Dicht gedrängt ziehen zehntausende Demonstrant*innen an diesem Sonntagnachmittag an der Promenade des Genfersees vorbei. «NO G7, NO NATO, GLOBALIZE RESISTANCE» steht auf einem der Transparente. Die Sonne knallt vom blauen Himmel, und auch die Stimmung der Masse ist aufgeheizt.
«Féministes, anticapitalistes!» skandieren die Vordersten. Der «No G7»-Protest fällt mit dem nationalen feministischen Streiktag am 14. Juni zusammen. Alle feministischen Streikkollektive der Romandie haben heute nach Genf mobilisiert. Sie sind die Hauptakteur*innen der über 60 Organisationen, die neben unzähligen Einzelpersonen am Gegenprotest beteiligt sind.
Nur knapp 40 Kilometer weiter östlich werden sich in den darauffolgenden Tagen die Regierungen der führenden westlichen Industrienationen – bestehend aus den USA, Kanada, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien und Grossbritannien – in Évian-les-Bains treffen. Dort beschliessen sie kriegerische und wirtschaftliche Strategien im Interesse ihrer Machterhaltung, von denen Milliarden Menschen betroffen sein werden. «Der G7 steht für alles, wogegen ich kämpfe», sagt eine Frau mit Pagenschnitt und violettem T‑Shirt. Sie ist heute aus Bern angereist. «Ich bin hier um mich gegen die kapitalistische Politik zu wehren – und gegen Imperialismus, Kolonialismus, Sexismus und Rassismus.»
Viel Sicherheitspersonal – aber noch viel mehr Demonstrant*innen
Das in Frankreich liegende Évian untersagte schon weit im Voraus jegliche Demonstrationen gegen das Gipfeltreffen und auch in Genf kämpften die Organisator*innen monatelang für eine Bewilligung der Demonstration. Schliesslich lenkte die Stadt Genf ein und gewährte ein Minimum an Demonstrationsrecht. Die heutige Route führt vom Parc de la Perle du Lac über das Quai Wilson am Bahnhof vorbei und über die Avenue de France zurück in den Park. Die Mont Blanc Brücke, auf deren anderer Seite Banken und Luxusgeschäfte liegen, dürfen die Demonstrant*innen aber nicht überqueren.

Emsig sicherten in der Innenstadt ansässige Geschäfte bereits Tage zuvor ihre Schaufenster mit Gittern und Holzspanplatten, sowie der Kanton seine Landesgrenzen zu Frankreich schon weit vor Beginn der Gegenproteste abriegelte. Über 800 Grenzbeamte stehen zur Sicherung der Grenze bereit – normalerweise sind es rund 60. Für den gesamten Gipfel sind über 20’000 Sicherheitskräfte im Einsatz: Neben Polizist*innen und Soldat*innen aus allen Regionen der Schweiz sind auch Spezialeinheiten und Beamte aus sieben weiteren europäischen Ländern angereist. Sie sind mit Motorrädern, Autos, Militärfahrzeugen, Hubschraubern und Reitertrupps unterwegs.
«Ich bin der Meinung, dass die Randalierer nicht die Menschen sind, die heute hier auf der Strasse demonstrieren. Die wahren Randalierer sind diejenigen, die sich beim G7 Gipfel versammeln. Gegen die gibt es keine Absperrungen», sagt eine Genferin über das Sicherheitsaufgebot für das Gipfeltreffen.
Den Beamten stehen über 50’000 Demonstrant*innen mit vielfältigen Anliegen gegenüber. Eine Vertreterin des Kollektiv Jaguar zum Beispiel ist heute hier, um sich für die Rechte der indigenen Gemeinschaft in Lateinamerika einzusetzen: «Die indigene Bevölkerung ist die Hauptleidtragende des Rohstoffabbaus wie Bergbau und Fischerei. Sie sind es, die es besonders trifft, was multinationale Konzerne den Menschen und der Natur antun.» Internationale Unternehmen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, erklärt sie auf Spanisch.

Eine andere Demonstrant*in geht spezifisch für feministische Anliegen auf die Strasse «und insbesondere für die Rechte von uns Bäuer*innen». Sie stünden ganz unten in der Wirtschaftskette, obwohl es die wichtigste Arbeit sei. «Für mich ist es ein und der selbe Kampf: Der Kampf gegen Imperialismus und reiche Eliten, die über die Lebensmittelpreise entscheiden und darüber bestimmen, wie wir Lebensmittel produzieren.»
Für viele Teilnehmer*innen ist der Genozid in Gaza ein Grund, wieso sie gegen die bestehende Ordnung protestieren, die substantiell von den Staaten der G7 ausgeht. «Ein ganzes Volk wird vernichtet und alle schauen zu», sagt eine junge Frau mit einer Kufiya um den Kopf. Ihr Begleiter, der heute zum ersten Mal an einem feministischen Streik dabei ist, ergänzt: «Die mächtigen Staaten radikalisieren sich – und der Faschismus ist das Ergebnis davon». Auf dem Weg zum Bahnhof steht ein Tesla in Flammen; in grüner Farbe wurde «Eat the Rich» darauf gesprüht.
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Ein gelungener Protest
Trotz des enormen Repressionsaufgebots des Staates agieren die Sicherheitskräfte erst zurückhaltend. Den Beamten ist die Furcht ins Gesicht geschrieben, als es in einer Seitenstrasse vor dem Bahnhof zu Schlagabtauschen kommt und Demonstrierende mit Flaschen in Richtung Polizei werfen. Hunderte Medienschaffende und Schaulustige stehen am Rande der Demonstration. Während der gesamten Strecke halten Anwohner*innen ihre Köpfe aus den Fenstern, winken den Demonstrant*innen zu oder reichen Wasserflaschen auf die Strasse. Ein wichtiger solidarischer Akt, denn eine der Vorkehrungen der Stadt Genf war es, trotz hoher Temperaturen an diesem Tag jegliche Brunnen in der Stadt abzudrehen.

