Antifaschist*in Maja T. ist am letzten Mittwoch in Budapest zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Anklage lautete «Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung» sowie «versuchte lebensbedrohliche Körperverletzung» im Rahmen der Proteste gegen den rechtsextremen «Tag der Ehre» 2023. Das Verfahren ist Teil des sogenannten «Budapest-Komplexes», der durch die Fälle von Lina E., Hanna S. und Ilaria Salis international für Aufsehen sorgte.
Die Staatsanwaltschaft forderte eine noch weitaus höhere Strafe von 24 Jahren. Majas Verteidigung plädierte auf Freispruch, unter anderem da dem Gericht keine eindeutigen Beweise wie DNA-Spuren vorlagen. Gegen das Urteil haben beide Seiten bereits Berufung eingelegt. Für das Solidaritätskomitee um Majas Prozess bleibt das Verfahren ein politisches Instrument des Orbán-Regimes, legitimiert durch ein massives Versagen der deutschen Justiz. Das Bundesverfassungsgericht stufte Majas plötzliche Auslieferung nach Ungarn im Nachgang als rechtswidrig ein. Dieses Eingeständnis kam für Maja jedoch zu spät.
«Langzeit-Einzelhaft, Schlafentzug, Erniedrigung und Gewalt sind tägliche Praktik – sie sollen den menschlichen Willen brechen.»
Maja T. über ihre Haftbedingungen
Vor Gericht schilderte Maja die brutalen Umstände der Haft. Seit 25 Monaten dauert diese an, 18 davon verbrachte Maja in Isolationshaft, auch «Weisse Folter» genannt. Die Begründungen der Behörden wirken widersprüchlich: Zuerst galt Maja als zu gefährlich für andere, später hiess es, man müsse Maja vor queerfeindlichem Hass schützen.
Die Unabhängigkeit der Ungarischen Justiz ist nicht gewährleistet, diverse NGOs wie beispielsweise Amnesty International berichteten von Menschenrechtsverletzungen, insbesondere gegen queere und trans Personen. Maja beschreibt die Zeit in Untersuchungshaft: «Die Isolation geht einher mit täglichen erniedrigenden Zwangsmassnahmen und einer gesonderten Sicherheitsverfügung, deren Begründung bis heute Verschlusssache ist.» Langzeit-Einzelhaft, Schlafentzug, Erniedrigung und Gewalt seien tägliche Praktik, die Haftbedingungen ein gezielter Versuch, den menschlichen Willen zu brechen. Um gegen die psychische Zermürbung und die Diskriminierung als non-binäre Person im ungarischen Strafvollzug zu protestieren, trat Maja im Sommer 2025 in einen vierzigtägigen Hungerstreik.
«Der Richter hat selbst ausgeführt, dass Maja keine konkrete Tat nachgewiesen werden konnte.»
Sven Richwin, deutscher Anwalt von Maja
Auch die Beweisaufnahme bei Gericht stützt den Vorwurf der Willkür. Das Solidaritätskomitee um Majas Prozess erklärt in einem Communiqué, dass es keine Beweise für eine Tatbeteiligung Majas an den zwei zur Last gelegten Vorfällen gäbe. Im ersten Fall hätten alle vier Zeug*innen ausgesagt, dass sie Maja nicht unter den Täter*innen erkannt haben. Im zweiten Fall legte die Staatsanwaltschaft Aufnahmen einer unbewaffneten Person vor, als Maja erkennbar, die am Tatgeschehen vorbeigeht und sich anschliessend entfernt. Die Staatsanwaltschaft hielt Majas Tatbeteiligung dennoch für erwiesen.
Majas deutscher Anwalt Sven Richwin verfolgte den ungarischen Prozess eng mit. Er meint, das Verfahren sei mindestens irritierend und rechtsstaatlich äusserst zweifelhaft. Die Staatsanwaltschaft forderte die 24 Jahre Haft ausdrücklich zur Abschreckung. Andererseits ist laut Richwin auch die achtjährige Strafe durch nichts zu rechtfertigen, wenn man sich die mangelhafte Beweislage anschaut. «Der Richter hat selbst ausgeführt, dass Maja keine konkrete Tat nachgewiesen werden konnte.»
«Kein letztes Wort»
In einer Rede zum Prozessende lässt Maja tief in das eigene Innenleben blicken. Der Titel «Kein letztes Wort» klingt wie ein Versprechen an alle Mitkämpfenden und nicht zuletzt an sich selbst: «Dank euch begreife ich, es lohnt zu bleiben, es lohnt zu hoffen, und ich fühle dort Sicherheit, wo ich an eurer Seite stehe, dort wo es notwendig wird, dort wo kein Zögern bleibt. Und ich weiss, dort ist ein Ort, prachtvoll und lebhaft wie eine wilde Blumenwiese, da ist ein Ort jenseits der Verliese und weit weg von all der Gewalt, an dem du und ich Mensch sein dürfen unter Menschen.»
«Das Ziel bleibt die sofortige Verlegung in den Hausarrest sowie die Rücküberstellung nach Deutschland.»
Solidaritätskomitee um Maja
Maja führt weiter aus, Freiheit blühe in dem Glauben, gemeinsam Gerechteres schaffen können als Gefängnisse, Lager und Abschiebezentren, dass Friedvolleres geschaffen werden könne als Handschellen, Waffen und Panzerdivisionen. «Für mich bedeutet dies, zu suchen, was bleiben kann für jene, die nach uns kommen, zu bewahren, was an Freiheiten bereits errungen wurde, und aus jedem Zweifel ein neues Wagnis entstehen zu lassen.» Maja spreche aus Hoffnung. Es gebe so viele Menschen, die der Verachtung nicht gehorchen, die weder Recht noch Pflicht dazu verspürten.
Das Solidaritätskomitee um Maja fordert nun, dass die deutsche Bundesregierung die Verantwortung für die rechtswidrige Auslieferung übernimmt. Das Ziel bleibt die sofortige Verlegung in den Hausarrest sowie die Rücküberstellung nach Deutschland, um weitere Hafterleichterungen und eine baldige Entlassung zu ermöglichen.
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