Vordergründig geht es bei der SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» um Nachhaltigkeit und den sogenannten Dichtestress. Dass ausgerechnet die SVP mit dem Nachhaltigkeitsbegriff um sich wirft, wirkt beinahe zynisch. Kommt es doch von der Partei, die konsequent jegliche klimapolitischen Massnahmen bekämpft, sich aggressiv für den Ausbau der autozentrierten Infrastruktur einsetzt und sich nur zu gerne bei der fossilen Industrie ankuschelt. Die meisten dürften durch den rhetorischen Schleier der Nachhaltigkeit hindurch die Initiative als das sehen, was sie ist: ein rassistischer Angriff auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrant*innen in der Schweiz. Doch es greift zu kurz, die Initiative als irrationale Fremdenfeindlichkeit abzutun.
Das grosse Ablenkungsmanöver
Unter dem Schlagwort des Dichtestresses wird eine scheinbar plausible Diagnose formuliert: Steigende Mieten, überlastete öffentliche Infrastruktur und sinkende Reallöhne sind laut der SVP die Folge von Bevölkerungswachstum: «Zu viele Leute belasten ein zu kleines Land».
Die Probleme spüren die Menschen im Alltag tatsächlich: Wohnraum wird knapp und teuer, die Verkehrsnetze sind überlastet und die Löhne geraten unter Druck. Dass Migration dafür verantwortlich ist, ist jedoch komplett verdreht. Hier liegt der Kernpunkt der Kritik. Die Initiative ist ein gigantisches Ablenkungsmanöver von den tatsächlichen Ursachen dieser Probleme:
Explodierende Mieten zeigen auf, dass Wohnraumpolitik und Stadtentwicklung in der Schweiz nicht nach den Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichtet sind, sondern nach den Profitinteressen der Immobilienkonzerne und ihrer Investor*innen. Die öffentliche Infrastruktur ist nicht überlastet, weil zu viele Menschen sie beanspruchen, sondern weil sie seit Jahrzehnten durch die Abbaupolitik von Bund und Kantonen kaputtgespart wird. Die Reallöhne sinken nicht wegen der Konkurrenz durch migrantische Arbeiter*innen auf dem Arbeitsmarkt, sondern weil die Konzerne die Kosten von Krise und Inflation auf die Beschäftigten abwälzen.
Die SVP nutzt Migrant*innen als Sündenböcke, um den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit umzudeuten: in einen Konflikt zwischen Migrant*innen und Schweizer*innen. Man redet über Migration, damit man nicht über Eigentums- und Verteilungsfragen reden muss. Ein Unterfangen, das den Bürgerlichen aufgrund der hierzulande weitverbreiteten Fremdenfeindlichkeit leider allzu einfach gemacht wird.
Arbeitsplatzverluste und Inflation würden Lohnabhängige hart treffen
Das Versprechen der SVP, dass sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung durch reduzierte Migration verbessern würden, ist eine Lüge. Tatsächlich würde eine Annahme der Initiative auf die Kündigung der bilateralen Verträge mit der EU hinauslaufen – mit verheerenden Folgen für die gesamte lohnabhängige Bevölkerung:
Fünfzig Prozent der Schweizer Exporte gehen in die EU. Ein erschwerter Zugang zu den EU-Märkten trifft die Gesamtwirtschaft. Die Profite der Exportindustrie mögen uns wenig interessieren. Auch ist es wichtig, sich vom nationalistischen Wohlstandsbewahrungs-Narrativ der offiziellen Gegenkampagne «Nein zur Chaos-Initiative» abzugrenzen. Getragen von einem klassenübergreifenden Bündnis von Gewerkschaften bis bürgerlichen Parteien, vermag diese Gegenkampagne dem Rassismus der SVP nichts als ein zahmes «die Wirtschaft braucht ausländische Fachkräfte» entgegenzusetzen.
Dennoch ist klar: Arbeitsplatzverluste und Inflation würden Lohnabhängige hart treffen. Der Bund rechnet mit Lohn- und Einkommenseinbussen von 1,7 bis 4,7 Prozent. Darüber hinaus warnt der Schweizerische Gewerkschaftsbund: Wegen der demografischen Alterung würde eine starre Grenze von zehn Millionen Menschen die Renten der Pensionskassen um 800 bis 2200 Franken drücken, während die AHV-Beiträge jährlich um etwa ein Prozent steigen müssten. Schlimme Folgen hätte die Initiative auch im Gesundheitswesen: Die Krankenkassenprämien würden noch steiler ansteigen und der Pflegenotstand würde massiv verschärft. Wie lebensgefährlich das ist, zeigt der Brexit: Der Mangel an ausländischem Fachpersonal in britischen Spitälern liess dort die Sterblichkeitsrate steigen. In der Schweiz haben aktuell 22 Prozent der Pflegenden ihre Ausbildung im Ausland absolviert.
