Dieser Beitrag ist die Zweitpublikation eines Artikels, der zuvor in einer aus dem Französischen übersetzten Version bei communaut erschienen ist. Das Lamm hat die Anmerkungen der Übersetzenden direkt in den Text übernommen. Ansonsten sind alle Ergänzungen aus Fussnoten des Originaltexts des Kollektiv artifice in gekenntzeichneten Zwischenabsätzen zu finden. Das Kollektiv artifice kommt aus Frankreich und setzt sich mit einer kommunistischen, autonomen und kritischen Perspektive mit den Bruchstellen dieser Zeit auseinander.
Seit dem 18. September 2026 und verstärkt seit Montag, dem 21., kam es an den Oberschulen in den Banlieues, den migrantisch-proletarischen Vorstadtgebieten von Paris, zu einer Reihe von Blockaden. Die unzureichende Ausstattung der Schulen und die Forderungen nach besseren Mitteln bildeten den Ausgangspunkt der Bewegung. In den darauffolgenden Tagen breitete sich diese auf das ganze Land aus und erreichte ein bislang beispielloses Ausmass, das sich am 29. September, dem üblichen Mobilisierungstag im öffentlichen Dienst zu Beginn des Schul- und Arbeitsjahres, noch weiter verstärken sollte. Parallel dazu verlagerte sich der Protest der Schüler*innen zunehmend auf die Strasse: Sie setzten Mülltonnen in Brand und schossen mit Feuerwerkskörpern auf Polizeikräfte, sofern sie nicht gleich ihre eigene Schule anzündeten. Das Ministerium gibt bekannt, dass 24 Gymnasien beschädigt oder in Brand gesetzt wurden.
In diesem Zusammenhang ist es schon komisch, dass sich die Regierung auf eine Karte der Wahlkreise der Linkspartei La France Insoumise (LFI) stützt, um zu beweisen, dass die Bewegung von dieser gesteuert wird, während diese Karte vor allem den Banlieue-Charakter der Bewegung verdeutlicht. Wir werden uns nicht dazu herablassen, die Lächerlichkeit dieser Theorie zu kommentieren.
Von Beginn an war die Repression der Polizei besonders brutal. Einem Jugendlichen wurde ein Auge ausgeschossen, einem anderen viele Zähne ausgeschlagen und der Kiefer gebrochen, einem Dritten die Hand abgerissen, um nur die spektakulärsten Fälle einer entfesselten staatlichen Gewalt zu nennen. Doch diese Repression zeigt sich auch auf justizieller Ebene, mit bislang mehr als 2300 Strafverfahren innerhalb von gerade einmal wenigen Wochen. Diese Zahlen erinnern an die repressive Bilanz der Ausschreitungen nach dem Tod von Nahel Merzouk, der am 27. Juni 2023 im Pariser Vorort Nanterre von einem Polizisten erschossen wurde. Daraufhin kam es zu landesweiten Ausschreitungen: Mehr als 2100 Strafverfahren, von denen die meisten zu einer Verurteilung führten. Auch erinnern die Zahlen an die Gelbwestenbewegung mit rund 5300 Vorladungen vor Gericht im Zeitraum ihrer Mobilisierung von sechs Monaten.
Dennoch lässt sich die Mobilisierung der Schüler*innen jetzt nicht darauf beschränken, dass sie einer starken Repression unterliegt. Während die Linke in ihrer Gesamtheit – selbst die «extreme», «radikale» oder «entschlossene» Linke – offenbar nicht viel mehr zu tun weiss, als diese Aspekte in den Vordergrund zu rücken, scheint es uns notwendig, einige andere Elemente hervorzuheben.
Es ist niemals einfach eine Bewegung zu analysieren, die noch im Gange ist. Dennoch lassen sich einige wichtige Anhaltspunkte für das allgemeine Verständnis gewinnen, wenn man die jüngsten Entwicklungen des Klassenkampfs in Frankreich betrachtet.
