Wer von Angriffen auf Rojava spricht, darf von west­li­chen Inter­essen nicht schweigen

Die kurdi­sche Selbst­ver­wal­tung im Nord­osten Syriens befindet sich in akuter Gefahr. Europa unter­stützt dabei dschi­ha­di­sti­sche Kräfte, anstatt die demo­kra­ti­sche Revo­lu­tion in Rojava zu schützen. Den jüng­sten Angriffen gingen inter­na­tio­nale Entwick­lungen und west­liche Inter­essen voraus. 
Auf der ganzen Welt demonstrieren Menschen solidarisch mit Rojava – hier am 20. Januar in Bern. (Bild: Kritisches Fotografiekollektiv)

Es ist der 10. Januar 2026, als eine Sprach­nach­richt aus Aleppo die kurdi­sche Selbst­ver­wal­tung Rojava erreicht und für immer verän­dern wird: «Unser Freund Ziyad ist gefallen. Möge die Welt unter­gehen…», ertönt die Frau­en­stimme aus dem Telefon. Es ist eine Nach­richt, die zum Schrei des ganzen kurdi­schen Volkes mutieren wird. Ziyad Heleb war eine unsicht­bare Schlüs­sel­figur im kurdi­schen Frei­heits­kampf gegen das Assad-Regime, den Isla­mi­schen Staat (IS) und die Türkei, und setzte seine Existenz seit Beginn der basis­de­mo­kra­ti­schen Revo­lu­tion 2012 für den Wider­stand aufs Spiel.

Seine letzte Front war das kurdi­sche Viertel Şêxmeqsûd in Aleppo, das vier Tage zuvor, am 6. Januar, von syri­schen Regie­rungs­truppen mit türki­scher Unter­stüt­zung ange­griffen wurde. Nach dem Sturz des Dikta­tors Assad im Dezember 2024 häuften sich Angriffe dschi­ha­di­sti­scher Kräfte auf Minder­heiten. Nun stehen die Kurd*innen in Aleppo im Kreuz­feuer: Laut UN wurden bereits 119’000 Menschen vertrieben, viele Zivilist*innen getötet, verschleppt und misshandelt.

Um zu verstehen, was einmal mehr dazu geführt hat, dass Kurd*innen vor den Augen der Welt­öf­fent­lich­keit ange­griffen werden, ist es wichtig, die west­li­chen Inter­essen dahinter zu erkennen.

Syrien unter der Führung eines ehema­ligen al-Qaida-Kämpfers

Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 entstand in Damaskus eine neue poli­ti­sche Ordnung, getragen von der isla­mi­sti­schen Allianz Hayat Tahrir al-Sham (HTS; «Komitee zur Befreiung der Levante») und anderen sunni­tisch-isla­mi­sti­schen Akteuren. Inter­na­tional wurde diese neue Führung als Über­gangs­re­gie­rung aner­kannt. Gleich­zeitig wurden weitere isla­mi­sti­sche Gruppen in die Sicher­heits- und Mili­tär­struk­turen des Staates einge­bunden, darunter auch die von der Türkei unter­stützte Syri­sche Natio­nale Armee (SNA).

Die Über­gangs­re­gie­rung beab­sich­tigt die Sharia, das isla­mi­sche Rechts­sy­stem, in Syrien einzu­führen und hat das Ziel einen zentra­li­sti­schen arabi­schen Staat zu errichten, welcher Kurd*innen, Drus*innen, Alawit*innen und anderen Minder­heiten kein Recht auf Mitbe­stim­mung einräumt. Schon in den ersten Monaten nach der Macht­er­grei­fung verübte diese Über­gangs­re­gie­rung Massaker gegen Alawit*innen und Drus*innen und brachte tausende Menschen um ihr Leben.

An der Spitze der Über­gangs­re­gie­rung steht Ahmed al-Scharaa, früher auch unter dem Kampf­namen Abu M. al-Dschau­lani bekannt. Während der US-Besat­zung im Irak kämpfte Scharaa für al-Qaida und war fünf Jahre in US-Mili­tär­ge­fäng­nissen inhaftiert.

Was den dschi­ha­di­sti­schen Scharaa zum Präsi­denten Syriens machte, sind die US-zentrierten west­li­chen Inter­essen im Nahen Osten.

