Fünf Personen sitzen um einen runden Tisch in einem Fernsehstudio. Es wird ununterbrochen geraucht, und auch die Einrichtung lässt auf das Jahrzehnt schliessen: In der SRF-Talkshow «Tatsachen und Meinungen» vom 6. November 1983 wird über die Friedensbewegung diskutiert. Links des Moderators sitzen zwei ältere Herren in Anzügen, rechts zwei jüngere Frauen. Monika Stocker, Mitglied von «Frauen für den Frieden» und spätere Nationalrätin der Grünen sowie die Gewerkschafterin Verena Bürcher sprechen im Namen der Friedensbewegung. Die Männer, ein Pfarrer und ein SVP-Nationalrat, stellen sich als «Kritiker der Friedensbewegung» vor – was auch immer das heissen mag.
Im Gespräch greifen Monika Stocker und Verena Bürcher die Forderungen einer grossen Friedensdemonstration am Vortag auf: Abrüstung in Ost und West, Abbau des Blockdenkens, Solidarität mit unabhängigen Friedensbewegungen und Ländern der sogenannten «Dritten Welt», wie sie damals hiess, sowie Entmilitarisierung der Schweizer Gesellschaft. Die beiden Männer aber sehen darin kommunistische Gefahr und Propaganda. Statt auf die Forderungen einzugehen, wiederholen sie ein einziges Argument: Wir müssen uns gegen die Bedrohung der Sowjetunion verteidigen – und zwar mit Aufrüstung. Wer das nicht akzeptiert, ist einseitig oder gar kommunistisch unterwandert.
Wer für Abrüstung einstand, wurde demnach schnell als fünfte Kolonne des Kommunismus diffamiert.
Neben der antikommunistischen Panikmache fällt an dieser Talkshow aber vor allem das Geschlechterverhältnis auf: Es ist Ausdruck der starken feministischen Interventionen in die Friedensbewegung der 80er-Jahre.
Doch der Reihe nach: Am 12. Dezember 1979 fällte die NATO einen Doppelbeschluss. Sie kündigte an, 198 neue Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen in Westeuropa aufzustellen und forderte zugleich die beiden Supermächte auf, über die Begrenzung ihrer atomaren Raketen zu verhandeln. Kurz darauf, am 25. Dezember, marschierten die ersten sowjetischen Truppen in Afghanistan ein.
Diese beiden Ereignisse verschärften den Kalten Krieg erneut. Zugleich liessen sie zu Beginn der 80er-Jahre die Friedensbewegung in Europa und den USA erstarken: In den Zentren des West-Blocks gingen Zehntausende auf die Strassen, besetzten Waffenplätze, führten öffentlichkeitswirksame wie geheime Aktionen durch, schrieben, schrien und schwiegen für «den Frieden».
Gegen die Vergeschlechtlichung von Krieg und Frieden
Auch in der Schweiz bildeten sich neue Gruppen, wurden Aktionen, Protestmärsche und Demos organisiert. Am 5. Dezember 1981 riefen 42 Organisationen zu einer landesweiten Friedensdemonstration auf. Rund 40’000 Menschen folgten dem Aufruf – eine der grössten Demos der Nachkriegszeit in der Schweiz. Wie schon in den 50er-Jahren stellten die Gegner*innen die Aktivist*innen der Friedensbewegung – im Zeichen der geistigen Landesverteidigung – als kommunistische Verräter*innen hin.
Nach bürgerlichem Konsens schien nur Aufrüstung legitime Friedenspolitik zu sein und natürlich würde sie ganz nach kapitalistischer Krisenbewältigung auch die kriselnde Weltwirtschaft wieder auf Trab bringen. Wer für Abrüstung einstand, wurde demnach schnell als fünfte Kolonne des Kommunismus diffamiert – als heimliche Unterstützer*innen kommunistischer Ziele in westlichen Gesellschaften. Dies mussten sich Monika Stocker und Verena Bürcher in der SRF-Sendung unentwegt anhören.
Krieg ist Männersphäre, Frauen sind friedfertig – so das gängige Dogma.
Gleichzeitig erlebte die Frauenbewegung seit 1968 eine sogenannte Zweite Welle. Aktivist*innen der Neuen Frauenbewegung setzten sich mit alltäglichen Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen auseinander und begannen, Geschlechterrollen sowie die Verflechtung von Patriarchat und Kapitalismus zu hinterfragen. Viele erkannten, dass feministische Politik nicht auf Integration in das von Männern dominierte System abzielen dürfe, sondern auf dessen Abschaffung. Die Aktivist*innen sahen, wie Heteronormativität und die Kleinfamilie mit ihrem Ein-Verdiener-Modell durch unbezahlte Reproduktionsarbeit dem Kapital nützten sowie Frauenunterdrückung und ‑ausbeutung zementierte.