«Fass mein Kind nicht an»
Natürlich kann es nicht darum gehen, die Abscheulichkeit der polizeilichen und juristischen Reaktion zu verharmlosen. Aber man sollte dennoch die Frage stellen, warum einer derart aussergewöhnlichen Bewegung so beharrlich ein Deutungsraster übergestülpt wird, das sie vor allem als Opfer betrachtet. Die Schüler*innen handeln politisch und werden dafür vom Staat mit Repression überzogen. Es wäre also an der Zeit, dass die Generation der erschöpften Aktivist*innen aufhört, sich ihnen gegenüber in einer Vormundschaftspflicht zu wähnen.
Der Austausch von Praktiken zwischen den Generationen, etwa Wissen über Antirepression und über Methoden, um den Polizeiapparat auszutricksen und ihm entgegenzutreten, ist wertvoll und trägt auch zur Lebendigkeit der Bewegung bei. Doch anzunehmen, Erwachsene hätten diesen jungen Aufständischen mehr beizubringen als umgekehrt, wäre ein schwerer Fehler, der zwangsläufig zu einer bevormundenden und sterilen Haltung führen würde. Behaltet eure Predigten für euch, ihr Moralapostel und Frömmler. Die Schüler*innen brauchen eure grossen Worte nicht, um eine radikale Kritik an dieser Welt zu formulieren.
Diese bevormundende Herangehensweise erreichte am Dienstag, dem 6. Oktober, ihren Höhepunkt, als die Linke versuchte im Namen der Vereinigung der Kämpfe – später wird im Text die Vereinigung der Kämpfe oft als Konvergenz bezeichnet –, die Bewegung in die Richtung einer Gewerkschaftsdemonstration zu lenken. Einem Aufruf von Jean-Luc Mélenchon folgend, versuchte eine Gruppe von Abgeordneten, Aktivist*innen und Gewerkschafter*innen – kurz gesagt: verantwortungsbewussten Erwachsenen – mit weissen Helmen, sich zwischen eine Polizeieinheit und die Schüler*innen zu stellen. Ganz zur Freude der Regierung. Der Bildungsminister Édouard Geffray erklärte im Morgenmagazin von FranceInfo: «Ich halte es für sehr gesund für die gesellschaftliche und schulische Demokratie, dass es eine Demonstration gibt. Es ist das erste Mal seit zehn Tagen, dass wir eine Bewegung erleben, die sich in einen organisierten, demokratischen und legalen Rahmen einfügt.»
Die Gauchistes sollen die Klappe halten und sich zu Kompliz*innen des wunderbaren Aufbruchs der Schüler*innen machen, der jede Behauptung widerlegt hat, die Jugend sei apathisch.
Das Ziel der Konvergenz der Kämpfe war, «die Demonstration der Jugendlichen einzurahmen, um sie vor dem Verlust eines Auges und vor Tränengas zu schützen.» Zur grossen Überraschung der Weisshelme waren ihnen die Jugendlichen dafür nicht besonders dankbar und durchbrachen die Absperrung, um den Polizist*innen direkt entgegenzutreten. Angesichts des Opferdiskurses konnte die Antwort nur in Taten bestehen.
In dieselbe Richtung geht die immer wieder gezogene Parallele zwischen der heutigen Bewegung und den Gelbwesten. Die Schüler*innen mit den Besetzungen der Kreisverkehre gleichzusetzen, ermöglicht es den abgehängten linksradikalen Gauchistes, die Bewegung zu legitimieren, sie zu verflachen und ihr eine «politische» Substanz zu verleihen. Genau das hatten sie bereits bei den Gelbwesten versucht, indem sie mit grossem Aufwand Vollversammlungen organisierten. Es geht ihnen darum, das Geschehen ausschliesslich als soziale Bewegung darzustellen, die höhere Ausgaben für die öffentlichen Dienste fordert. Umso fragwürdiger ist dieser Vergleich, wenn man bedenkt, dass sich möglicherweise viel mehr unausgesprochene Gemeinsamkeiten mit den Ausschreitungen nach dem Tod von Nahel finden lassen.
Unabhängig von der konkreten Form der Ausschreitungen scheint offensichtlich, dass ein beträchtlicher Teil der Aufständischen aus denselben Vierteln stammt wie vor drei Jahren – das erklärt zum Teil den Eifer einer Polizei, die es gewohnt ist, auf Jugendliche aus den migrantisch geprägten Bevölkerungsgruppen der Arbeiter*innenviertel ohne Vorwarnung zu schiessen. Es lässt sich bis jetzt nur feststellen, dass sich nach wie vor geweigert wird, die Ausschreitungen im Sommer 2023 ebenso wie die heutigen politisch zu denken und als Klassenkämpfe zu begreifen.
