Es ist der 10. Januar 2026, als eine Sprachnachricht aus Aleppo die kurdische Selbstverwaltung Rojava erreicht und für immer verändern wird: «Unser Freund Ziyad ist gefallen. Möge die Welt untergehen…», ertönt die Frauenstimme aus dem Telefon. Es ist eine Nachricht, die zum Schrei des ganzen kurdischen Volkes mutieren wird. Ziyad Heleb war eine unsichtbare Schlüsselfigur im kurdischen Freiheitskampf gegen das Assad-Regime, den Islamischen Staat (IS) und die Türkei, und setzte seine Existenz seit Beginn der basisdemokratischen Revolution 2012 für den Widerstand aufs Spiel.
Seine letzte Front war das kurdische Viertel Şêxmeqsûd in Aleppo, das vier Tage zuvor, am 6. Januar, von syrischen Regierungstruppen mit türkischer Unterstützung angegriffen wurde. Nach dem Sturz des Diktators Assad im Dezember 2024 häuften sich Angriffe dschihadistischer Kräfte auf Minderheiten. Nun stehen die Kurd*innen in Aleppo im Kreuzfeuer: Laut UN wurden bereits 119’000 Menschen vertrieben, viele Zivilist*innen getötet, verschleppt und misshandelt.
Um zu verstehen, was einmal mehr dazu geführt hat, dass Kurd*innen vor den Augen der Weltöffentlichkeit angegriffen werden, ist es wichtig, die westlichen Interessen dahinter zu erkennen.
Syrien unter der Führung eines ehemaligen al-Qaida-Kämpfers
Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 entstand in Damaskus eine neue politische Ordnung, getragen von der islamistischen Allianz Hayat Tahrir al-Sham (HTS; «Komitee zur Befreiung der Levante») und anderen sunnitisch-islamistischen Akteuren. International wurde diese neue Führung als Übergangsregierung anerkannt. Gleichzeitig wurden weitere islamistische Gruppen in die Sicherheits- und Militärstrukturen des Staates eingebunden, darunter auch die von der Türkei unterstützte Syrische Nationale Armee (SNA).
Die Übergangsregierung beabsichtigt die Sharia, das islamische Rechtssystem, in Syrien einzuführen und hat das Ziel einen zentralistischen arabischen Staat zu errichten, welcher Kurd*innen, Drus*innen, Alawit*innen und anderen Minderheiten kein Recht auf Mitbestimmung einräumt. Schon in den ersten Monaten nach der Machtergreifung verübte diese Übergangsregierung Massaker gegen Alawit*innen und Drus*innen und brachte tausende Menschen um ihr Leben.
An der Spitze der Übergangsregierung steht Ahmed al-Scharaa, früher auch unter dem Kampfnamen Abu M. al-Dschaulani bekannt. Während der US-Besatzung im Irak kämpfte Scharaa für al-Qaida und war fünf Jahre in US-Militärgefängnissen inhaftiert.
Was den dschihadistischen Scharaa zum Präsidenten Syriens machte, sind die US-zentrierten westlichen Interessen im Nahen Osten.
Während sich die islamistische HTS-Offensive im Dezember 2024 vor allem gegen das bisherige Assad-Regime richtete, nutzte die Türkei die Situation, um die Errungenschaften der ökologischen, feministischen und basisdemokratisch verwalteten Region Rojavas gemeinsam mit der syrischen Armee anzugreifen. Bereits in den Jahren 2016, 2018 und 2019 hatte die Türkei Gebiete der autonomen Selbstverwaltung in Nordsyrien unter dem Vorwurf des «Terrorismus» besetzt – ein beliebter Vorwurf der Türkei, die die kurdische Autonomie seit der Gründung der Türkischen Republik politisch nicht akzeptiert hat.