Während sich die isla­mi­sti­sche HTS-Offen­sive im Dezember 2024 vor allem gegen das bishe­rige Assad-Regime rich­tete, nutzte die Türkei die Situa­tion, um die Errun­gen­schaften der ökolo­gi­schen, femi­ni­sti­schen und basis­de­mo­kra­tisch verwal­teten Region Rojavas gemeinsam mit der syri­schen Armee anzu­greifen. Bereits in den Jahren 2016, 2018 und 2019 hatte die Türkei Gebiete der auto­nomen Selbst­ver­wal­tung in Nord­sy­rien unter dem Vorwurf des «Terro­rismus» besetzt – ein beliebter Vorwurf der Türkei, die die kurdi­sche Auto­nomie seit der Grün­dung der Türki­schen Repu­blik poli­tisch nicht akzep­tiert hat.

Neuge­stal­tung des Nahen Ostens nach west­li­chen Interessen

Was den dschi­ha­di­sti­schen Scharaa zum Präsi­denten Syriens machte, sind die US-zentrierten west­li­chen Inter­essen im Nahen Osten, die seit dem 7. Oktober 2023 noch deut­li­cher hervor­ge­treten sind. Konkret geht es um eine Neuge­stal­tung des Nahen und Mitt­leren Ostens entlang neuer west­li­cher Prio­ri­täten: Im Zentrum steht Russ­land und den Iran mili­tä­risch, poli­tisch und wirt­schaft­lich zurück­zu­drängen und Palä­stina, Libanon, Syrien, Jemen, Irak und eben­falls den Iran im Inter­esse des west­li­chen Kapi­tals zu formen. 

Für die Umset­zung dieses Plans brauchte die USA jedoch einen verläss­li­chen Partner in der Region. Die Türkei konnte es nicht sein, weil die türki­sche Regie­rung seit Jahren mit Russ­land zusam­men­ar­beitet und in vielen Konflikten und Kriegen wie in der Ukraine eine zwei­glei­sige Politik betreibt, eigene Macht­an­sprüche in der Region hat und damit ihre west­li­chen Partner unter Druck setzt. So wurde auf dem G20-Gipfel im Jahr 2023 mit dem IMEEC-Abkommen (Indian-Middle East Economic Corridor) beschlossen, dass Israel eine stra­te­gisch wich­tige Rolle in der Region zuge­teilt werden muss. Denn dieses Abkommen sieht vor, dass die Handels- und Ener­gie­routen von Indien nach Europa über Israel und über die von Israel besetzten Gebiete Palä­stinas führen sollen.

Auch Scharaa, der ehema­lige al-Qaida-Kämpfer, wurde im Rahmen dieses Plans von west­li­chen Diplo­maten als Alter­na­tive zu Assad heran­ge­zogen und nach einem zwölf Tage dauernden, beinahe «symbo­li­schen» Krieg an die Spitze des syri­schen Staates gesetzt. Deshalb konnte er als erster syri­scher Staats­prä­si­dent seit 60 Jahren die USA besu­chen und erhielt wirt­schaft­liche Unter­stüt­zung euro­päi­schen Länder.

Im Zuge dieser Entwick­lungen haben sich die Kräf­te­ver­hält­nisse im Nahen Osten verschoben und verschieben sich weiter. Auch wenn die Türkei dabei keine entschei­dende Rolle spielt, kann sie die Umge­stal­tung Syriens dennoch mitprägen – nicht zuletzt wegen ihrer über 70-jährigen NATO-Mitglied­schaft und ihrer Feind­se­lig­keit gegen­über den Kurd*innen, die in ihrer alter­na­tiven Selbst­ver­wal­tung leben wollen. So wird das «neue Syrien» heute wirt­schaft­lich, mili­tä­risch und diplo­ma­tisch von der türki­schen Regie­rung unter­stützt und mitgestaltet.

Ange­sichts dieser enormen Umwäl­zungen in der gesamten Region nach dem Sturz Assads, die sich vor ihrer Haustür abspielten, sah die Türkei ihre Existenz und ihre Inter­essen in Gefahr. Sie befürch­tete, dass die Kurd*innen von dem Macht­va­kuum profi­tieren könnten und weitere kurdisch geprägte Regionen in Syrien und der Türkei nach Befreiung streben würden.

Um die Befreiung abzu­wenden, nahmen die Türkei Gespräche zu Abdullah Öcalan, dem seit 1999 inhaf­tierten Mitbe­gründer der PKK auf, um einen Frie­dens­pro­zess zu beginnen. Daraufhin leitete Öcalan am 27. Februar 2025 den Prozess mit dem türki­schen Staat ein – mit dem Ziel, die PKK und die kurdi­sche Frei­heits­be­we­gung neu zu ordnen, um sie auf die aktu­elle Lage vorzu­be­reiten und wenn möglich die kurdi­sche Frage fried­lich zu Lösen. Um den Weg für den Prozess zu ebnen, rief er die PKK dazu auf, sich aufzulösen.

