«Wenn die Flot­illa ange­griffen wird, blockieren wir ganz Europa»

Die italie­ni­sche Basis­ge­werk­schaft USB orga­ni­sierte den Gene­ral­streik gegen den Genozid in Palä­stina letzten Herbst. Mit welchen Stra­te­gien sie die globale Kriegs­ma­schi­nerie blockierten, berichtet Gewerk­schafter Fran­cesco Stac­cioli im Interview. 
«Blocchiamo tutto» – wir blockieren alles. Das war die Ansage der italienischen Hafenarbeiter*innen, die sie mit ihrem Generalstreik in die Tat umsetzten. Rechts im Bild spricht Francesco Staccioli von der Basisgewerkschaft USB, links befindet sich Riccardo vom autonomen Hafenarbeiterkollektiv CALP. (Bild: Damiana Rudolphi)

Letzten Sonntag brachen rund 60 Schiffe der Global Sumud Flot­illa von Sizi­lien nach Gaza auf. Ihr Ziel: die seit 2007 bestehende israe­li­sche Seeblockade zu durch­bre­chen und Hilfs­güter in die Region zu bringen. Bisher stoppte das israe­li­sche Militär alle derar­tigen Versuche.

Im vergan­genen Jahr führten Soli­da­ri­täts­wellen aus der palä­sti­na­so­li­da­ri­schen Bewe­gung zu Streiks in ganz Italien. Das Land war im Ausnah­me­zu­stand. Am 30. August 2025 versam­melten sich 50’000 Menschen in Genua, um die Flot­illa von über 50 Schiffen zu verab­schieden. Spontan hielt ein Hafen­ar­beiter eine Rede, deren Wort­laut ikonisch werden sollte: «Wenn unsere Genoss*innen auf der Flot­illa ange­griffen werden, blockieren wir Europa. Nicht einmal ein Nagel wird mehr den Hafen verlassen.»

«Bloc­chiamo tutto» – wir blockieren alles, wurde zum beflü­gelnden Ruf, der die folgenden Massen­mo­bi­li­sie­rungen prägte. 

Der Ruf wurde in Tat umge­setzt: Die Wut über den Genozid in Gaza, über die Mitver­ant­wor­tung des italie­ni­schen Staates, aber auch die Unzu­frie­den­heit mit der neofa­schi­sti­schen Meloni-Regie­rung entluden sich in einer Protest­welle, die am 22. September in einem ersten Gene­ral­streik gipfelte. Im Oktober und November folgten zwei weitere Gene­ral­streiks. Die Basis­ge­werk­schaft Unione Sindi­cale di Base (USB) orga­ni­sierte die Gene­ral­streiks und legte so die grössten Häfen Italiens still.

Vertreter*innen der USB sind nun für den 1. Mai 2026 in Zürich als Hauptredner*innen einge­laden. Im Vorfeld spricht Fran­cesco Stac­cioli, lang­jäh­riger Gewerk­schafter der USB, mit das Lamm über die landes­weiten Streiks im vergan­genen Herbst.

Protest in Genua im September 2025: Die Demonstrant*innen rufen den Menschen auf dem Schiff zu, sie sollen während eines Geno­zids keine Kreuz­fahrten unter­nehmen. (Bild: Damiana Rudolphi)

Das Lamm: Im vergan­genen Herbst wurde Genua zum Zentrum einer itali­en­weiten Protest­welle. In einer Rede nannten Sie Genua «das Epizen­trum des Erdbe­bens». Was führte dazu, dass die Bewe­gung genau hier losbrach?

Fran­cesco Stac­cioli: Auch wenn es so aussieht, als seien die Aufstände aus dem Nichts entstanden, gingen den Massen­pro­te­sten vom letzten September eine ganze Reihe von Ereig­nissen voraus. Bereits den ganzen Sommer über hatten Hafen­ar­beiter in Genua eine Reihe von Schiffen, die Kriegs­ma­te­rial enthielten, blockiert. CALP, das auto­nome Hafen­ar­beiter-Kollektiv, enga­giert sich seit Jahren zusammen mit der USB in diesem Kampf. Im Sommer 2025 waren drei Schiffe betroffen, je eines der Reede­reien BAHRI, ZIM und COSCO.