Die Bewegung der Schüler*innen geht in erster Linie vom Zorn der Jugendlichen aus den Banlieues aus. Nur von unschuldigen Kindern zu sprechen, die es zu schützen gilt, bedeutet, die Bewegung zum Schweigen zu bringen und zu befrieden. Zugleich geraten dadurch die Klassen- und Rassifizierungsfragen, an denen sich die Konfliktlinien innerhalb der Bewegung entzünden, in den Hintergrund. Die Gauchistes sollen also die Klappe halten und sich zu Kompliz*innen des wunderbaren Aufbruchs der Schüler*innen machen, der jede Behauptung widerlegt hat, die Jugend sei apathisch. Stattdessen ersticken sie jede Initiative mit ihren trübsinnigen Ratschlägen, die sie als Expert*innen für das Scheitern von Mobilisierungen zum Besten geben.
Interklassismus und Forderungen
Weniger zugespitzt formuliert gibt es durchaus einige kritische Stimmen, die sich zumindest an der medialen Aufmerksamkeit stören, die den bürgerlichen Pariser Schulen und Gymnasien zuteil wird. Natürlich ist die Bewegung der Schüler*innen per Definition interklassistisch. Damit ist allerdings noch nicht viel gesagt, denn die Klassenzusammensetzung zeitgenössischer Kämpfe war noch nie besonders einheitlich. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welcher Teil der Bewegung sich durchsetzen wird. Auch wenn die bürgerlichen Schulen und Gymnasien in Paris in den Vordergrund gerückt werden und ihre Sprecher*innen als Repräsentant*innen der gesamten Bewegung gelten, ist es noch zu früh, daraus auf ihre Hegemonie zu schliessen. Und ohnehin lässt sich das interne Kräfteverhältnis einer Bewegung nicht anhand ihrer medialen Präsenz beurteilen.
Zu Beginn richteten sich die Forderungen der Bewegung vor allem auf die Lernbedingungen der Schüler*innen. Der Personalmangel, die daraus resultierende Überfüllung der Klassen und die maroden Schulgebäude schienen die Versprechen der «republikanischen Schule» zu brechen – was sich unter anderem an der starken Präsenz französischer Flaggen und dem Anstimmen der Marseillaise, der Nationalhymne der Französischen Republik, bei den Blockaden zeigte, auch von anderen Leuten als den LFI-Aktivist*innen. Mit der Ausweitung der Bewegung und der Repression kamen weitere Forderungen hinzu, die zunehmend von der Perspektivlosigkeit einer Jugend geprägt waren, der nichts als Arbeitslosigkeit, Krieg und ein Oktober mit 25 °C in Aussicht gestellt werden. Das Beispiel des Lycée Fécamp im Département Seine-Maritime, dessen Schüler*innen gegen die «Verteidigungsklasse» und gegen Genozide protestieren, zeigt, wie stark die Schüler*innen diese Themen politisieren.
Hier wichtig zu erwähnen sind beispielsweise die überladenen Stundenpläne – der sogenannte 8-bis-18-Uhr-Tag» –, die eine direkte Folge der Reform der Bildungsgänge der allgemeinen Hochschulreife darstellen, das Handyverbot oder auch das staatliche Online-Bewerbungs- und Zulassungsverfahren «Parcoursup» für Studienplätze an französischen Hochschulen, das für viele Schüler*innen zu einer regelrechten Angstmaschine mit Blick auf ihre Zukunft wird.
Die Institution erfüllt ihre Aufgabe, die Arbeitskraft der Schüler*innen nach unterschiedlichen Kategorien auszusortieren.