Deshalb wehrten sich die Feminist*innen gegen geschlechtliche Rollenzuschreibungen und erklärten die privaten, alltäglichen Kämpfe und Unterdrückungserfahrungen als politisch. So politisierten sie Sexualität, Reproduktion, Hausarbeit, Geschlechterklischees und Partner*innenschaften. Mit ebendiesem Hintergrund intervenierten sie auch in die Friedensbewegung.
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Die Wahrnehmung und Verhandlung von Krieg und Frieden war damals und bleibt bis heute stark vergeschlechtlicht. Krieg ist Männersphäre, Frauen sind friedfertig – so das gängige Dogma. Frauen und Kindern wird eine Opferrolle zugeschrieben und geschlechtsspezifische Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen sind eine regelmässig eingesetzte Kriegswaffe. Friedensarbeit hingegen wird weiblich konnotiert.
Gegen diese Vergeschlechtlichung wehrten sich die Feminist*innen jener Zeit. Dennoch wollten sie – ebenfalls aus feministischer Überzeugung – der Friedensbewegung nicht fernbleiben. So fanden sie sich häufig in einem Dilemma wieder: Sie wollten sich mit feministischen Standpunkten für Frieden einsetzen, ohne dabei auf ihr Geschlecht reduziert zu werden. Deshalb begannen Frauengruppen und feministische Kollektive, sich mit geschlechtsspezifischen Anliegen in die Friedensbewegung einzubringen und dort ihre eigenen Räume und Aktionsformen zu kreieren.
Frieden ist nicht gleich Frieden
Gewalt an Frauen zählte zu den Hauptthemen der Neuen Frauenbewegung. Denn selbst in Zeiten, in denen Waffen schweigen, waren und sind Frauen im Alltag massiver Gewalt ausgesetzt. Militärischer Frieden bedeutet also noch längst nicht, dass Frauen keine Gewalt erleben. Feministische Aktivist*innen sahen diese geschlechtsspezifische Gewalt als Teil des Patriarchats und einer männlichen, aggressiven, hierarchischen Kultur. Das Militär verstanden viele als Stütze und Manifestation dieser Kultur, weshalb deren komplette Abschaffung für sie eine feministische Grundhaltung darstellte.
Die Aktivist*innen lehnten das Bild «friedfertiger Frauen» ebenso ab wie die Eingliederung in gewaltvolle, sexistische Institutionen wie das Militär.
Während einige Gruppen unter dem Motto «Gleiche Rechte, Gleiche Pflichten» forderten, Frauen in den Militärdienst einzubeziehen, wehrten sich andere vehement gegen diese falsche Gleichberechtigung. Dazu zählte etwa die Organisation für die Sache der Frau (OFRA), die aus der Progressiven Organisation der Schweiz (POCH) heraus entstanden ist ebenso wie die Vertreter*innen der Frauenstelle des christlichen Friedensdienst (cdf). Sie liessen sich dabei nicht auf die Diskussionsgrundlage gleicher Rechte und Pflichten ein. Im Gegenteil: Aus emanzipatorischer Überzeugung wehrten sich die Frauen der OFRA und des cdf sowohl gegen eine weiblich konnotierte Opferrolle als auch gegen eine Anpassung an patriarchale, kapitalistische Ideale. Sie lehnten das Bild «friedfertiger Frauen» ebenso ab wie die Eingliederung in gewaltvolle, sexistische Institutionen wie das Militär. Slogans wie «Wir wollen nicht zu Tode verurteilt werden» und «Wir passen unter keinen Helm» zeigten diese Haltung.
In Artikeln und Flyertexten aus dieser Zeit zeigt sich, wie ihre breit angelegte Analyse den Aktivist*innen erlaubte, weitere Themen logisch zu einem gemeinsamen Kampf zu verbinden. In einem Aufruf zu «umfassender Friedenspolitik» begründeten sie diese beispielsweise damit: «Weil eine militaristische (und daher sexistische) Gesellschaft soziale Prozesse lähmt (so auch die Frauenbewegung) und Mittel in Milliardenhöhe bindet, die zur Lösung ökologischer Probleme und zur Durchsetzung von Frauenanliegen fehlen (echter Mutterschaftsschutz, Tagesschulen, Frauenkultur, Frauenzentren, Frauenhäuser und vieles andere mehr).» Sie verbanden Sozialabbau, Aufrüstung, Emanzipation und Ökologie mit Friedenspolitik und machten klar, dass die gängige Definition von Frieden kein friedliches Leben für Frauen bedeutet.