Beson­ders erfolg­reich war der Fall des COSCO-Schiffes. Es trans­por­tierte drei Container mit mili­tä­ri­schen Gütern, die über den Hafen von Piräus bei Athen nach Israel geschickt werden sollten. Bereits in Piräus hatten Hafenarbeiter*innen den Trans­port dieser Güter blockiert, woraufhin das Schiff nach Genua umge­leitet wurde.

«Innert fünf Tagen sammelten die Leute von Genua über 500 Tonnen Hilfs­güter für die Flotilla.»

Fran­cesco Stac­cioli, lang­jäh­riges Mitglied der Basis­ge­werk­schaft Unione Sindi­cale di Base

Die grie­chi­schen Genoss*innen infor­mierten uns umge­hend. Wir reagierten schnell und riefen für den Tag, an dem das Schiff in Genua anlegen sollte, zum Streik auf. Die öffent­liche Meinung stand klar auf unserer Seite und unter­stützte unseren Aufruf: «Wir arbeiten nicht für den Krieg». Schliess­lich wurde der Druck auf der Reederei so gross, dass sie gezwungen war, die betref­fenden Container nicht in Genua zu entladen, sondern in ihr Ursprungs­land zurückzuschicken.

Dies war bis dahin unser grösster Sieg im Kampf gegen den Waffen­handel. Allein durch die Andro­hung eines Streiks konnten wir die Liefer­kette derart stören – das war ein bestär­kender Erfolg. Eine solche Aktion war nur dank dem inter­na­tio­nalen Netz­werk möglich, das wir mit Hafenarbeiter*innen im ganzen Mittel­meer­raum aufge­baut haben.

Die Stim­mung in Genua im Sommer 2025 war poli­tisch aufge­laden und die Öffent­lich­keit inter­es­sierte sich zuneh­mend für die Verstrickungen und Verbin­dungen zwischen Italien und Israel. Was hat sonst noch dazu beigetragen?

Mit den drei erfolg­rei­chen Blockaden gegen Kriegs­ma­te­rial, die wir im Hafen durch­ge­führt hatten, konnten wir deut­lich machen, dass der Genozid in Gaza auch uns direkt betrifft. Der Genozid ist nicht einfach etwas, was weit weg passiert. Nichts, auf das wir keinen Einfluss hätten. Im Gegen­teil: Der Genozid geschieht dort drüben, auf der anderen Seite des Meeres, an dem wir leben. Ich denke, auch deshalb stiess die Flot­illa in Genua auf so viel Echo in der Öffentlichkeit.

Was genau war die Rolle von Genua bei der Flotilla?

Genua spielte eine zentrale Rolle beim Sammeln der Hilfs­güter, die mitge­schickt werden sollten. Innert nur fünf Tagen brachten die Leute von Genua über 500 Tonnen Lebens­mittel zum Sammel­punkt im Kultur­zen­trum «Music for Peace». Ursprüng­lich war das Ziel, fünf Tonnen zu sammeln. Die Leute standen stun­den­lang an, um Reis, Pasta oder Baby­nah­rung abzu­geben. Schul­kinder bemalten Pakete mit Botschaften für die Kinder in Gaza.