Auch wenn es noch zu früh ist, von einem Verschwinden der Forderungen nach einer egalitäreren Schule zu sprechen, verliert der republikanische Diskurs, der ihnen zugrunde liegt, zunehmend an Bedeutung. Und das aus gutem Grund, denn dieser Diskurs hält der tatsächlichen Funktionsweise einer Institution nicht stand, die damit beauftragt ist, die Kinder der Proletarier*innen von den Bürgerkindern auszusortieren. Dabei kann man etwa an die Berufsberatung, die Einteilung der Schüler*innen in bestimmte Schulbezirke, die Vielzahl an Wahlmöglichkeiten und die impliziten Hierarchien zwischen den verschiedenen Bildungsgängen denken, aber auch an die Unterfinanzierung der Oberschulen in den Arbeiter*innenvierteln und an das Zusammenspiel mit dem privaten Bildungssektor. All das trägt dazu bei, dass die Schule ihre Aufgabe erfüllt, die Arbeitskraft nach unterschiedlichen Kategorien auszusortieren.
Seit den 1980er-Jahren bestand die einzige wesentliche Veränderung darin, dass Kinder aus Arbeiter*innenfamilien Zugang zur Sekundarstufe erhielten, während sie zuvor direkt in die Fabrik geschickt wurden. Wenn die Schule heute in der Krise zu stecken scheint, dann deshalb, weil niemand mehr an das Versprechen glaubt, dass allein Leistung über den schulischen Erfolg entscheidet.
Jenseits der grundsätzlichen Funktion des Bildungssystems, die kapitalistische Produktionsweise zu reproduzieren, hat die aktuelle Protestwelle sowohl konkrete politische Massnahmen wie die Einführung von «Parcoursup» als auch längerfristige Entwicklungen als Ursache. So kürzt der Staat die Mittel für die Sekundarstufe bereits seit den 1990er-Jahren kontinuierlich. Was heute mit Nachdruck angeprangert wird, ist also keineswegs neu, sondern Ausdruck der Organisation sozialer Reproduktion durch die Schule im restrukturierten Kapitalismus.
Eine Schulreform, die die versprochene republikanische Gleichheit verwirklicht, ist selbstverständlich unmöglich, denn das war nie die Aufgabe der Schule.
Die Schule soll nicht länger Menschen hervorbringen, die für bestimmte Tätigkeiten in der Industrie qualifiziert sind, sondern vielmehr Menschen, die je nach Bedarf flexibel in anderen Wirtschaftsbereichen eingesetzt werden können. Eine Schulreform, die die versprochene republikanische Gleichheit verwirklicht, ist selbstverständlich unmöglich, denn das war nie die Aufgabe der Schule.
Doch selbst blosse Anpassungen, die in diese Richtung gingen, können nur fromme Wünsche bleiben, ganz gleich, was die Linke behauptet. Die Kämpfe werden seit Jahrzehnten von der Unmöglichkeit geprägt, überhaupt Forderungen zu stellen. Weil es kaum möglich ist, konkrete Forderungen durchzusetzen, entlädt sich die Wut zunehmend auf diffuse Weise und richtet sich gegen die eigenen Lebensbedingungen. Von den Schulbränden im Jahr 2023 bis zu denen an den Oberschulen im Jahr 2026 zeigt sich diese Zurückweisung der eigenen Situation als Schüler*in auch in konkreten Handlungen.
Wie bereits weiter oben erwähnt, darf man die Ungleichartigkeit der Bewegung nicht ausser Acht lassen, die von zahlreichen Widersprüchen und unterschiedlichen Klasseninteressen durchzogen ist. So bestehen mehrere Realitäten nebeneinander. Da ist zum einen die ursprüngliche Forderung nach mehr Mitteln für das staatliche Bildungswesen, die den Funken für die Bewegung lieferte. Zum anderen gibt es unter vielen Jugendlichen eine weitaus negativere Haltung, denn sie sind sich bewusst, dass sie ohnehin schon den Kürzeren gezogen haben, etwa Schüler*innen an Berufsschulen und Jugendliche, die das Schulsystem bereits verlassen haben.
Die Zusammenführung der Kämpfe?
Während Aufrufe zur Zusammenführung – oder Konvergenz – der Kämpfe gewöhnlich als Pflaster dienen, wenn es an einer politischen Perspektive fehlt, erweisen sie sich heute ziemlich deutlich als eine Form der Aufstandsbekämpfung. Es geht darum, die Bewegung zu befrieden, indem man sie in traditionelle Kampfformen einbindet. So soll auf eine friedliche Blockade am Morgen eine organisierte Demonstration am Nachmittag folgen.
