Letzten Sonntag brachen rund 60 Schiffe der Global Sumud Flotilla von Sizilien nach Gaza auf. Ihr Ziel: die seit 2007 bestehende israelische Seeblockade zu durchbrechen und Hilfsgüter in die Region zu bringen. Bisher stoppte das israelische Militär alle derartigen Versuche.
Im vergangenen Jahr führten Solidaritätswellen aus der palästinasolidarischen Bewegung zu Streiks in ganz Italien. Das Land war im Ausnahmezustand. Am 30. August 2025 versammelten sich 50’000 Menschen in Genua, um die Flotilla von über 50 Schiffen zu verabschieden. Spontan hielt ein Hafenarbeiter eine Rede, deren Wortlaut ikonisch werden sollte: «Wenn unsere Genoss*innen auf der Flotilla angegriffen werden, blockieren wir Europa. Nicht einmal ein Nagel wird mehr den Hafen verlassen.»
«Blocchiamo tutto» – wir blockieren alles, wurde zum beflügelnden Ruf, der die folgenden Massenmobilisierungen prägte.
Der Ruf wurde in Tat umgesetzt: Die Wut über den Genozid in Gaza, über die Mitverantwortung des italienischen Staates, aber auch die Unzufriedenheit mit der neofaschistischen Meloni-Regierung entluden sich in einer Protestwelle, die am 22. September in einem ersten Generalstreik gipfelte. Im Oktober und November folgten zwei weitere Generalstreiks. Die Basisgewerkschaft Unione Sindicale di Base (USB) organisierte die Generalstreiks und legte so die grössten Häfen Italiens still.
Vertreter*innen der USB sind nun für den 1. Mai 2026 in Zürich als Hauptredner*innen eingeladen. Im Vorfeld spricht Francesco Staccioli, langjähriger Gewerkschafter der USB, mit das Lamm über die landesweiten Streiks im vergangenen Herbst.

Das Lamm: Im vergangenen Herbst wurde Genua zum Zentrum einer italienweiten Protestwelle. In einer Rede nannten Sie Genua «das Epizentrum des Erdbebens». Was führte dazu, dass die Bewegung genau hier losbrach?
Francesco Staccioli: Auch wenn es so aussieht, als seien die Aufstände aus dem Nichts entstanden, gingen den Massenprotesten vom letzten September eine ganze Reihe von Ereignissen voraus. Bereits den ganzen Sommer über hatten Hafenarbeiter in Genua eine Reihe von Schiffen, die Kriegsmaterial enthielten, blockiert. CALP, das autonome Hafenarbeiter-Kollektiv, engagiert sich seit Jahren zusammen mit der USB in diesem Kampf. Im Sommer 2025 waren drei Schiffe betroffen, je eines der Reedereien BAHRI, ZIM und COSCO.
Besonders erfolgreich war der Fall des COSCO-Schiffes. Es transportierte drei Container mit militärischen Gütern, die über den Hafen von Piräus bei Athen nach Israel geschickt werden sollten. Bereits in Piräus hatten Hafenarbeiter*innen den Transport dieser Güter blockiert, woraufhin das Schiff nach Genua umgeleitet wurde.
«Innert fünf Tagen sammelten die Leute von Genua über 500 Tonnen Hilfsgüter für die Flotilla.»
Francesco Staccioli, langjähriges Mitglied der Basisgewerkschaft Unione Sindicale di Base
Die griechischen Genoss*innen informierten uns umgehend. Wir reagierten schnell und riefen für den Tag, an dem das Schiff in Genua anlegen sollte, zum Streik auf. Die öffentliche Meinung stand klar auf unserer Seite und unterstützte unseren Aufruf: «Wir arbeiten nicht für den Krieg». Schliesslich wurde der Druck auf der Reederei so gross, dass sie gezwungen war, die betreffenden Container nicht in Genua zu entladen, sondern in ihr Ursprungsland zurückzuschicken.
Dies war bis dahin unser grösster Sieg im Kampf gegen den Waffenhandel. Allein durch die Androhung eines Streiks konnten wir die Lieferkette derart stören – das war ein bestärkender Erfolg. Eine solche Aktion war nur dank dem internationalen Netzwerk möglich, das wir mit Hafenarbeiter*innen im ganzen Mittelmeerraum aufgebaut haben.
Die Stimmung in Genua im Sommer 2025 war politisch aufgeladen und die Öffentlichkeit interessierte sich zunehmend für die Verstrickungen und Verbindungen zwischen Italien und Israel. Was hat sonst noch dazu beigetragen?