Diese grosse Anteil­nahme der Bevöl­ke­rung kam für viele über­ra­schend. Aber Genua hat eine lange Tradi­tion dieser inter­na­tio­na­li­sti­schen Soli­da­ri­täts­ak­tionen. In den 1970er-Jahren beispiels­weise orga­ni­sierten Hafenarbeiter*innen auf eigene Faust und auf eigene Kosten ein Segel­schiff, das Hilfs­güter nach Vietnam bringen sollte. Bereits damals half die ganze Stadt mit, Nahrungs­mittel zusam­men­zu­tragen. Es gelang dem Segel­schiff, der «nave dell’amicizia», tatsäch­lich, Vietnam zu errei­chen und die Güter zu über­bringen. Ganz uner­wartet kam das grosse Echo also nicht.

Dank der Soli­da­rität der Bevöl­ke­rung in Genua kam diese enorme Menge an Hilfs­gü­tern zusammen. Zu diesem Zeit­punkt war die Soli­da­ri­täts­welle vor allem in Genua zu spüren. Wie kam es dazu, dass wenige Tage später ganz Italien davon erfasst wurde?

Am Abend vor der Abfahrt der Schiffe in Genua Rich­tung Süden war eine kleine Kund­ge­bung geplant, um die Schiffe und die Besat­zung zu verab­schieden. Auch José von CALP war dabei. Aus der kleinen Kund­ge­bung wurde eine riesige Demon­stra­tion mit rund 50’000 Teilnehmer*innen.

«Wir können Sand im Getriebe der globalen Kriegs­ma­schi­nerie sein.»

Fran­cesco Stac­cioli, lang­jäh­riges Mitglied der Basis­ge­werk­schaft Unione Sindi­cale di Base

Riccardo, auch er ein Hafen­ar­beiter von CALP, bekam irgend­wann ein Mikrofon in die Hand und sagte mit ehrli­chen, einfa­chen und eindring­li­chen Worten: «Bloc­chiamo tutto», lasst uns alles lahm­legen. Das Video dieses Moment ging in den folgenden Tagen viral. Überall wurde darüber berichtet. Die Botschaft war klar: Wenn die Flot­illa oder unsere Genoss*innen auf den Booten ange­griffen werden, blockieren wir die Waren­flüsse in ganz Europa.

Diese Aussage und die Über­zeu­gung dahinter elek­tri­sierten Hundert­tau­sende von Menschen. Sie zeigte, dass wir nicht Rädchen im System sein müssen, sondern Sand im Getriebe der globalen Kriegs­ma­schi­nerie sein können.

Es kamen in Genua also verschieden Aspekte zusammen: Waffen­blockaden, die Flot­illa und die grosse Soli­da­rität in der Bevölkerung.

Genau. Dabei ist auch wichtig zu sehen, dass die jahre­lange struk­tu­relle Arbeit unserer Gewerk­schaft  zum Tragen kam. Als sich die spon­tane Soli­da­rität der Bevöl­ke­rung Bahn brach, traf sie auf die bestehenden Struk­turen der Hafenarbeiter*innen und der USB. Wir konnten die Wut der Arbeiter*innen und der Bevöl­ke­rung aufnehmen und in eine orga­ni­sierte Bewe­gung umleiten.

„Stoppt den Waffen­handel in den Häfen!” – Demoumzug in Genua im September 2025 (Bild: Damiana Rudolphi)

Wie ist euch das gelungen?

Die USB als Orga­ni­sa­tion bot vor allem den orga­ni­sa­to­ri­schen Rahmen, der es den Leuten ermög­lichte, sich zu versam­meln. Und das haben sie getan, im ganzen Land, auf allen Plätzen, auf den grossen und den kleinen.

Die USB selbst stand dabei nicht im Zentrum. Unsere bestehenden Struk­turen erlaubten es uns jedoch, die Inter­essen der Arbeiter*innen und der Bevöl­ke­rung zu vertreten. Dabei kam uns zugute, dass die USB von Anfang an stark und glaub­würdig auftreten konnte. Wir hatten nie Bezie­hungen zu poli­ti­schen Parteien oder zu Regie­rungen, die sich am Völker­mord an den Palästinenser*innen mitschuldig gemacht haben.

