Die Femi­ni­sti­schen Streik­kol­lek­tive fordern eine massive Reduk­tion der Arbeitszeit

Die natio­nale Forde­rung für den Care-Streik 2027 steht fest: Die Gesamt­ar­beits­zeit soll radikal gekürzt werden. Die Diskus­sionen bis zu diesem Ergebnis waren hitzig. 
Lieber eine konkrete oder viele allgemeine Forderungen? Vertreter*innen von über 17 Feministischen Streikkollektiven verhandelten ihre Anliegen bei einem nationalen Treffen. (Bild: Kira Kynd)

Der Vorplatz des Thea­ter­zen­trums Arsenic in Lausanne war am Morgen des 3. Oktober 2026 gut gefüllt. Über 130 Feminist*innen waren aus der ganzen Schweiz ange­reist, um über die natio­nalen Forde­rungen des ange­kün­digten Care-Streiks 2027 zu entscheiden.

Am Vormittag disku­tierten die Vertreter*innen der 17 anwe­senden kanto­nalen Femi­ni­sti­schen Streik­kol­lek­tive über den Vorschlag, die allge­meine Reduk­tion der Erwerbs­ar­beits­zeit als zentrale Forde­rung aufzu­stellen. Die anwe­senden Personen – aus den Kantonen Waadt, St. Gallen, Wallis, Genf, Zürich, Basel, Bern, Luzern, Zug, Jura, Neuen­burg, Aargau, Thun, Winter­thur, Grau­bünden, Tessin und Frei­burg – disku­tierten während zwei Stunden über Sinn und Unsinn einer solchen Forde­rung und darüber, ob weitere Forde­rungen ergänzt werden sollten.

Histo­risch gesehen war die Arbeits­zeit immer stark umkämpft: Im 19. Jahr­hun­dert waren 90-Stunden-Wochen keine Selten­heit. Arbeit­geber leisteten gegen Arbeits­zeit­ver­kür­zungen oft stär­keren Wider­stand als gegen reine Lohn­er­hö­hungen. Heute weisen Wissenschaftler*innen auf die weit­rei­chenden gesell­schaft­li­chen Vorteile einer Reduk­tion der Erwerbs­ar­beits­zeit hin: Klima, Gesund­heit und gar die Wirt­schaft könnten profitieren.

In der Schweiz gibt es keine allge­meine gesetz­liche 40-Stunden-Woche. Das Arbeits­ge­setz legt viel­mehr eine Höchst­ar­beits­zeit fest: 45 Stunden pro Woche für Arbeit­neh­mende in indu­stri­ellen Betrieben, für Büro­per­sonal, tech­ni­sche und andere Ange­stellte sowie für Verkaufs­per­sonal in Gross­be­trieben des Detail­han­dels; für alle übrigen Arbeit­neh­menden sind es 50 Stunden. Die konkrete Arbeits­zeit – häufig 40, 41,5 oder 42 Stunden – wird durch Arbeits­ver­trag, Perso­nal­re­gle­ment oder Gesamt­ar­beits­ver­trag fest­ge­legt. Die gesetz­liche Grenze ist also eine Ober­grenze, nicht die normale Soll­ar­beits­zeit. Mit 42,5 Stunden tatsäch­lich gelei­steter Arbeits­zeit arbeiten Voll­zeit­er­werbs­tä­tige in der Schweiz im euro­päi­schen Vergleich am läng­sten.

Die Stunden der unbe­zahlten Arbeit, die insbe­son­dere Frauen zusätz­lich leisten, sind darin noch nicht mit einge­rechnet. In der Schweiz fallen jähr­lich rund 9,8 Milli­arden Stunden unbe­zahlte Arbeit an, deren Wert das Bundesamt für Stati­stik auf über 400 Milli­arden Franken schätzt.

Die femi­ni­sti­schen Streik­kol­lek­tive der Schweiz fordern eine Verkür­zung der Arbeits­zeit, um «in Würde und bei guter Gesund­heit leben zu können» sowie «für gerech­tere Löhne und zur Eindäm­mung der zügel­losen Produk­tion». Ausserdem solle damit die Care-Arbeit endlich aner­kannt, wert­ge­schätzt und kollek­ti­viert werden und «den ihr zuste­henden Platz im Herzen der Gesell­schaft einnehmen». So formu­lieren sie es in ihrer Medi­en­mit­tei­lung im Nach­gang der Veran­stal­tung am 3. Oktober 2026.

Unei­nig­keit bei den Forderungen

Der Vorschlag, der an jenem Vormittag zur Diskus­sion stand, war die Forde­rung nach einer Reduk­tion der Erwerbs­ar­beits­zeit. In einer offenen Runde konnten sich alle Teilnehmer*innen zu Wort melden. Die Rede­bei­träge drehten sich vor allem um die Frage, wie viele poli­ti­sche Anliegen in die Forde­rung inklu­diert werden sollten.

