7 poli­ti­sche Mass­nahmen gegen die Hitze

Ein neuer lokaler Hitze­re­kord jagt den näch­sten. Seit Wochen ist es viel zu heiss in der Schweiz und ganz Europa. Was aber wirkt wirk­lich gegen die Hitze? 
Gegen die Hitze helfen letztlich nur politische Eingriffe und Systemwandel: 7 politische Massnahmen, damit es endlich abkühlt. (Bild: duy duy / unsplash)

Die schweiss­trei­benden Tempe­ra­turen beschäf­tigen das Land seit geraumer Zeit und alle fragen sich, was sie dagegen tun können. Die Medien sind voll mit symptom­be­kämp­fenden Tipps: Die Bett­fla­sche mit Eiswür­feln befüllen, die Vorhänge mit Wasser einsprühen, die Roll­läden herunterlassen. 

Obwohl indi­vi­du­elle Mass­nahmen nötig sind, um die entar­teten Tempe­ra­turen zu über­leben, sind all diese Tipps ledig­lich ein Tropfen auf den bereits viel zu heissen Stein. Was es auf gesell­schaft­li­cher Ebene wirk­lich braucht, damit es abkühlt – oder zumin­dest nicht noch heisser wird – lest ihr in diesem Listicle.

1. Zahlen, was es kostet: Ein CO2-Preis auf alles!

Einer der Haupt­gründe, weshalb Klima­schutz­mass­nahmen oft nicht die Wirkung entfalten, die es bräuchte, ist ein massives Markt­ver­sagen. Müssen Konzerne für das Abla­gern von ihrem gasför­migen Müll in der von uns allen genutzten Atmo­sphäre nichts bezahlen, sind die klima­schäd­li­chen Vari­anten immer zu günstig. Die Zement­kon­zerne verur­sa­chen zum Beispiel massiv viele Treib­haus­gase. Da Holcim und Co. dafür aber nicht zur Kasse gebeten werden, ist das Bauen mit Zement­beton bis heute billiger als der Holz- oder Lehmbau. Müsste man konse­quent für seinen Gasab­fall und dessen Entsor­gung bezahlen, würde dies nicht nur unseren Über­konsum zumin­dest teil­weise richten, sondern auch den weniger schäd­li­chen Vari­anten einen Wett­be­werbs­vor­teil verschaffen. Das senkt die Emissionen. 

Der Bund betei­ligt sich jähr­lich mit 48 Millionen an der Entsor­gung von Schlachtabfällen. 

    Klar ist aber auch: Ein CO2-Preis alleine wird es nicht richten. Denn in der Schweiz, wo die meisten Leute zur Miete leben und Wohn­raum knapp ist, können Hausbesitzer*innen stei­gende CO2-Heiz­ko­sten zum Beispiel einfach auf die Mietenden abwälzen. Dem muss die Politik Grenzen setzen. 

    Zudem: Wer sich die Instal­la­tion einer Wärme­pumpe schlichtweg nicht leisten kann, wird weiterhin Erdöl für seine fossile Heizung kaufen. Deshalb braucht es Subven­tionen für die Tech­no­lo­gien, die uns auf den klima­sta­bilen Weg bringen. 

    2. Falsche Subven­tionen abschaffen: kein Geld mehr für Fleisch & Privatjets!

      Alle Inve­sti­tionen in klima­sta­bile Mass­nahmen nützen jedoch nichts, wenn auf der fossilen Seite noch mehr Geld fliesst. Leider gingen die Entwick­lungen bei den jüng­sten Budget­de­batten erneut in die falsche Rich­tung: Erst kürz­lich hat der Bund im Rahmen des soge­nannten Entla­stungs­pa­kets 2027 ganz genau durch­leuchtet, wohin wie viele Bundes­gelder fliessen. Und im ursprüng­li­chen Vorschlag hätte es durchaus auch klima­sta­bile Kürzungs­vor­schläge gegeben – aber das Parla­ment hat sie kurzer­hand rausgestrichen. 

