In der Frühjahrssession hat das Schweizer Parlament das «Entlastungspaket 27» (EP 27) verabschiedet. Damit werden Staatsausgaben gekürzt – zulasten der breiten Bevölkerung. Das EP27 sieht vor allem Kürzungen im sozialen Bereich, in der Bildung, im Klimaschutz und in der internationalen Zusammenarbeit vor.
Der Bund begründet das EP27 damit, dass die Kürzungen den finanziellen Engpass des Schweizer Staats ausgleichen und Spielraum für die geplante Aufrüstung der Armee schafft. Ob die geplante Aufrüstung tatsächlich politisch geboten ist, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass der Bund 2025 1.1 Milliarden Franken über dem Budget abschloss, und der Schweizer Staat trotzdem weitere Kürzungen plant.
Kürzungspolitik gilt als alternativlos. Es gibt aber andere Möglichkeiten, die nicht die breite Bevölkerung treffen.
Dass die Staatsausgaben trotz Überschuss gekürzt werden, ist kein Widerspruch: Das EP27 ist mehr als ein Sparpaket – es ist Teil einer Politik, die in der Schweiz und international seit Jahrzehnten verfolgt wird: der Austerität.
Austerität meint finanzpolitische Massnahmen, die die breite Bevölkerung belasten, während sie den Staat und das Kapital – Grossunternehmen und Vermögende – entlasten. Typische Beispiele sind Privatisierungen, Sozialabbau, die Schwächung von Gewerkschaften und Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen. Begründet wird sie mit einer angeblichen «Notwendigkeit zu sparen» oder mit der «Wettbewerbsfähigkeit».
Kürzungspolitik gilt als alternativlos. Allerdings gibt es andere Möglichkeiten, die nicht die breite Bevölkerung treffen. Sie werden nicht diskutiert, weil es der Regierung nicht ums Sparen geht, sondern um den Schutz von Schweizer Kapitalinteressen.
Umverteilung von unten nach oben
Der eigentliche Zweck von Austerität besteht darin, eine Gesellschaftsordnung zu festigen und voranzutreiben. Es ist eine Ordnung, die Eigentum konsequent schützt und soziale Sicherheit opfert – und die Verarmung und Entwürdigung von vielen für den Luxus von wenigen hinnimmt.
Durch Steuersenkungen für Vermögende, die Privatisierung öffentlicher Güter, Kürzungen im Sozialbereich und der Schwächung der Gewerkschaften konzentrieren sich Reichtum und Macht zunehmend in den Händen der Reichsten, während sie der breiten Bevölkerung immer mehr entzogen werden. Austerität ist die konkrete Umsetzung des Zwecks eines neoliberalen, bürgerlichen Staats: die immerwährende und fortschreitende Umverteilung von unten nach oben.
Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Politik des Bundesrats, bei der mehrere wirtschaftspolitische Massnahmen parallel greifen. Gleichzeitig mit dem EP27 plant der Bundesrat die Mehrwertsteuer anzuheben, die von allen Konsument*innen gleichermassen auf Produkte bezahlt wird. Im Unterschied etwa zur Einkommensteuer zahlt jede*r denselben Steuerbetrag auf ein Produkt. Wer wenig hat, bezahlt relativ zu Einkommen und Vermögen mehr. Also werden ärmere Menschen stärker besteuert – und das Geld wandert von unten nach oben.
Für Staaten sind Schulden nichts Schlechtes
Wenn der Staat trotz Überschuss wirklich Geld braucht, gäbe es Alternativen zur Austerität.
Zum Beispiel könnte er Schulden aufnehmen. Das ist für Staaten nichts Schlechtes. In der Eurozone gilt eine Schuldenquote von bis zu 60 Prozent als akzeptabel. Die Schuldenquote der USA liegt über 120 Prozent, die von Japan regelmässig über 200 Prozent. Beide Staaten gelten nicht gerade als wirtschaftliche Negativbeispiele oder «Entwicklungsländer». In der Schweiz liegt die Schuldenquote bei 16 Prozent. Sie könnte also zusätzliche Schulden im Umfang von 44 Prozent ihrer Gesamtwirtschaftsleistung (ungefähr 375 Milliarden Schweizer Franken) aufnehmen und würde weiterhin den EU-Kriterien für wirtschaftliche Stabilität entsprechen.
Staatsverschuldung ist nicht grundsätzlich ein Problem. Anders als bei Schulden von Privatpersonen muss ein Staat seine Schulden nicht abbezahlen. Seine Schulden werden bedient, also regelmässig erneuert. Ausserdem kann ein Staat Geld beschaffen, wie es Privatpersonen nicht möglich ist – über Steuern und wirtschaftliche Regulierung. Solange sie in einem gewissen Rahmen bleiben, bringen sie keinen wirtschaftlichen Ruin. Die Beispiele USA und Japan zeigen, dass dieser Rahmen sehr gross sein kann.
