Die schweisstreibenden Temperaturen beschäftigen das Land seit geraumer Zeit und alle fragen sich, was sie dagegen tun können. Die Medien sind voll mit symptombekämpfenden Tipps: Die Bettflasche mit Eiswürfeln befüllen, die Vorhänge mit Wasser einsprühen, die Rollläden herunterlassen.
Obwohl individuelle Massnahmen nötig sind, um die entarteten Temperaturen zu überleben, sind all diese Tipps lediglich ein Tropfen auf den bereits viel zu heissen Stein. Was es auf gesellschaftlicher Ebene wirklich braucht, damit es abkühlt – oder zumindest nicht noch heisser wird – lest ihr in diesem Listicle.
1. Zahlen, was es kostet: Ein CO2-Preis auf alles!
Einer der Hauptgründe, weshalb Klimaschutzmassnahmen oft nicht die Wirkung entfalten, die es bräuchte, ist ein massives Marktversagen. Müssen Konzerne für das Ablagern von ihrem gasförmigen Müll in der von uns allen genutzten Atmosphäre nichts bezahlen, sind die klimaschädlichen Varianten immer zu günstig. Die Zementkonzerne verursachen zum Beispiel massiv viele Treibhausgase. Da Holcim und Co. dafür aber nicht zur Kasse gebeten werden, ist das Bauen mit Zementbeton bis heute billiger als der Holz- oder Lehmbau. Müsste man konsequent für seinen Gasabfall und dessen Entsorgung bezahlen, würde dies nicht nur unseren Überkonsum zumindest teilweise richten, sondern auch den weniger schädlichen Varianten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das senkt die Emissionen.
Der Bund beteiligt sich jährlich mit 48 Millionen an der Entsorgung von Schlachtabfällen.
Klar ist aber auch: Ein CO2-Preis alleine wird es nicht richten. Denn in der Schweiz, wo die meisten Leute zur Miete leben und Wohnraum knapp ist, können Hausbesitzer*innen steigende CO2-Heizkosten zum Beispiel einfach auf die Mietenden abwälzen. Dem muss die Politik Grenzen setzen.
Zudem: Wer sich die Installation einer Wärmepumpe schlichtweg nicht leisten kann, wird weiterhin Erdöl für seine fossile Heizung kaufen. Deshalb braucht es Subventionen für die Technologien, die uns auf den klimastabilen Weg bringen.
2. Falsche Subventionen abschaffen: kein Geld mehr für Fleisch & Privatjets!
Alle Investitionen in klimastabile Massnahmen nützen jedoch nichts, wenn auf der fossilen Seite noch mehr Geld fliesst. Leider gingen die Entwicklungen bei den jüngsten Budgetdebatten erneut in die falsche Richtung: Erst kürzlich hat der Bund im Rahmen des sogenannten Entlastungspakets 2027 ganz genau durchleuchtet, wohin wie viele Bundesgelder fliessen. Und im ursprünglichen Vorschlag hätte es durchaus auch klimastabile Kürzungsvorschläge gegeben – aber das Parlament hat sie kurzerhand rausgestrichen.
Der Bund beteiligt sich beispielsweise jährlich mit 48 Millionen an der Entsorgung von Schlachtabfällen. Angesichts der Tatsache dass die Fleischproduktion massgeblich für die Klimaerhitzung mitverantwortlich ist, sind das offensichtlich klimaschädliche Subventionen. Dank einem von der SVP arrangierten Manöver wurde deren Streichung jedoch in letzter Sekunde verhindert.
Ähnlich erging es dem Vorschlag die Subvention von Regionalflughäfen zu streichen: Diese werden vom Bund jährlich mit rund 30 Millionen unterstützt, was laut einer Recherche vom Tages-Anzeiger vor allem Privatjet-Reisen von Superreichen verbilligt. Der Bundesrat wollte auf fünf Millionen reduzieren. Das Parlament lehnt diese Kürzung jedoch ab. Die bisherige Unterstützung der Regionalflughäfen wird damit vorerst weitergeführt.
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3. Belohnen, was hilft: Velo vor ÖV, ÖV vor E‑Auto, E‑Auto vor Auto!
Solange man regelmässig fast einen Herzinfarkt kriegt, wenn man mit dem Velo durch die Stadt fährt, hält sich die Zahl derjenigen, die umsatteln – nachvollziehbarerweise – in Grenzen. Der Ausbau der Infrastruktur hin zu einem klimastabilen Verkehrssystem sollte deshalb einem einfachen Credo folgen – je klimafreundlicher eine Fortbewegungsart, desto stärker sollte sie priorisiert werden. Konkret: Busse fahren auf einer separaten Spur am Stau vorbei. Baumaterial steht in Zukunft auf der Autospur. Und die grüne Welle ist auf die Velos ausgerichtet.
