichert. 

Im Parla­ment stellt sich im September 2025 eine deut­liche Mehr­heit des Natio­nal­rats gegen einen Ausstieg. Damit wird die histo­ri­sche und bis heute wirk­same Gewalt trans­na­tio­naler Adop­tionen verharm­lost und ein System aufrecht­erhalten, das Kinder­handel, Korrup­tion und die syste­ma­ti­sche Entmün­di­gung von Herkunfts­fa­mi­lien ermöglicht.

Bereits in den 1950er-Jahren wurden Kinder in der Schweiz unter massivem sozialem Druck zur Adop­tion freigegeben.

In den letzten Jahren haben mehrere euro­päi­sche Länder eine histo­ri­sche Aufar­bei­tung von trans­na­tio­nalen Adop­tionen einge­leitet: Die Nieder­lande stellen trans­na­tio­nale Adop­tionen im Jahr 2024 nach einer staat­li­chen Unter­su­chung zu syste­ma­ti­schen Rechts­ver­let­zungen ein. Im selben Jahr stoppt auch Däne­mark trans­na­tio­nale Adop­tionen. Belgien verhängte Stopps gegen­über einzelnen Herkunfts­län­dern – und auch Schweden leitete vertiefte Abklä­rungen zu früheren Adop­ti­ons­ver­fahren ein. Die Reak­tionen reichen von Mora­to­rien bis zu Untersuchungskommissionen. 

Wie auch der parla­men­ta­ri­sche Vorstoss in der Schweiz zeigt, sind poli­ti­sche Initia­tiven für eine konse­quenten Ausstieg umkämpft. Vor allem konser­va­tive Kräfte rundum christ­liche Parteien wie die Evan­ge­li­sche Volks­partei (EVP) aber auch ehema­lige Vermitt­lungs­stellen möchten Bestre­bungen um einen Ausstieg bremsen und lobby­ieren für eine Reform. Das wider­spricht den Erkennt­nissen der Expert*innengruppe, die warnt, dass Miss­brauch auch mit einer Reform nicht verhin­dert werden kann.

Schweizer Adop­ti­ons­po­litik seit den 1950ern

Die heutige poli­ti­sche Situa­tion ist histo­risch gewachsen. Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren wurden Kinder – insbe­son­dere solche aus soge­nannten prekären Verhält­nissen oder von unver­hei­ra­teten Frauen – unter massivem sozialem Druck von ihren leib­li­chen Müttern zur Adop­tion frei­ge­geben oder durch Behörden vermit­telt. Beson­ders betroffen waren Kinder auslän­di­scher Eltern, deren Fami­li­en­rechte systematisch miss­achtet wurden. Etwa indem die Fami­lien nicht ausrei­chend infor­miert, unter Druck gesetzt oder recht­lich benach­tei­ligt waren. 

Die Adop­ti­ons­praxis in der Schweiz basierte auf patri­ar­chalen Macht­struk­turen und teils euge­ni­schen Werte­vor­stel­lungen, die vorgaben das mensch­liche Erbgut könne durch Auslese verbes­sert werden. Diese Ideo­logie diente als Grund­lage, um darüber zu entscheiden, welches Leben als schüt­zens­wert und wem legi­time Eltern­schaft zuge­spro­chen wurde. 

In diesem Markt treffen die Nach­frage des Globalen Nordens und die Preka­rität von Fami­lien im Globalen Süden aufeinander. 

Ab den 1960er-Jahren verla­gerte sich der Fokus zuneh­mend ins Ausland. Viele Paare suchten Kinder nicht nur aufgrund eigener Kinder­lo­sig­keit, sondern auch aus reli­giöser oder huma­ni­tärer Über­zeu­gung – im Glauben, damit eine gute Tat zu voll­bringen. Schweizer Paare adop­tierten Kinder aus Ländern des Globalen Südens – etwa aus Sri Lanka, Äthio­pien oder Chile. Im Span­nungs­feld zwischen dem Wunsch adop­ti­ons­wil­liger Paare und der Preka­rität von Kindern entstand zuneh­mend ein Markt, in dem finan­zi­elle Inter­essen eine zentrale Rolle spielten.