In der Nähe des UNO-Gebäudes planen Feminist*innen eine Schweigeminute im Namen aller zu halten, «die Opfer jener Tyrannen sind, die das Völkerrecht missachten und Gewalt gegen die Bevölkerung einsetzen», erklärt die Stimme aus dem Megafon. Einige Meter weiter, an einem Kommunikationsgebäude der Vereinten Nationen, machen sich Aktivist*innen mit präzisen Schlägen daran, die Scheiben des Hochhauses einzuschlagen. Die vorbeiziehende Masse ist nahezu ruhig, bis die Polizei Gummigeschosse und Reizgas einsetzt und die Menschen zerstreut. Immer wieder ermahnen Demonstrant*innen sich gegenseitig, die Ruhe zu bewahren und nicht panisch loszurennen.
Zwei schwarz gekleidete Personen brechen mit Eisenstangen Pflastersteine aus dem Boden, zwei junge Frauen entfernen Überwachungskameras von einer Gebäudefassade. Ein schmaler Teenager schleift eine Baustellenlatte hinter sich her, ein anderer wirft der Polizei eine Leiter entgegen. Die meisten Demonstrant*innen aber ziehen in gemächlichem Tempo Richtung Avenue de France. Die Stimmung schwankt zwischen aufgebracht und gelassen hin und her. An einer Ecke hat sich gerade ein Singkreis gebildet, als dutzende Tränengashülsen über den Köpfen der Menschen wie Feuerwerk hinwegfliegen und vor deren Füssen landen, wo sich das krebserregende CS-Gas in Windeseile ausbreitet.

Ein Teil der Demonstration ist schon wieder am Ufer des Genfersees angekommen, als die Polizei unaufhörlich mit Reizgas feuert. Über mehrere Stunden hinweg blockieren sie eine Kreuzung am Park, in dem sich die Menschen vor über vier Stunden versammelt hatten. Die Luft ist stark vernebelt, die Masse verstreut sich weiter. Einige Demonstrant*innen erwischt das Gas so stark, dass sie sich krümmen und würgen müssen. Die selbst organisierten Sanitätsteams und gut vorbereitete Einzelpersonen helfen den Betroffenen, träufeln ihnen Augentröpfchen in die geröteten Augen und reichen ihnen Feuchttücher. Die Demonstrant*innen lassen sich nicht klein kriegen und halten über Stunden hinweg die Stellung. Barrikaden brennen, die Polizei schiesst mit Gummischrot durch das angrenzende Wäldchen hindurch auf Aktivist*innen, die wiederum mit Steinen und Feuerwerk antworten.
Gegen acht Uhr abends treiben etwa zwanzig Polizist*innen einige der übrig gebliebenen Aktivist*innen durch den Park Richtung Seeufer. Hier treffen sie auf hunderte teilnahmslose Personen, die ihren Sonntagabend auf der grünen Wiese verbringen. «Die Polizei kam und feuerte Tränengas in unsere Richtung», empört sich ein Mann mittleren Alters, der seit 15 Jahren in Genf wohnt und die letzten Stunden im Park verbracht hatte. «Hier sassen Menschen mit ihren Kindern, denen sie schnell etwas vors Gesicht halten und sie in Sicherheit bringen mussten». Das Vorgehen der Polizei sei völlig fahrlässig gewesen.

Etwa eine Stunde nach dem Einzug der Polizei in die Parkanlage kesselte sie über 500 Personen, angeblich um mögliche Verursacher*innen von Sachschäden zu finden. Das, obwohl laut dem Genfer Kantonspolizeisprecher «nur geringfügige Schäden» verursacht worden seien: ein paar Scheiben, einige Bushaltestellen und der besagte Tesla. Trotzdem hielt die Polizei hunderte Personen bis zu zwölf Stunden lang über Nacht am Seeufer fest – ohne Zugang zu Nahrung oder Toiletten.
Unter den Festgehaltenen befinden sich Touristinnen, Minderjährige, Journalist*innen, eine Wohnungslose, Passant*innen, Mitarbeiter*innen einer Buvette, Sprecher*innen der NoG7-Koalition und Personen des Sanitätsteams. Die Polizei kontrollierte, durchsuchte und fotografierte alle, bis sie 28 von ihnen auf die Wache mitnahm und drei davon vorläufig inhaftierte. Die Genfer SP-Staatsrätin und Polizeidirektorin Carole-Anne Kast verteidigte den Polizeieinsatz im Anschluss als «nahezu perfekt». Amnesty Schweiz hingegen kritisiert die Polizeiarbeit an diesem Tag, die Beamten hätten friedliche Demonstrant*innen und Unbeteiligte in Gefahr gebracht.
Trotz zehrendem Ende war es «ein wunderbarer Tag», wie ein Demonstrant sagt, der noch vor dem Kessel davongekommen ist. «Wir waren so viele – es war ein voller Erfolg!»
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