Mit den drei erfolgreichen Blockaden gegen Kriegsmaterial, die wir im Hafen durchgeführt hatten, konnten wir deutlich machen, dass der Genozid in Gaza auch uns direkt betrifft. Der Genozid ist nicht einfach etwas, was weit weg passiert. Nichts, auf das wir keinen Einfluss hätten. Im Gegenteil: Der Genozid geschieht dort drüben, auf der anderen Seite des Meeres, an dem wir leben. Ich denke, auch deshalb stiess die Flotilla in Genua auf so viel Echo in der Öffentlichkeit.
Jeder Artikel bei das Lamm ist kostenlos für alle verfügbar – zahle freiwillig, damit das so bleibt.
Was genau war die Rolle von Genua bei der Flotilla?
Genua spielte eine zentrale Rolle beim Sammeln der Hilfsgüter, die mitgeschickt werden sollten. Innert nur fünf Tagen brachten die Leute von Genua über 500 Tonnen Lebensmittel zum Sammelpunkt im Kulturzentrum «Music for Peace». Ursprünglich war das Ziel, fünf Tonnen zu sammeln. Die Leute standen stundenlang an, um Reis, Pasta oder Babynahrung abzugeben. Schulkinder bemalten Pakete mit Botschaften für die Kinder in Gaza.
Diese grosse Anteilnahme der Bevölkerung kam für viele überraschend. Aber Genua hat eine lange Tradition dieser internationalistischen Solidaritätsaktionen. In den 1970er-Jahren beispielsweise organisierten Hafenarbeiter*innen auf eigene Faust und auf eigene Kosten ein Segelschiff, das Hilfsgüter nach Vietnam bringen sollte. Bereits damals half die ganze Stadt mit, Nahrungsmittel zusammenzutragen. Es gelang dem Segelschiff, der «nave dell’amicizia», tatsächlich, Vietnam zu erreichen und die Güter zu überbringen. Ganz unerwartet kam das grosse Echo also nicht.
Dank der Solidarität der Bevölkerung in Genua kam diese enorme Menge an Hilfsgütern zusammen. Zu diesem Zeitpunkt war die Solidaritätswelle vor allem in Genua zu spüren. Wie kam es dazu, dass wenige Tage später ganz Italien davon erfasst wurde?
Am Abend vor der Abfahrt der Schiffe in Genua Richtung Süden war eine kleine Kundgebung geplant, um die Schiffe und die Besatzung zu verabschieden. Auch José von CALP war dabei. Aus der kleinen Kundgebung wurde eine riesige Demonstration mit rund 50’000 Teilnehmer*innen.
«Wir können Sand im Getriebe der globalen Kriegsmaschinerie sein.»
Francesco Staccioli, langjähriges Mitglied der Basisgewerkschaft Unione Sindicale di Base
Riccardo, auch er ein Hafenarbeiter von CALP, bekam irgendwann ein Mikrofon in die Hand und sagte mit ehrlichen, einfachen und eindringlichen Worten: «Blocchiamo tutto», lasst uns alles lahmlegen. Das Video dieses Moment ging in den folgenden Tagen viral. Überall wurde darüber berichtet. Die Botschaft war klar: Wenn die Flotilla oder unsere Genoss*innen auf den Booten angegriffen werden, blockieren wir die Warenflüsse in ganz Europa.
Diese Aussage und die Überzeugung dahinter elektrisierten Hunderttausende von Menschen. Sie zeigte, dass wir nicht Rädchen im System sein müssen, sondern Sand im Getriebe der globalen Kriegsmaschinerie sein können.
Es kamen in Genua also verschieden Aspekte zusammen: Waffenblockaden, die Flotilla und die grosse Solidarität in der Bevölkerung.
Genau. Dabei ist auch wichtig zu sehen, dass die jahrelange strukturelle Arbeit unserer Gewerkschaft zum Tragen kam. Als sich die spontane Solidarität der Bevölkerung Bahn brach, traf sie auf die bestehenden Strukturen der Hafenarbeiter*innen und der USB. Wir konnten die Wut der Arbeiter*innen und der Bevölkerung aufnehmen und in eine organisierte Bewegung umleiten.

Wie ist euch das gelungen?
Die USB als Organisation bot vor allem den organisatorischen Rahmen, der es den Leuten ermöglichte, sich zu versammeln. Und das haben sie getan, im ganzen Land, auf allen Plätzen, auf den grossen und den kleinen.
Die USB selbst stand dabei nicht im Zentrum. Unsere bestehenden Strukturen erlaubten es uns jedoch, die Interessen der Arbeiter*innen und der Bevölkerung zu vertreten. Dabei kam uns zugute, dass die USB von Anfang an stark und glaubwürdig auftreten konnte. Wir hatten nie Beziehungen zu politischen Parteien oder zu Regierungen, die sich am Völkermord an den Palästinenser*innen mitschuldig gemacht haben.