Die Massen­mo­bi­li­sie­rung führte zu mehreren Gene­ral­streiks. Der erste Streik am 22. September 2026 wurde von der USB ins Leben gerufen, eben­falls unter dem Motto «Bloc­chiamo Tutto».

Das Beson­dere an diesem Streik war, dass er von keiner tradi­tio­nellen Gewerk­schaft ausge­rufen wurde. Hinter ihm standen keine grossen Parteien – auch nicht die Oppo­si­tion und schon gar nicht die Regie­rung. Einzig die USB versuchte, diesen Kampf anzu­führen. Nicht, weil wir uns irgendwie aufspielen wollten, sondern weil wir erkannten, dass gerade eine immense Kraft im Entstehen war, die sich über ganz Italien ausbrei­tete. Die CGIL, eine der grossen Gewerk­schaften, die eng mit dem Staat zusam­men­ar­beitet, unter­nahm kurz vor dem 22. September einen lächer­li­chen Versuch, doch noch den Anschluss zu schaffen: Drei Tage vorher rief sie eben­falls zum Streik auf.

«Von der Bewe­gung im letzten Herbst blieb die Erfah­rung, tatsäch­lich Kämpfe gewinnen zu können.»

Fran­cesco Stac­cioli, lang­jäh­riges Mitglied der Basis­ge­werk­schaft Unione Sindi­cale di Base

Aber es war wirk­lich ein Aufstand von unten. Ange­trieben von den Ereig­nissen in Genua und vom Wunsch, poli­ti­sches Handeln wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und zwar ausser­halb der etablierten Parteien, ausser­halb der grossen Gewerk­schaften. Der Gene­ral­streik vom 3. Oktober 2025 wurde dann tatsäch­lich von der CGIL und der USB gemeinsam orga­ni­siert. Es war das erste Mal über­haupt, dass die CGIL sich bereit­erklärte, mit einer Basis­ge­werk­schaft zusammenzuarbeiten.

Die Massen­be­we­gung und die Streiks letzten Herbst haben die Regie­rung unter Giorgia Meloni massiv unter Druck gesetzt. Was ist davon geblieben? 

Nachdem die Aktivist*innen der Flot­illa mehr oder weniger wohl­be­halten zurück waren – und vor allem nachdem Mitte Oktober der Waffen­still­stands in Palä­stina verkündet wurde, ebbte die Protest­welle merk­lich ab. In gewisser Weise blieb danach ein Gefühl der Leere zurück. Im März änderte sich das jedoch, als Italien über Justiz­re­form der italie­ni­schen Mini­ster­prä­si­dentin Giorgia Meloni abstimmte. Die sehr hohe Stimm­be­tei­li­gung über­raschte viele.

Den Ausschlag gaben vor allem junge Menschen, die sich im September spontan auf den Strassen versam­melt hatten, sich in studen­ti­schen Initia­tiven oder in Vereinen orga­ni­sierten, und nach Jahren der Poli­tik­ver­dros­sen­heit wieder abstimmen gingen. Es ist eine Gene­ra­tion, die sich das Demon­strieren kaum mehr gewohnt ist. Dennoch ist sie aufge­standen und hat gesagt: Diese Regie­rung, die bei Krieg und Völker­mord mitmischt, die mit US-Präsi­dent Donald Trump und dem israe­li­schen Mini­ster­prä­si­denten Benjamin Netan­yahu gemein­same Sache macht, schicken wir nach Hause.

Das ist aus meiner Sicht der Grund für Melonis Nieder­lage. Ich bin über­zeugt, dass sie die Abstim­mung nicht wegen der Justiz­re­form an sich verlor, sondern wegen ihrer Verwick­lung mit Netan­yahu und Trump.

Wenn du mich also fragst, was von der Bewe­gung im letzten Herbst übrig­ge­blieben ist, dann ist es das: die Erfah­rung und das Wissen, dass es tatsäch­lich möglich ist, Kämpfe zu gewinnen.


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