Auch bei Adop­tionen in die Schweiz kam es zu ille­galen oder zumin­dest proble­ma­ti­schen Prak­tiken – darunter fehlende Einwil­li­gungen, unzu­rei­chende Aufklä­rung oder unklare Herkunftsdokumente. 

Lange fehlte dies­be­züg­lich eine kohä­rente natio­nale Aufsicht: Erst 2003 trat in der Schweiz das Haager Adop­ti­ons­über­ein­kommen in Kraft. Zuvor agierten die Kantone weit­ge­hend eigen­ständig, ohne syste­ma­ti­sche Bundesaufsicht.

Die Geschichte zeigt, wie sich pater­na­li­sti­sche und kolo­niale Logiken insti­tu­tio­nell verfe­stigt haben und bis heute nachwirken.

Keine indi­vi­du­elle Entscheidung

Eine unver­hei­ra­tete Studentin in Indien erfährt im vierten Monat von Ihrer Schwan­ger­schaft. In einer Gesell­schaft, in der Mutter­schaft eng an Ehe, ökono­mi­sche Sicher­heit und norma­tive Fami­li­en­bilder geknüpft ist, steht sie unter massivem sozialem Druck. Insti­tu­tio­nelle Unter­stüt­zung für allein­ste­hende Mütter ist kaum zugäng­lich oder mit Stig­ma­ti­sie­rung verbunden. Im Kran­ken­haus wird nicht über soziale Rechte, finan­zi­elle Hilfen oder gemein­schaft­liche Unter­stüt­zungs­struk­turen gespro­chen – sondern über die «besseren Chancen» des Kindes in einer anderen Familie. 

Oder eine Frau, die in Äthio­pien lebt und die Verant­wor­tung für mehrere Kinder trägt. Nach dem Tod ihres Part­ners bricht das ökono­mi­sche Funda­ment ihrer Familie weg. Staat­liche Absi­che­rungs­sy­steme sind lücken­haft, inter­na­tio­nale Hilfs­struk­turen projekt­ge­bunden und zeit­lich begrenzt. Eine Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion (NGO) bietet an, ihre Kinder vorüber­ge­hend in einer Einrich­tung unter­zu­bringen, bis sich die Situa­tion stabi­li­siert. Doku­mente werden unter Zeit­druck unter­zeichnet, in einer Sprache und in einem juri­sti­schen Kontext, der nicht der ihre ist. Später stellt sich heraus, dass die Unter­brin­gung nicht temporär war, sondern eine dauer­hafte recht­liche Tren­nung bedeutet. 

In trans­na­tio­nalen Adop­tionen werden über­wie­gend Kinder of Color von weissen Eltern adoptiert. 

Diese Beispiele zeigen: Entschei­dungen entstehen nicht im luft­leeren Raum. Sie sind einge­bettet in Armut, globale Ungleich­heiten und fehlende soziale Absi­che­rung. Was wie eine indi­vi­du­elle Entschei­dung wirkt, entsteht häufig unter stark begrenzten Hand­lungs­spiel­räumen, geprägt von mora­li­schen Normen, natio­nale Poli­tiken und globale Ungleichheiten. 

Die Wahl findet statt, aber inner­halb eng gesetzter Rahmen­be­din­gungen eines Marktes, indem Kinder und Fürsorge unter dem Deck­mantel der «huma­ni­tären Hilfe» zu einem Handelsgut werden. In diesem Markt treffen die Nach­frage des wohl­ha­benden Globalen Nordens und die Preka­rität von Fami­lien im Globalen Süden aufein­ander. Beschö­ni­gende Rhetorik einge­bettet in ein Huma­ni­täts­nar­rativ, das ein «besseres Leben» verspricht, über­deckt dabei oft, dass struk­tu­relle Ungleich­heiten fort­ge­schrieben statt besei­tigt werden.