Es ist schlicht nicht möglich, bei 40 Grad noch konzentriert auf einer Baustelle zu arbeiten oder schwere Getränkekisten zu schleppen.
Solche Massnahmen würden sich gleich doppelt lohnen. Denn alle, die sich vom Auto verabschieden, helfen nicht nur mit, die Emissionen zu senken, sondern leisten gleichzeitig auch einen Beitrag zur Klimaanpassung. Ab jetzt wird es nämlich immer wichtiger, was in unseren Städten alles herumsteht. Bäume helfen bei der Kühlung. Beton, Stahl und Aluminium hingegen heizen sich auf und bleiben lange heiss. Jedes Auto weniger hilft also nicht nur dabei, dass weniger CO₂ entsteht, sondern auch ganz direkt während einer Hitzewelle.
Dasselbe gilt natürlich nicht nur für die Verkehrswende, sondern für alle Lebensbereiche, die transformiert werden müssen. Damit wir aus schädlichen Mustern herausfinden, muss beim Umbau konsequent gelten: Allem, was hilft, soll geholfen werden.
4. Strukturen umbauen: Siesta, Schwammstädte und Bäume, Bäume, Bäume!
Wir müssen uns umstrukturieren. Denn ein grosser Teil unserer gebauten Infrastruktur – aber auch wie wir unsere Tage strukturieren – passt nicht mehr zur neuen Realität in der Heisszeit.
Ein Beispiel: Der heutige Hochwasserschutz wurde mit der Idee gebaut, dass das Wasser möglichst schnell abfliessen soll. Das funktioniert in der neuen Realität einerseits nicht mehr, weil bei Starkniederschlägen schlichtweg zu viel Wasser in zu kurzer Zeit kommt. Andererseits ist es auch nicht mehr wünschenswert. Wir müssen versuchen, das Wasser aus den intensiven Niederschlagsphasen in die Trockenperioden hinüberzuretten. Deshalb müssen Städte das Wasser gewissermassen aufsaugen können. Oft spricht man von Schwammstädten. Dafür braucht es verschiedene Anpassungen – etwa Orte, an denen sich Wasser kontrolliert sammeln kann. Und es braucht vor allem mehr Grün. Denn auch Pflanzen und unverbaute Böden nehmen Wasser auf.
Eine grosse Buche verdunstet an einem sonnigen Tag mehrere hundert Liter Wasser, was einen enorm kühlenden Effekt auf ihre Umgebung hat. Sie hilft nicht nur bei Starkniederschlag, sondern auch bei Hitze. Man kann es nicht oft genug sagen: Wir brauchen Bäume, Bäume und nochmals Bäume. Auch diese Massnahme ist gleich mehrfach nützlich. Neben dem Schwammeffekt und der Kühlung entziehen Bäume der Atmosphäre auch noch CO2 und bauen dies in ihren Körper ein.
Aber nicht nur die gebauten oder gewachsenen Strukturen müssen sich verändern, sondern auch die Art und Weise, wie wir uns zeitlich organisieren, passt einfach nicht mehr. Gerade in körperlich anstrengenden Berufen im Freien braucht es neue Arbeitsmodelle und Anpassungen der Arbeitsgesetze. Es ist schlicht nicht möglich, bei 40 Grad noch konzentriert auf einer Baustelle zu arbeiten oder schwere Getränkekisten zu schleppen.
5. Geld für den Umbau besorgen: Wer profitiert hat, muss zahlen!
Die Transformation hin zu Klimastabilität kostet Geld. Deshalb stellt sich die Frage: Woher nehmen wir die Mittel für all diese Anpassungen? Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung werden kaum genügen. Es braucht auch die Reichen. Das Zeitalter der billigen fossilen Energie hat ein paar Wenigen unverschämt viel Geld eingebracht. Es ist deshalb nur fair, wenn diejenigen, die besonders stark vom fossilen System profitiert und besonders viel Schaden verursacht haben, nun einen Grossteil der Kosten zur Bewältigung der Folgen zahlen müssen.
Dies werden die Besitzer*innen der Öl‑, Gas- oder Zementfirmen allerdings kaum freiwillig tun. Deshalb braucht es mutige Personen, die von den Konzernen einfordern, Verantwortung zu übernehmen. Und es braucht gesellschaftlichen Druck damit hohe Erbschaften und Vermögen angemessen besteuert werden.
Seit 2025 gibt es in der Schweiz eine gesetzliche Grundlage, um Treibhausgasemissionen stärker zu regulieren.
Zudem stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, ob die Produktion wichtiger, aber emissionsintensiver Grundstoffe unter den neuen Rahmenbedingungen der Heisszeit weiterhin dem freien Markt überlassen werden kann. Wir werden auch in Zukunft Zement, Stahl und Aluminium brauchen. Aber – und das ist entscheidend – so wenig wie möglich. Genau das steht jedoch im Widerspruch zur Logik des freien Marktes.
