Ein «Ja» zur Neutra­lität ist ein «Ja» zum Frieden

Ob neutral oder nicht – am Wesen des bürger­li­chen Staates ändert sich nichts. Zwei Mitglieder der Partei der Arbeit argu­men­tieren dennoch für ein Ja zur Neutra­li­täts­in­itia­tive: Es dient den Inter­essen der Arbeiter*innenklasse.
Unabhängig von den kapitalistischen Interessen, die die Initianten antreiben, hat auch die arbeitende Klasse ein Interesse daran, dass die Neutralitätsinitiative angenommen wird. Die Linke muss sie als Teil eines breiteren Friedenskampfes unterstützen. (Bild: Nguyen Dang / Unsplash)

Dominic Iten bietet in seinem Text «Neutra­li­täts­in­itia­tive: Die korrekte Posi­tion liegt jenseits des Stimm­zet­tels» eine Kritik an der linken Unter­stüt­zung zur Neutra­li­täts­in­itia­tive. Seiner Meinung nach ist diese Unter­stüt­zung in Wirk­lich­keit ein Irrweg: In der Debatte geht es demnach nicht um Krieg und Frieden, sondern um die gegen­sätz­li­chen Inter­essen bestimmter Kapi­tal­frak­tionen. Den linken Befürworter*innen der Initia­tive wirft Iten ein falsches Verständnis des bürger­li­chen Staates vor – dieser sei kein neutrales Instru­ment, das wahl­weise für Frieden, Menschen­rechte oder inter­na­tio­nale Soli­da­rität einge­setzt werden kann.

Auch wenn seine Analyse der Inter­essen, die die Ja- und Nein-Lager antreiben, durchaus aufschluss­reich ist, können wir seine Schluss­fol­ge­rung nicht teilen. Trotz der Schwä­chen der Initia­tive und der dahin­ter­ste­henden wirt­schaft­li­chen Inter­essen sollte die Linke für die Annahme der Verfas­sungs­än­de­rung kämpfen.

Die Neutra­lität steht in der Tat immer dann zur Debatte, wenn sich eine Krise abzeichnet. Derzeit ist es die Rück­kehr des Krieges nach Europa durch den russi­schen Angriff auf die Ukraine. Dennoch ist die Neutra­lität bis heute ein unklar defi­niertes Prinzip. Die Neutra­li­täts­in­itia­tive will dem entge­gen­wirken, indem sie die «immer­wäh­rende und bewaff­nete Neutra­lität» in der Verfas­sung veran­kert und einsei­tige Wirt­schafts­sank­tionen sowie Mili­tär­bünd­nisse verbietet.

Konkret wären damit die Sank­tionen gegen Russ­land, aber auch gegen andere Länder wie zum Beispiel Guate­mala, Nica­ragua und Vene­zuela verboten. Zudem würden die jüng­sten Annä­he­rungen an die NATO, die sich in der Teil­nahme an gemein­samen Übungen, der Anschaf­fung kompa­ti­bler Waffen­sy­steme und sogar der Eröff­nung eines Verbin­dungs­büros in Genf gezeigt haben, gestoppt. Die Initia­tive würde somit den Weg zu einer block­freien Schweiz eröffnen und ihr ermög­li­chen, ihre diplo­ma­ti­sche Rolle voll­um­fäng­lich zu entfalten.

Ob eine Politik die kapi­ta­li­sti­sche Funk­tion des Staates ausführt, kann nicht der einzige Mass­stab sein, um sie zu beurteilen. 

Wie Dominic Iten zutref­fend fest­stellt, werden sowohl das Ja- als auch das Nein-Lager von wirt­schaft­li­chen Inter­essen getrieben, die den gegen­sätz­li­chen Frak­tionen der herr­schenden Klasse entspre­chen. So vertritt das Ja-Lager die auf den Binnen­markt und den ausser­eu­ro­päi­schen Handel ausge­rich­teten Kapi­tal­k­reise, während das Nein-Lager die auf den Handel mit dem west­li­chen Block ausge­rich­teten Kräfte vertritt. Daraus folgt aber nicht zwangs­läufig, dass eine linke Posi­tion in dieser Debatte ausser­halb dieser Lager stehen muss.

Iten wirft uns ein falsches Verständnis der Funk­ti­ons­weise des kapi­ta­li­sti­schen Staates vor. Der Staat wäre «kein neutrales Instru­ment» und würde dazu dienen, die «Bedin­gungen kapi­ta­li­sti­scher Geschäfte auf seinem Terri­to­rium» zu orga­ni­sieren. Die Neutra­lität wäre also nur eine «beson­ders erfolg­reiche Form dieser Politik». Das mag wohl sein, doch ob eine Politik die kapi­ta­li­sti­sche Funk­tion des Staates ausführt, kann für uns nicht der einzige Mass­stab sein, um sie zu beur­teilen. Auch die Auswei­tung des Stimm­rechts oder die natio­nalen Befrei­ungs­kämpfe haben die bürger­li­chen Staaten nicht in ihrem Kern verän­dert, und dennoch hat die Arbeiter*innenbewegung sie zu Recht unter­stützt – nicht weil sie den Staat trans­for­miert hätten, sondern weil sie auch den Inter­essen der arbei­tenden Klasse dienten.