Neugestaltung des Nahen Ostens nach westlichen Interessen
Was den dschihadistischen Scharaa zum Präsidenten Syriens machte, sind die US-zentrierten westlichen Interessen im Nahen Osten, die seit dem 7. Oktober 2023 noch deutlicher hervorgetreten sind. Konkret geht es um eine Neugestaltung des Nahen und Mittleren Ostens entlang neuer westlicher Prioritäten: Im Zentrum steht Russland und den Iran militärisch, politisch und wirtschaftlich zurückzudrängen und Palästina, Libanon, Syrien, Jemen, Irak und ebenfalls den Iran im Interesse des westlichen Kapitals zu formen.
Für die Umsetzung dieses Plans brauchte die USA jedoch einen verlässlichen Partner in der Region. Die Türkei konnte es nicht sein, weil die türkische Regierung seit Jahren mit Russland zusammenarbeitet und in vielen Konflikten und Kriegen wie in der Ukraine eine zweigleisige Politik betreibt, eigene Machtansprüche in der Region hat und damit ihre westlichen Partner unter Druck setzt. So wurde auf dem G20-Gipfel im Jahr 2023 mit dem IMEEC-Abkommen (Indian-Middle East Economic Corridor) beschlossen, dass Israel eine strategisch wichtige Rolle in der Region zugeteilt werden muss. Denn dieses Abkommen sieht vor, dass die Handels- und Energierouten von Indien nach Europa über Israel und über die von Israel besetzten Gebiete Palästinas führen sollen.
Auch Scharaa, der ehemalige al-Qaida-Kämpfer, wurde im Rahmen dieses Plans von westlichen Diplomaten als Alternative zu Assad herangezogen und nach einem zwölf Tage dauernden, beinahe «symbolischen» Krieg an die Spitze des syrischen Staates gesetzt. Deshalb konnte er als erster syrischer Staatspräsident seit 60 Jahren die USA besuchen und erhielt wirtschaftliche Unterstützung europäischen Länder.
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Im Zuge dieser Entwicklungen haben sich die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten verschoben und verschieben sich weiter. Auch wenn die Türkei dabei keine entscheidende Rolle spielt, kann sie die Umgestaltung Syriens dennoch mitprägen – nicht zuletzt wegen ihrer über 70-jährigen NATO-Mitgliedschaft und ihrer Feindseligkeit gegenüber den Kurd*innen, die in ihrer alternativen Selbstverwaltung leben wollen. So wird das «neue Syrien» heute wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch von der türkischen Regierung unterstützt und mitgestaltet.
Angesichts dieser enormen Umwälzungen in der gesamten Region nach dem Sturz Assads, die sich vor ihrer Haustür abspielten, sah die Türkei ihre Existenz und ihre Interessen in Gefahr. Sie befürchtete, dass die Kurd*innen von dem Machtvakuum profitieren könnten und weitere kurdisch geprägte Regionen in Syrien und der Türkei nach Befreiung streben würden.
Um die Befreiung abzuwenden, nahmen die Türkei Gespräche zu Abdullah Öcalan, dem seit 1999 inhaftierten Mitbegründer der PKK auf, um einen Friedensprozess zu beginnen. Daraufhin leitete Öcalan am 27. Februar 2025 den Prozess mit dem türkischen Staat ein – mit dem Ziel, die PKK und die kurdische Freiheitsbewegung neu zu ordnen, um sie auf die aktuelle Lage vorzubereiten und wenn möglich die kurdische Frage friedlich zu Lösen. Um den Weg für den Prozess zu ebnen, rief er die PKK dazu auf, sich aufzulösen.
Der Westen lässt die Kurd*innen und die Völker Rojavas aus Eigeninteresse im Stich – und das nicht zum ersten Mal.
Parallel dazu leiteten die Syrischen Demokratischen Kräfte, die Streitkräfte der Selbstverwaltung Rojavas, mit dem Abkommen vom 10. März und 1. April 2025 einen Waffenstillstands- und Verhandlungsprozess in Syrien ein. Sie erklärten, dass sich die Selbstverwaltung Rojava in Nord- und Ostsyrien nach einem dezentralistischen Verständnis in das neue Syrien integrieren könnte. Das würde bedeuten, dass die Selbstverwaltung und die dazugehörigen politischen und militärischen Strukturen bestehen bleiben und sie vom syrischen Staat anerkannt werden.