Wiedereinführung des Saisonnier-Statuts
Der Schweizer Kapitalismus ist aufgrund der Alterung und des Arbeitskräftemangels mittelfristig stark auf Migration angewiesen. Dennoch fordert die SVP, die ja neben einer rassistischen auch eine kapitalistisch-neoliberale Partei ist, einen Migrationsstopp. Der Widerspruch löst sich zumindest teilweise auf, wenn man sich die Initiative genau anschaut. Zu den 10 Millionen zählt nämlich nur die ständige Wohnbevölkerung, also wer sich für mehr als 12 Monate in der Schweiz aufhält. Temporäre Arbeitsmigration wäre weiterhin erlaubt.
Es geht hier also weniger um eine Einschränkung der Migration an sich, sondern um die Form, wie sie organisiert wird. Anstelle der Personenfreizügigkeit will die SVP ein System aus Kontingenten, eingeschränkten Rechten, einem Verbot von Familiennachzug und einem blockiertem Zugang zum Sozialwesen. Das kommt uns doch bekannt vor. Historisch erinnert dieses System an das 2002 abgeschaffte Saisonnier-Statut.
Unter diesem Migrationsregime «importierte» die Schweiz im 20. Jahrhundert jährlich zehntausende billige Arbeitskräfte, die unter menschenverachtenden Bedingungen ausgebeutet wurden. Die Saisonniers durften ihre Familien nicht nachziehen, lebten zusammengepfercht in Baracken und waren extrem abhängig vom Arbeitgeber, da ihre Aufenthaltsbewilligung an den Job gebunden war. Sie hatten kaum Zugang zu Sozialleistungen und Arbeitsrechten und waren der Behördenwillkür ausgeliefert. Bei Wirtschaftskrisen schob man sie einfach ab, so wie in der Ölkrise der 1970er-Jahre, als die Schweiz ihre Arbeitslosigkeit exportierte, indem sie hunderttausende Gastarbeiter*innen zurückschickte.
Die Initiant*innen wollen eine rechtlose, migrantische Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt.
Die Vorteile für die Unternehmer*innen gewisser Sektoren liegen auf der Hand: Migrantische Arbeitskraft steht billig zur Verfügung und kann je nach Arbeitskräftebedarf flexibel eingesetzt werden. Die Arbeiter*innen sind stark abhängig von den Arbeitgebern, was ihre gewerkschaftliche und politische Organisationsfähigkeit – also ihre Möglichkeiten, für ihre Rechte zu kämpfen – massiv einschränkt. Die SVP wünscht sich das Saisonnier-Statut schon seit Längerem zurück: Der ehemalige Parteipräsident Toni Brunner nannte es 2013 ein «sehr gutes System», und Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig fragte 2023 offen: «Warum führen wir eigentlich nicht wieder das Saisonnierstatut ein?».
Den Initiant*innen geht es also nicht um eine Reduktion der Migration an sich – sondern um systematische Entrechtung: die Schaffung einer rechtlosen, migrantischen Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt.
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Ein Angriff auf die Löhne und Arbeitsbedingungen aller
Das Saisonnier-Statut wurde 2002 abgeschafft. Es war nicht vereinbar mit dem Prinzip der Personenfreizügigkeit, die im Rahmen der bilateralen Verträge mit der EU eingeführt wurde. Die Personenfreizügigkeit war ein neoliberales Projekt, das die Gefahr von Lohndumping barg. Die Gewerkschaften konnten damals aber zum Schutz der Löhne die sogenannten «flankierenden Massnahmen» durchsetzen. Ihr Kern: Die Stärkung von Gesamtarbeitsverträgen (GAV).
Eine zentrale flankierende Massnahme war, dass GAV leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden konnten: Mindestlöhne und andere Arbeitsbedingungen, die zwischen Arbeitgebenden und Gewerkschaften im GAV ausgehandelt wurden, wurden auf gesamte Branchen ausgeweitet. Fallen im Zuge der 10-Millionen-Schweiz die Bilateralen und damit auch die flankierenden Massnahmen weg, schwächt das die Verhandlungsposition der Gewerkschaften. Es wird für Unternehmer*innen noch einfacher, Löhne und Arbeitsbedingungen anzugreifen – und für alle Arbeiter*innen schwieriger, sie zu verteidigen.
Ein Saisonnier-Statut 2.0 würde die Arbeiter*innenklasse entlang von Nationalität und Aufenthaltsstatus spalten und den gemeinsamen Kampf schwächen
Gleichzeitig müssen wir festhalten: Die flankierenden Massnahmen reichen auch Stand jetzt nicht aus. Sie verhinderten weder Lohndumping noch sinkende Reallöhne. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit hat sich der Anteil der reichsten 20 Prozent am Gesamteinkommen von 31 auf 39 Prozent erhöht. Die Umverteilung von unten nach oben geht ungebremst weiter. Weder das GAV-System noch die Bilateralen sind der Riesenerfolg für die Arbeitenden, wie es uns die Sozialdemokratie und Gewerkschaften in ihrer Abstimmungskampagne erzählen wollen.