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In der Schweiz verhindert die Schuldenbremse die Aufnahme neuer Staatsverschuldung. Eigentlich sollte sie die Finanzen stabilisieren, in der Praxis blockiert sie aber Investitionen – wie der Schweizer Staat sie gerade in der Armee vornehmen will – und ist ökonomisch wenig sinnvoll. Sie orientiert sich nämlich nicht an der Schuldenquote – also im Verhältnis der Schulden zur wirtschaftlichen Gesamtleistung – sondern am absoluten Schuldenbetrag zum Zeitpunkt ihrer Einführung. Das führt de facto zu einem totalen Verbot neuer Schulden. Da die Wirtschaft wächst, der Schuldenbetrag aber fixiert ist, sinkt die Schuldenquote langfristig gegen null.
Das Kapital besteuern
Ein weiteres Mittel zur Geldbeschaffung sind Steuern auf hohe Vermögen und Unternehmen. Sie würden direkt das Kapital treffen. In der Praxis ist eine solche Steuerpolitik kaum umsetzbar. Im öffentlichen Diskurs gelten Steuererhöhungen, die das Kapital treffen, schnell als ungerecht oder unmöglich – anders als die Mehrwertsteuer, die uns alle trifft. Vorlagen für die höhere Besteuerung von Vermögen oder Unternehmen werden meist mit grosser Mehrheit abgelehnt.
Der heutige Diskurs schliesst Steuererhöhungen für Reiche moralisierend aus.
In den Debatten über Bundesfinanzen werden Steuererhöhungen fürs Kapital gar nicht erst diskutiert. Sie gelten als ungerecht. Wer Reiche besteuern will, ist neidisch, weil sie hart für diesen Reichtum gearbeitet hätten. Der Diskurs schliesst Steuererhöhungen also moralisierend aus. Austerität gilt dagegen als notwendig. Niemand behauptet, Sozialabbau oder Kürzungen beim Klimaschutz seien etwas Gutes, sondern «leider, leider» notwendig, da es an Geld fehle. Die Politik habe keine andere Wahl als zu kürzen.
Überträgt man diese Logik der angeblichen Notwendigkeit auf Alternativen, könnten auch Massnahmen diskutiert werden, die heute undenkbar scheinen: hohe Spitzensteuersätze weit über 90 Prozent oder grossflächige Enteignungen. Dabei ginge es nicht mehr um Gerechtigkeit, sondern darum, dass solche Massnahmen notwendig sind, weil angeblich kein Geld da ist – «leider, leider».
Austerität als imperialistisches Projekt
Wie konnte sich Austeritätspolitik überhaupt durchsetzen? Oft wurde Austerität nicht demokratisch beschlossen, sondern aufgezwungen.
Wie der Historiker Jason Hickel zeigt, mussten viele Staaten des Globalen Südens Programme von undurchsichtigen, nicht demokratisch legitimierten Organisationen wie dem International Money Fund akzeptieren. Mit diesen sogenannten Strukturanpassungsprogrammen sollten die Länder ihre «unterentwickelte» Wirtschaft modernisieren und stabilisieren. In der Praxis bedeutete das: Sozialabbau, Privatisierung, Lohnsenkungen und gestrichene Lebensmittelsubventionen. In der Folge verarmten die Staaten und ihre Wirtschaft wurde von westlichen Konzernen übernommen. Selbstverständlich war das keine zufällige Folge, sondern der systemische Zweck dieser Programme. Sie sollten westlichen Konzernen den Zugang zu Rohstoffen sichern, an denen es ihnen in den bereits erschlossenen Märkten zunehmend fehlte.
Das gleiche Muster zeigte sich 2010 in Griechenland. Nicht gewählte Technokrat*innen der EU zwangen dem griechischen Staat harte Austeritätsmassnahmen auf. Sie stabilisierten nicht die griechische Wirtschaft, sondern retteten europäische Banken nach der Finanzkrise 2008.
Austerität ist nicht nur ein Mittel der Umverteilung von unten nach oben, sie ist auch ein imperialistisches Projekt. Nach der formellen Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien diente sie dem Kapital dazu, wirtschaftliche Kontrolle aufrechtzuhalten.
Nachdem Austerität im Globalen Süden ausgetestet wurde, werden dieselben Massnahmen in Europa eingeführt.
Es geschieht nun – wie 2010 in Griechenland –, was häufig zu beobachten ist, wenn Unterdrückungstechniken in imperialistisch kontrollierten Gebieten erfolgreich ausgetestet wurden: Sie werden gegen die breite Bevölkerung in den Zentren der imperialistischen Macht eingesetzt. Ein Beispiel dafür ist die Gewalt von ICE in amerikanischen Städten. Die US-amerikanische Staatsgewalt setzte konkrete Methoden der Gewaltanwendung in den imperialistischen Kriegen gegen Afghanistan und den Irak ein. Diese im Krieg erprobten Gewaltformen richtet sie nun gegen die US-amerikanische Bevölkerung.
Das EP27 folgt demselben Muster. Nachdem Austerität im Globalen Süden ausgetestet wurde, werden dieselben Massnahmen auch in Europa eingeführt. Die wirtschaftliche Unterdrückung imperial kontrollierter Überseegebiete findet den Weg nach Hause in die Zentren der Macht.
Das verabschiedete Entlastungspaket 27 wird die breite Bevölkerung langfristig belasten. Es ist aber nicht ein für sich stehendes oder einzigartiges Paket, sondern Teil einer politischen Linie, die den Namen Austerität trägt.
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