Die Massenmobilisierung führte zu mehreren Generalstreiks. Der erste Streik am 22. September 2026 wurde von der USB ins Leben gerufen, ebenfalls unter dem Motto «Blocchiamo Tutto».
Das Besondere an diesem Streik war, dass er von keiner traditionellen Gewerkschaft ausgerufen wurde. Hinter ihm standen keine grossen Parteien – auch nicht die Opposition und schon gar nicht die Regierung. Einzig die USB versuchte, diesen Kampf anzuführen. Nicht, weil wir uns irgendwie aufspielen wollten, sondern weil wir erkannten, dass gerade eine immense Kraft im Entstehen war, die sich über ganz Italien ausbreitete. Die CGIL, eine der grossen Gewerkschaften, die eng mit dem Staat zusammenarbeitet, unternahm kurz vor dem 22. September einen lächerlichen Versuch, doch noch den Anschluss zu schaffen: Drei Tage vorher rief sie ebenfalls zum Streik auf.
«Von der Bewegung im letzten Herbst blieb die Erfahrung, tatsächlich Kämpfe gewinnen zu können.»
Francesco Staccioli, langjähriges Mitglied der Basisgewerkschaft Unione Sindicale di Base
Aber es war wirklich ein Aufstand von unten. Angetrieben von den Ereignissen in Genua und vom Wunsch, politisches Handeln wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und zwar ausserhalb der etablierten Parteien, ausserhalb der grossen Gewerkschaften. Der Generalstreik vom 3. Oktober 2025 wurde dann tatsächlich von der CGIL und der USB gemeinsam organisiert. Es war das erste Mal überhaupt, dass die CGIL sich bereiterklärte, mit einer Basisgewerkschaft zusammenzuarbeiten.
Die Massenbewegung und die Streiks letzten Herbst haben die Regierung unter Giorgia Meloni massiv unter Druck gesetzt. Was ist davon geblieben?
Nachdem die Aktivist*innen der Flotilla mehr oder weniger wohlbehalten zurück waren – und vor allem nachdem Mitte Oktober der Waffenstillstands in Palästina verkündet wurde, ebbte die Protestwelle merklich ab. In gewisser Weise blieb danach ein Gefühl der Leere zurück. Im März änderte sich das jedoch, als Italien über Justizreform der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni abstimmte. Die sehr hohe Stimmbeteiligung überraschte viele.
Den Ausschlag gaben vor allem junge Menschen, die sich im September spontan auf den Strassen versammelt hatten, sich in studentischen Initiativen oder in Vereinen organisierten, und nach Jahren der Politikverdrossenheit wieder abstimmen gingen. Es ist eine Generation, die sich das Demonstrieren kaum mehr gewohnt ist. Dennoch ist sie aufgestanden und hat gesagt: Diese Regierung, die bei Krieg und Völkermord mitmischt, die mit US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu gemeinsame Sache macht, schicken wir nach Hause.
Das ist aus meiner Sicht der Grund für Melonis Niederlage. Ich bin überzeugt, dass sie die Abstimmung nicht wegen der Justizreform an sich verlor, sondern wegen ihrer Verwicklung mit Netanyahu und Trump.
Wenn du mich also fragst, was von der Bewegung im letzten Herbst übriggeblieben ist, dann ist es das: die Erfahrung und das Wissen, dass es tatsächlich möglich ist, Kämpfe zu gewinnen.
Journalismus kostet
Die Produktion dieses Artikels nahm 39 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 2288 einnehmen.
Als Leser*in von das Lamm konsumierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demokratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produktion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rechnung sieht so aus:
Wir haben einen Lohndeckel bei CHF 22. Die gewerkschaftliche Empfehlung wäre CHF 35 pro Stunde.
CHF 1365 → 35 CHF/h für Lohn der Schreibenden, Redigat, Korrektorat (Produktion)
CHF 663 → 17 CHF/h für Fixkosten (Raum- & Servermiete, Programme usw.)
CHF 260 pro Artikel → Backoffice, Kommunikation, IT, Bildredaktion, Marketing usw.
Weitere Informationen zu unseren Finanzen findest du hier.
Solidarisches Abo
Nur durch Abos erhalten wir finanzielle Sicherheit. Mit deinem Soli-Abo ab 60 CHF im Jahr oder 5 CHF im Monat unterstützt du uns nachhaltig und machst Journalismus demokratisch zugänglich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.
Ihr unterstützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorgfältig recherchierte Informationen, kritisch aufbereitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unabhängig von ihren finanziellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Journalismus abseits von schnellen News und Clickbait erhalten.
In der kriselnden Medienwelt ist es ohnehin fast unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkommerziell ausgerichtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugänglich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure solidarischen Abos angewiesen. Unser Lohn ist unmittelbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kritischen Journalismus für alle.
Einzelspende
Ihr wollt uns lieber einmalig unterstützen?