Frieden als umfassende Emanzipation
Die feministischen Denker*innen und Aktivist*innen in der Friedensbewegung machten «Frieden» so zu einer sozialpolitischen Utopie, die nicht durch Auf- oder Abrüstung, sondern nur durch einen Systemwandel herbeizuführen war. Diese umfassende Herangehensweise an Frieden spiegelte sich auch in den Aktionen der Frauen-Friedens-Bewegung. In internationalen Protestcamps besetzten sie Militärgelände und erprobten ihre Utopien im gesellschaftlichen Zusammenleben. In Grossbritannien besetzten Frauen 1982 den Militärstützpunkt Greenham Common, wo die NATO Atomraketen stationieren wollte. Das Camp bestand bis ins Jahr 2000 und war Bezugs- und Treffpunkt für unzählige Feminist*innen aus der ganzen Welt.
Mit einem Menschenteppich versuchten die Frauen, die Besucher*innen der Wehrschau am Zutritt zu hindern.
In Westdeutschland entstand das Frauenwiderstandscamp Hunnsrück. Dort schlugen Aktivist*innen am Stationierungsort der im NATO-Doppelbeschluss geplanten atomaren Cruise Missiles ein Zeltdorf auf, das sie ein Jahrzehnt lang jährlich zwischen vier und acht Wochen belebten und bespielten. Im Zeltdorf setzten sich die Beteiligten mit Sexismus und Gewalt auseinander und organisierten sowohl Aktionen und Aufklärung gegen aussen als auch Selbstreflektion und Aufarbeitung gegen innen.
Auch in der Schweiz griffen die Aktivist*innen mehr als einmal zu dieser Protestform. Im August 1982 schlugen Frauen direkt neben dem Waffenplatz in Frauenfeld ihre Zelte auf. Anlass war nicht etwa eine Raketenstationierung, sondern die Wehrschau F82 des Schweizer Militärs. Sie verteilten Flyer, führten Strassentheater auf und organisierten Ausstellungen. Mit einem Menschenteppich versuchten sie, die Besucher*innen der Wehrschau am Zutritt zu hindern.
Diese Camps wurden, über die konkreten Anlässe und das Thema Militär hinaus, zu einem Übungsfeld für ein friedliches und emanzipatorisches Zusammenleben. Sie wurden zu kleinen konkreten Utopien, die von Machtstrukturen und Gewalt natürlich nicht gefeit waren, aber das Erproben eines anderen Umgangs miteinander ermöglichten.
Die Geschichte zeigt uns, dass es gerade feministischen emanzipatorischen Kräften immer wieder gelang, das bessere Leben für alle vorstellbar zu machen. Sie haben damit eine Zukunft greifbar gemacht, für die es sich zu kämpfen lohnt. Dies ist heute erneut von grosser Wichtigkeit: Diktatorische Regimes und Autokratien nehmen überall zu, Europa rutscht immer weiter nach Rechts und die Drohkulisse eines atomaren Krieges tut sich vor uns auf. Und auch heute scheint für viele politischen Verantwortungsträger*innen die einzige Friedenspolitik Aufrüstung und Abschreckung zu sein. So auch in der Schweiz – das F35-Fiasko ist nur das bekannteste Beispiel.
Im Sinne der Frauen-Friedens-Bewegung wäre aber wirkliche Friedenspolitik, eine lebenswerte Zukunft für alle zu gestalten. Das heisst: Sozialausgaben erhöhen, statt sie für Militärausgaben zu kürzen; geschlechtsspezifische Gewalt verhindern und patriarchale Rollen überwinden; Geld in eine ökosozialistische Wende investieren, statt in Waffenproduktion und fossile Industrie. Dies wäre auch eine – oder die einzige – realpolitische Friedenspolitik, weil es nur so eine lebenswerte Zukunft gibt. Diese bessere und erstrebenswerte Zukunft immer wieder in den Fokus zu rücken, ist eine Achse politischen Handelns, die wir auch heute nicht vergessen dürfen.
Stehende Begriffe, wie jener der (Neuen) Frauenbewegung werden ohne Stern verwendet und nicht gegendert. Sie beschreiben eine historische Situation. Wenn von Inhalten geschrieben wird, die sich heute als feministisch einordnen lassen, wird der Begriff «feministisch» verwendet, auch wenn die Aktivist*innen der 80er den Begriff «feministisch» anders verwendeten. Bei Personengruppen, für die in den Quellen keine Hinweise auf die Geschlechter zu finden ist, wird mit Stern gegendert, da aus heutiger Sicht nicht klar gesagt werden kann, wer sich in den 80ern wie identifizierte und so alle Geschlechter abgebildet werden. Bei Gruppen, die in den Quellen als reine Frauengruppen beschrieben werden, wird dies übernommen.
Eine erste Version dieses Textes erschien zuvor auf sozialismus.ch.
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