Trotzdem ist die SVP-Initiative als ein Frontalangriff auf die Verhandlungsmacht der Lohnabhängigen zu begreifen. Ein Saisonnier-Statut 2.0 würde die Arbeiter*innenklasse entlang von Nationalität und Aufenthaltsstatus spalten und den gemeinsamen Kampf schwächen.
Die Widersprüche im bürgerlichen Lager
An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Wenn die Initiative das Kräfteverhältnis zugunsten des Kapitals verschiebt, weshalb steht das Unternehmertum dann nicht geschlossen dahinter?
Tatsächlich kann nicht gesagt werden, dass eine Annahme der Initiative im Interesse «des Kapitals» wäre, weil das Kapital kein geschlossener Block ist. Verschiedene Branchen und Wirtschaftsverbände haben unterschiedliche Interessen – und genau das führt zu Rissen im bürgerlichen Lager. Die Dynamik erinnert erneut an den Brexit: Damals waren zum Beispiel exportorientierte Konzerne, die stark in EU-Märkte integriert waren, tendenziell gegen den Austritt aus der EU. Andere Unternehmen sahen in den EU-Regelungen hingegen ein Hindernis für ihre Geschäfte, etwa aufgrund von EU-weiten Arbeitsmarktregulationen und Migrationspolitiken.
Autoritarismus und rassistisch-nationalistische Hetze werden wieder salonfähig
In der Schweiz würde die Kündigung der bilateralen Verträge die gesamtwirtschaftliche Lage voraussichtlich verschlechtern. Die allermeisten Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände sprechen sich denn auch gegen die Initiative aus. Einzelne Sektoren, die nicht stark auf EU-Märkte angewiesen sind und eine starke und fluktuierende Nachfrage nach migrantischen Arbeitskräften haben (zum Beispiel Teile des Baugewerbes, Landwirtschaft, lokale KMU), könnten von tieferen Löhnen, schwächerer gewerkschaftlicher Organisation und Flexibilität des Arbeitskraftangebotes unter dem Strich aber durchaus profitieren. Bezeichnend ist, dass sich 25 Prozent der FDP-Delegierten an ihrer Versammlung im Oktober 2025 für die Initiative ausgesprochen haben. Relevante Teile der Bürgerlichen können sich also gut mit der Initiative anfreunden. Auch einige kantonale Gewerbeverbände haben sich gegen den nationalen Gewerbeverband gestellt und unterstützen die Initiative.
Symptom der internationalen Faschisierung
Es ist notwendig, die rechtsextreme Politik der SVP nicht isoliert, sondern in Verbindung mit einem internationalen Rechtsrutsch zu sehen. Der Aufstieg der SVP ist Ausdruck eines schleichenden Prozesses, der auch die MAGA-Bewegung, die AfD, den Rassemblement National oder die Fratelli d’Italia gross gemacht hat. Autoritarismus und rassistisch-nationalistische Hetze werden wieder salonfähig.
Diese Entwicklung steht nicht ausserhalb des Kapitalismus, sondern geht aus ihm hervor. Der Ausgangspunkt ist die Krise des Systems: Steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, prekäre Beschäftigung und sinkende Reallöhne brechen mit dem herrschenden Wohlstandsversprechen. Die bürgerlichen Regimes befinden sich daher in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Weil ihnen die demokratische Zustimmung zunehmend wegbricht, liebäugeln sie mit autoritärem Regieren.
In diesem Kontext sind migrationspolitische Fragen zentral. Zuwanderung ist für den europäischen Kapitalismus überlebenswichtig, erzeugt aber durch verschlechterte Lebensbedingungen soziale Spannungen. Diese Spannungen könnte man durch Umverteilung und den Ausbau der Infrastruktur lösen – oder man nutzt sie politisch, um genau das zu verhindern.
Die radikale Rechte bietet hier eine für Teile des Bürgertums anschlussfähige Lösung an: Sie macht soziale Konflikte zu nationalen Konflikten, indem sie Migrant*innen angreift. Dies erlaubt es ihnen, von den tatsächlichen Gründen der sich verschlechternden Lebensbedingungen abzulenken und die Eigentumsverhältnisse unangetastet zu lassen. Darüber hinaus ermöglicht die Spaltung der Arbeiter*innen die gezielte Entrechtung von migrantischer Arbeit: So sichert man sich billige, flexible Arbeitskräfte für den Bau oder den Care-Bereich, schliesst die Menschen selbst aber von Rechten und politischer Teilhabe aus. Die linke Antwort auf diese Politik darf nicht bei einer moralischen empörten Zurückweisung der rassistischen Diskurse verharren. Sie muss eigene Alternativen aufzeigen können. Denn die Krise ist real und eine Linke, die nur den Status quo verteidigt, ist zum Scheitern verurteilt.
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