Schon die Vorstellung einer solchen Zusammenführung wirft Fragen auf. Denn was haben Masterstudent*innen an der Elitehochschule für Sozialwissenschaften EHESS und Schüler*innen an einer Berufsschule schon gemeinsam? Die Aktionen der Jugendlichen aus den Banlieues werden so in einer gewerkschaftlichen und studentischen Routine verwässert. Auch hier läuft alles darauf hinaus, dass der Aufruf zur Konvergenz der Kämpfe vor allem dazu dient, die weniger angepassten Teile der Bewegung zum Schweigen zu bringen. Diese Konvergenz zielt auf die Schüler*innen aus den Arbeiter*innenvierteln, die Steine auf die Polizei werfen und sie verprügeln.
Während die Linke die Bewegung als Schüler*innenbewegung betrachtet, behandelt der Staat sie als einen urbanen Aufstand, den es niederzuschlagen gilt. Die Polizeibrutalität ergibt vor diesem Hintergrund durchaus Sinn, denn sie macht vielmehr die Gesamtheit der Kontrollmechanismen sichtbar, denen die Arbeiter*innenviertel unterworfen sind, als dass sie auf eine politische «Schwäche» oder «Angst» der Regierung hindeutet.
Abgesehen von den oben genannten Zahlen ist der Einsatz von Rammfahrzeugen gegen Gruppen von Jugendlichen eher ein Mittel aus dem Arsenal der kolonialen Verwaltung von Stadtvierteln als der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung.
Die Gelbwesten wurden mit leeren Versprechungen abgespeist, bevor die Protestwelle schliesslich an ihren eigenen demokratischen Ansprüchen erstickte.
Sämtliche Analysen und Aufrufe der Linken, den Kampf der Schüler*innen auszuweiten, richten sich damit in der Praxis gegen den aufständischen Teil der Bewegung und somit gegen das Radikalste, was diese Bewegung zu bieten hat. Um es klar zu sagen: Zwischen den jungen Proletarier*innen, die wissen, dass sie nicht einmal den miserablen Lebensstandard ihrer Eltern erreichen werden, und jenen, denen der Zugang zu höherer Bildung noch offensteht, hat die Linke ihre Wahl getroffen.
Wie schon während der Gelbwestenbewegung und noch deutlicher im Sommer 2023 gründet sich der Kampf auf die Unmöglichkeit, die eigenen Lebensbedingungen zu reproduzieren. Diese Episode des Klassenkampfs ist somit unmittelbar Teil der umfassenden Krise der Reproduktion, die weltweit immer wieder Aufstände hervorruft und sich in jüngster Zeit weiter verschärft hat. Für Schüler*innen, Arbeiter*innen oder Studierende gibt es keine Möglichkeit mehr, etwas zu erreichen, wenn sich die Lebensbedingungen in den jeweiligen Bereichen nicht mehr verbessern lassen. Erinnern wir uns daran, dass die Gelbwesten trotz ihrer unglaublichen Offensivkraft mit leeren Versprechungen abgespeist wurden, bevor die Protestwelle schliesslich ein Ende fand, erstickt an ihren eigenen demokratischen Ansprüchen.
Über die Frage der Lernbedingungen hinaus ist auch bemerkenswert, dass die Bewegung zeitlich mit den Protesten in Spanien gegen die Wohnungsnot und mit den Protesten in Deutschland gegen die Wehrpflicht zusammenfällt. Denn Aufrüstung und Sparpolitik gehen nur allzu oft Hand in Hand. Bleiben wir beim französischen Beispiel, lässt sich auch ein Zusammenhang mit der Frage der Kraftstoffpreise herstellen. Der französische Premierminister Sébastien Lecornu hat das durchaus erkannt und den Schüler*innen mit einer Massnahme an der Zapfsäule geantwortet, obwohl diese bereits seit Wochen von der G7 geplant war.