Im Verlauf des Jahres 2025 fanden in der Türkei und in Syrien dutzende Gespräche statt. Die türkische Seite erklärte, dass sie ein dezentralistisches Syrien nicht akzeptieren würden. Darauffolgend fanden Anfang Januar 2026 in Damaskus die letzten Gespräche zwischen den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) und der islamistischen Übergangsregierung statt; als diese ohne Ergebnis blieben, erklärte die Übergangsregierung den demokratischen Streitkräften den Krieg.
Die neusten Angriffe auf Kurd*innen und Rojava
Am 5. Januar 2026 unterzeichneten Israel und die islamistische syrische Übergangsregierung in Paris – begleitet von den USA und der Türkei – ein «Sicherheitsabkommen», was Israel und Syrien zu Partnern macht und die Übergangsregierung legitimiert.
Am nächsten Tag, dem 6. Januar 2026, begannen die Angriffe auf Aleppo.
Am 9. Januar reiste die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, nach Damaskus und offerierte der neuen islamistische Regierung 620 Millionen Euro für den Wiederaufbau. Somit entschied sich Europa für die Unterstützung des dschihadistischen Scharaa und gegen die demokratische, geschlechtergerechte und ökologische Revolution in Rojava.
Die Stadtteile Şeyh Mexsuq und Eşrefiye, in denen 42’000 Regimetruppen gegen 300 Kämpfer*innen der inneren Sicherheitskräfte kämpften, wurde am 11. Januar von der syrischen Übergangsregierung besetzt. Während der Angriffe töteten die Regimetruppen hunderte Menschen, darunter Ziyad Heleb, schändeten die Leichname kurdischer Kämpfer*innen, bombardierten Krankenhäuser und vertrieben über 140’000 Zivilisten. Die demokratischen Kräfte Syriens konnten nicht ernsthaft militärisch intervenieren, da sie eine Ausweitung des Krieges auf den Rest des Landes vermeiden wollten.
Am 13. Januar besuchte ein US-Sondergesandter Ankara, um die Demokratischen Kräfte Syriens unter Druck zu setzen, sich bedingungslos der Armee der Übergangsregierung einzugliedern. Gleichzeitig verweigern die USA jede militärische Unterstützung gegen die Angriffe der Übergangsregierung, wodurch die Freilassung tausender IS-Dschihadisten vor den Augen der US-Truppen in Kauf genommen wurden.
Parallel dazu sichert die von der Übergangsregierung kontrollierte Syrian Petrol Company Öl-Förderrechte für Firmen wie ConocoPhillips aus den USA, Dana Gas aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Arabian Drilling aus Saudi-Arabien und UCC Holding aus Katar. Während unter der Selbstverwaltung Öl und Gas nur begrenzt gefördert und überwiegend in der Region verwendet wurden, steht nun ein grossflächiger Ausverkauf der Ressourcen Nordostsyriens bevor.
Alle diplomatischen Gespräche in dieser Zeit vermittelten nur eines: Der Westen lässt die Kurd*innen und die Völker Rojavas aus Eigeninteresse im Stich – und das nicht zum ersten Mal.
Nun stehen kurdische Städte in Nord- und Ostsyrien, darunter Kobanê, Hesekê und Qamişlo, unter heftigen Angriffen der islamistischen Übergangsregierung. Das Ziel besteht darin, die Errungenschaften der Revolution vollständig zu zerstören, die Phase nichtstaatlicher demokratischer Projekte im Nahen Osten zu beenden. Zugleich sollen die Angriffe sicherstellen, dass es im Falle einer westlichen Militärintervention gegen den Iran in der Region keine starke demokratische linke Kraft und keine starken, selbstorganisierten Kurd*innen gibt.
Während die Völker Rojavas eine ihrer schwierigsten Zeiten durchleben, versuchen sie, den Schrei aus Aleppo weltweit hörbar zu machen und die Errungenschaften der Revolution zu verteidigen. Damit, wie es in der Sprachnachricht hiess, ihre Welt nicht untergeht.
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