Der Westen lässt die Kurd*innen und die Völker Rojavas aus Eigen­in­ter­esse im Stich – und das nicht zum ersten Mal.

Parallel dazu leiteten die Syri­schen Demo­kra­ti­schen Kräfte, die Streit­kräfte der Selbst­ver­wal­tung Rojavas, mit dem Abkommen vom 10. März und 1. April 2025 einen Waffen­still­stands- und Verhand­lungs­pro­zess in Syrien ein. Sie erklärten, dass sich die Selbst­ver­wal­tung Rojava in Nord- und Ostsy­rien nach einem dezen­tra­li­sti­schen Verständnis in das neue Syrien inte­grieren könnte. Das würde bedeuten, dass die Selbst­ver­wal­tung und die dazu­ge­hö­rigen poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Struk­turen bestehen bleiben und sie vom syri­schen Staat aner­kannt werden.

Im Verlauf des Jahres 2025 fanden in der Türkei und in Syrien dutzende Gespräche statt. Die türki­sche Seite erklärte, dass sie ein dezen­tra­li­sti­sches Syrien nicht akzep­tieren würden. Darauf­fol­gend fanden Anfang Januar 2026 in Damaskus die letzten Gespräche zwischen den Syri­schen Demo­kra­ti­schen Kräften (SDF) und der isla­mi­sti­schen Über­gangs­re­gie­rung statt; als diese ohne Ergebnis blieben, erklärte die Über­gangs­re­gie­rung den demo­kra­ti­schen Streit­kräften den Krieg.

Die neusten Angriffe auf Kurd*innen und Rojava

Am 5. Januar 2026 unter­zeich­neten Israel und die isla­mi­sti­sche syri­sche Über­gangs­re­gie­rung in Paris – begleitet von den USA und der Türkei – ein «Sicher­heits­ab­kommen», was Israel und Syrien zu Part­nern macht und die Über­gangs­re­gie­rung legitimiert.

Am näch­sten Tag, dem 6. Januar 2026, begannen die Angriffe auf Aleppo.

Am 9. Januar reiste die Präsi­dentin der Euro­päi­schen Kommis­sion, Ursula von der Leyen, nach Damaskus und offe­rierte der neuen isla­mi­sti­sche Regie­rung 620 Millionen Euro für den Wieder­aufbau. Somit entschied sich Europa für die Unter­stüt­zung des dschi­ha­di­sti­schen Scharaa und gegen die demo­kra­ti­sche, geschlech­ter­ge­rechte und ökolo­gi­sche Revo­lu­tion in Rojava.

Die Stadt­teile Şeyh Mexsuq und Eşre­fiye, in denen 42’000 Regime­truppen gegen 300 Kämpfer*innen der inneren Sicher­heits­kräfte kämpften, wurde am 11. Januar von der syri­schen Über­gangs­re­gie­rung besetzt. Während der Angriffe töteten die Regime­truppen hunderte Menschen, darunter Ziyad Heleb, schän­deten die Leich­name kurdi­scher Kämpfer*innen, bombar­dierten Kran­ken­häuser und vertrieben über 140’000 Zivi­li­sten. Die demo­kra­ti­schen Kräfte Syriens konnten nicht ernst­haft mili­tä­risch inter­ve­nieren, da sie eine Auswei­tung des Krieges auf den Rest des Landes vermeiden wollten.

Am 13. Januar besuchte ein US-Sonder­ge­sandter Ankara, um die Demo­kra­ti­schen Kräfte Syriens unter Druck zu setzen, sich bedin­gungslos der Armee der Über­gangs­re­gie­rung einzu­glie­dern. Gleich­zeitig verwei­gern die USA jede mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung gegen die Angriffe der Über­gangs­re­gie­rung, wodurch die Frei­las­sung tausender IS-Dschi­ha­di­sten vor den Augen der US-Truppen in Kauf genommen wurden.