Die Form des «städtischen Aufstands» drängt sich damit geradezu als einzige Möglichkeit auf, überhaupt noch in Erscheinung zu treten und die eigene Lage zum Ausdruck zu bringen. Das gilt für alle Beteiligten, sowohl für die Schüler*innen, die erkennen, dass ihnen keine Zukunft offensteht, als auch für den Staat, der nichts mehr zu bieten hat. Angesichts einer solchen Krise der Reproduktion bleiben nur noch Aufstände gegen das, was uns ausmacht und unseren Platz in dieser Gesellschaft bestimmt, sowie eine sterile soziale Bewegung, die ihre befriedende Funktion kaum noch erfüllen kann, während das Kapital nicht einmal mehr bereit ist, ihr ein paar Brosamen zu überlassen.
Und jetzt?
Nachdem all das gesagt ist, ist es an der Zeit, eine Reihe offener Fragen (nicht) zu beantworten.
Als erstes die Frage, in welche Richtung sich die Bewegung entwickelt. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich nicht sagen, ob die Herbstferien, die symbolischen Zugeständnisse der Regierung und der weit entfernte Mobilisierungstermin des 17. Oktober ausreichen werden, um der Dynamik den Schwung zu nehmen. Die zunächst angekündigte und dann wieder abgesagte Schliessung der Oberschulen scheint dazu beigetragen zu haben, dass die Blockaden im Laufe der restlichen Woche aufrechterhalten wurden. Auch die Mobilisierung der Studierenden und ihrer Organisationen lässt sich als Entwicklung der Bewegung hin zu einer ausgesprochen klassischen Form sozialer Bewegung verstehen. Allerdings könnte es verfrüht sein, dieses traurige Szenario bereits als ausgemacht anzusehen. Damit würde man womöglich die Kreativität der Jüngsten unterschätzen, aber auch vor einem Ausgang zurückschrecken, dessen historische Überlebtheit sich längst gezeigt zu haben scheint.
Schliesslich hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass der Ausweg über den «Dialog», der für die Existenz einer sozialen Bewegung geradezu grundlegend ist, vom Staat systematisch verweigert wird. Darüber hinaus scheint sich die Mobilisierung auf weitere europäische Länder auszubreiten. Sollte sich dieser Trend bestätigen, wäre das eine ziemlich bemerkenswerte Neuerung für die sozialen Bewegungen der Gegenwart. Selbst abgesehen von einem transnationalen Qualitätssprung ist es bezeichnend, dass die Reproduktionskrise in den Kernländern des Kapitalismus so viele junge Menschen auf die Strasse treibt – ganz gleich, ob der Auslöser die Situation an den Oberschulen, die Wohnsituation oder etwas anderes ist.
Vielleicht liegt genau darin die einzige mögliche Konvergenz dessen, was gerade geschieht, nämlich in der schonungslosen Kritik an dieser Welt durch diejenigen, die nicht einmal mehr eine Welt zu gewinnen haben und deshalb im Kampf gegen diese Welt nichts mehr zu verlieren haben.
Bei Analysen, die mitten im Geschehen geschrieben werden, ist es üblich, modische Allgemeinplätze und bedeutungslose Aufforderungen dazu aneinanderzureihen, wie es mit der Bewegung weitergehen soll. Ein aufgewärmtes «Was tun?» für all jene, die linke Texte lesen, als könnte der Wille der Aktivist*innen die Dynamik eines Aufstands verändern. Diese nutzlose Aufgabe wollen wir uns ersparen. Es ist an den proletarischen Schüler*innen, weiterhin unverschämte Fluchtlinien zu ziehen. Darin sind sie besser als die Aktivist*innen.
Bevor wir eine wirkliche Bilanz der Bewegung ziehen können, bleibt uns nur, sie aktiv zu unterstützen, uns ihren Kämpfen so weit wie möglich anzuschliessen, ohne uns an ihre Stelle zu setzen. Es geht nicht um Unterstützung aus der Ferne, bei der man passiv applaudiert, während die Schüler*innen an vorderster Front verprügelt werden. Es geht darum, an ihrer Seite zu stehen, gemeinsam Schläge einzustecken und angesichts der Repression solidarisch zu bleiben.
Also: Freiheit für die verhafteten Schüler*innen, hoch leben die Schuldigen und mögen alle Schulen brennen.
Der Text wurde aus dem Französischen übersetzt. Eine kommentierte Version des Artikels in Deutscher Sprache erschien zuvor bei communaut.
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