Einer der häufig­sten Einwände thema­ti­sierte die unbe­zahlte Care-Arbeit, die in der Forde­rung so keinen Platz fände. Ob denn nicht ein Gross­teil der Arbeit einfach unent­gelt­lich geschehen würde, wenn die bezahlte Arbeits­zeit redu­ziert würde, formu­lierte eine Person ihre Bedenken.

Eine andere Wort­mel­dung kriti­sierte den Vorschlag, sich auf Lohn­ar­beit zu konzen­trieren, mit dem Argu­ment, dass 60 Prozent der gelei­steten Arbeit unbe­zahlt erfolgten – dieser Umstand fehle in der Forde­rung. Ausserdem ändere eine verkürzte Arbeits­zeit nichts an der Altersarmut.

Einige Teilnehmer*innen brachten ein, dass sie gerne eine Forde­rung hätten, die «für alle Personen» gelte. Damit waren spezi­fisch margi­na­li­sierte Personen gemeint: Die Rede war unter anderem von Sexarbeiter*innen, für welche eine 4‑Tage-Woche keinen Unter­schied mache, und von migran­ti­schen Personen mit speziell schlechten Arbeits­be­din­gungen oder fehlendem Recht, über­haupt erst arbeiten zu dürfen. Auch sei mit dem Fokus auf Erwerbs­ar­beit Menschen ohne Erwerbs­ar­beit – einigen Personen mit Behin­de­rung zum Beispiel – nicht geholfen. Weitere Anliegen, die ange­spro­chen wurden, waren nied­rige Löhne, fehlende Schutz­mass­nahmen für Gewalt­be­trof­fene, unzu­rei­chende Eltern­zeit und die Ungleich­ver­tei­lung von Reichtum.


«Die Forde­rung muss die Idee einer neuen Gesell­schaft transportieren.»

Eine Teil­neh­merin des natio­nalen Tref­fens der Femi­ni­sti­schen Streikkollektive

Für einige Zeit meldeten sich immer wieder Personen und brachten neue Miss­stände ein. Dann ergriff eine Frau aus der Romandie das Wort und betonte, dass die Probleme zwar viel­fältig seien, an dieser Stelle aber nicht alle gelöst werden könnten. «Eine einzelne Forde­rung auszu­ar­beiten, hat seine Stärke und kommt besser an.» 2019 seien die Forde­rungen zu breit gewesen – und die Medien hätten ledig­lich dieje­nige nach Lohn­gleich­heit aufge­griffen. «Wir sollten dieses Mal eine andere Stra­tegie fahren.»

Es fehle an Mitteln, die Forde­rungen durch­zu­setzen, betonte die nächste Person. Die Mehr­heit im Parla­ment sei gegen eine Arbeits­zeit­ver­kür­zung. «Wir haben keine Mittel, diese Forde­rungen zu erzwingen.» Es ginge also darum, die Idee einer Arbeits­zeit­re­duk­tion voran­zu­treiben. Ihr Ziel sei es, eine Initia­tive zu lancieren.

Wer eine Initia­tive lancieren wolle, solle das machen, antwor­tete ein*e andere Teilnehmer*in. «Aber wir brau­chen mehr!» Es sei die Idee einer neuen Gesell­schaft, die durch die Forde­rung trans­por­tiert werden müsse. Hier in der Schweiz habe man die höchste Arbeits­zeit in Europa, erwähnte wiederum eine andere Person. «Wir müssen eine Zukunfts­vi­sion aufstellen und siegen können!» Sie erntete Applaus.

Dann folgte die Abstim­mung. Trotz der ange­regten Diskus­sionen fiel das Resultat deut­lich aus: Eine klare Mehr­heit sprach sich zunächst dafür aus, sich auf eine einzige Forde­rung zu konzen­trieren. In einer zweiten Abstim­mung wurde dann beschlossen, eine Arbeits­zeit­ver­kür­zung bei vollem Lohn­aus­gleich zu fordern. Während der Mittags­pause konnten die anwe­senden Personen Ände­rungs­an­träge stellen, die am Nach­mittag disku­tiert wurden.

Eine Kompro­miss­ent­schei­dung

Nach dem Mittag­essen war die Luft heiss und stickig im Thea­ter­saal. Die Mode­ra­torin wies darauf hin, wie eng der Zeit­plan sei und dass sich alle mit ihren Wort­mel­dungen kurz halten sollten. In wenigen Stunden müsse die Entschei­dung feststehen.

Die in der Mittags­pause einge­reichten Ände­rungs­an­träge behan­delten unter anderem die Frage der Stun­den­an­zahl in der Forde­rung. Zur Debatte standen 25 oder 35 Stunden pro Woche – oder gar keine Stun­den­an­gaben. Das Feuer der Diskus­sion entfachte erneut. Die Teilnehmer*innen waren sich uneinig.