Entschei­dend ist für uns also nicht, was eine Politik für das Kapital leistet, mass­geb­lich sind Krite­rien, die sich aus den Inter­essen der arbei­tenden Klasse selbst ableiten. Dazu gehören die Zurück­wei­sung der Kriegs­trei­berei jener Frak­tion, die aus der Eska­la­tion Profit schlägt, sowie die Soli­da­rität mit jenen Menschen, die unter den Sank­tionen leiden. Mass­geb­lich sind Krite­rien, die sich aus den Inter­essen der arbei­tenden Klasse selbst ableiten.

Für Soli­da­rität und Frieden

In seinem Text kriti­siert Iten zu Recht den Oppor­tu­nismus der seit jeher prak­ti­zierten Politik der «Neutra­lität». Doch gerade diese Initia­tive ermög­licht es, diesem Oppor­tu­nismus entge­gen­zu­wirken, indem sie eine Defi­ni­tion fest­legt, die unab­hängig von den kapi­ta­li­sti­schen Inter­essen zu einem bestimmten Zeit­punkt ist, auch wenn sie gegen­wärtig die Inter­essen eines Teils davon vertritt. Mehr noch: Der Text steht in direktem Wider­stand zu den krie­ge­ri­schen Bestre­bungen jenes Teils des Kapi­tals, der sich in den Annä­he­rungs­ver­su­chen an die NATO und den west­li­chen Block äussert. Ob es sich um Kapitalist*innen aus der Tech-Branche, Mili­tärs oder der kriegs­trei­benden «Mitte» handelt – es ist nicht abwegig zu behaupten, dass ein Teil der Schweizer herr­schenden Klasse im Krieg eine Chance sieht.

Im Gegen­satz zu dem, was Iten behauptet, geht es doch um Krieg und Frieden. Wir halten es daher nicht für absurd, in diesem spezi­fi­schen Fall mit jener Frak­tion des Kapi­tals abzu­stimmen, die eine Festi­gung der Schweiz im west­li­chen Mili­tär­bündnis verhin­dern will, auch wenn es einigen Unter­nehmen ermög­li­chen würde, mehr Profit zu machen.

Über 500’000 Menschen sterben jähr­lich an den Folgen west­li­cher Sanktionen.

Der andere wich­tige Grund, die Neutra­li­täts­in­itia­tive zu unter­stützen, ist das damit verbun­dene Verbot einsei­tiger Sank­tionen. Einsei­tige Sank­tionen, die das Gewalt­mo­nopol der UNO unter­graben und viel­mehr als mörde­ri­sche Wirt­schafts­kriege bezeichnet werden müssen, treffen haupt­säch­lich die Zivil­be­völ­ke­rung, und zwar in erster Linie deren am stärk­sten margi­na­li­sierten Gruppen.

Laut einer Studie des Fach­ma­ga­zins The Lancet sterben jähr­lich über 500’000 Menschen an den Folgen west­li­cher Sank­tionen. Eine erschreckende Zahl, die sich auch im Wider­stand der Länder des Südens gegen einsei­tige Sank­tionen wider­spie­gelt: Im Juni 2025 verab­schie­dete die UNO-Gene­ral­ver­samm­lung beispiels­weise mit 116 gegen 51 Stimmen bei 6 Enthal­tungen eine Reso­lu­tion zur Einfüh­rung eines «Inter­na­tio­nalen Tages gegen einsei­tige Zwangs­mass­nahmen». Die Reso­lu­tion fordert die Staaten eindring­lich dazu auf, von der Verhän­gung und Durch­set­zung einsei­tiger, nicht mit der UNO-Charta und dem Völker­recht verein­barer Sank­tionen abzu­sehen. Die Ableh­nung kam nahezu ausschliess­lich aus den USA, der EU und weiteren Staaten des globalen Nordens, während die über­wäl­ti­gende Mehr­heit der Länder des globalen Südens der Reso­lu­tion zustimmten.

Der Wider­stand gegen einsei­tige Sank­tionen bedeutet somit eine konkrete Soli­da­ri­sie­rung mit den Ländern des globalen Südens. Wir halten es daher für richtig, eine Initia­tive zu unter­stützen, die diese mörde­ri­schen und impe­ria­li­sti­schen Sank­tionen verhin­dern würde, auch wenn sie es einigen Unter­nehmen ermög­li­chen, ihre Waren leichter in Russ­land zu verkaufen.

Unab­hängig von den kapi­ta­li­sti­schen Inter­essen, die die Initi­anten antreiben, hat also auch die arbei­tende Klasse ein Inter­esse daran, dass diese Initia­tive ange­nommen wird, und die Linke muss sie als Teil eines brei­teren Frie­dens­kampfes unter­stützen. Also nicht aus den Gründen, die die SVP dazu bewegen, und auch nicht aufgrund einer idea­li­sti­schen Frie­dens­vi­sion. Sie muss dies tun, weil die Initia­tive eine Annä­he­rung an die NATO konkret stoppen und Soli­da­rität mit den Bevöl­ke­rungen der Länder des Globalen Südens ermög­li­chen würde. Natür­lich kann die Linke aber die Inter­essen, die einen Teil der Kapi­ta­li­sten­klasse dazu bewegen, die Initia­tive zu unter­stützen, nicht igno­rieren. Sie muss sogar gegen die Machen­schaften dieser Klasse vorgehen. Ein Beispiel hierfür ist das Kriegs­ma­te­rial-Refe­rendum. Ein «Ja» zur Neutra­li­täts­in­itia­tive am 27. September wird diese Aufgabe jedoch auch nicht behindern.


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