      Der Bund betei­ligt sich beispiels­weise jähr­lich mit 48 Millionen an der Entsor­gung von Schlacht­ab­fällen. Ange­sichts der Tatsache dass die Fleisch­pro­duk­tion mass­geb­lich für die Klima­er­hit­zung mitver­ant­wort­lich ist, sind das offen­sicht­lich klima­schäd­liche Subven­tionen. Dank einem von der SVP arran­gierten Manöver wurde deren Strei­chung jedoch in letzter Sekunde verhindert. 

      Ähnlich erging es dem Vorschlag die Subven­tion von Regio­nal­flug­häfen zu strei­chen: Diese werden vom Bund jähr­lich mit rund 30 Millionen unter­stützt, was laut einer Recherche vom Tages-Anzeiger vor allem Privatjet-Reisen von Super­rei­chen verbil­ligt. Der Bundesrat wollte auf fünf Millionen redu­zieren. Das Parla­ment lehnt diese Kürzung jedoch ab. Die bishe­rige Unter­stüt­zung der Regio­nal­flug­häfen wird damit vorerst weitergeführt.

      3. Belohnen, was hilft: Velo vor ÖV, ÖV vor E‑Auto, E‑Auto vor Auto!

      Solange man regel­mässig fast einen Herz­in­farkt kriegt, wenn man mit dem Velo durch die Stadt fährt, hält sich die Zahl derje­nigen, die umsat­teln – nach­voll­zieh­ba­rer­weise – in Grenzen. Der Ausbau der Infra­struktur hin zu einem klima­sta­bilen Verkehrs­sy­stem sollte deshalb einem einfa­chen Credo folgen – je klima­freund­li­cher eine Fort­be­we­gungsart, desto stärker sollte sie prio­ri­siert werden. Konkret: Busse fahren auf einer sepa­raten Spur am Stau vorbei. Bauma­te­rial steht in Zukunft auf der Auto­spur. Und die grüne Welle ist auf die Velos ausgerichtet.

        Es ist schlicht nicht möglich, bei 40 Grad noch konzen­triert auf einer Baustelle zu arbeiten oder schwere Geträn­ke­ki­sten zu schleppen.

        Solche Mass­nahmen würden sich gleich doppelt lohnen. Denn alle, die sich vom Auto verab­schieden, helfen nicht nur mit, die Emis­sionen zu senken, sondern leisten gleich­zeitig auch einen Beitrag zur Klima­an­pas­sung. Ab jetzt wird es nämlich immer wich­tiger, was in unseren Städten alles herum­steht. Bäume helfen bei der Kühlung. Beton, Stahl und Alumi­nium hingegen heizen sich auf und bleiben lange heiss. Jedes Auto weniger hilft also nicht nur dabei, dass weniger CO₂ entsteht, sondern auch ganz direkt während einer Hitzewelle.

        Dasselbe gilt natür­lich nicht nur für die Verkehrs­wende, sondern für alle Lebens­be­reiche, die trans­for­miert werden müssen. Damit wir aus schäd­li­chen Mustern heraus­finden, muss beim Umbau konse­quent gelten: Allem, was hilft, soll geholfen werden.

        4. Struk­turen umbauen: Siesta, Schwamm­städte und Bäume, Bäume, Bäume!

          Wir müssen uns umstruk­tu­rieren. Denn ein grosser Teil unserer gebauten Infra­struktur – aber auch wie wir unsere Tage struk­tu­rieren – passt nicht mehr zur neuen Realität in der Heisszeit. 

          Ein Beispiel: Der heutige Hoch­was­ser­schutz wurde mit der Idee gebaut, dass das Wasser möglichst schnell abfliessen soll. Das funk­tio­niert in der neuen Realität einer­seits nicht mehr, weil bei Stark­nie­der­schlägen schlichtweg zu viel Wasser in zu kurzer Zeit kommt. Ande­rer­seits ist es auch nicht mehr wünschens­wert. Wir müssen versu­chen, das Wasser aus den inten­siven Nieder­schlags­phasen in die Trocken­pe­ri­oden hinüber­zu­retten. Deshalb müssen Städte das Wasser gewis­ser­massen aufsaugen können. Oft spricht man von Schwamm­städten. Dafür braucht es verschie­dene Anpas­sungen – etwa Orte, an denen sich Wasser kontrol­liert sammeln kann. Und es braucht vor allem mehr Grün. Denn auch Pflanzen und unver­baute Böden nehmen Wasser auf.