Repro­duk­tive Gerechtigkeit

Solche Beispiele sind keine Einzel­fälle. Hier setzt das Konzept der repro­duk­tiven Gerech­tig­keit an. Es bedeutet: Alle sollen tatsäch­lich das Recht und die Möglich­keit haben, über ihren Körper und ihre Frucht­bar­keit selbst­be­stimmt zu entscheiden – und ihre Kinder in einer sicheren Umge­bung gross­zu­ziehen. Dazu gehören Zugang zu Verhü­tungs­mit­teln, zu Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen und zu Wissen.

Wenn Menschen aufgrund sozialer, wirt­schaft­li­cher oder poli­ti­scher Zwänge faktisch keine andere Wahl haben, als ein Kind zu gebären, und ihnen dazu noch die notwen­digen Ressourcen für die Erzie­hung fehlen, wird dieses Recht funda­mental verletzt.

Rassismus verschwindet nicht mit guten Absichten.

Die Frage ist deshalb nicht nur, ob eine Adop­tion «frei­willig» war, sondern unter welchen Bedin­gungen sie zustande kam. Wer verfügt über Ressourcen, Staats­bür­ger­schaft, recht­liche Sicher­heit? Wessen Eltern­schaft wird geschützt – und wessen wird als verzichtbar behandelt? 

Aus dieser Perspek­tive ist entschei­dend anzu­er­kennen, dass trans­na­tio­nale Adop­tion gewaltsam sein kann, indem sie globale Macht­un­gleich­heiten repro­du­ziert und Fami­lien entmün­digt. Sie begün­stigt Bedin­gungen, in denen Eltern­schaft von Fami­lien of Color dele­gi­ti­miert wird, während gleich­zeitig die Nach­frage nach Kindern aus dem Globalen Süden in privi­le­gierten Kontexten hoch bleibt.

Die Macht­struk­turen enden nicht mit der Adop­tion, sondern sie prägen das Leben von Adop­tees.

Der Begriff trans­na­tio­nale Adop­tion hebt die komplexen sozialen, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Verflech­tungen hervor, der an Adop­tionen Betei­ligten und geht damit über die klas­si­sche Bezeich­nung «inter­na­tio­nale Adop­tion» hinaus. Er macht sichtbar, dass Adop­tion nicht nur staat­lich orga­ni­siert ist, sondern häufig von privaten Vermitt­lungs­stellen, NGOs, Hilfs­werken oder sogar über­staat­li­chen Akteur*innen wie den Vereinten Nationen ermög­licht wird.

Trans­na­tio­nale Adop­tionen betreffen oft mehrere Länder und diverse Akteurs­gruppen und sind eng einge­bettet in globale Macht­ver­hält­nisse, kolo­niale Narra­tive sowie ökono­mi­sche und gesell­schaft­liche Strukturen.

Trans­na­tio­nale Adop­tion ist nicht losge­löst von welt­weiten Ungleich­heiten, sondern Teil davon. Eine deko­lo­niale Perspek­tive – also ein Blick darauf, wie globale Macht­ver­hält­nisse histo­risch gewachsen sind und bis heute fort­wirken – macht sichtbar, dass «Wahl­frei­heit» ungleich verteilt ist und zwar entlang von Klasse, race, Geschlecht, Natio­na­lität und geopo­li­ti­scher Positionierung.

Realität für erwach­sene Trans­ra­cial Adoptees

In trans­na­tio­nalen Adop­tionen werden über­wie­gend Kinder of Color von weissen Eltern adop­tiert. Diese Konstel­la­tion ist kein Zufall, sondern Ausdruck struk­tu­reller Machtverhältnisse. 

Trans­ra­cial Adop­tees wachsen in weissen Fami­lien auf, die sich mit der Vorstel­lung iden­ti­fi­zieren, dass Liebe alle Unter­schiede über­windet und race oder Herkunft keine Rolle spielt. Doch Rassismus verschwindet nicht mit guten Absichten: Adop­tees müssen sich oft allein mit Fragen von Diskri­mi­nie­rung, Zuge­hö­rig­keit und Iden­tität auseinandersetzen. 