Das eine Lager plädierte dagegen, eine konkrete Maxi­mal­stun­den­zahl zu defi­nieren, da die Reali­täten in verschie­denen Sektoren zu unter­schied­lich seien. Ausserdem könnten so klei­nere Erfolge erzielt werden, die nicht der vorge­ge­benen Stun­den­an­zahl entsprä­chen. Wenn es also in einer Branche zu einer Arbeits­zeit­re­duk­tion auf 38 Wochen­stunden käme, wäre diese Errun­gen­schaft eben­falls sichtbar und könnte als solche aner­kannt werden. Bei einer starr defi­nierten Zahl sei das nicht der Fall.

Dieje­nigen Personen, die sich für die Formu­lie­rung mit einer konkreten Stun­den­an­zahl ausspra­chen, waren wiederum der Meinung, dass nur eine konkrete Zahl über­haupt ermög­licht, Erfolge zu erzielen und zu bemessen. «Bereits jetzt sind 50 Stunden pro Woche im Gesetz erlaubt», sagte eine Akti­vi­stin. Eine Forde­rung nach Arbeits­zeit­re­duk­tion ohne konkrete Angabe könne zur Folge haben, dass die Arbeits­zeit beispiels­weise ledig­lich auf 42 Stunden pro Woche redu­ziert würde. «Damit ist niemandem geholfen.»

In dieser Frage bleibt der Saal auch nach langem Schlag­ab­tausch gespalten: Die Abstim­mung fiel knapp zugun­sten der Formu­lie­rung ohne konkrete Stun­den­an­gaben aus.

Der nächste Antrag behan­delte die Frage, ob die Kollek­ti­vie­rung der unbe­zahlten Care-Arbeit in die Forde­rung einge­baut werden sollte. Einige Personen betonten, wie wichtig sie es fänden, diese Arbeit sichtbar zu machen. Andere äusserten Bedenken: «Wer eine Forde­rung stellt, richtet sie an eine Instanz. An wen soll diese Forde­rung gerichtet werden?»

Diese Abstim­mung fiel klar aus: Die Mehr­heit möchte den Zusatz zur unbe­zahlten Care-Arbeit. Trotzdem ging ein Raunen durch die Menge. Einige Personen meldeten sich und bemän­gelten, dass diese Entschei­dung die ganze Debatte vom Vormittag zunich­te­mache. Kurzer­hand entbrannte erneut eine Diskus­sion. Dann setzte die Mode­ra­tion den Einspra­chen ein Ende: Die Ände­rung sei demo­kra­tisch beschlossen worden und somit gültig. Die Zeit war mitt­ler­weile aufge­braucht, die Kollek­tive mussten zu einer Eini­gung kommen.

Bis zum Care-Streik 2027 gibt es noch viel zu tun.

Und trotzdem wurde ein weiterer Ände­rungs­wunsch disku­tiert: Die Forde­rung solle mit dem Zusatz «ein Ende der Ausbeu­tung bezahlter und unbe­zahlter Arbeit» versehen werden.

Eine Kriti­kerin meldete sich zu Wort und äusserte gene­relle Bedenken gegen das Vorgehen. «Reihen wir nun einfach alle mögli­chen Begehren anein­ander? Wir wollten doch eine prägnante Forde­rung stellen!» Dann ergänzte sie: «Wenn diese Formu­lie­rung aufge­nommen wird, können wir gleich das Ende des patri­ar­chalen Kapi­ta­lismus fordern.»

Einige Teilnehmer*innen hatten den Saal bereits verlassen. Die ange­ge­bene Zeit war längst über­schritten, und vielen stand noch ein mehr­stün­diger Heimweg bevor. Es kam zu weiteren Abstim­mungen der sicht­lich müden Menge. Dann stand nach über sechs Stunden inten­siver Diskus­sion endlich das Endergebnis fest: Die Femi­ni­sti­schen Streik­kol­lek­tive der Schweiz fordern die massive Redu­zie­rung der Lohn­ar­beits­zeit bei vollem Lohn­aus­gleich und ohne Inten­si­vie­rung der Arbeit sowie die Kollek­ti­vie­rung der unbe­zahlten Care-Arbeit.

«Es war hart, aber wir haben es geschafft!», sagte eine Person mit versöhn­li­cher Stimme und schaute von unten in die sitzende Menge. Die Begleit­texte zur Forde­rung und die lokalen Einzel­heiten werden zu einem anderen Zeit­punkt und von spezi­fi­schen Arbeits­gruppen bestimmt und ausge­ar­beitet. Bis zum Care-Streik 2027 gibt es noch viel zu tun.


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