          Eine grosse Buche verdun­stet an einem sonnigen Tag mehrere hundert Liter Wasser, was einen enorm kühlenden Effekt auf ihre Umge­bung hat. Sie hilft nicht nur bei Stark­nie­der­schlag, sondern auch bei Hitze. Man kann es nicht oft genug sagen: Wir brau­chen Bäume, Bäume und noch­mals Bäume. Auch diese Mass­nahme ist gleich mehr­fach nütz­lich. Neben dem Schwamm­ef­fekt und der Kühlung entziehen Bäume der Atmo­sphäre auch noch CO2 und bauen dies in ihren Körper ein. 

          Aber nicht nur die gebauten oder gewach­senen Struk­turen müssen sich verän­dern, sondern auch die Art und Weise, wie wir uns zeit­lich orga­ni­sieren, passt einfach nicht mehr. Gerade in körper­lich anstren­genden Berufen im Freien braucht es neue Arbeits­mo­delle und Anpas­sungen der Arbeits­ge­setze. Es ist schlicht nicht möglich, bei 40 Grad noch konzen­triert auf einer Baustelle zu arbeiten oder schwere Geträn­ke­ki­sten zu schleppen.

          5. Geld für den Umbau besorgen: Wer profi­tiert hat, muss zahlen!

            Die Trans­for­ma­tion hin zu Klima­sta­bi­lität kostet Geld. Deshalb stellt sich die Frage: Woher nehmen wir die Mittel für all diese Anpas­sungen? Die Einnahmen aus der CO2-Beprei­sung werden kaum genügen. Es braucht auch die Reichen. Das Zeit­alter der billigen fossilen Energie hat ein paar Wenigen unver­schämt viel Geld einge­bracht. Es ist deshalb nur fair, wenn dieje­nigen, die beson­ders stark vom fossilen System profi­tiert und beson­ders viel Schaden verur­sacht haben, nun einen Gross­teil der Kosten zur Bewäl­ti­gung der Folgen zahlen müssen.

            Dies werden die Besitzer*innen der Öl‑, Gas- oder Zement­firmen aller­dings kaum frei­willig tun. Deshalb braucht es mutige Personen, die von den Konzernen einfor­dern, Verant­wor­tung zu über­nehmen. Und es braucht gesell­schaft­li­chen Druck damit hohe Erbschaften und Vermögen ange­messen besteuert werden. 

            Seit 2025 gibt es in der Schweiz eine gesetz­liche Grund­lage, um Treib­haus­gas­emis­sionen stärker zu regulieren.

            Zudem stellt sich ganz grund­sätz­lich die Frage, ob die Produk­tion wich­tiger, aber emis­si­ons­in­ten­siver Grund­stoffe unter den neuen Rahmen­be­din­gungen der Heiss­zeit weiterhin dem freien Markt über­lassen werden kann. Wir werden auch in Zukunft Zement, Stahl und Alumi­nium brau­chen. Aber – und das ist entschei­dend – so wenig wie möglich. Genau das steht jedoch im Wider­spruch zur Logik des freien Marktes.

            Wir täten deshalb gut daran, darüber nach­zu­denken, ob die Versor­gung der Gesell­schaft mit diesen wich­tigen Grund­stoffen in der neuen Realität eine Aufgabe des Service Public werden muss.

            6. Bereits bestehende Gesetze umsetzen und den Finanz­platz regulieren!

            Oft hört man: Die Schweiz verur­sacht nur rund 0.1 Prozent der welt­weiten Treib­haus­gas­emis­sionen. Das stimmt. Aber es ist kein Grund, die Hände in den Schoss zu legen. Im Gegen­teil: Es sollte uns dazu moti­vieren, darüber nach­zu­denken, wo ein kleines Land wie die Schweiz den grössten Hebel hat. Und dieser Hebel liegt insbe­son­dere beim Finanz­platz. Laut einer Studie der Bera­tungs­firma McKinsey von 2022 liegen 14- bis 18-mal so viel Emis­sionen im Einfluss­be­reich des Schweizer Finanz­platzes, wie die Schweiz auf ihrem Terri­to­rium verursacht.