Diese Situa­tion bleibt nicht folgenlos. Trans­na­tional adop­tierte Personen im Jugend- und jungen Erwach­se­nen­alter weisen ein erhöhtes Risiko für suizi­dales Verhalten auf. Laut einer schwe­di­schen Studie etwa unter­nehmen adop­tierte junge Menschen zwei-bis dreimal so häufig einen Suizid­ver­such wie nicht-adop­tierte Gleichaltrige.

Unsere Stimmen wurden durch kolo­niale Fürsor­ge­fan­ta­sien gezähmt.

Viele Adop­teess haben keinen Zugang zu ihrer eigenen biogra­fi­schen Geschichte, obwohl das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstam­mung in der Schweiz gesetz­lich aner­kannt ist. Auf ihrer Suche nach Infor­ma­tionen über ihre Herkunft stossen sie auf unvoll­stän­dige Akten, wider­sprüch­liche Doku­mente und fehlende Informationen. 

Für viele ist es ein lang­wie­riger Prozess der Iden­ti­täts­ar­beit. Die emotio­nale Bela­stung, der orga­ni­sa­to­ri­sche Aufwand und die finan­zi­ellen Kosten tragen die Betrof­fenen dabei fast voll­ständig selbst. Nicht selten entsteht das Gefühl, erneut allein gelassen zu werden – vom Staat und von den Vermitt­lungs­stellen, die einst von den Adop­tionen profi­tiert haben, sich heute aber kaum für Unter­stüt­zung oder eine struk­tu­relle Aufar­bei­tung einsetzen.

Diese Erfah­rungen sind keine indi­vi­du­ellen Schick­sale, sondern sie sind Teil von globalen Ungleich­heiten und verweisen auf Fragen nach repro­duk­tiver Gerech­tig­keit und der unglei­chen Vertei­lung von Wahlfreiheit. 

Unsere Biogra­fien beginnen nicht mit der Adoption

Wenn wir als Adop­tees uns gegen trans­na­tio­nale Adop­tion ausspre­chen, verwei­gern wir die Rolle des Beweises für ein funk­tio­nie­rendes System. Unsere Stimmen wurden zu lange durch Dank­bar­keit diszi­pli­niert, durch Huma­ni­täts­nar­ra­tive gezähmt, durch kolo­niale Fürsor­ge­fan­ta­sien über­la­gert. Uns wurde beigebracht, unsere Verluste zu rela­ti­vieren und unsere Kritik zu mässigen. Doch unsere Biogra­fien beginnen nicht mit der Adop­tion. Sie beginnen davor – in Fami­lien, Spra­chen, Körpern, Bezie­hungen, die getrennt, ausge­löscht oder unsichtbar gemacht wurden. Und sie setzen sich fort – hier, jetzt, in unseren Fragen, in unserer Weige­rung zu schweigen.

Viel­leicht sind wir eher wie die Wein­raute: eine Pflanze, die nicht für ihre Süsse geschätzt wird, sondern für ihren bitteren Geschmack. Ihre Bitter­keit gehört zu ihrem Wesen. Sie erin­nert daran, dass Heilung nicht nur aus dem besteht, was ange­nehm ist, sondern auch aus dem, was wider­spen­stig und schwer auszu­spre­chen ist. Unsere Kritik ist keine Absage an Zuge­hö­rig­keit oder an die Menschen, mit denen wir leben. Wir bestehen ledig­lich darauf, Subjekte unserer eigenen Geschichte zu sein.

Was wir suchen, ist kein Rückzug ins Private – kein indi­vi­du­elles Versöhnen mit einem gewalt­vollen System. Wir suchen Wege, unsere Erfah­rungen aus der Verein­ze­lung zu lösen, sie poli­tisch lesbar zu machen und dabei kollek­tives Wissen zu schaffen.


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