Parallel dazu sichert die von der Über­gangs­re­gie­rung kontrol­lierte Syrian Petrol Company Öl-Förder­rechte für Firmen wie Cono­co­Phil­lips aus den USA, Dana Gas aus den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten, Arabian Dril­ling aus Saudi-Arabien und UCC Holding aus Katar. Während unter der Selbst­ver­wal­tung Öl und Gas nur begrenzt geför­dert und über­wie­gend in der Region verwendet wurden, steht nun ein gross­flä­chiger Ausver­kauf der Ressourcen Nord­ost­sy­riens bevor.

Alle diplo­ma­ti­schen Gespräche in dieser Zeit vermit­telten nur eines: Der Westen lässt die Kurd*innen und die Völker Rojavas aus Eigen­in­ter­esse im Stich – und das nicht zum ersten Mal.

Nun stehen kurdi­sche Städte in Nord- und Ostsy­rien, darunter Kobanê, Hesekê und Qamişlo, unter heftigen Angriffen der isla­mi­sti­schen Über­gangs­re­gie­rung. Das Ziel besteht darin, die Errun­gen­schaften der Revo­lu­tion voll­ständig zu zerstören, die Phase nicht­staat­li­cher demo­kra­ti­scher Projekte im Nahen Osten zu beenden. Zugleich sollen die Angriffe sicher­stellen, dass es im Falle einer west­li­chen Mili­tär­in­ter­ven­tion gegen den Iran in der Region keine starke demo­kra­ti­sche linke Kraft und keine starken, selbst­or­ga­ni­sierten Kurd*innen gibt.

Während die Völker Rojavas eine ihrer schwie­rig­sten Zeiten durch­leben, versu­chen sie, den Schrei aus Aleppo welt­weit hörbar zu machen und die Errun­gen­schaften der Revo­lu­tion zu vertei­digen. Damit, wie es in der Sprach­nach­richt hiess, ihre Welt nicht untergeht.


Jour­na­lismus kostet

Die Produk­tion dieses Arti­kels nahm 14 Stunden in Anspruch. Um alle Kosten zu decken, müssten wir mit diesem Artikel CHF 988 einnehmen.

Als Leser*in von das Lamm konsu­mierst du unsere Texte, Bilder und Videos gratis. Und das wird auch immer so bleiben. Denn: mit Paywall keine Demo­kratie. Das bedeutet aber nicht, dass die Produk­tion unserer Inhalte gratis ist. Die trockene Rech­nung sieht so aus:

Soli­da­ri­sches Abo

Nur durch Abos erhalten wir finan­zi­elle Sicher­heit. Mit deinem Soli-Abo ab 60 CHF im Jahr oder 5 CHF im Monat unter­stützt du uns nach­haltig und machst Jour­na­lismus demo­kra­tisch zugäng­lich. Wer kann, darf auch gerne einen höheren Beitrag zahlen.

Ihr unter­stützt mit eurem Abo das, was ihr ohnehin von uns erhaltet: sorg­fältig recher­chierte Infor­ma­tionen, kritisch aufbe­reitet. So haltet ihr unser Magazin am Leben und stellt sicher, dass alle Menschen – unab­hängig von ihren finan­zi­ellen Ressourcen – Zugang zu fundiertem Jour­na­lismus abseits von schnellen News und Click­bait erhalten.

In der kriselnden Medi­en­welt ist es ohnehin fast unmög­lich, schwarze Zahlen zu schreiben. Da das Lamm unkom­mer­ziell ausge­richtet ist, keine Werbung schaltet und für alle frei zugäng­lich bleiben will, sind wir um so mehr auf eure soli­da­ri­schen Abos ange­wiesen. Unser Lohn ist unmit­telbar an eure Abos und Spenden geknüpft. Je weniger Abos, desto weniger Lohn haben wir – und somit weniger Ressourcen für das, was wir tun: Kriti­schen Jour­na­lismus für alle.

Ähnliche Artikel

Mögliche Wende in der kurdi­schen Frage

PKK-Mitgründer Öcalan rief mit seinem Appell zur Entwaffnung und Auflösung der kurdischen Arbeiter*innenpartei auf und forderte eine politische Lösung für den jahrzehntelangen Konflikt. Ist dies eine Falle des türkischen Staates oder der Beginn einer historischen Wende im langjährigen Konflikt?

Krieg und Klima

Am 6. Februar erschütterte ein schweres Erdbeben Teile Syriens und der Türkei. Als vor ein paar Monaten türkische Bomben auf die kurdischen Gebiete fielen, endete zeitgleich die UN-Klimakonferenz (COP) in Ägypten. Die Türkei und Europa, Krieg und Klima: All das ist eng miteinander verflochten.