              Eigent­lich gäbe es seit 2025 mit dem Artikel 9 im Klima- und Inno­va­ti­ons­ge­setz eine gesetz­liche Grund­lage, um hier stärker zu regu­lieren. Doch der Bundesrat hat diese Vorgaben bisher schlichtweg nicht umge­setzt. Die Begrün­dung: Der Bundesrat fühlt sich nicht zuständig, weil im Gesetz steht «der Bund» soll dafür sorgen, dass der Schweizer Finanz­platz seinen Beitrag gegen den Klima­wandel leistet – und eben nicht «der Bundesrat». Der Finanz­platz-Initia­tive, die unter anderem auch diese Lücke füllen möchte, hat der Bundesrat soeben eine Absage erteilt.

              Die reich­sten 10 Prozent der Menschen verur­sa­chen rund die Hälfte der Emis­sionen – dazu gehören rund 82 Prozent der Schweizer Bevölkerung.

              Anstatt fossile Inve­sti­tionen einzu­schränken, unter­stützt der Bund diese gar noch. Zum Beispiel indem die staat­liche Schwei­ze­ri­sche Export­ri­si­ko­ver­si­che­rung (SERV) weiterhin fossile Projekte im Ausland absichert. 

              Zudem: In den offi­zi­ellen Klima­zu­sagen, die die Schweiz bei der UNO einge­reicht hat, über­nimmt diese weder die Verant­wor­tung für die Emis­sionen, die unser Finanz­platz mitver­ur­sacht noch für jene, die durch unseren Konsum im Ausland entstehen – etwa bei der Produk­tion unserer Handys oder beim Anbau von Kaffee, Reis oder Tomaten aus Spanien. Würde man die Schweizer Auslan­de­mis­sionen mit rein­nehmen, wären es rund dreimal so viel.

              7. Einsehen, dass die meisten von uns zu den Reich­sten der Welt gehören!

                Die reich­sten 10 Prozent der Menschen, gemessen an ihrem Einkommen, verur­sa­chen rund die Hälfte der Emis­sionen. Aus solchen Zahlen wird oft dies geschluss­fol­gert: Eine kleine Gruppe von globalen Super­rei­chen ist schuld, also lasst die normalen Leute doch endlich in Ruhe mit der Auffor­de­rung klima­mässig etwas beschei­dener unter­wegs zu sein. 

                Ob Konsum­kritik berech­tigt ist oder nicht, kommt sehr stark auf das Land drauf an, in dem man die Kritik anbringt. Je nachdem handelt es sich im natio­nalen Kontext keines­falls um eine kleine Gruppe. Laut den Berech­nungen von Solidar Suisse gehören in der Schweiz 82 Prozent der Leute zu diesen 10 Prozent der welt­weit einkom­mens­stärk­sten. Die Studie teilt die Welt­be­völ­ke­rung auf Basis von kauf­kraft­be­rei­nigten Einkommen in Gruppen ein. Da die Schweiz zu den Ländern mit sehr hohen Einkommen gehört, liegen rund 82 Prozent der Schweizer Bevöl­ke­rung im reich­sten Zehntel. 

                Sprich: Auch wenn man im inner­schwei­ze­ri­schen Vergleich zur ärmeren Hälfte gehört, schneidet man global damit immer noch sehr gut ab. Da wir sehr, sehr viel des welt­weiten Elends nicht vor der Haus­türe haben, ist uns manchmal nicht ganz bewusst, wie viel Armut nach unten noch drin liegt.

                Was heisst das mit Blick auf die Hitze? Ja, es braucht struk­tu­relle Anpas­sungen und poli­ti­sche Entschei­dungen. Und weil global gesehen fast die ganze Schweizer Bevöl­ke­rung zu den Super­rei­chen gehört, ist hier­zu­lande auch ein gewisser indi­vi­du­eller Einsatz ange­bracht – sei es durch die Umstel­lung des privaten Konsums oder durch Engagement. 

                All das wird aber kaum von allein passieren. Neue Struk­turen, die eine klima­sta­bile Zukunft, Gerech­tig­keit und ein gutes Leben für alle ermög­li­chen, müssen von der Bevöl­ke­rung sowohl einge­for­dert als auch aufge­baut werden.


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