Wir täten deshalb gut daran, darüber nachzudenken, ob die Versorgung der Gesellschaft mit diesen wichtigen Grundstoffen in der neuen Realität eine Aufgabe des Service Public werden muss.
6. Bereits bestehende Gesetze umsetzen und den Finanzplatz regulieren!
Oft hört man: Die Schweiz verursacht nur rund 0.1 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Das stimmt. Aber es ist kein Grund, die Hände in den Schoss zu legen. Im Gegenteil: Es sollte uns dazu motivieren, darüber nachzudenken, wo ein kleines Land wie die Schweiz den grössten Hebel hat. Und dieser Hebel liegt insbesondere beim Finanzplatz. Laut einer Studie der Beratungsfirma McKinsey von 2022 liegen 14- bis 18-mal so viel Emissionen im Einflussbereich des Schweizer Finanzplatzes, wie die Schweiz auf ihrem Territorium verursacht.
Eigentlich gäbe es seit 2025 mit dem Artikel 9 im Klima- und Innovationsgesetz eine gesetzliche Grundlage, um hier stärker zu regulieren. Doch der Bundesrat hat diese Vorgaben bisher schlichtweg nicht umgesetzt. Die Begründung: Der Bundesrat fühlt sich nicht zuständig, weil im Gesetz steht «der Bund» soll dafür sorgen, dass der Schweizer Finanzplatz seinen Beitrag gegen den Klimawandel leistet – und eben nicht «der Bundesrat». Der Finanzplatz-Initiative, die unter anderem auch diese Lücke füllen möchte, hat der Bundesrat soeben eine Absage erteilt.
Die reichsten 10 Prozent der Menschen verursachen rund die Hälfte der Emissionen – dazu gehören rund 82 Prozent der Schweizer Bevölkerung.
Anstatt fossile Investitionen einzuschränken, unterstützt der Bund diese gar noch. Zum Beispiel indem die staatliche Schweizerische Exportrisikoversicherung (SERV) weiterhin fossile Projekte im Ausland absichert.
Zudem: In den offiziellen Klimazusagen, die die Schweiz bei der UNO eingereicht hat, übernimmt diese weder die Verantwortung für die Emissionen, die unser Finanzplatz mitverursacht noch für jene, die durch unseren Konsum im Ausland entstehen – etwa bei der Produktion unserer Handys oder beim Anbau von Kaffee, Reis oder Tomaten aus Spanien. Würde man die Schweizer Auslandemissionen mit reinnehmen, wären es rund dreimal so viel.
7. Einsehen, dass die meisten von uns zu den Reichsten der Welt gehören!
Die reichsten 10 Prozent der Menschen, gemessen an ihrem Einkommen, verursachen rund die Hälfte der Emissionen. Aus solchen Zahlen wird oft dies geschlussfolgert: Eine kleine Gruppe von globalen Superreichen ist schuld, also lasst die normalen Leute doch endlich in Ruhe mit der Aufforderung klimamässig etwas bescheidener unterwegs zu sein.
Ob Konsumkritik berechtigt ist oder nicht, kommt sehr stark auf das Land drauf an, in dem man die Kritik anbringt. Je nachdem handelt es sich im nationalen Kontext keinesfalls um eine kleine Gruppe. Laut den Berechnungen von Solidar Suisse gehören in der Schweiz 82 Prozent der Leute zu diesen 10 Prozent der weltweit einkommensstärksten. Die Studie teilt die Weltbevölkerung auf Basis von kaufkraftbereinigten Einkommen in Gruppen ein. Da die Schweiz zu den Ländern mit sehr hohen Einkommen gehört, liegen rund 82 Prozent der Schweizer Bevölkerung im reichsten Zehntel.
Sprich: Auch wenn man im innerschweizerischen Vergleich zur ärmeren Hälfte gehört, schneidet man global damit immer noch sehr gut ab. Da wir sehr, sehr viel des weltweiten Elends nicht vor der Haustüre haben, ist uns manchmal nicht ganz bewusst, wie viel Armut nach unten noch drin liegt.
Was heisst das mit Blick auf die Hitze? Ja, es braucht strukturelle Anpassungen und politische Entscheidungen. Und weil global gesehen fast die ganze Schweizer Bevölkerung zu den Superreichen gehört, ist hierzulande auch ein gewisser individueller Einsatz angebracht – sei es durch die Umstellung des privaten Konsums oder durch Engagement.
All das wird aber kaum von allein passieren. Neue Strukturen, die eine klimastabile Zukunft, Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle ermöglichen, müssen von der Bevölkerung sowohl eingefordert als auch aufgebaut werden.
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